{"id":1079,"date":"2013-09-20T09:00:50","date_gmt":"2013-09-20T07:00:50","guid":{"rendered":"http:\/\/hkreiter.com\/?p=1079"},"modified":"2015-02-10T21:07:06","modified_gmt":"2015-02-10T19:07:06","slug":"die-grenze-eine-moritat","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/die-grenze-eine-moritat\/","title":{"rendered":"Die Grenze"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Als Sebastian am fr\u00fchen Morgen sein Gewehr schulterte und von Hinterriss aus ins Karwendelgebiet aufbrach, h\u00e4tte niemand geglaubt, dass dies ein verh\u00e4ngnisvoller Tag werden sollte. Hinterriss, das westlich des Ri\u00dfbaches zur Marktgemeinde Vomp und \u00f6stlich davon zur Gemeinde Eben am Achensee geh\u00f6rt, z\u00e4hlte ausweislich der Volksz\u00e4hlung von 2001 ganze 54 Einwohner. An diesem unheilvollen Tag im Juli m\u00f6gen es wohl ann\u00e4hernd gleich viele gewesen sein, denn die Zu- und Abg\u00e4nge in den Jahren danach waren \u00fcberschaubar.<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sebastian, den jeder in Hinterriss kannte, wie sich \u00fcberhaupt alle untereinander kennen, war dennoch kein Einheimischer. Er war erst Jahre sp\u00e4ter im Ort h\u00e4ngen geblieben, und eigentlich wusste niemand besonders viel \u00fcber ihn, wo er herkam oder wer er war. Er half jedem aus, der seine Arbeit sch\u00e4tzte und nahm daf\u00fcr, was eben am Ort bezahlt wurde. Sebastian besass einen Jagdschein, ausgestellt in Rosenheim in Bayern und einen Waffenschein von einer Gemeinde in Tirol. Gelegentlich k\u00fcmmerte er sich deshalb auch um die Reviere der J\u00e4ger, die manchmal Leute aus der Stadt waren und froh gewesen sind, dass ihnen jemand zur Hand ging. Eines Tages schenkte ihm einer der J\u00e4ger eine B\u00fcchse.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als Sebastian so bergan stieg und langsam fast ins Bayerische gelangt w\u00e4re, sah er vor sich, in einer Entfernung von vielleicht 50 Metern, etwas aufblitzen, und in der Stille des Morgens h\u00f6rt er ein leises\u00a0<em>Plop <\/em>zu ihm vordringen. <em>Ein Schuss &#8211; die Waffe mit Schalld\u00e4mpfer, <\/em>h\u00e4mmerten Sebastians Gedanken. Kurz darauf vernahm er das uns\u00e4gliche Ger\u00e4usch eines st\u00fcrzenden Radfahrers. Sebastian verharrte wie gel\u00e4hmt, als er durch die Zweige der Tannen, hinter denen er sich gerade befand, tats\u00e4chlich noch sah, wie ein Fahrrad in die Seitenbepflanzung eines tiefer gelegenen Forstweges schleuderte. Vom Fahrer indessen war nichts zu sehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Instinktiv rie\u00df Sebastian sein Gewehr von der Schulter und lud durch. Der Blitz und das <em>Plop:\u00a0<\/em>Jemand hatte auf einen der fr\u00fchen Mountain Biker geschossen und offensichtlich auch getroffen.\u00a0<em>Easy Rider in Tirol<\/em>\u00a0f\u00e4hrt es ihm durch den Kopf. Vorsichtig darauf bedacht, so wenig Ger\u00e4usche, wie m\u00f6glich, zu machen, pirschte er sich an die Stelle des Blitzes heran. Vielleicht noch zwanzig Meter. Da, wieder ein Blitz, gefolgt von jenem verr\u00e4terischen\u00a0<em>Plop.\u00a0<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hastig schaute er durch das Ge\u00e4st und sah zu seinem Entsetzen, wie ein weiterer Biker aus dem Sattel flog. <em>Dich krieg ich, du Drecksau,\u00a0<\/em>sagt er zu sich und pirschte n\u00e4her an den Sch\u00fctzen heran. Noch f\u00fcnf Meter. Da, pl\u00f6tzlich teilte sich die Buschgruppe vor ihm, und er stand dem Sch\u00fctzen Auge in Auge gegen\u00fcber. Eine Frau! Nicht irgend eine Frau! Es war die Rosi. Er kannte sie aus Mittenwald. Rosi war dort Bedienung in einem Tanzschuppen. Rosi trug ein Gewehr, und sie legte sofort auf ihn an, noch bevor er eine Abwehr machen konnte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Rosi<\/em>, sagte Sebastian,\u00a0<em>wieso machst&#8217;n des? Mach ich was?,\u00a0<\/em>antwortete Rosi.\u00a0<em>No, auf die Biker do schia\u00df&#8217;n. Sog, spinnst du,\u00a0<\/em>sagte die Rosie wieder,\u00a0<em>ich hab&#8216; doch genau g&#8217;sehn, wo&#8217;s blizt hat. Du warst des. Schmei\u00df dei Gwehr weg und heb die Pfotn!&#8220; <\/em>Ungl\u00e4ubig sah Sebastian, wie Rosis Zeigefinger den Abzug leicht nach hinten, zu sich hin, bewegte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was sollte er machen? Blitzschnell sein Gewehr hochrei\u00dfen und auf die Rosi schie\u00dfen? Nein, das konnte er nicht, nicht auf eine Frau, nicht auf die Rosi. Vorsichtig legte er sein Gewehr auf den Boden und sichert es.\u00a0<em>Rosi,\u00a0<\/em>versuchte er einen neuen Anlauf,\u00a0<em>ich bin&#8217;s, der Sebastian. Du kennst mich doch, vom Treff in Mittenwald!\u00a0<\/em><em>Ich kenn koan Sebastian,\u00a0<\/em>sagte sie<em>, und jetzt geh&#8216; auf&#8217;n Boden. Leg di hin. D&#8216; Arm und d&#8216; Hax&#8217;n gspreitzt, as G&#8217;sicht nach unt&#8217;n.\u00a0<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er befolgte, was sie sagte und h\u00f6rte, wie sie versuchte, mit dem Handy zu telefonieren. Sie hatte aber keinen Empfang und fluchte:\u00a0<em>Schei\u00df Klump, wenn&#8217;st as brauchst geht&#8217;s net.\u00a0<\/em>Kurzer Hand zog sie ihm den G\u00fcrtel aus der Hose, packte seine Arme nach hinten und zog eine Schlinge um sein Handgelenke. Schmerzhaft kniete sie dabei auf seinem R\u00fccken. Dann packte sie seine Beine, wickelte das andere Ende des G\u00fcrtels darum und zog mit einem Ruck das Ende durch die Schlaufe an seinen Handgelenken.\u00a0<em>Des hoit net,\u00a0<\/em>h\u00f6rte er sie sagen, und weiter,\u00a0<em>bleib bloss lieng, sonst krachts. I kenn do koan Spass! <\/em>Dann machte sie sich an seinem Rucksack zu schaffen, den er schon vorher abgelegt hatte, um besser pirschen zu k\u00f6nnen. Zufrieden holte sie ein Seil aus einer der Taschen und vollendete ihr Werk.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jetzt lag er hier, wie eine abgepackte Leberwurst, unf\u00e4hig, sich zu r\u00fchren. Sie sagte:\u00a0<em>Ich geh jetzt und ruaf de Polizei. Irgendwo wer&#8217;d i scho an Empfang hom. <\/em>Ein letztes Mal versuchte er, ihr zu sagen, dass er nicht geschossen h\u00e4tte. Aber es war zwecklos.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie waren nahe der Grenze. Welche Polizei w\u00fcrde sie verst\u00e4ndigen? Ist doch klar, fiel es ihm ein, es k\u00f6nnten nur die Bayerischen kommen. Hinterriss war eine Enklave, die nur \u00fcber eine Stra\u00dfe aus Bayern zu erreichen war. Wie er so liegt und sich nicht r\u00fchren kann, denkt er f\u00fcr eine Sekunde daran, was w\u00e4re, wenn sie ihn einfach hier zur\u00fcck lie\u00dfe. Nachts w\u00fcrde das Wild kommen, vielleicht sogar Wilds\u00e4ue. Das w\u00fcrde er nicht \u00fcberleben und keiner w\u00fcrde je die Wahrheit erfahren.\u00a0<em>Schei\u00dfe\u00a0<\/em>entfuhr es ihm, dann h\u00f6rte er Ger\u00e4usche.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zweifellos, es n\u00e4herte sich ein Mensch.\u00a0Er wollte schon um Hilfe rufen, beschloss aber dann, damit zu warten. Wenig sp\u00e4ter sagte eine m\u00e4nnliche Stimme:\u00a0<em>Ja Kruzi Fix, wos is denn des?\u00a0<\/em>Der Mann meinte offensichtlich ihn, denn gleich darauf merkte er, wie seine Fesseln gel\u00f6st wurden. Sebastian rieb sich die Handgelenke und sp\u00fcrte, wie langsam das Blut wieder anfing zu zirkulieren. Ein Gef\u00fchl, als w\u00fcrden tausende von Ameisen \u00fcber Arme und Beine laufen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Wer hat Sie denn so verpackt?\u00a0<\/em>fragte der Mann und Sebastian war nicht einmal erstaunt, als er in die M\u00fcndung eines Gewehres blickte. Er roch Pulver. Mit dem Gewehr musste vor nicht allzu langer Zeit geschossen worden sein.\u00a0<em>Was tun Sie hier?\u00a0<\/em>antwortete Sebastian mit einer Gegenfrage.\u00a0<em>Ich bin J\u00e4ger,\u00a0<\/em>sagte der Mann und f\u00fcgte hinzu, dass das Revier, zu dem er unterwegs sei, einem Freund geh\u00f6re.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wieder raschelte und knackte es, und es waren zweifellos die Schritte eines Menschen zu vernehmen. Taumelnd, ihr Gesicht mit Blut verschmiert, kam Rosi auf sie zugestolpert. Der Mann hob sein Gewehr, lie\u00df es aber wieder sinken und beobachtete gespannt, beinahe am\u00fcsiert, was hier vor sich ginge. Rosi zeigte mit blutverschmierten Fingern auf den Mann und stammelte:\u00a0<em>Er war es, die Biker! Hat mich \u00fcberrascht und niedergeschlagen, und wohl geglaubt, ich sei schon hin\u00fcber!\u00a0<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Langsam war Sebastian auf sein Gewehr zugegrochen. Unbemerkt legte er den Sicherungshebel um, und mit einem Ruck riss er die Waffe hoch, zielte auf den Mann und schrie:\u00a0<em>Lassen Sie ihr Gewehr fallen! Augenblicklich, sonst dr\u00fccke ich ab! <\/em>Das letzte, was Sebastian in seinem Leben noch wahrnahm, war der Augenblick, als der Mann sein Gewehr ebenfalls blitzschnell nach oben riss und fast gleichzeitig den Abzug durchzog. Instinktiv tat Sebastian das gleiche.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zwei donnernde Salven zerrissen die Stille des Karwendel, dann war Ruhe. Die Rosi wischte sich das falsche Blut\u00a0aus dem Gesicht und sah auf die beiden M\u00e4nner, die sich nicht mehr r\u00fchrten. Dann rief sie hinunter auf den Forstweg: <em>Hey<\/em>\u00a0<em>Burschen, es is vorbei. Es kennts auffi kemma.\u00a0<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Wieso hast du g&#8217;wusst, dass des klapp&#8217;n wird,\u00a0<\/em>fragte einer der Biker. <em>Ganz einfach<\/em>, antwortete die Rosi,\u00a0<em>der eine war mein Mann, des wisst&#8217;s ja, weil f\u00fcr den war schliesslich der ganze Zirkus, und der andere a Depp, der alles glaubt hat, was mia eam vor&#8217;gschpuit ham.\u00a0<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #c0c0c0;\">Foto: Creative Commons-Lizenz<\/span><span style=\"text-decoration: underline;\">\u00a0<a href=\"http:\/\/www.flickr.com\/photos\/itsmyplanet\/\"><span style=\"color: #c0c0c0; text-decoration: underline;\">bookhouse boy<\/span><\/a>\u00a0<\/span><span style=\"color: #c0c0c0;\">&gt; www.flickr.com<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":1097,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[304],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1079"}],"collection":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1079"}],"version-history":[{"count":40,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1079\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2027,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1079\/revisions\/2027"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1097"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1079"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1079"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1079"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}