{"id":135,"date":"2013-06-14T09:15:54","date_gmt":"2013-06-14T08:15:54","guid":{"rendered":"http:\/\/hkreiter.com\/?p=135"},"modified":"2015-09-06T16:20:55","modified_gmt":"2015-09-06T15:20:55","slug":"2-auftrag","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/2-auftrag\/","title":{"rendered":"(2) Auftrag"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Libyen ist gro\u00df. Ungef\u00e4hr f\u00fcnf Mal so gro\u00df, wie Deutschland. Na, d\u00e4mmert&#8217;s? Mir ist nur gerade eingefallen, wie vor einiger Zeit manche Politiker meinten, Libyen k\u00f6nne man aus der Luft \u00fcberwachen, mit Kampfjets. Da haben selbst Generale die Augen verdreht und gen Himmel gerichtet. <!--more-->Es gibt noch viele Statistiken, aber dies ist ja keine Geschichte \u00fcber Mathematik oder Zahlen. Vielleicht einen Vergleich doch noch: sechseinhalb Millionen Einwohner, das Land mit der W\u00fcste, 81 Millionen Deutschland. Das ist heute so.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Damals, als ich gerade in Tripolis angekommen war, war es anders. Deutschland bestand noch aus zwei Staaten, der BRD und der DDR. Und noch etwas fr\u00fcher, als ich in den 60er Jahren bei der Bundeswehr meinen Dienst versah, durfte kein Soldat, Beamter oder Zivilangestellter die DDR als solche bezeichnen. Das wurde sofort bestraft, wenigstens mit Wochenenddienst, Wache schieben oder etwas \u00e4hnlich Aufregendes. Was sie mit den Zivilisten oder Zivis, wie wir sie genannt hatten, gemacht haben, die derartig Subversives ge\u00e4u\u00dfert haben mochten, entzieht sich meiner Kenntnis. Ich vermute aber, wenigstens f\u00fcr Jahre von jeglicher Bef\u00f6rderung ausgeschlossen, und etwas sp\u00e4ter dann nur, so in den 70ern, mit Bann belegt und als kommunistische Agitatoren verdammt und aus dem \u00f6ffentlichen Dienst entfernt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das wachsame Auge des Staates h\u00e4tte ja beinahe zu einem drastischen Lehrermangel gef\u00fchrt, wenn nicht einige der Lehrer (weibliche eingeschlossen), ihre wahre Gesinnung einfach verheimlicht h\u00e4tten. Bald danach kam es dann zu der revolution\u00e4ren Neuerung, bisher problemlos verstandene Geschlechterintegration, mittels Endung zu einem v\u00f6llig neuen Durchbruch zu verhelfen. Auf einmal gab es nicht mehr nur Lehrer, sondern auch Lehrerinnen, nicht nur Auszubildende, sondern, den m\u00e4nnlichen Azubi, Auszubildender genannt, und den weiblichen Azubi, weitl\u00e4ufig als Auszubildende bezeichnet. Der einfache Lehrling, egal, ob m\u00e4nnlich oder weiblich, war ausgestorben. \u00dcbrigens der Kurzbegriff Azubi ist geschlechtsneutral geblieben, oder hat jemand jemals von Azubinnen geh\u00f6rt? Der Beruf Maurerin m\u00fcsste eigentlich hinten mit zwei &#8222;r&#8220; geschrieben werden, weil man sagt Maurerrin, h\u00f6ren Sie mal genau hin! Aber, wie gesagt, mit diesen oder \u00e4hnlich schwerwiegenden Problemen war ich damals noch nicht konfrontiert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mich hatten sie nach Tripolis geschickt, weil es dort einen potenziellen Auftraggeber f\u00fcr unsere Elektronik gab. Ich war kaufm\u00e4nnisch f\u00fcr ein bestimmtes Segment \u00a0des Gesch\u00e4ftsgebietes zust\u00e4ndig oder verantwortlich, das mich 1974 als Betriebswirt eingestellt hatte. Zusammen mit einem technisch versierten Vertriebskollegen sollten wir die ersten Vertragsgespr\u00e4che f\u00fchren. Das war die Idee; der Gesch\u00e4ftsleitung in M\u00fcnchen, muss dazu gesagt werden. Unser libyscher Counterpart hatte wohl keine Ahnung von den Vorstellungen unserer Bosse, jedenfalls war er zum vereinbarten Termin nicht anwesend oder, was viel wahrscheinlicher war, wie wir im Laufe der folgenden Monate lernten, er hatte einfach keine Lust oder null Bock, wie man heute sagt, uns zu sehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es dauert eine gewisse Zeit, bis du das libysche System kapiert hast. Du gehst in dieses Ministerium, musst dich in eine Liste eintragen, deinen Pass abgeben, f\u00fcr die Deutschen reichte auch der Personalausweis, und warten, bis man dich ruft. Jetzt sitzt du da, aber keiner ruft dich. Irgendwann, nach stundenlangem Warten auf den Ruf, sagt man dir, <i>das wird heute nichts mehr<\/i>, du sollst doch morgen wieder kommen. Und das geht dann tagelang so. Vielleicht auch \u00fcber Wochen, mit Anf\u00e4ngern bestimmt. 1978 waren wir Anf\u00e4nger.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sp\u00e4ter haben sich die Dinge zu unserem Vorteil ver\u00e4ndert. Da wussten wir rechtzeitig, ob der Mensch, den wir besuchen wollten, anwesend war oder nicht. Wir hatten Freunde, die es uns sagten oder einfach mit hineinnahmen, am Warteraum vorbei schleusten. Das ging, weil wir gute Beziehungen aufbauten und dem einen oder anderen einen Gefallen erwiesen. Dinge aus Deutschland mitbrachten, die es in Tripolis nicht gab. Hei\u00df begehrt waren Ersatzteile und technisches Ger\u00e4t jeglicher Art. Auch mal einen Satz Reifen, anders ging&#8217;s eben nicht, das nur f\u00fcr den Fall, irgendein Schlaumeier w\u00fcsste es besser. Noch waren wir aber nicht soweit und warteten gut eineinhalb Wochen von fr\u00fch morgens bis zum Abend, ohne Erfolg. Aber eben dann doch. Wir glaubten erst, der Mann m\u00fcsse sich geirrt haben, als er uns pl\u00f6tzlich ohne Vorank\u00fcndigung aufforderte, mitzukommen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dann gab&#8217;s die zweite Lektion. Wir betraten ein B\u00fcro, kein Vorzimmer, Sekretariat oder \u00e4hnliches, und standen unserem Gespr\u00e4chspartner gegen\u00fcber. Er alleine, wir zu zweit. Ich kann nicht mehr mit Bestimmtheit sagen, ob der Mann sich aus seinem B\u00fcrostuhl herausgesch\u00e4lt hatte, um uns zu begr\u00fc\u00dfen, meine aber, nein, er war sitzen geblieben, eine feste Einheit mit seinem Stuhl bildend. H\u00e4tten hier die Ma\u00dfst\u00e4be unserer Firma Geltung gehabt, m\u00fcsste der Mann entweder dem au\u00dfertariflichen Kreis angeh\u00f6rt haben oder sonst in der Leiter schon weiter oben gewesen sein. Sein Stuhl hatte Armlehnen. Ein Privileg und untr\u00fcgliches Zeichen in unserer Firma f\u00fcr den geschilderten Personenkreis.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich war gerade noch nicht AT, also Au\u00dfertariflicher, besa\u00df also einen einfachen Stuhl ohne Armlehnen. Mein Chef dagegen hatte einen, und als er bald darauf zum Abteilungsbevollm\u00e4chtigten ernannt wurde, hat man sein B\u00fcro sofort mit Vorh\u00e4ngen ausgestattet und das gesamte Mobiliar ausgetauscht, einschlie\u00dflich der Bilder an der Wand. So ist das, wenn auf der Kleidung keine Rangabzeichen getragen werden. \u00dcbrigens, sehr schnell bekam er auch ein B\u00fcro mit Vorzimmer, das stand ihm jetzt zu. Eigene Sekret\u00e4rin! Vorher hatten wir uns alle zusammen eine Assistentin geteilt. Am Rande sei erw\u00e4hnt, dass ich, fast zeitgleich, meinen Stuhl mit Armlehne bekam. Das Prinzip ist einfach, liefere gute Arbeit ab, die deinen Chef bei seiner Karriere unterst\u00fctzt, dann wird er auch dir weiterhelfen. Meistens jedenfalls.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da sass also der Mann, mit dem wir einen Vertrag machen sollten, so lautete jedenfalls unser Auftrag. Der Mann wusste ganz offensichtlich auch dieses nicht. Der Begriff\u00a0<i>verhandeln\u00a0<\/i>schien ihm fremd oder \u00a0sein Wortschatz barg ihn nicht, vielleicht noch nicht einmal seine Sprache. Die Besprechung oder das Meeting, wie man heute sagt, dauerte nicht sehr lange und der Mann bedeutete uns, zu lesen, was er uns in die Hand dr\u00fcckte, und in zwei oder drei Tagen wieder zu kommen. &#8222;Ja, wie, wann &#8230;&#8220;, versuchte ich eine Klarstellung herbei zu f\u00fchren. Das ging vollends daneben. &#8222;Ihr Deutschen seit schon ein komisches Volk&#8220;, sagte er mit einem L\u00e4cheln, was ich gar nicht f\u00fcr m\u00f6glich gehalten h\u00e4tte. &#8222;Ihr zahlt viel Geld f\u00fcr einen Urlaub am Meer, nicht wahr? Jetzt habt ihr das Meer vor der Nase, die Sonne scheint jeden Tag, und da wollt ihr so schnell, wie nur irgendwie m\u00f6glich, wieder weg. Das versteht kein Mensch. Macht euch ein paar sch\u00f6ne Tage, und kommt am Dienstag wieder, okay?&#8220; Das war&#8217;s. Wir bedankten uns und versprachen, am Dienstag wieder hier zu sein. Nicht zwei oder drei Tage, es w\u00fcrde f\u00fcnf Tage sp\u00e4ter sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em><span style=\"color: #808080;\">Foto von <a title=\"David Stanley Travel\" href=\"http:\/\/www.flickr.com\/photos\/davidstanleytravel\/\" target=\"_blank\"><span style=\"color: #808080;\">David Stanley Travel<\/span><\/a> unter einer <a title=\"creative commons 2.0\" href=\"http:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by\/2.0\/\" target=\"_blank\"><span style=\"color: #808080;\">Creative Commons Lizenz<\/span><\/a><\/span><\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":279,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[710],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/135"}],"collection":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=135"}],"version-history":[{"count":56,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/135\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2133,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/135\/revisions\/2133"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/media\/279"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=135"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=135"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=135"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}