{"id":1360,"date":"2013-12-05T15:04:25","date_gmt":"2013-12-05T14:04:25","guid":{"rendered":"http:\/\/hkreiter.com\/?p=1360"},"modified":"2018-01-23T16:51:38","modified_gmt":"2018-01-23T15:51:38","slug":"4-weihnacht","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/4-weihnacht\/","title":{"rendered":"Bayerisches &#8211; (4) Weihnacht"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Als der Bauer Simon Mooslechner am Morgen des ersten Weihnachtsfeiertages in den Stall schlurfte, um seiner Arbeit nachzugehen, kam ihm unwillk\u00fcrlich die Geschichte von der Sendlinger Mordweihnacht in den Sinn. Damals, als vor \u00fcber 300 Jahren, am 25. Dezember 1705, bayerische Aufst\u00e4ndische von Truppen des habsburgischen Kaisers Joseph I. in einem Massaker niedergemetzelt wurden, war ein Tropfen von Unvers\u00f6hnlichkeit gegen\u00fcber fremder Obrigkeit in die bayerische Volksseele gekippt worden.<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Simon Mooslechner hegte viel Sympathie f\u00fcr seine Landsleute von damals, und er f\u00fchlte auch ein wenig wie sie, denn heute war ein gro\u00dfer Tag. Etwas w\u00fcrde sich bewegen. Nicht so dramatisch wie seinerzeit, aber einschneidend sollte es schon auch werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Den K\u00fchen im Stall war&#8217;s egal. Jetzt, \u00fcber den Winter, mussten sie auf die Freiheit der Weide verzichten, aber die andere Jahreszeit w\u00fcrde auch wieder kommen. Nur, so weitreichend dachten K\u00fche nicht. Nachdem das Vieh versorgt war, verliess Simon Mosslechner den Stall und begab sich in den angrenzenden Werkzeugschuppen. Alles, was ein Bauer brauchte, fand sich hier ordentlich aufgereiht wieder. Verschiedene Sensen, dazu das Werkzeug zum Dengeln, Holz-, und Eisenrechen, Schaufeln verschiedenster Art, und vieles mehr.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Schrank in der Ecke war verschlossen. Mooslechner kramte einen Schl\u00fcsselbund aus einer Hosentasche und steckte zielsicher den richtigen Schl\u00fcssel ins Schloss. Zwei Drehungen nach links, und die schwere Holzt\u00fcre liess sich \u00f6ffnen. Stutzen und andere Gewehre standen entlang der R\u00fcckwand, mit den Kolben nach unten in hierf\u00fcr angebrachten Halterungen. Oben am Lauf, unterhalb des Korns, wurden die Waffen von einer Schiene gehalten, die sich nach Entfernen des Sicherungsschlosses zur\u00fcckschwingen liess.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mooslechner nahm einen der Stutzen heraus, \u00fcberpr\u00fcfte die Gangbarkeit des Schlosses, nickte zufrieden, steckte noch zwei Schachteln Munition in eine seiner Taschen, verschloss den Schrank und verliess den Raum. Draussen war&#8217;s noch dunkel, und ein eisiger Wind k\u00fcndete von einem weiteren kalten Wintertag.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dr\u00fcben vor&#8217;m Haus waren schemenhaft ein paar Gestalten auszumachen, die dem Mosslechner zuwinkten, als sie ihn kommen sahen. Wetterflecke aus derbem Loden verh\u00fcllten die M\u00e4nner und ihre Gewehre, die sie unter den Lodenumh\u00e4ngen trugen. Wortlos stapften sie durch den sp\u00e4rlichen Schnee in Richtung des Dorfes, und schon bald waren sie von der Finsternis verschluckt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Um die drei\u00dfig Bauern und Knechte fanden sich nach und nach beim\u00a0<em>Alten Wirt\u00a0<\/em>ein. Es war kurz nach halb sechs. Sie mussten sich sputen, denn schon bald w\u00fcrde das Angelusl\u00e4uten aus dem Kirchturm dr\u00f6hnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die M\u00e4nner trugen ihre Waffen jetzt offen \u00fcber der Schulter, die Riemen vor der Brust gespannt, den Daumen eingehakt und die Rechte um den Riemen gelegt. Es konnte losgehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit schweren Schritten schoben sich die M\u00e4nner hintereinander gehend voran. Ihr Ziel war unverkennbar ein Haus am Ortsende. Angekommen, verst\u00e4ndigten sie sich durch Zeichen, und umstellten das Anwesen. Schemenhaft sah man das massive Geb\u00e4ude Gestalt annehmen. Es mochte so um die einhundertundf\u00fcnfzig Jahre alt sein, aber man konnte trotz der immer noch vorherrschenden Dunkelheit die Hand des geschickten Zimmermanns erkennen. Fenster, Fensterl\u00e4den und T\u00fcren schienen neueren Datums zu sein. Auch das Dach machte nicht den Eindruck von Altertum.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die M\u00e4nner stellten sich auf, luden ihre Stutzen durch, pressten sie an die rechte Schulter und hoben den Lauf schr\u00e4g nach oben an. Dann, wie auf ein Kommando, alle exakt zur gleichen Zeit, zogen sie den Abzug durch. Mit einem ohrenbet\u00e4ubenden <em>Rumms<\/em> donnerte die Salve in die Luft. Die anschlie\u00dfende Stille wurde unterbrochen vom Ger\u00e4usch des Nachladens. Im gleichen Takt, als h\u00e4tten sie es einge\u00fcbt, h\u00f6rte man das Anschlagen und Verriegeln der Schl\u00f6sser.\u00a0<em>Rumms,\u00a0<\/em>knallte die n\u00e4chste Salve in die Luft. Noch einmal wiederholte sich der Spektakel, dann war es mit einem Mal mucksm\u00e4uschenstill.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Haus indessen fing es an zu rumoren. Lichter gingen an und unten wurden Fensterl\u00e4den zur\u00fcckgeschlagen. Aus den Nachbarh\u00e4usern str\u00f6mten Menschen herbei. Ja, und selbst weiter entfernt war der unverkennbare L\u00e4rm des Salven vernommen worden. Von \u00fcberall kamen nun die Leute herbeigeeilt.\u00a0<em>Wie bei einer richtigen Demonstration,\u00a0<\/em>dachte der Mooslechner.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Sch\u00fctzen hatten sich mittlerweile vor dem Haupteingang des Hauses versammelt, sodass es f\u00fcr die Herbeigeeilten kein Durchkommen gab.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ihr Wortf\u00fchrer, der Simon Mosslechner, hob mit fester und lauter Stimme an, zu rufen: <em>Mach auf Gschwender und zahl deinen Preis. Du kummst uns\u00a0nimmermehr aus!\u00a0<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Stille, nichts schien sich zu r\u00fchren. Man h\u00e4tte ein Blatt fallen h\u00f6ren. Dann, pl\u00f6tzlich, die Eingangst\u00fcre \u00f6ffnete sich, und der Gschwendner trat ins Freie.\u00a0<em>Was wollt&#8217;s denn schon in aller\u00a0Herrgotts Fr\u00fch&#8216;? Heut&#8216; am ersten Feiertag? Weihnachten ist&#8217;s. Habt&#8217;s des ebba scho&#8216; vergessen? \u00a0<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Nix hamma vergess&#8217;n, du Hallodri, du ausgschamter. Hast g&#8217;meint, wir k<\/em><i>emma net,\u00a0weil&#8217;s Weihnacht ist? Solln mas no amoi\u00a0rummsen\u00a0lass&#8217;n?, <\/i>antwortete der Mooslechner mit kompromissloser Stimme.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Na dann,\u00a0kommt&#8217;s eina in\u00a0mei\u00a0H\u00fctt&#8217;n, damit de\u00a0Gurgel gschmiert werd!,\u00a0<\/em>sagte der Gschwender und gab den Eingang frei.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Stube f\u00fcllte sich sehr rasch, und wer keinen Platz fand, stellte sich draussen auf. Der Mooslechner hob die Hand und die Anwesenden verstummten, bis es vollends ruhig war.\u00a0<em>Mia san k<\/em><i>emma, um z&#8217;gratuliern. Im Namen von alle, die da wohna und da leb&#8217;n. Es is&#8216; uns\u00a0zuatrong woa&#8217;n, dass\u00a0dei Weib a Kind hat\u00a0gebor&#8217;n, gestern, grad z&#8217;recht zur Weihnacht, wiea vor \u00fcber\u00a0zweitausend Jahr. Und da hamma uns denkt, da braucht&#8217;s was Bsonders, und so samma do!<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gerade rechtzeitig hatte das letzte Wort Mooslechners Lippen verlassen, als die schweren Glocken vom Kirchturm mit ihrem Gel\u00e4ut anfingen, als wollten sie das Ganze w\u00fcrdig beschlie\u00dfen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Langsam ist&#8217;s dann hell geworden und der Gschwender musste immer wieder nachschenken und erz\u00e4hlen. Alle freuten sich, und, als sie dann schon etwas wackelig auf den Beinen waren, wankten sie hin\u00fcber zur Kirche, um den ersten Weihnachtsfeiertag mit Gottes Dank zu beginnen, und auch den neuen Erdenb\u00fcrger haben sie in ihre Gebete eingeschlossen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #999999;\">Foto: Commons Creative-Lizenz, flickr,<a href=\"http:\/\/www.flickr.com\/photos\/chiemsee-chiemgau\/\"><span style=\"color: #999999;\">Chiemgau .::. Bayerns L\u00e4cheln [meine Heimat]<\/span><\/a><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":1380,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1012,352],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1360"}],"collection":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1360"}],"version-history":[{"count":38,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1360\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3840,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1360\/revisions\/3840"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1380"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1360"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1360"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1360"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}