{"id":1258,"date":"2013-11-02T21:19:08","date_gmt":"2013-11-02T19:19:08","guid":{"rendered":"http:\/\/hkreiter.com\/?p=1258"},"modified":"2015-02-10T21:11:28","modified_gmt":"2015-02-10T19:11:28","slug":"bayerisches-1-der-schulrat","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/bayerisches-1-der-schulrat\/","title":{"rendered":"Bayerisches &#8211; (1) Der Schulrat"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Mit quietschendem Get\u00f6se kam der Zug zum Stehen.\u00a0<em>Wuimersdorf, &#8230; Wuimersdorf (<\/em>Wilmersdorf<i>)!,\u00a0<\/i>rief der Fahrdienstleiter am Bahnsteig. Er folgte damit einer alten Tradition, denn \u00fcber die Lautsprecher h\u00e4tte er die Station auch ausrufen k\u00f6nnen. Zweimal am Tag hielt der Zug in Wilmersdorf. <!--more-->Einmal am Vormittag und einmal am Abend. Der Vormittagszug fuhr weiter nach Dingharting, und der Abendzug kam von dort. Unter der Woche, bis zum Freitag, gab es um die Mittagszeit dann noch den Postbus. F\u00fcnfzehn Kilometer von Dingharting kommend, blieb er eine Stunde am Ort, um die Post aus- und ein zu laden. Manchmal, eher selten, fuhr jemand mit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Besonders viele Fahrg\u00e4ste sa\u00dfen nicht im Zug. Erstaunlich dagegen war, dass tats\u00e4chlich ein Mann ausstieg und einen Koffer herunter wuchtete. Ohne Zweifel, ein Fremder, der beabsichtigte, hier am Ort zu bleiben. Denn, wozu sonst der Koffer? Eine Umsteigeverbindung irgendwo anders hin gab es von Wilmersdorf aus nat\u00fcrlich nicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Sach&#8217;n se mal juter Mann (<\/em>&#8230; sagen Sie mal guter Mann &#8230;<em>), \u00a0<\/em>fragte\u00a0der Fremde den Fahrdienstleiter, <em>wo<\/em>\u00a0<em>jibted&#8217;n hier en Hotel (<\/em>wo<em>\u00a0<\/em>gibt es denn hier ein Hotel<em>)?\u00a0<\/em><em>Ein Hotel, hier bei uns?, <\/em>antwortete der Fahrdienstleiter und sch\u00fcttelte den Kopf, und erkennbar um ein verst\u00e4ndliches Hochdeutsch bem\u00fcht, f\u00fcgte er hinzu:\u00a0<em>So was gibt&#8217;s hier net. Wozu auch? Dr\u00fcben bei der Post, i mein s&#8217;Gasthaus, de ham a paar Zimmer!\u00a0<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Fremde schlurfte aus dem Bahnhof hin\u00fcber zum Gasthof\u00a0<em>Zur Post.\u00a0<\/em>Er vernahm, er sei der einzige Gast, und k\u00f6nne sich das Zimmer aussuchen. Er nahm das gr\u00f6\u00dfere. Nicht einmal so schlecht, ja, eigentlich sogar ausgesprochen gem\u00fctlich, fand er. Dielenboden und M\u00f6bel aus Holz, das einen angenehmen, nat\u00fcrlichen Duft verstr\u00f6mte. Er verstaute seine Sachen im Schrank und der Kommode; dann ging er hinunter in die Gaststube.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er bestellte ein Bier und fragte:\u00a0<em>Hamse och ne Chjarte? <\/em>Dabei sprach er das Wort\u00a0<em>Karte<\/em> so komisch aus, dass der Wirt nachfragte:\u00a0<em>Wos moanas? (<\/em>Was meinen Sie?), was nun wiederum der Fremde nicht verstand. Das ging eine Weile so hin und her, aber schliesslich verstanden Sie einander, und schon bald dampfte ein Braten vor des Gastes Nase.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Am n\u00e4chsten Morgen sah man den Mann Richtung Schule gehen. Ja, Wilmersdorf besass eine eigene Schule! Aber wie lange noch? Sie brachten nur noch drei schlecht best\u00fcckte Klassen zusammen. Die vierte h\u00e4tte es mit zehn Sch\u00fclern, dem Reglement nach, schon gar nicht mehr geben d\u00fcrfen. Ab der F\u00fcnften mussten alle Kinder nach Dingharting.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Einer der Lehrer war zugleich so etwas, wie der Rektor.\u00a0<em>Juten Tach,\u00a0<\/em>sagte der Fremde,\u00a0<em>jestatt&#8217;n, dass ik ma vorstelle? St\u00fclphausen, von St\u00fclphausen, der Schulrat vom Ministerium.\u00a0<\/em><em>Auweh!,\u00a0<\/em>war alles, was der Rektor darauf sagte.\u00a0<em>Nun denn,\u00a0<\/em><i>lassen&#8217;se uns gleich in medias res gehen. Ist doch das Beste, wenn wa die Sache schnell hinta uns krijen (<\/i>kriegen), <em>nichwa? (<\/em>nicht wahr?).\u00a0<em>Wie&#8217;s meinen,\u00a0<\/em>antwortete der Rektor.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dem Herrn von St\u00fclphausen muss irgendwie bewusst geworden sein, dass er mit seinem Dialekt hier in Wilmersdorf nur sehr schlecht verstanden wurde, denn im weiteren Verlauf sprach er nunmehr ganz normales Hochdeutsch.\u00a0<em>Sie wissen, verehrter Herr Kollege,\u00a0<\/em>sagte er und sah dabei den Rektor durchdringend an,\u00a0<em>die Klassenst\u00e4rke, die Zahl der\u00a0<\/em><i>Sch\u00fcler, einfach zu wenig Substanz. Wir k\u00f6nnen den Schulbetrieb nicht weiter aufrecht halten. Wir schlie\u00dfen mit Ende des Halbjahres, dann sollen die Kinder nach Dingharting. Dort hat es noch Platz genug.\u00a0<\/i>Der Rektor wiegte bed\u00e4chtig seinen Kopf, gerade so, als g\u00e4be es noch eine Alternative und sagte:\u00a0<em>K\u00f6nnten wir es nicht anders\u00a0<\/em><i>l\u00f6sen? Die Klassen eins bis vier halten wir hier ab in Wilmersdorf, und ab der f\u00fcnften dann in Dingharting. Dingharting w\u00e4re entlastet, und bei uns t\u00e4t&#8217;s wieder reichen. Was halten&#8217;s davon? \u00a0<\/i>Der Schulrat tat so, als \u00fcberlege er, aber sein Entschluss stand schon l\u00e4ngst fest.\u00a0<em>Sehen Sie, das bringt nichts, und wir im Ministerium wollen das auch nicht. Es wird so gemacht, wie ich sagte. Wilmersdorf wird aufgel\u00f6st!<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Sagen&#8217;s nicht, ich h\u00e4tte mich nicht um eine Verst\u00e4ndigung bem\u00fcht, <\/em>antwortete der Rektor.\u00a0<em>Ich verstehe nicht,\u00a0<\/em>sagte der Schulrat und runzelte seine Stirn.\u00a0<em>Ist ganz einfach,\u00a0<\/em>erwiderte der Rektor leise,\u00a0<em>ich werd&#8217;s Ihnen erkl\u00e4ren. Ich hab&#8216; mich noch gar nicht vorgestellt. Sp\u00e4rling ist mein Name &#8230;\u00a0<\/em>Der Schulrat fiel ihm ins Wort:\u00a0<em>Sp\u00e4rling, wie der Name unseres Ministers?\u00a0<\/em><em>Ja genau, des is\u00a0mei Bruder,\u00a0<\/em>ergriff der Rektor wieder das Wort.\u00a0<em>Und wir ham die Sache schon mit einander besprochen. Er sagt, des sei ihm grad recht, wenn wir&#8217;s so machen, wie ich vorgeschlagen hab&#8216;, dann braucht n\u00e4mlich sei Tochter net nach Dingharting und kann hier in&#8217;d Schul&#8216;\u00a0<\/em><i>gehn. Mei Bruder, m\u00fcssens\u00a0wissen, der wohn n\u00e4mlich a hier in Wilmersdorf, gleich da vorn, schaun&#8217;s,\u00a0<\/i>und er zeigte auf ein respektables Anwesen, nicht sehr weit von der Schule entfernt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Schulrat schluckte und stammelte schliesslich:\u00a0<em>Das habe ich nicht\u00a0<\/em><i>gewusst und das \u00e4ndert nat\u00fcrlich einiges!\u00a0<\/i><em>Ja, das tut es!,\u00a0<\/em>sagte Sp\u00e4rling grinsend.\u00a0<em>Mein Bruder meinte, einen so f\u00e4higen Mann wie Sie, den darf man nicht im Ministerium versauern lassen. Der geh\u00f6rt in die vorderste Linie. Da oben, im Bayerischen Wald, da\u00a0brauchen&#8217;s Leut&#8216; wie Sie, denn da gibt&#8217;s noch wirklich viel zu tun!\u00a0<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Schulrat erreichte gerade noch den Mittagsbus. Was aus ihm geworden ist, weiss man nicht, aber in Wilmersdorf jedenfalls hat man ihn nicht mehr gesehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #999999;\">Foto: Creative Commons-Lizenz, flickr, Renate Dodell<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":1266,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[352],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1258"}],"collection":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1258"}],"version-history":[{"count":14,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1258\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2033,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1258\/revisions\/2033"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1266"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1258"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1258"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1258"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}