{"id":1032,"date":"2013-09-13T09:00:20","date_gmt":"2013-09-13T07:00:20","guid":{"rendered":"http:\/\/hkreiter.com\/?p=1032"},"modified":"2015-02-10T21:06:22","modified_gmt":"2015-02-10T19:06:22","slug":"haussegen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/haussegen\/","title":{"rendered":"Haussegen"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Es gab einmal Zeiten, da haben die Menschen in unseren Breiten noch an Gott geglaubt. Die Eltern oder andere Autorit\u00e4ten hatten es ihnen so beigebracht. K\u00f6nige und F\u00fcrsten schm\u00fcckten sich gerne mit kirchlichen W\u00fcrdentr\u00e4gern im Gefolge, die ihrerseits f\u00fcr diese Ehre nicht mit g\u00f6ttlichem Segen geizten.<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es muss um diesen Dreh herum gewesen sein, als im Oberbayerischen der Zirngiebelhof entstand. Ein nach Scharm\u00fctzel d\u00fcrstender Gro\u00dff\u00fcrst stellte f\u00fcr seine Absichten ein streitbares Heer zusammen, mit dem er gen Osten zog, um einem nicht minder streitbaren, f\u00fcrstlichen Zeitgenosse, um dessen Hab und Gut zu bringen. So kam es, dass nach gewonnener Schlacht der Heerf\u00fchrer Zirngiebel von eben diesem Gro\u00dff\u00fcrsten mit einem ansehnlichen Lehen bedacht wurde. Genaues ist nicht \u00fcberliefert, nur das, was \u00fcber Generationen hin der Vater dem Sohn weitertrug. Die Bauersfrauen der damaligen Epochen mussten nicht nur am Hof schwer arbeiten, sie bekamen zudem noch Heerscharen von Kindern, sodass es immer auch einen Sohn gab, der das Erbe fortf\u00fchrte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Geschickt war der Zirngiebel nicht nur auf dem Schlachtfeld, sondern auch mit seinem Lehen. \u00a0Schon bald erbrachten seine \u00c4cker die besten Ernten weit und breit. Der Gro\u00dff\u00fcrst sah es mit Wohlgefallen und unterst\u00fctze seinen Heerf\u00fchrer mit der Gabe billiger Tagel\u00f6hner und anderer f\u00fcrstlicher Wohltaten. Als dann sp\u00e4ter aus den Lehen Eigentum wurde, war der Zirngiebelhof der gr\u00f6\u00dfte im Gau.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im letzten Jahrhundert soll einer der Nachfahren nun ein besonders hartherziger Mann gewesen sein. Die S\u00f6hne mussten\u00a0von fr\u00fch bis sp\u00e4t bis zum Umfallen schuften und die Frau hatte nichts zu vermelden. Der Hof wuchs und wurde gr\u00f6\u00dfer und gr\u00f6\u00dfer. Niemand, der es gewagt h\u00e4tte, sich dem Zirngiebel in den Weg zu stellen. Als der Zirngiebel \u00e4lter wurde und die Zeit nahte, wo er ans \u00dcbergeben denken musste, fing er damit an, \u00fcberall in Haus und Hof kleine Tafeln, Marterl genannt, aufzuh\u00e4ngen. Er beauftragte Holzschnitzer damit, immer neue Marterl mit neuen Segensspr\u00fcchen anzufertigen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine unb\u00e4ndige Angst frass sich in der Seele des hartherzigen Mannes fest und er glaubte, die zahlreichen Segensspr\u00fcche w\u00fcrden ihn vor Ungemach bewahren. An seine Familie dachte er dabei nicht, nur an sich. Bald schon fing die Angst an, ihn aufzuzehren. Sein stattliches \u00c4u\u00dferes zerfiel zusehend. Aus dem gro\u00df gewachsenen Zirngiebel Bauern wurde ein k\u00fcmmerliches Wrack. Die Leute machten eine Bogen um ihn. Seine S\u00f6hne und T\u00f6chter setzten sich ab und selbst seine Frau wollte nicht mehr mit ihm sprechen. Keine Familie im Gau wollte ihre Kinder mit denen der Zirngiebel verheiraten. Die Anzahl der Marterl nahm unaufhaltsam zu, bis es kaum noch einen Fleck gab, an dem eines Platz gehabt h\u00e4tte. Ihre Segensspr\u00fcche indessen halfen nichts.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bei sich konnte er eine Schuld nicht finden, also mussten Frau und Kinder die \u00dcbelt\u00e4ter sein. Finstere Pl\u00e4ne keimten in Zirngiebels Gedanken auf und begannen, sich zu verfestigen. Hauptschuldige war seine Frau. Sie hatte ihm diese undankbare Brut in die Welt gesetzt. Arbeitsscheue Nichtsnutze, die vorgaben, wunder, was sie t\u00e4ten, in Wirklichkeit aber durch ihre Faulheit das Verm\u00f6gen ruinierten. Erst die Frau, dann sie. Sein Entschluss stand fest.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit seiner Frau, das w\u00fcrde einfach gehen. Sie war ohne Argwohn. Er w\u00fcrde sie hinaus locken in den Wald, ein Messer in der Hand und mit einem schnellen Griff ihr Leben beenden. Soll sie in der H\u00f6lle schmoren f\u00fcr das Ungemach, das sie ihm bereitete. Zeit f\u00fcr ein letztes Gebet w\u00fcrde es nicht geben. Dann seine T\u00f6chter und zum Schluss die S\u00f6hne.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Was soll mit dem Hof werden?,\u00a0<\/em>fragte in ganz unvermittelt eine Stimme in seinem Innersten. Verwundert rieb sich Zirngiebel die Augen. Was war los? Er hatte schon davon geh\u00f6rt, dass es so etwas g\u00e4be, aber bei sich selbst noch niemals erlebt. Eine Stimme, woher kam sie?\u00a0<em>Soll zu Ende sein, was deine Vorfahren einst begannen? Willst du ihnen so entgegentreten, dereinst im Jenseits?\u00a0<\/em>Eiskalt fuhr es dem Zirngiebel den R\u00fccken rauf und runter. Es stimmte ja, das hatte er nicht bedacht. Den \u00c4ltesten musste er verschonen. <em>Jetzt die Frau<\/em>, war er wieder der hartherzige, alte Mann.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Messer versteckt in den Taschen seines Mantels, schlich er vom Hof. Einen Zettel hatte er ihr in die Sch\u00fcrzentasche gesteckt, sie solle ihn am Teich aufsuchen um die Mittagszeit, er habe mit ihr zu reden. Schnell w\u00fcrde es gehen, er hatte alles vorbereitet. Ein Sack, mit Steinen gef\u00fcllt, lag bereit. Da hinein wollte er ihre tote H\u00fclle stecken und im Teich versenken. Niemand w\u00fcrde sie je wiederfinden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Von Weitem schon sah er sie heran schlurfen. Eine alte gebeugte Frau. Sie w\u00fcrde ihm keinen Wiederstand leisten k\u00f6nnen. Einmal vielleicht zweimal, das sollte reichen, malte er sich seine Gr\u00e4ueltat aus. Erregung \u00fcberkam ihn, das war ungewohnt und angenehm zugleich. In wenigen Minuten w\u00fcrde es geschehen und ein \u00dcbel weniger auf Erden sein. Jetzt kam sie um die Biegung, direkt auf ihn zu. Nur noch ein paar Schritte. Sie konnte ihn nicht sehen, rief seinen Namen. Vorsichtig zog er das Messer aus der Tasche und machte sich bereit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Was willst du Zirngiebel, <\/em>rief\u00a0sie,\u00a0<em>mich t\u00f6ten, meinst, ich durchschau dich nicht? Wie willst es machen, mit einem Messer vielleicht?\u00a0<\/em>Dabei lachte sie b\u00f6se aus ihrem zahnlosen Mund.\u00a0<em>Nur zu du Feigling! Du hartherziges Unget\u00fcm! Glaubst, wenn ich nimmer mehr bin, ginge es dir besser? Einen Schweissdreck wird es das. In der H\u00f6lle wirst schmoren, schon jetzt, zu Lebzeiten!<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie gel\u00e4hmt stand der Zirngiebel, das Messer in der Hand, hinter einem Baum. Pl\u00f6tzlich fror es ihn. Diese Stimme! Nein, er konnte es nicht tun. Weg von hier, nichts wie weg von hier, weg von diesem Ort der Schmach. Hass stieg in ihm auf. Wieder war sie ihm \u00fcber gewesen. Dieses Weib, die alles Ungl\u00fcck \u00fcber ihn gebracht hatte. Mit einem letzten Aufb\u00e4umen st\u00fcrzte er hinter dem Baum hervor auf sie zu, riss das Messer hoch und &#8230;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine kleine Wurzel, als er zustechen will und ein Ende bereiten, die Schmach hinter sich lassen. Eine kleine Wurzel. Er sieht sie nicht. Als er den Arm mit Schwung nach vorne st\u00f6sst, f\u00e4ngt sich sein rechter Fu\u00df in dieser Wurzel. Er sieht die Erde auf sich zurasen, als er f\u00e4llt. Dann ist es aus, zu Ende. Ein Blutstrom quillt aus seinem K\u00f6rper. Seine Frau r\u00fchrt sich nicht, schreckensbleich ist sie im Gesicht. Noch einmal zuckt sein K\u00f6rper, dann ist er tot. Kaum sichtbar ragt der Knauf des Messer aus seinem Bauch.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Seine Frau und die Kinder begraben ihn, keine Geistlichkeit, keine Messe. Das harte Herz war nicht mehr. Sie schauen sich an und sch\u00fctteln den Kopf und einer der S\u00f6hne sagt:\u00a0<em>Und trotzdem war&#8217;s der Vater.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #c0c0c0;\">Foto: Hans K. Reiter<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":1056,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[304],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1032"}],"collection":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1032"}],"version-history":[{"count":36,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1032\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2026,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1032\/revisions\/2026"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1056"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1032"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1032"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1032"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}