{"id":1228,"date":"2013-10-25T14:31:23","date_gmt":"2013-10-25T12:31:23","guid":{"rendered":"http:\/\/hkreiter.com\/?p=1228"},"modified":"2015-02-10T21:10:42","modified_gmt":"2015-02-10T19:10:42","slug":"nachbarzwist","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/nachbarzwist\/","title":{"rendered":"Nachbarzwist"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Als sich Nachbarn noch miteinander vertrugen und nicht wegen Kleinigkeiten zerstritten und die Sch\u00e4del einschlugen, muss das zu einer Zeit gewesen sein, an die sich heute niemand mehr erinnert. Ja, selbst Historiker, danach befragt, finden in ihren Chroniken keine Hinweise auf eine solche Epoche. Aber es muss sie gegeben haben, denn h\u00f6rt man den Alten zu, dann war es fr\u00fcher besser. Aber fr\u00fcher war ja alles besser, und so weiss man eben nichts Verl\u00e4ssliches dar\u00fcber.<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Man k\u00f6nnte sich dem Thema empirisch n\u00e4hern, also Erfahrungen und Beobachtungen von Menschen zusammentragen. Aber auch das br\u00e4chte keine gesicherten Erkenntnisse, denn wir k\u00f6nnten die \u00fcberlieferten Berichte nicht \u00fcberpr\u00fcfen. Und vor allem w\u00fcssten wir nicht, zu welcher Gruppe die Erz\u00e4hler geh\u00f6rten. Sie m\u00fcssten das Ereignis als <em>Neutrale<\/em> beobachtet haben, sonst h\u00fclfe es nichts. Keinesfalls d\u00fcrften sie selbst je in einen Streit mit einem Nachbarn verwickelt gewesen sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da haben wir das Dilemma!\u00a0Eine \u00dcberlieferung soll jedoch exemplarisch verdeutlichen, was gemeint ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Herr Medizinalrat Bremer , wie ihn die Leute im Dorf respektvoll nannten, wurde wieder einmal eines Sonntags, fr\u00fch am Morgen, aus dem Schlaf gerissen. Es waren nicht die vermaledeiten Glocken des sechs Uhr L\u00e4utens gewesen, denn diese w\u00fcrden ihr Unwesen erst in einer guten Stunde beginnen. Es war der markersch\u00fctternde Schrei eines Federviehs, das zum Hof des Beinhartingers geh\u00f6rte. Zu allem \u00dcberfluss schrie es nicht nur einmal. Es k\u00f6nnte sogar sein, dass es mehrere dieser Unget\u00fcme am Hof gab.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Jetzt reicht es,\u00a0<\/em>st\u00f6hnte der Medizinalrat, stand auf, und notierte alles gewissenhaft auf einen Bogen Papier. Seine Frau indessen schien nichts davon mitbekommen zu haben, denn tiefe Atemz\u00fcge k\u00fcndeten von einem festen Schlaf. Sie hatte nicht einmal gemerkt, dass der werte Herr Gemahl das Licht angeknipst hatte. Auch aus dem Zimmer der Tochter und dem des Sohnes war kein Laut zu vernehmen. Der Medizinalrat wusste nicht, was ihn mehr erboste. Das Geschrei des Viehs oder die Unbek\u00fcmmertheit seiner Familie. \u00a0Hatte er nicht einen Anspruch auf etwas Anteilnahme? Aber, so war es halt. Sie lebten ein sch\u00f6nes Leben und er musste stets alles Ungemach aus der Welt schaffen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">An Schlaf war jetzt nicht mehr zu denken. Also zog er sich an und stapfte hin\u00fcber zum Hof. Was er hier wollte, war ihm nicht so ganz klar, aber es w\u00fcrde sich ergeben. Im Kuhstall war schon Betrieb, und er sah, wie der Beinhartinger mit einer gro\u00dfen Gabel die Standfl\u00e4chen der K\u00fche ausmistete. Vorsichtig schritt der Medizinalrat auf den Beinhartinger zu.\u00a0<em>Ja, guten Morgen Herr Medizinalrat, sind&#8217;s aber schon fr\u00fch auf den Beinen.\u00a0<\/em><i>Woll&#8217;ns vielleicht gar mithelfen?\u00a0<\/i>Ein Blick auf das Schuhwerk des fr\u00fchen Besuchers beantwortete diese Frage von selbst.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Medizinalrat empfand die \u00c4u\u00dferungen Beinhartingers als reine Provokation. Aber er riss sich zusammen und \u00fcberging dessen \u00a0Anmerkung.\u00a0<em>Ich bin hier,\u00a0<\/em>sagte er, <i>weil bei diesem L\u00e4rm\u00a0<\/i><i>kein\u00a0Mensch schlafen kann, und ich Sie deshalb bitten muss, Vorsorge zu treffen, dass Ihre H\u00e4hne die Leute nicht zu nachtschlafender\u00a0Zeit aus dem Bett reissen.\u00a0<\/i>\u00a0Der Beinhartinger schaute verdutzt und sagte nach einer Weile:\u00a0<em>Ich kann dem Vieh ja schlecht die Schn\u00e4bel zubinden, nicht wahr? Und bei uns hier auf dem Land, da haben die H\u00e4hne schon geschrien, da waren Sie noch gar nicht auf der Welt. Und so wird es auch immerzu bleiben.\u00a0<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Das wird es nicht, da k\u00f6nnen Sie Gift darauf nehmen.\u00a0<\/em>Der Medizinalrat war ob der \u00c4u\u00dferung Beinhartingers erbost.\u00a0<em>Was erlaubte sich dieser Mensch,\u00a0<\/em>dacht er, und sann nach Sanktionen. Diese Respektlosigkeit konnte nicht ohne Folgen bleiben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Tag ging so dahin, als Beinhartinger nachmittags gegen vier Uhr die Scheune betrat, um Futter f\u00fcr die H\u00fchner zu holen, das er dort aufbewahrte. Sein Schritt stockte. Jemand hatte auf die Futtertonnen mit einem Filzstift riesige Totenk\u00f6pfe gemalt und darunter geschrieben:\u00a0<em>Tod dem\u00a0<\/em><i>Federvieh!<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Das konnte nur einer gewesen sein, <\/em>schoss es Beinhartinger durch den Kopf &#8211; <em>der Medizinalrat! Na warte,\u00a0<\/em>brummte er.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und so kam es, dass der Medizinalrat am n\u00e4chsten Morgen seinen Wagen nicht starten konnte. Nach langen M\u00fchen fand er die Ursache f\u00fcr das Versagen heraus. Jemand hatte rohe Kartoffeln in den Auspuff gestopft. Selbstverst\u00e4ndlich kam nur einer infrage, der es gewesen sein konnte &#8211; der Beinhartinger.\u00a0<em>Das wirst du mir b\u00fc\u00dfen,\u00a0<\/em>murmelte der Medizinalrat.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Abends, nach getaner Arbeit, g\u00f6nnte sich der Beinhartinger gerne noch ein Bier. Es schmeckte ihm und verlieh zudem eine angenehme Bettschwere. Der Schnappverschluss der Flasche schnalzte zur\u00fcck, und Beinhartinger wunderte sich noch, warum er dieses Mal nicht das typische, helle<em>\u00a0Pflop vernahm.\u00a0<\/em>Gedankenverloren setzte er die Flasche an den Mund, nahm bed\u00e4chtig einen Schluck und spie das Gebr\u00e4u im n\u00e4chsten Moment von sich. Ekelhaft! Eine Mischung aus Bier und Rizinus\u00f6l hatte sich in seinem Mund breit gemacht. <em>Pfui Teufel!\u00a0<\/em>Schnell nahm Beinhartinger eine neue Flasche zur Hand. Das gleiche Ergebnis! Alle Flaschen im Tr\u00e4ger bargen das gleiche, \u00fcble Ges\u00f6ff.\u00a0<em>Der Medizinalrat!,\u00a0<\/em>schoss es ihm durch den Kopf.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Mass war voll! Beinhartinger ging in die Stube, \u00f6ffnete den Schrank mit seinen Waffen und entnahm ihm eine doppell\u00e4ufige Schrotflinte. Er legte zwei Patronen in die L\u00e4ufe, spannte die H\u00e4hne und stapfte hin\u00fcber zum Haus des Medizinalrates. Nach langem, festem Klopfen ging das Licht an und Schritte schlurften heran. Die T\u00fcre \u00f6ffnete sich, und der Medizinalrat, schon im Schlafanzug mit einem Morgenmantel dar\u00fcber, stand im hellen Schein der Dielenlampe.\u00a0<em>Da, des\u00a0<\/em><i>s\u00e4ufst jetzt, und zwar alles!,\u00a0<\/i>sagte der Beinhartinger, und dr\u00fcckte dem verdutzten Medizinalrat eine Flasche des scheusslichen Ges\u00f6ffs in die Hand. Um seinen Worten Nachdruck zu verleihen, hob er dabei die Flinte an.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Sind Sie verr\u00fcckt!, rief\u00a0<\/em>der Medizinalrat,\u00a0<em>mich mit einer Waffe zu bedrohen! Das wird ein Nachspiel haben! Red net, sauf!,\u00a0<\/em>befahl Beinhartinger. Die Flinte zeigte jetzt unmissverst\u00e4ndlich auf \u00a0den Medizinalrat, sodass diesem nichts andere \u00fcbrig blieb, als den Inhalt der Flasche hinunterzuw\u00fcrgen.\u00a0<em>Das werden Sie bereuen,\u00a0<\/em>sagte er noch, bevor er w\u00fcrgend auf die Toilette enteilte.\u00a0<em>H\u00e4t&#8217;st as net g&#8217;mischt, h\u00e4t&#8217;st as net\u00a0saufen\u00a0brauchen!,\u00a0<\/em>rief ihm Beinhartinger noch hinterher, bevor er zufrieden zur\u00fcck ging auf seinem Hof.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Am n\u00e4chsten Morgen herrschte eine ungew\u00f6hnliche Ruhe. Nichts schien sich zu bewegen. Dem Beinhartinger kam das komisch vor, und er schaute nach dem Rechten. Da sah er es. Vor seinem Haus, gleich am Obstbaum, hingen sie, fein s\u00e4uberlich aufgereiht &#8211; \u00a0ein Hahn und drei seiner Hennen, dann wieder ein Hahn und noch einmal drei seiner Hennen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wutentbrannt riss der Beinhartinger die Schrotflinte aus dem Schrank und st\u00fcrmte hin\u00fcber zum Medizinalrat, aber es war keiner da.\u00a0<em>Na warte, du kommst mir gerade recht!, du Prei\u00df, du reigschmeckter!&#8220;\u00a0<\/em>Mit einem schweren Schlag des Gewehrkolbens \u00f6ffnete er die T\u00fcre zum Haus, dann h\u00f6rte man es ein paar Mal f\u00fcrchterlich rumsen, gerade so, als habe Beihartinger seine Flinte abgefeuert, nachgeladen, und wieder abgedr\u00fcckt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als der Medizinalrat sp\u00e4ter am Nachmittag zur\u00fcckkehrte, sah er die Bescherung. Die sch\u00f6ne Standuhr, ein Erbst\u00fcck, war jetzt ein von unz\u00e4hligen Schrotkugeln durchsiebter Tr\u00fcmmerhaufen. Die Ehebetten, ein Desaster. Die f\u00fcrchterliche Gewalt des Schrots hatte hatte auch hier ganze Arbeit verrichtet. Die K\u00fcche! Nichts mehr zu gebrauchen. Aus den Schrotl\u00f6chern im K\u00fchlschrank sickerte Wasser. Und dann noch die Stube! Eine dunkle H\u00f6hle, einstmals ein Fernsehger\u00e4t einer teuren Marke, starrte dem Medizinalrat entgegen.\u00a0<em>Schrot, \u00fcberall Schrot!,\u00a0<\/em>stammelte er.\u00a0<em>Der Mann ist verr\u00fcckt!\u00a0<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zwei Stunden sp\u00e4ter hatte die Polizei den Beinhartinger vom Hof abgeholt. In der Scheune indessen tummelten sich zwei Burschen und hielten sich die B\u00e4uche vor lachen.\u00a0<em>Siehst du, ich hatte recht, du musst nur ein wenig nachhelfen, dann bringen sie sich gegenseitig um! Nicht zu fassen,<\/em> sagte der andere, <em>des h\u00e4t&#8216; ich niemals gedacht:<\/em>\u00a0<em>an Filzstift, \u00a0ein\u00a0paar Kartoffeln, ein wenig Rizinus ins Bier, und a paar g&#8217;schlachte Hendl am Baum, mehr\u00a0braucht&#8217;s \u00a0gar net dazu.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vor Gericht hatte sich dann alles aufgekl\u00e4rt, ohne der T\u00e4ter habhaft zu werden. Der Medizinalrat war weggezogen, und den Beinhartinger hatte es nicht besonders betr\u00fcbt.\u00a0<em>Des ham&#8217;s davon, \u00a0de Prei\u00df&#8217;n, weil&#8217;s \u00fcberall ihre Nasen\u00a0einistecka\u00a0mia\u00df&#8217;n!,\u00a0<\/em>war alles, was ihm dazu einfiel.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #c0c0c0;\">Foto: Commons Creative-Lizenz, flickr,\u00a0<a href=\"http:\/\/www.flickr.com\/photos\/hirsel\/\"><span style=\"color: #c0c0c0;\">diddi<\/span><\/a><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":1246,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[304],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1228"}],"collection":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1228"}],"version-history":[{"count":26,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1228\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2032,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1228\/revisions\/2032"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1246"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1228"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1228"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1228"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}