{"id":1274,"date":"2013-11-12T19:09:31","date_gmt":"2013-11-12T17:09:31","guid":{"rendered":"http:\/\/hkreiter.com\/?p=1274"},"modified":"2015-02-10T21:12:28","modified_gmt":"2015-02-10T19:12:28","slug":"bayerisches-2-dorfleben","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/bayerisches-2-dorfleben\/","title":{"rendered":"Bayerisches &#8211; (2) Dorfleben"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Das Leben auf dem Dorf ist im Vergleich zu dem in der Stadt in vielerlei Hinsicht anders, und trotzdem gibt es eine Gemeinsamkeit. Ein Fremder in der Stadt f\u00e4llt niemandem auf, im Dorf dagegen schon, aber keiner will etwas mit ihm zu tun haben. <!--more-->Und so ist die Gemeinsamkeit eben gepr\u00e4gt von dem Umstand, dass sich niemand um den Fremden k\u00fcmmert, weder da noch dort. Obwohl dies zwar generell gelten mag, kann es doch vorkommen, dass marginale Unterschiede ein v\u00f6llig anderes Bild ergeben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">An einem Mittwoch im August eines sonnendurchfluteten Sommers h\u00e4tte ein aufmerksamer Beobachter sehen k\u00f6nnen, wie so manche Gardine an den Fenstern zur\u00fcckgeschoben wurde, um den Blick auf das Ungew\u00f6hnliche frei zu geben. Der Wagen einer Spedition war in die Hauptstra\u00dfe eingefahren, um am Dorfplatz rechts ins M\u00fchlengasserl abzubiegen.\u00a0Der Begriff\u00a0<em>Gasserl\u00a0<\/em>bezeichnete sehr pr\u00e4zise, was gemeint war. Ein Weg, weniger gro\u00df als eine Gasse, f\u00fchrte an der ehemaligen Dorfm\u00fchle vorbei zu einem dahinter gelegenen Haus. So sehr sich der Fahrer auch abm\u00fchte, gelang es ihm nicht, seinen Laster in das Gasserl zu bugsieren. Ein derbes Wort entschl\u00fcpfte seinen Lippen, aber es half nichts, er w\u00fcrde sein Ziel nicht ansteuern k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Jetzt hamma den Salot,\u00a0<\/em>sagte er m\u00fcrrisch zu den beiden M\u00e4nnern neben ihm.\u00a0<em>Jetzat k<\/em><i>emma den ganzn Mist hinterschleppa! Ja mei,\u00a0<\/i>sagte einer der beiden,\u00a0<em>des konn scho a\u00a0<\/em><i>moi vorkemma. Do\u00a0konnst nix macha!\u00a0<\/i>Also blockierten sie f\u00fcr den Rest des Tages einen Teil des Dorfplatzes und schleppten Umzugskartons und M\u00f6belst\u00fccke zum r\u00fcckw\u00e4rtigen Haus. Jemand zog ein, Fremde im Dorf! In Windeseile machte diese Neuigkeit die Runde. Und zwar, wie auf dem Dorfe \u00fcblich, in einer Weise, dass ein Au\u00dfenstehender nicht gewusst h\u00e4tte, wie es funktionierte. Niemand, der deshalb durchs Dorf gelaufen w\u00e4re oder \u00fcber die Stra\u00dfe gerufen h\u00e4tte. \u00a0Aber alle wussten Bescheid.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Am Abend sah man dann einen Mann mit seiner Frau und zwei Kindern, ein Junge und ein M\u00e4dchen, etwa zehn und zw\u00f6lf Jahre alt, zum\u00a0<em>Krug\u00a0<\/em>laufen, der direkt am Dorfplatz gelegenen Wirtschaft. Der Wirt hinter der Theke blickte nur kurz auf, grunzte so etwas wie ein\u00a0<em>Griass Gott,\u00a0<\/em>und k\u00fcmmerte sich nicht weiter um die G\u00e4ste. Die Bedienung war da schon um einiges freundlicher und bedeutete den Neuank\u00f6mmlingen an einem Tisch, auf den sie zeigte, Platz zu nehmen.\u00a0<em>Es\u00a0kennst eich do hisetzn,\u00a0<\/em>hatte sie gesagt. Und da sa\u00dfen sie nun, die T\u00e4ubners. Der Vater hatte sich am hiesigen Gymnasium als Hausmeister beworben, und sie hatten ihn genommen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als nach den Ferien im September der Schulbetrieb anfing, hatte T\u00e4ubner ein paar Tage vorher ebenfalls mit der Arbeit begonnen. Alles war zu \u00fcberpr\u00fcfen und einige kleinere Sachen auch zu reparieren oder ein Scharnier mit einem Tropfen \u00d6l wieder gangbar zu machen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ausgelassen str\u00f6mten die Sch\u00fcler ins Geb\u00e4ude. Die Ferien waren manchen zu kurz erschienen, anderen wiederum sogar eint\u00f6nig. Es kam ganz darauf an, ob sie am Hof mitarbeiten mussten oder herumtollen konnten. Das Gymnasium in Dingharting war das einzige im Kreis und deshalb f\u00fcr Viele die Alternative zur Stadt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Den T\u00e4ubner und die Seinen behandelten die Menschen weder unh\u00f6flich noch ablehnend. Sie behandelten sie gar nicht. Die T\u00e4ubners kamen sich vor, wie Fremdk\u00f6rper. Ein <em>Gr\u00fcss Gott\u00a0<\/em>war schon alles, was den Leuten zu entlocken war, und\u00a0niemand lie\u00df sich auf ein Gespr\u00e4ch ein. Sie waren halt da, aber sie geh\u00f6rten nicht dazu:\u00a0<em>Zuagroaste\u00a0<\/em>eben. Es gab noch ein paar andere von dieser Spezies Mensch. Aus der Stadt Zugezogene, weil es ihnen dort entweder zu teuer war oder, was auch vorkam, das Landleben gefiel. Bei den T\u00e4ubners kam noch erschwerend hinzu, dass sie sprachlich erkennbar nicht aus bayerischen Gefilden stammten. Es wurde gemunkelt, sie k\u00e4men aus D\u00fcsseldorf oder jedenfalls von irgendwo her, wo man nach der Schrift sprach.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Wird schon werden, <\/em>sagte Vater T\u00e4ubner zu seinen Lieben,\u00a0<em>es braucht halt seine Zeit.\u00a0<\/em>Die Kinder, wovon das M\u00e4dchen ebenfalls in das hiesige Gymnasium ging, und der Bub in die Grundschule am Ort, hatten in dieser Hinsicht keine Probleme. Sie waren aufgeweckt und sprachen zur Freude der Lehrer in klaren S\u00e4tzen, ohne st\u00e4ndig ganze Wortsilben zu verschlucken. Aber Spielgef\u00e4hrten hatten sie bei genauem Hinsehen auch keine.\u00a0<em>Wird schon werden,\u00a0<\/em>gebrauchte der Vater auch hier seine beliebte Redewendung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eines Tages, um zehn Uhr, zur gro\u00dfen Pause, geschah es! Die Finkenzeller Resi beugte sich aus dem Dachfenster im dritten Stock, warum weiss niemand, und schwups, bekam sie \u00dcbergewicht und st\u00fcrzte hinaus. Ein entsetzter Aufschrei von Sch\u00fclern, die vom Hof aus zuf\u00e4llig nach oben geblickt hatten. Dann starrten sie alle hinauf. Die Lehrer, wie die Sch\u00fcler. Unf\u00e4hig, sich zu r\u00fchren, folgten sie dem Schauspiel. Einer rief schliesslich:\u00a0<em>Wir m\u00fcssen etwas tun!\u00a0<\/em>Aber keiner r\u00fchrte sich.\u00a0<em>Ruafts d&#8217;Feierwehr,\u00a0<\/em>schrie ein anderer, aber niemand rief sie. Der Rektor eilte hinzu und fragte:\u00a0<em>Hat schon jemand etwas unternommen?\u00a0<\/em>Sch\u00fcler und Lehrer sahen ihn verst\u00e4ndnislos an und starrten weiter hinauf zum Dach.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Ich kann\u00a0<\/em><i>nimmer!,\u00a0<\/i>schrie die Resi verzweifelt, und versuchte mit letzter Kraft, sich an einer Dachschindel festzuklammern. \u00a0Jetzt, was war das? Ein Mann schwang sich hinaus auf&#8217;s Dach, just durch das selbe Fenster, \u00a0aus dem die Resi kurz zuvor hinaus gest\u00fcrzt war.\u00a0<em>Da Hausmoasta!,\u00a0<\/em>rief einer und man konnte tats\u00e4chlich sehen, wie der T\u00e4ubner erst schr\u00e4g, zum Fenster hin geneigt, aufrecht stehend, dann in die Hocke gehend, nach der Hand des M\u00e4dchens griff. Mucksm\u00e4uschen still war es jetzt unten auf dem Hof. Den Leuten stockte schier der Atem.\u00a0<em>Des gibt&#8217;s doch net,\u00a0<\/em>h\u00f6rte man einen der Lehrer zischen, dann war wieder Stille.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Keine Angst, M\u00e4dchen,\u00a0<\/em>sagte T\u00e4ubner, der ihren Namen noch nicht kannte. <i>Ich\u00a0greife\u00a0jetzt dein Handgelenk und ziehe dich zu mir her, und du versuchst, mit den F\u00fcssen anzuschieben, als wolltest krabbeln. Hast mich verstanden?\u00a0<\/i>Ganz ruhig hatte der T\u00e4ubner gesprochen, \u00fcberhaupt nicht aufgeregt, als w\u00e4re es das Normalste von der Welt, was er hier tat.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Resi machte alles genau so, wie T\u00e4ubner es gesagt hatte. Langsam kam sie ihm n\u00e4her, dann pl\u00f6tzlich, zum Entsetzen der Gaffer auf dem Hof, rutschten ihre F\u00fc\u00dfe weg. Jetzt w\u00fcrde sie st\u00fcrzen, unweigerlich hinunter fallen auf den Hof. Sch\u00fcler und Lehrer schrie&#8217;n auf, gingen instinktiv zur Seite, damit sie vom Aufprall des K\u00f6rpers verschont blieben. Aber nichts geschah!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit festem Griff hatte T\u00e4ubner, nach hinten auf das Dach gelehnt, Resis Sturz abgefangen. Jetzt stand sie zitternd neben ihm. T\u00e4ubner zog sie hoch zum Fensterrahmen, sagte ihr, sie solle sich daran festhalten, umfasste ihre H\u00fcfte, und mit einem Stupser bef\u00f6rderte er Resi zur\u00fcck ins Zimmer.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Unten klatschten und schrie&#8217;n sie alle durcheinander. Was f\u00fcr ein tollk\u00fchner Mann dieser Hausmeister doch war. Die Finkenzellers, wohlhabende Leute vom Ort, bedankten sich \u00fcberschw\u00e4nglich bei den T\u00e4ubers und luden sie nach Hause ein. Ein Fest wurde gefeiert und der Hausmeister musste immer wieder erz\u00e4hlen, wie er das geschafft hatte. <i>Wissen Sie, ich bin Bergsteiger, und beim Klettern kommt es oft darauf an, einen k\u00fchlen Kopf zu bewahren,\u00a0<\/i>erkl\u00e4rte T\u00e4ubner einem Reporter der Regionalzeitung, und f\u00fcgte noch an:\u00a0<em>Das war doch technisch, oder bergsteigerisch gesehen, nichts Besonderes.\u00a0<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Leute im Dorf sahen das anders. Der Hausmeister war fortan IHR Held, und alle wollten sie jetzt gut Freund mit ihm und seiner Familie sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #999999;\">Foto: Creative Commons-Lizenz, flickr,<a href=\"http:\/\/www.flickr.com\/photos\/borismitendorfer\/\"><span style=\"color: #999999;\">Boris Mitendorfer Photography<\/span><\/a><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":1286,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[352],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1274"}],"collection":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1274"}],"version-history":[{"count":34,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1274\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2035,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1274\/revisions\/2035"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1286"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1274"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1274"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1274"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}