{"id":1330,"date":"2013-11-26T23:49:55","date_gmt":"2013-11-26T22:49:55","guid":{"rendered":"http:\/\/hkreiter.com\/?p=1330"},"modified":"2018-01-23T16:25:48","modified_gmt":"2018-01-23T15:25:48","slug":"advent","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/advent\/","title":{"rendered":"Advent"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Dort, hoch oben, wo des Nachts nur Sterne und Mond den Weg erleuchten, wohnte in einer verschwiegenen H\u00fctte Magdalena. Einsam war&#8217;s am Fu\u00dfe des Bergmassivs, wo aus der H\u00fctte Kamin leichter Rauch empor kr\u00e4uselte. Die Finsternis h\u00e4tte ihn fast verschluckt, w\u00e4re da eben nicht das Himmelszelt gewesen. Nur wenige Tiere verirren sich hier herauf. Ab und zu G\u00e4msen, die man in der Ferne vorbeiziehen sah.<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das fahle Licht des Mondes warf den Schatten zweier sich m\u00fchsam nach oben schleppender Gestalten auf den matt schimmernden Fels, der sich entlang des Weges zog. Ihre K\u00f6rper waren eingeh\u00fcllt in Lodenumh\u00e4nge, deren Kapuzen sie tief ins Gesicht gezogen hatten. Kein Wort verliess ihre Lippen, nur ihr Atem zeichnete kleine W\u00f6lkchen in die kalte Novembernacht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Magdalena war den Sommer \u00fcber hier oben und verdiente sich ein wenig als Sennerin. Jetzt zur Adventszeit war das Vieh l\u00e4ngst wieder abgetrieben ins Tal, aber sie kam \u00f6fter hier herauf, um die Abgeschiedenheit der Berge zu genie\u00dfen. Sie war gerne allein. Was sie brauchte, trug sie nach oben, und frisches Quellwasser gab es reichlich. Magdalena legte ein Scheit Holz in den Herd und schaute dabei versonnen in die Glut. Obwohl der Herd hergab, was er konnte, und das Eisen der Platte beinahe gl\u00fchte, versp\u00fcrte sie ein Fr\u00f6steln. Etwas war anders als sonst.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Wirst doch nicht etwa krank werde?,\u00a0<\/em>sagte Magdalena zu sich selbst und h\u00fcllte sich in eine Stola. Aber es war nicht K\u00e4lte, die ihr einen Schauder \u00fcber den R\u00fccken jagte. Eine innere Unruhe hatte sie erfasst und wollte nicht mehr von ihr lassen. Eine b\u00f6se Vorahnung beschlich sie, als schlurfende Schritte das Nahen von Fremden ank\u00fcndigten. Nur Sekunden sp\u00e4ter das Klopfen einer derben Faust auf die T\u00fcre. Keine Stimme, nur das Klopfen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Magdalenas Herz schlug bis zum Hals. Erstmals seit Langem beschlich sie Angst. Wer mochte das sein? Unwillk\u00fcrlich fiel ihr Blick auf das Fenster. Den Laden hatte sie nicht geschlossen. Wozu auch? Hier heroben war au\u00dfer ihr niemand. Bis jetzt! Da, vage konnte sie eine Fratze ausmachen, die das Innere der H\u00fctte auszusp\u00e4hen versuchte. Dann war sie verschwunden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Machen&#8217;s doch bittsch\u00f6n auf,\u00a0<\/em>sagte pl\u00f6tzlich eine tiefe M\u00e4nnerstimme.\u00a0<em>Wir sehen doch, dass Sie da sind!,<\/em> rief die Stimme noch hinterher. Was sollte sie machen? M\u00e4nner, und sie alleine. Magdalena ahnte Schlimmes. Und dann gab es doch einen Zweifel, ob man ihr tats\u00e4chlich etwas antun wollte. Warum sollten sie den weiten Weg gemacht haben, auf&#8217;s Ungewisse hin? Nur ihre Familie und ein paar Freunde wussten \u00fcberhaupt, dass sie hier war.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Magdalena stand auf, begab sich zur T\u00fcre und schob den schweren Riegel zur\u00fcck. Kaum war das geschehen, dr\u00e4ngten sie zwei M\u00e4nnern abrupt zur Seite. Ihre Lodenumh\u00e4nge warfen sie auf die Bank in der Ecke. Der \u00c4ltere griff Magdalena am Arm, dass sie leise aufst\u00f6hnte, und sagte:\u00a0<em>Sie brauchen keine Angst haben, wenn sie tun, was wir wollen.\u00a0<\/em>Magdalena war schreckensbleich. Das Licht der Petroleumlampe flackerte etwas und liess das Ganze noch bizarrer erscheinen als es ohnehin schon war.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Mann sprach nach der Schrift, war also keiner aus der Gegend.\u00a0<em>Was\u00a0wollen Sie?,\u00a0<\/em>fragte Magdalena mit zitternder Stimme.\u00a0<em>Wir haben hier vor ein paar Wochen etwas versteckt, und das wollen wir uns jetzt holen. Dann machen&#8217;s uns etwas zu essen, und morgen fr\u00fch sind Sie uns wieder los.\u00a0<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Pass auf sie auf,\u00a0<\/em>sagte der \u00c4ltere zu seinem Kumpanen,\u00a0<em>ich hol derweilen das Zeug.\u00a0<\/em>Er verliess die H\u00fctte und kam wenig sp\u00e4ter mit einem Beutel aus Leder zur\u00fcck.\u00a0<em>Hat alles gut \u00fcberstanden. Es ist alles noch da,\u00a0<\/em>sagte er zu dem J\u00fcngeren.\u00a0<em>Sie hat uns gesehen und kann uns beschreiben. Meinst, dass das so eine gute Idee war?,\u00a0<\/em>fragte er den \u00c4lteren.\u00a0<em>Was schl\u00e4gst denn vor?,\u00a0<\/em>fragte dieser.\u00a0<em>Hier heroben, da gibts eine Menge Spalten, wenn da einer reinf\u00e4llt, dauert es lange, bis man ihn findet.\u00a0<\/em>Magdalena erstarrte ob des Geh\u00f6rten.\u00a0<em>Du willst sie also auf die\u00a0Seite r\u00e4umen?,\u00a0<\/em>sagte der \u00c4ltere in die Stille hinein.\u00a0<em>Genau,<\/em>\u00a0pflichtete der J\u00fcngere bei und ein schiefes Grinsen \u00fcberzog dabei sein Gesicht.\u00a0<em>Gut, dann machen wir das so, gleich morgen fr\u00fch.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Magdalena konnte kaum das Messer f\u00fchren, als sie den M\u00e4nnern etwas zu essen richtete, wie sie ihr gehei\u00dfen hatten. Dann kam ihr ein Gedanke. Unbemerkt schob sie eines der scharfen Messer unter ihre Sch\u00fcrze und trug Brot, K\u00e4se und etwas Schinken r\u00fcber zum Tisch.\u00a0<em>Zu trinken gibt&#8217;s nur Wasser, etwas anderes habe ich nicht.\u00a0<\/em>Die M\u00e4nner stopften sich ihre M\u00e4uler voll und sprachen nur noch Belangloses. Magdalena w\u00fcrdigten sie keines Blickes mehr.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Etwa eine Stunde sp\u00e4ter schoben sie das Alte Sofa und die Bank vor die T\u00fcre, schlossen den Fensterladen und schickten sich an, sich zur Ruhe zu legen.\u00a0<em>Damit Sie nicht auf dumme Gedanken kommen,\u00a0<\/em>sagte der \u00c4ltere.\u00a0<em>Wir schlafen hier vor der T\u00fcr und dem Fenster. Weglaufen geht nicht, verstanden?\u00a0<\/em>Magdalena nickte nur.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In der Nacht, als die M\u00e4nner tief und fest schliefen und nur ihr Schnarchen das einzige Lebenszeichen war, das sie von sich gaben, fasste Magdalena einen Plan. Behutsam und leise ging sie zu Werk. Die M\u00e4nner merkten nichts und das Schnarchen verstummte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Am n\u00e4chsten Morgen war Magdalena zeitig auf den Beinen. Es war winterlich kalt, aber es fiel kein Schnee. Ohne Hast schleppte sie nacheinander zwei l\u00e4ngliche in Lodenumh\u00e4nge gewickelte Gegenst\u00e4nde ins Freie und legte diese seitw\u00e4rts an der H\u00fctte ab. Danach h\u00f6rte man es in der H\u00fctte rumoren. Magdalena schrubbte den Boden und brachte Sofa und Bank wieder an den alten Platz.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Am Nachmittag nahm Magdalena den Leiterwagen, hievte die beiden Lodenpakete hinauf, und warf noch ein Seil hinterher. Nicht weit von der H\u00fctte entfernt zeigte ein tiefer, unergr\u00fcndlicher Bergsee bereits die ersten Anzeichen von Eis. Das Schwarz des Wassers schimmerte durch die zarte Decke an der Oberfl\u00e4che.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Geht grad noch, <\/em>murmelte Magdalena, nahm das Seil, schnitt einige l\u00e4ngere St\u00fccke ab, schob schwere Steine in die Lodenumh\u00fcllung und verschn\u00fcrte alles sehr gut. Die Arbeit war anstrengend, aber schliesslich liess sie die beiden schweren Pakete durch die Eisdecke ins Wasser gleiten. Lautlos zog es sie in die Tiefe.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Magdalena sah sich um. Spuren hatte es bei dem harten und kargen Boden nicht gegeben. Den Leiterwagen verstaute sie an seinem Platz und betrat dann die H\u00fctte. Alles war wie immer, der Boden vielleicht eine Spur heller. Magdalena zog den Lederbeutel heran und schlug die Klappe zur\u00fcck. Sie meinte, ihr Herz bleibe stehen. Geldb\u00fcndel! Viele Geldb\u00fcndel.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie nahm den Beutel, l\u00f6ste eine Diele vom Boden und verstaute ihn an dem Ort, der ihr des \u00d6fteren als Versteck diente. Dann holte Magdalena eine Kerze aus dem Schrank, z\u00fcndete sie an und faltete and\u00e4chtig ihre H\u00e4nde. Es war erster Advent.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #999999;\">Foto: Commons Creative-Lizenz, flickr,\u00a0<a href=\"http:\/\/www.flickr.com\/photos\/anschieber\/\"><span style=\"color: #999999;\">AnSchieber<\/span><\/a><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":1345,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1012,304],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1330"}],"collection":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1330"}],"version-history":[{"count":28,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1330\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2037,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1330\/revisions\/2037"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1345"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1330"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1330"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1330"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}