{"id":1144,"date":"2013-10-05T18:25:42","date_gmt":"2013-10-05T16:25:42","guid":{"rendered":"http:\/\/hkreiter.com\/?p=1144"},"modified":"2015-02-10T21:08:47","modified_gmt":"2015-02-10T19:08:47","slug":"unsinnig-sinniges","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/unsinnig-sinniges\/","title":{"rendered":"Unsinnig Sinniges"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Als Friedrich am Montagmorgen aufstand, war die Welt f\u00fcr ihn in Ordnung. Nicht wegen der Uhrzeit, f\u00fcnf Uhr drei\u00dfig zeigt das Display des Weckers, sondern deshalb, weil heute sein gro\u00dfer Tag war. Friedrich war \u00a0zweiundsiebzig und sollte zum ersten Mal in seinem Leben die F\u00fchrerscheinpr\u00fcfung ablegen. <!--more-->Mit dem Auto gefahren war er sch\u00f6n \u00f6fter, drau\u00dfen auf dem Lande, bei seinem \u00e4lteren Bruder. Jetzt sollte es dann auch legal m\u00f6glich sein. Einen kleinen Wagen hatte er bereits gekauft und mit dem H\u00e4ndler vereinbart, dass er ihn heute abholen w\u00fcrde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der theoretische Teil sollte p\u00fcnktlich um acht Uhr beginnen, weshalb \u00a0Friedrich rechtzeitig an der Fahrschule sein wollte, wo sich alle trafen. Die Tische im Unterrichtsraum waren mit Tischteilern versehen, senkrecht stehende Tafeln, etwa 40 cm hoch, damit die Pr\u00fcflinge nicht von einander abschreiben k\u00f6nnten. Der Pr\u00fcfer teilte die Frageb\u00f6gen aus, und los ging&#8217;s.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Wieso kann man bei derart l\u00e4ppischen Fragen \u00fcberhaupt durchfallen?,<\/em>\u00a0sagte Friedrich leise vor sich hin und setzte seine Kreuze in die K\u00e4stchen. Es schien, als habe er ein System der richtigen Antworten erkannt. Eins, drei, zwei, vier, und dann war die erste Antwort wieder die richtige. Friedrich l\u00e4chelte und sprach etwas Undeutliches vor sich hin. Schon nach kurzer Zeit gab er seinen Bogen ab und verliess den Raum.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Sie waren aber schnell fertig&#8220;, sagte einer, als sie auf das Ergebnis warteten. Wer den Theorieteil nicht bestand, konnte an der anschlie\u00dfenden Fahrpr\u00fcfung nicht teilnehmen, also warteten alle gespannt darauf, wie sie abgeschnitten h\u00e4tten. Dann war es soweit. Niemand war durchgefallen. &#8222;Sagen Sie, wie war es m\u00f6glich, dass Sie diese vielen Fragen so schnell beantworten konnten?&#8220;, fragte ein anderer den Friedrich. &#8222;Mathematik&#8220;, gab dieser geheimnisvoll zur Auskunft. &#8222;Was heisst das?&#8220;, wollte der andere wissen. &#8222;Meiner Theorie nach ist die Reihenfolge der richtigen Antworten nach einem bestimmten Muster festgelegt. Das wird gemacht, damit die Auswertung der B\u00f6gen auch dann funktioniert, wenn die L\u00f6sungsschablone verloren gehen sollte.&#8220; Der andere schaute Friedrich verst\u00e4ndnislos an, fragte aber nicht weiter.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Fahrpr\u00fcfung begann, und bald war auch Friedrich an der Reihe. Er steuerte den Wagen sehr routiniert, beachtete die Verkehrszeichen und folgte den Anweisungen des Pr\u00fcfers. &#8222;F\u00fcr einen Mann in Ihrem Alter fahren Sie erstaunlich gut&#8220;, sagte der Pr\u00fcfer unvermittelt. &#8222;Wieso?&#8220;, fragte Friedrich, &#8222;fahren die J\u00fcngeren denn besser?&#8220; &#8222;Nein&#8220;, sagte der Pr\u00fcfer, &#8222;so habe ich das nicht gemeint. Ich wollte nur bemerken, dass es mich erstaunt, wie gelassen und ruhig sie die Pr\u00fcfung bisher gemeistert haben.&#8220; Friedrich schien eine Weile zu \u00fcberlegen und meinte dann: &#8222;Aber das ist doch kein Wunder. Fahren ist wie Mathematik. Es gibt Regeln, und denen muss man einfach folgen. Kennt einer dagegen die Regeln nicht, dann kann er fahren, wie er will; die Pr\u00fcfung jedoch wird er niemals bestehen.&#8220; Der Pr\u00fcfer schaute verdutzt auf Friedrich und sagte: &#8222;Fahren Sie die N\u00e4chste links!&#8220; &#8222;Das geht nicht&#8220;, entgegnete Friedrich schnell, bevor der Zeitpunkt zum Abbiegen erreicht war. &#8222;Wieso?&#8220;, fragte der Pr\u00fcfer und eine winzige Spur von Gereiztheit schwang in seiner Stimme mit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Sehen Sie, auch das ist schnell beantwortet. Mathematisch gesehen musste diese Stra\u00dfe eine gegenl\u00e4ufige Einbahnstra\u00dfe sein.&#8220; Jetzt geriet der Ausdruck des Pr\u00fcfers von Staunen in Ungl\u00e4ubigkeit, denn es stimmte tats\u00e4chlich. &#8222;Ich versteh&#8217;s nicht&#8220;, sagte er beinahe frustriert, &#8222;wie kann man so etwas mathematisch vorhersagen?&#8220; &#8222;Ganz einfach&#8220;, antwortete Friedrich und erl\u00e4uterte einem fassungslosen Pr\u00fcfer, warum es nach Berechnung der mathematischen Wahrscheinlichkeit so sein musste, wie von ihm vorhergesagt. Er z\u00e4hlte auf, wie oft der Pr\u00fcfer diese und jene Anweisungen erteilt h\u00e4tte und warum deshalb unweigerlich jetzt nur noch die bei Pr\u00fcfungen sehr beliebte Anweisung kommen konnte, in eine falsche Fahrtrichtung einzubiegen. &#8222;Denn, sehen Sie&#8220;, fuhr Friedrich fort: &#8222;Dort vorne rechts ist die Fahrschule und Sie werden mir gleich die Anweisung erteilen, rechts anzuhalten und einzuparken. Ist es nicht so?&#8220; Der Pr\u00fcfer gab sich geschlagen und erteilte genau diese Anweisung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Hier Ihr F\u00fchrerschein&#8220;, sagte der Pr\u00fcfer, h\u00e4ndigte das Begehrte aus, und betrat die Fahrschule. &#8222;Ich brauche dringend eine \u00a0Pause&#8220;, erkl\u00e4rte er noch und sch\u00fcttelte den Kopf.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Voller Stolz betrachtete Friedrich die Plastikkarte, die sein F\u00fchrerschein ist, steckte sie in seine Brieftasche und winkte einem etwas entfernt stehenden Motorradfahrer zu. Dieser startete seine Maschine, fuhr heran und blieb neben Friedrich stehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Stell dir mal vor, ich h\u00e4tte versucht, meinen F\u00fchrerschein schon Jahre vorher zu machen, es w\u00e4r&#8216; nicht m\u00f6glich gewesen&#8220;, sagte Friedrich lachend zu dem jungen Mann, der sein Enkel ist. &#8222;Komm&#8216; steig auf Opa und vergiss den Helm nicht!&#8220;, entgegnete der Enkel. Beide lachten, als die Maschine knatternd von dannen zog.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zu Hause holte der Opa zwei Flaschen Bier aus dem K\u00fchlschrank und sagte, den Zeigefinger mahnend nach oben gestreckt: &#8222;Das bleibt unter uns, nicht wahr?&#8220; &#8222;Keine Angst, Opa, von mir erf\u00e4hrt niemand etwas!&#8220;, antwortete der Enkel verschw\u00f6rerisch. Friedrich entnahm seinem rechten Ohr einen St\u00f6psel, von dem ein schmales, kaum sichtbares Kabel zu einer Streichholzschachtel gro\u00dfen Box f\u00fchrte, die an seinem Hoseng\u00fcrtel befestigt war. &#8222;Vergiss die Kamera und das Mikrofon nicht&#8220;, sagte der Enkel. &#8222;Es soll doch niemand etwas von deinem Geheimnis erfahren!&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als sich Friedrich aller Utensilien entledigt hatte, konnte er nicht mehr anders, als lauthals loszulachen, ja regelrecht aus sich hinaus zu br\u00fcllen. Kaum, dass er noch Luft bekam; japsend hielt er schlie\u00dflich inne. &#8222;Hast du geh\u00f6rt, was ich denen f\u00fcr einen K\u00e4se \u00fcber die mathematischen Grundlagen einer Fahrpr\u00fcfung erz\u00e4hlt habe? H\u00e4tten die gewusst, dass ich nur deinen Instruktionen gefolgt bin, dass du die Anweisungen des Fahrlehrers auf deinem Naiv mitverfolgt hast und mir immer rechtzeitig sagen konntest, was zu tun war; ich glaube, das h\u00e4tten sie nicht \u00fcberlebt!&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Ja, Opa, das war ein feiner Spass, und ich danke dir auch f\u00fcr das Auto, das wir jetzt gleich noch abholen werden. Das Motorrad kommt nur noch bei sch\u00f6nem Wetter \u00a0und zum Vergn\u00fcgen auf die Stra\u00dfe. Aber sag&#8216; , willst du es dir nicht noch einmal \u00fcberlegen?&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Nein, nein&#8220;, antwortete Friedrich. Ich bin bisher nicht durch die Gegend gefahren und werde es auch jetzt nicht tun. Vielleicht ab und zu mal bei meinem Bruder auf dem Lande, wo keiner ist. Um&#8217;s Fahren ist es mir nicht gegangen. Ich wollt&#8216; nur zeigen, dass auch Alte noch etwas zu Wege bringen, und das ist mir gelungen!&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #c0c0c0;\">Foto: Creative Commons-Lizenz: flickr:\u00a0<a href=\"http:\/\/www.flickr.com\/photos\/jwpriebe\/\"><span style=\"color: #c0c0c0;\">jwpriebe<\/span><\/a><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":1164,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[305],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1144"}],"collection":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1144"}],"version-history":[{"count":32,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1144\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2029,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1144\/revisions\/2029"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1164"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1144"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1144"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1144"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}