{"id":1121,"date":"2013-09-26T11:21:36","date_gmt":"2013-09-26T09:21:36","guid":{"rendered":"http:\/\/hkreiter.com\/?p=1121"},"modified":"2015-02-10T21:08:00","modified_gmt":"2015-02-10T19:08:00","slug":"der-hof","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/der-hof\/","title":{"rendered":"Der Hof"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Es passierte im letzten Jahrhundert, kurz nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Amis waren abgezogen und hatten Tachharting, den Ort im Bayerischen nahe der \u00d6sterreichischen Grenze, unversehrt zur\u00fcckgelassen. \u00dcberall hatten sie ihre Nasen hineingesteckt und bei manchen das Unterste zu Oberst gekehrt. Aber gefunden hatten sie nichts.<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Leute schauten sich an, sch\u00fcttelten den Kopf, und gingen weiter. Keiner sagte etwas. Der Pfarrer blickte verschwiegen gen Himmel und sprach ein Sto\u00dfgebet. <em>Der Herr m\u00f6ge verzeihen<\/em>, murmelte er, und auch er ging seines Weges. Die Bauern hatten kaum noch das N\u00f6tigste f\u00fcr die Feldarbeit, und es bangte Ihnen vor dem Herbst, wenn die Wintersaat im Boden sein sollte, und sie nicht wussten, woher die Saat nehmen. Deswegen waren die Amis aber nicht im Ort gewesen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Soldaten im Feldzeug, bewaffnet mit Gewehren und Pistolen, vermissten einen ihrer M\u00e4nner. Einen Offizier, h\u00f6rte man die Leute tuscheln. Dann schwiegen sie wieder, in einer Weise, dass man meinen konnte, sie w\u00fcssten etwas dar\u00fcber. Ein \u00a0verschw\u00f6rerisches Schweigen war es, das sich im Ort breit machte, und niemanden ausliess.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Glocke des Kirchturms schlug ihren einsamen Klang. Vier Mal f\u00fcr die volle Stunde, dann zehn Mal f\u00fcr die Zeit. Es war finstere Nacht, und nur vereinzelt sah man hinter den Scheiben der tr\u00fcben Fenster ein Licht aufscheinen. Meistens Kerzen oder Petroleumlampen, denn nicht \u00fcberall gab es schon wieder elektrischen Strom. In einem Hof, weiter au\u00dferhalb des Ortes, versammelten sich ein paar M\u00e4nner in dunklen Umh\u00e4ngen aus Loden. Ihre Gesichter verschwanden unter den \u00fcbergest\u00fclpten Kapuzen. Sie sagten nichts und es schien, als warteten sie noch auf jemanden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dann, vielleicht eine viertel Stunde sp\u00e4ter, klopfte eine derbe Faust gegen die massive T\u00fcre des Hauses. Im matten Schein des Mondes, der just hinter einer Wolke hervorlugte, sah man das Eisen der Beschl\u00e4ge dunkel aufglitzern. Dann verschwand der Mond wieder, und es war finster, wie zuvor.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Mach auf und gieb eam aussa, de Sau. Sunst kemma eina und hoin&#8217;an,\u00a0<\/em>sagte der Anf\u00fchrer der Gruppe.\u00a0<em>Des kunt eich so passn. Schaut&#8217;s, dass weita kemmts! Es habt&#8217;s hier nix verlorn!, <\/em>antwortete eine dunkle M\u00e4nnerstimme.\u00a0<em>Und fois&#8217;es doch probiern woits, nur zua. De Erst&#8217;n nimm i mit. Mei Bixn is g&#8217;lon und so a Zeig wia eich, trif i oiwei no!<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Gruppe hielt unschl\u00fcssig inne und \u00fcberlegte, ob es sein konnte, dass der Lehner tats\u00e4chlich noch ein Gewehr besa\u00df. Die Amis hatten doch alle Waffen konfisziert. M\u00f6glich w\u00e4r&#8216; es aber schon gewesen, denn einige von Ihnen hatten schlie\u00dflich ihre Flinten auch verstecken k\u00f6nnen.\u00a0<em>\u00dcberleg das guat, auf weicha Seitn, dass&#8217;d st\u00e4hst. Auf da unsern oder auf der von dem Gschwerl. \u00a0Dei Tochta hot a ja net<\/em> pakt,<em> de Sau de mistige. Oder host Angst vor de Ami? Des brauchst net, denn wenn mia mit eam fertig san, dann kennt&#8217;n eam net amoi mehr sei Muatta, <\/em>versuchte der Anf\u00fchrer einen neuen Anlauf.\u00a0<em>Schleichts eich und dabei bleibst!,\u00a0<\/em>kam prompt die Stimme von innen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Gruppe l\u00f6ste sich auf, nicht ohne vorher noch einmal wilde Drohungen ausgesto\u00dfen zu haben. Sie w\u00fcrden morgen wieder kommen und der Lehner und seine Leut&#8216; sollten sich nicht im Ort blicken lassen, sonst w\u00fcrde es ihnen schlecht ergehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Lehner hingegen scherte sich nicht um das Geschw\u00e4tz der Leute und machte sich zeitig am n\u00e4chsten Tag auf und marschierte in den Ort. Einer seine S\u00f6hne begleitete ihn, der andere bewachte mit dem Karabiner den Hof. Schnurstracks \u00a0gingen sie zum Pfarrhof und l\u00e4uteten den Pfarrer heraus.\u00a0<em>Steckst du mit dene unter oana Deck&#8217;n oder host no an eigna Verstand, Hochw\u00fcrd&#8217;n?<\/em>, fragte der Lehner.\u00a0<em>Ich weiss, es ist nicht richtig, was die Leute da vorhaben, aber, was soll ich machen?,<\/em> fragte der Pfarrer, dem sichtlich unwohl war.\u00a0<em>Du mua\u00dft as verhindern! Mord, des is a Tods\u00fcnd und d&#8217;Ami wean des bestimmt net so hinemma, moanst net a?,\u00a0<\/em>sagte der Lehner.\u00a0<em>Au\u00dferdem war&#8217;as gor net. Des wos die moana, dass a do hot, hot a ganz bestimmt net g&#8217;macht, des woas i sicher!,\u00a0<\/em>f\u00fcgte der Lehner noch an.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mittlerweile hatten sich einige M\u00e4nner dazu gesellt und h\u00f6rten der Unterhaltung zu. <em>Woher wuist des wissn, dass er des net gwen is?\u00a0<\/em>fragte einer.\u00a0<em>I woass und des soitat langa, moanst<\/em> net?, antwortete der Lehner und drehte den Kopf zu den M\u00e4nnern.\u00a0<em>Habt&#8217;s as Madl scho g&#8217;frogt? Na, des habt&#8217;s net, weil so war&#8217;s einfacher f\u00fca eich, net wahr? Weil d&#8217;Wahrheit, de woits es gor net wissn! Do kunnt sunst wos rauskemma, was eich gor net schmecka dat. Frogt&#8217;s s&#8217;Madl, aber da Pfarra soi dabei sei, damit dem Deandl nix passiert!\u00a0<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Lehners stapften zur\u00fcck zum Hof und schon von weitem sahen sie, dass ein Ungl\u00fcck geschehen sein musste. Die Frau \u00a0vom Lehner und die Tochter liefen wie aufgel\u00f6st herum. Der Sohn lag am Boden, daneben ein Fremder, der Ami, ein farbiger Soldat. Die beiden legten die letzten Meter im Laufschritt zur\u00fcck.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Stockend berichteten Frau und Tochter, was vorgefallen war. Kaum dass der Lehner mit seinem Sohn den Hof verlassen hatten, waren M\u00e4nner aus dem Ort aufgetaucht und gewaltsam ins Haus eingedrungen. Der andere Sohn hielt den Karabiner im Anschlag, brachte es aber nicht \u00fcber sich, abzudr\u00fccken. Dann war es schnell passiert. Einer zog ein Messer und rammte es dem Sohn in den Leib. Die anderen zogen den Farbigen vor&#8217;s Haus und der mit dem Messer stach wieder zu. Einmal, zweimal, dann sackte der Farbige zusammen und fiel auf den Boden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Wer war des mit dem Messa?<\/em>, wollte der Lehner mit bebender Stimme wissen. Sie sagten es ihm. Da brach der Lehner zusammen. Schritte nahten und der Pfarrer, begleitet vom Doktor, schafften sich Platz.\u00a0<em>Er lebt noch!,\u00a0<\/em>rief der Doktor,\u00a0<em>bringt ihn schnell ins Haus. Hei\u00dfes Wasser brauch&#8216; ich und an Tisch, wo wir ihn drauflegen k\u00f6nnen. Ich muss sehen, dass ich die Wunden sauber krieg und dann muss ich&#8217;s zun\u00e4hen.\u00a0<\/em>Rasch eilte der Doktor ins Haus, gefolgt vom Pfarrer und dem \u00e4lteren Sohn, die den Verletzten hinterher schleppten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Immer mehr Menschen versammelten sich vor dem Hof und schwiegen betreten. Sie hatten dem Lehner unrecht getan. Das M\u00e4dchen hat&#8217;s gesagt. Es war nicht der Farbige gewesen, sondern der, der vorhin mit dem Messer zugestochen hat; der Anf\u00fchrer und Aufwiegler vom Vorabend. Der Lehner hatte es schon gewusst. Der Farbige hatte es ihm gesagt, als er den Onkel des M\u00e4dchens \u00fcberraschte, wie er in der Kirche hinter einem Beichtstuhl seine sch\u00e4ndliche Tat beging.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als der Lehner wieder zu sich kommt und eine Weile vor sich hinstarrt, kommt der Doktor kurz aus dem Haus und sagt zu ihm:\u00a0<em>Er wird es \u00fcbersteh&#8217;n, aber f\u00fcr deinen Sohn tut&#8217;s mir leid, Lehner, da kann ich nichts mehr tun. Direkt ins Herz, des kannst net \u00fcberleben!\u00a0<\/em>Ein leises St\u00f6hnen entringt sich dem Lehner, als er sich \u00fcber seinen toten Sohn wirft. Danach weint er nur noch.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #c0c0c0;\">Foto: Commons-Lizenz, Flickr,\u00a0<a href=\"http:\/\/www.flickr.com\/photos\/bogenfreund\/\"><span style=\"color: #c0c0c0;\">bogenfreund<\/span><\/a><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":1130,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[304],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1121"}],"collection":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1121"}],"version-history":[{"count":20,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1121\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2028,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1121\/revisions\/2028"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1130"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1121"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1121"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1121"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}