{"id":1308,"date":"2013-11-17T22:02:17","date_gmt":"2013-11-17T20:02:17","guid":{"rendered":"http:\/\/hkreiter.com\/?p=1308"},"modified":"2015-09-14T17:42:40","modified_gmt":"2015-09-14T16:42:40","slug":"bayerisches-3-mundart","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/bayerisches-3-mundart\/","title":{"rendered":"Bayerisches &#8211; (3) Mundart"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Ein verendeter Hund k\u00f6nnte, so m\u00f6chte man meinen, im Bayerischen als <em>a verreckter\u00a0Hund <\/em>bezeichnet werden. Das w\u00e4r&#8216; \u00a0durchaus \u00a0berechtigt, weil, wie jedermann weiss, die Bayerische Umgangssprache, auch Dialekt genannt, nicht besonders zimperlich mit der Wahl ihrer Worte umgeht. Wo hingegen die gleiche Bezeichnung vom Tier entlehnt auf den Menschen \u00fcbertragen eine v\u00f6llig andere Bedeutung annimmt. Aber der Reihe nach!<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es soll, so wird berichtet, in Bayern einmal einen Ministerpr\u00e4sidenten gegeben haben, in dem viele der angestammten Landsleute, also jenem Teil der Bev\u00f6lkerung, der nachweislich schon seit mehreren Generationen aus Bayern stammte, so etwas, wie den Ersatz des vielgeliebten K\u00f6nigs Ludwig II sahen. Und es gab nicht wenige, die eben von diesem Ministerpr\u00e4sidenten behaupteten, er sei scho\u00a0<em>a Hund a verreckter\u00a0g&#8217;wesn<\/em>. Was war geschehen?\u00a0Grammatikalisch gesehen ist es einfach zu erkl\u00e4ren. Das Nomen\u00a0<em>Hund <\/em>wird dem Adjektiv <em>verreckter\u00a0<\/em>vorangestellt, und als Besonderheit je ein kleines\u00a0<em>a\u00a0<\/em>vor\u00a0<em>Hund\u00a0<\/em>und\u00a0<em>verreckter\u00a0<\/em>gesetzt<em>. <\/em>Und schon ist nicht mehr der eingangs erw\u00e4hnte verblichene Hund gemeint, sondern ein Mensch, der mit allen Wassern gewaschen ist und es versteht, so Manches zu seinem Vorteil umzum\u00fcnzen. Dabei wird grossz\u00fcgig akzeptiert, ja sogar unterstellt, dass dies durchaus zu Lasten eines anderen gegangen sein konnte. Zum Verst\u00e4ndnis: Nicht <em>win, win<\/em> pr\u00e4gte die Situation, das kam erst sp\u00e4ter aus dem Angels\u00e4chsischem, sondern der so genannte\u00a0<em>verreckte<\/em><i>\u00a0Hund\u00a0<\/i>hatte seinen Widerpart \u00fcber den Tisch gezogen oder sich auf andere Weise einen, durchaus nicht immer legalen, Vorteil verschafft.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der besagte Ministerpr\u00e4sident herrschte \u00fcber Bayern wie ein Monarch, wird erz\u00e4hlt. Und die, die es berichten, sagen es, nicht ohne Stolz, mit einem Zittern in der Stimme. Manchem quetscht sich sogar eine verborgene Tr\u00e4ne der Ergriffenheit ins Auge. Als er eines Tages ohne Ank\u00fcndigung dahin gegangen war, ist die Trauer gross und man verabschiedete ihn mit einem Staatsakt, der so manchen echten F\u00fcrsten erblassen liess.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dies r\u00fchrte wohl daher, weil es so viele\u00a0<em>vareggde Hund\u00a0<\/em>nicht gab. <em>Leider<\/em>, wie die Alten aus dem Volksstamm hinzuf\u00fcgen w\u00fcrden. \u00a0Ein\u00a0<em>verreckter\u00a0Hund\u00a0<\/em>zu sein, ist eben etwas Besonderes und wird nicht leichtfertig vergeben. Ein Nordlicht hat einmal gemeint, diesen Ausdruck mit\u00a0<em>Bauernschl\u00e4ue\u00a0<\/em>\u00fcbersetzen zu m\u00fcssen. Aber, man kann ihm daraus keinen Strick drehen, denn woher sollte er den vollen Umfang seiner Bedeutung auch kennen?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als der Ministerpr\u00e4sident eines Tages in New York weilte und ihm in einem zwielichtigen Viertel seine Brieftasche abhanden gekommen war, regte die Menschen nicht die Tatsache auf, was er dort zu suchen gehabt h\u00e4tte, sondern die Dreistigkeit der niemals gefassten T\u00e4ter, die es gewagt hatten, ihrem geliebten und verehrten Idol so nahe zu kommen. \u00a0Einmal wurde erz\u00e4hlt, der Ministerpr\u00e4sident sei von einem seiner zahlreichen industriellen Freunde in dessen Privatvilla eigeladen worden und, noch verwerflicher, er habe zur Anreise sogar dessen Privatflugzeug ben\u00fctzt. <em>Welch ein Sumpf,\u00a0<\/em>titelte eine Zeitung, die wohl dem Ministerpr\u00e4sidenten und dem ganzen Bayerischen Volk dieses Privileg neidete und deshalb eins auswischen wollte. Man sagt sogar, der Ministerpr\u00e4sident h\u00e4tte, als er noch gar kein Ministerpr\u00e4sident gewesen war, seine Kompetenzen \u00fcberschritten, indem er in einer v\u00f6llig anderen Funktion als Minister angeordnet habe, die R\u00e4ume eines politischen Magazins zu durchsuchen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Na wenn s<\/em><i>cho,\u00a0<\/i>sagten die Leute in Bayern,\u00a0<em>wead s<\/em><i>cho an Grund g&#8217;habt\u00a0hom, ned wahr?,\u00a0<\/i>und meinten damit, es sei v\u00f6llig abwegig, dem Mann aus Bayern etwas Unlauteres unterstellen zu wollen. Irgend wann wurde sogar einmal gemunkelt er sei in dubiose Machenschaften um die Beschaffung von Waffensystemen verwickelt. Das konnte doch nur von Subjekten gestreut worden sein, die grunds\u00e4tzlich gegen alles waren, was aus Bayern kam.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn einer solcher Art Anfeindungen und Geschichten \u00fcbersteht, und sogar nachher noch gest\u00e4rkt aus dem Ganzen hervorgeht, dann wird er zurecht als\u00a0<em>a verreckter\u00a0Hund\u00a0<\/em>bezeichnet. Und jedermann des alten Volksstammes f\u00fchlt ein wenig dieser unb\u00e4ndigen Kraft in sich aufkeimen.\u00a0<em>Wenn&#8217;s nur mehra vo soichane gehm dat!,\u00a0<\/em>h\u00f6rt man sie seufzend sagen, und sie klagen, dass diese Zeiten vorbei w\u00e4ren und nicht wieder k\u00e4men.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als Jahre danach einer seiner Nachfolger im Amt einmal etwas \u00c4hnliches ausprobierte und die privaten Flugdienste eines \u00a0<em>Freundes\u00a0<\/em>in Anspruch nahm, und erz\u00e4hlt wurde, es habe zu allem \u00dcberfluss auch noch private Einladungen gegeben, war&#8217;s schon vorbei, die alte Zeit. Er hat es nicht \u00fcberstanden und musste abtreten. Er war eben kein\u00a0<em>verreckter\u00a0Hund\u00a0<\/em>gewesen, auch, wenn er das vielleicht von sich selbst geglaubt hatte. Einen Titel hat er trotzdem bekommen:\u00a0<em>Amigo!\u00a0<\/em>Ja, so nannten sie ihn und beinahe h\u00e4tte es noch einen anderen mitgerissen, aber da hatte der seinerzeit mit k\u00f6niglichen Ehren zu Grabe getragene Ministerpr\u00e4sident gerade noch rechtzeitig aus dem Jenseits seine sch\u00fctzende Hand \u00fcber ihn gehalten. Und so durfte dieser Mann bald darauf, als Nachfolger des <em>Amigo<\/em>, auch Ministerpr\u00e4sident werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Man weiss nicht mehr so genau, ob der nun Erste Mann im Freistaat beim Volk genau so beliebt gewesen ist, wie einst jener mit der sch\u00fctzenden Hand, aber man kann sich noch sehr gut daran erinnern, dass auch er eines Tages gehen musste. Nicht, weil er ein\u00a0<em>verreckter\u00a0Hund\u00a0<\/em>gewesen w\u00e4re, dazu fehlten ihm alle Attribute. Nein, er musste gehen, weil er die Macht einer Landr\u00e4tin untersch\u00e4tzte und nicht mehr gew\u00e4rtigte, dass sich ein Sumpf aus Intrigen um ihn herum aufget\u00fcrmt hatte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Darum ist es besser, in Bayern entweder ein\u00a0<em>verreckter\u00a0Hund\u00a0<\/em>zu sein oder einen anderen Beruf, als den des Ministerpr\u00e4sidenten, zu ergreifen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #999999;\">Foto: Commons Creative-Lizenz, flickr,\u00a0<a href=\"http:\/\/www.flickr.com\/photos\/jonathansulo\/\"><span style=\"color: #999999;\">jonathansulo<\/span><\/a><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":1322,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[352],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1308"}],"collection":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1308"}],"version-history":[{"count":22,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1308\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2588,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1308\/revisions\/2588"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1322"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1308"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1308"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1308"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}