{"id":1394,"date":"2013-12-11T20:07:15","date_gmt":"2013-12-11T18:07:15","guid":{"rendered":"http:\/\/hkreiter.com\/?p=1394"},"modified":"2015-02-10T21:14:36","modified_gmt":"2015-02-10T19:14:36","slug":"bayerisches-5-brauchtum","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/bayerisches-5-brauchtum\/","title":{"rendered":"Bayerisches &#8211; (5) Brauchtum"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Als die Sonne langsam am Firmament hochstieg, erschien sie durch den rei\u00dfenden Morgennebel auf den winterlichen Feldern unwirklich verzerrt und glich eher einer zerfaserten, ausgefransten Orange, als dem Glutofen, der sie ist. Auf dem Marktplatz von Dingharting r\u00fchrte sich um diese Zeit noch nichts. Tr\u00e4ge lag er da. Von sanftem Wind getriebener Pulverschnee bildete auf dem alten Kopfsteinpflaster feine Anh\u00e4ufungen, die sich, Wellen gleich, \u00fcber den ganzen Platz verteilten.<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Au\u00dferhalb des Ortes, in den Bauernh\u00f6fen, herrschte dagegen bereits rege Betriebsamkeit. Die St\u00e4lle waren auszumisten und das Vieh zu f\u00fcttern. Da und dort k\u00fcndete Maschinenl\u00e4rm noch von anderer Arbeit auf dem Hof. Bauernfamilien und Knechte kannten nicht den Luxus der St\u00e4dter, sp\u00e4t ins Bett zu gehen und am Morgen faul liegen zu blieben, um auszuschlafen. Tagein tagaus gingen sie ihrer Arbeit nacht. Sieben Tage in der Woche. 365 Tage im Jahr. Keinen Urlaub, immer nur Arbeit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ihre K\u00f6rper waren von der schweren und oft auch entbehrungsreichen Arbeit gezeichnet, denn viele der H\u00f6fe warfen einfach nicht genug ab. Es gab allerdings auch gro\u00dfe und reiche Bauern. Unter ihnen waren nicht selten solche anzutreffen, die schamlos jede Gelegenheit ausnutzten, um den Kleinen und Armen den Hahn abzudrehen. Da halfen sie gerne zusammen, die Noblen, und waren froh, wenn es wieder einen Falotten, wie sie das Gew\u00fcrm nannten, weniger gab im Dorf.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Steigerbauer war einer jener kleinen, nichtsnutzigen Dorfschaben, auf dessen Land der Gutsbesitzer Firnthaler schon lange ein Auge geworfen hatte. Wenn der Steigenbauer samt Weib und Kinder aus dem Dorf verschw\u00e4nden, w\u00e4re es gerade recht gewesen. <em>Ein Gschmoa\u00df, das kaum ihre Felder bestellte und nur missliches Vieh auf die Weide trieb<\/em>, so dachten die Gro\u00dfen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jetzt wollte es die Zeit, dass eines Tages jener Gutsbesitzer des Weges kam und justament ganz in der N\u00e4he vom Steigenbauer einen Platten fuhr. Er schlingerte noch ein wenig die Fahrbahn entlang, rammte irgend etwas und kam dann zum Stehen.\u00a0<em>So ein Mist,\u00a0<\/em>entfuhr es dem noblen Herrn. Der Schaden regte ihn weniger auf als die Tatsache, dass er ausgerechnet hier fest hing, wo es weit und breit keine Hilfe gab. Der\u00a0<i>Rums\u00a0<\/i>war ein Felsen am Stra\u00dfenrand gewesen, und da half alles Fluchen nichts, weiterfahren konnte er nicht mehr.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gerade, als er zum Telefon greifen wollte, sah der Firnthaler einen Traktor des Weges kommen.\u00a0<em>Auch das noch,\u00a0<\/em>entfuhr es ihm, als er sah, wer da direkt auf ihn zufuhr.\u00a0<em>Gr\u00fcss Sie Steigerbauer,\u00a0<\/em>sagte Firnthaler, als der Traktor auf gleicher H\u00f6he mit ihm war und angehalten hatte.\u00a0<em>Ja der Herr Gutsbesitzer Firnthaler,\u00a0<\/em>erwiderte der Steigerbauer, und f\u00fcgte sp\u00f6ttisch hinzu: \u00a0<em>Haben&#8217;s etwa Ihr sch\u00f6nes\u00a0<\/em><i>Auto ein wenig zu weit nach links gesteuert, obwohl wir doch hier bei uns immer ganz rechts fahren sollen?<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Firnthaler kochte. Musste er sich von diesem Hinterfotz auch noch verspotten lassen. Er schluckte seinen \u00c4rger hinunter und fragte, so freundlich, wie er nur konnte, ob ihn der Steigerbauer nicht mitnehmen k\u00f6nne.\u00a0<em>Steigens auf, ich fahr&#8216; nach Dingharting.\u00a0Muss\u00a0sowieso da hin.\u00a0<\/em>Firnthaler stieg auf den Traktor und quetschte sich auf den unbequemen Notsitz \u00fcber dem rechten Radkasten. Er, mit seinem feinen Anzug, auf diesem vor Schmutz nur so strotzendem Gef\u00e4hrt. Das war aber noch nicht alles. Zahlreiche Gaffer s\u00e4umten die Stra\u00dfe in Dingharting und machten sich einen Spa\u00df aus seiner misslichen Lage.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was er so alles zu h\u00f6ren bekam: Ob der Steiger, jetzt einen neuen Knecht habe oder, ob er, der Firnthaler, mit dem Steiger einen neun Busenfreund gefunden h\u00e4tte, und so weiter. Nur m\u00fchsam konnte \u00a0er sich beherrschen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Steigerbauer genoss es ganz offensichtlich, den Firnthaler so vorzuf\u00fchren, denn ein breites Grinsen \u00fcberzog sein derbes Gesicht. Da, pl\u00f6tzlich, ein Ball, und gleich darauf die kleine Tannenberger Resi! Starr vor Schreck, hielten die Leute die Luft an. Kein Spott mehr und kein Frotzeln! Schreckensbleich sahen sie vorher, was unweigerlich kommen musste. Entsetzt schrie einer:\u00a0<em>Um Gottes Willen, die Resi!\u00a0<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als n\u00e4chstes sahen die Leute, wie der Firnthaler in hohem Bogen vom Traktor flog und im Staub der Stra\u00dfe liegen blieb. Die Resi dagegen freute sich \u00fcberschw\u00e4nglich, dass ihrem geliebten Ball nichts passiert war, nahm ihn, und sprang zur\u00fcck in den Garten, aus dem sie zuvor herausgest\u00fcrzt war.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Steiger war immer schon ein vorausschauender Mensch gewesen, und so reagierte er einfach logisch:\u00a0<em>Wo ein Ball, ist auch ein Kind nicht fern!,\u00a0<\/em>signalisierte sein Gehirn instinktiv, und er trat sofort mit voller Kraft auf die Bremse. Der Firnthaler, dem jene \u00a0Lebensweisheit des Steigerbauern nicht zu eigen war, merkte deshalb viel zu sp\u00e4t, was gleich geschehen w\u00fcrde. Und so flog er auch schon, bevor er sich es noch versah, und lag im Dreck auf der Stra\u00dfe.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vorsichtig erhob sich der Firnthaler, klopfte Schmutz und Staub von seinen Kleidern, schaute benommen drein, und fragte schliesslich, was geschehen sei.\u00a0<em>Ja, Firnthaler,\u00a0<\/em>sagte einer,\u00a0<em>weisst es nicht.\u00a0<\/em><i>Runtergehauen\u00a0hast dich vom Steiger\u00a0seim Traktor!\u00a0<\/i>Der Firnthaler blickte den Mann v\u00f6llig bel\u00e4mmert an, und es war f\u00fcr jedermann erkennbar, dass er nicht verstand, was man \u00a0soeben gesagt hatte. \u00a0<em>Ich versteh&#8216; net,\u00a0<\/em>sagte er nach einer Weile,\u00a0<em>wer is der Firnthaler, und von welchem\u00a0<\/em><i>Traktor sprechen Sie?\u00a0<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Leute tuschelten, und einer meinte:\u00a0<em>Do legst di nieda! Den hots sauba dawischt. Der woass nix mehr, ned amoi, wer a selba is! \u00a0Ich nimm eam mit hoam.\u00a0<\/em><i>Schickts an\u00a0Doktor au\u00dfa zu mia!, <\/i>sagte der Steiger und bedeutete dem Firnthaler, sich wieder auf den Traktor zu setzen. Der tat, wie ihm gehei\u00dfen und setzte sich auf den Behelfssitz, wo er zuvor schon gesessen war. \u00a0Der Steiger wendete, und fuhr zur\u00fcck, auf seinen Hof.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dort angekommen, bugsierte er den Firnthaler in die Stube, sagte, er solle sich setzen, holte einen Bogen Papier, und von irgendwo her einen Kugelschreiber. Er dr\u00fcckte dem Firnthaler den Stift in die Hand und sagte, er solle schreiben, was er ihm gleich diktiere. Der Firnthaler schaute verst\u00e4ndnislos, tat aber, was der Steigerbauer von ihm wollte. Dann unterzeichneten sie beide das Schriftst\u00fcck. Als Datum f\u00fcgte der Steiger eines ein, das drei Wochen fr\u00fcher lag.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Tag verging und die Nacht zog herauf. Der Firnthaler lag im Bett einer Kammer, die normal f\u00fcr Bedienstete gewesen w\u00e4re, wenn der Steigerbauer sich solche h\u00e4tte leisten k\u00f6nnen. Der Doktor war da gewesen und hatte gemeint, das w\u00fcrde schon wieder vor\u00fcbergehen. Der Ged\u00e4chtnisverlust k\u00e4me vom Sturz, aber er w\u00fcrde nicht sehr lange andauern.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als der Firnthaler am n\u00e4chsten Tag, immer noch leicht benommen, wieder zu sich kam, wusste er zwar wieder, wer er war, aber an den Sturz vom Traktor konnte er sich nicht erinnern. Und so zogen die Tage ins Land, und kaum mehr einer sprach \u00fcber den Vorgang. Die Leute vergessen schnell, wenn ein Ereignis f\u00fcr sie nicht wichtig war oder sie noch nicht einmal betraf.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Beinahe h\u00e4tte alles wieder seinen gewohnten Gang gehen k\u00f6nnen, w\u00e4re da nicht das Schriftst\u00fcck gewesen. Eines Tages, nur ein paar Wochen sp\u00e4ter, stattete der Steiegerbauer dem Firnthaler n\u00e4mlich einen Besuch ab und legte ihm das besagte Schriftst\u00fcck unter die Nase, und sagte:\u00a0<em>Was ist jetzt, Firnthaler, du wolltes doch zum Notar! Ich hab&#8216; aber bis jetzt nix mehr g&#8217;h\u00f6rt von dir, und vom Notar auch net!\u00a0<\/em>Der Firnthaler schaut verst\u00e4ndnislos auf den Steiger und verstand nicht, was dieser von ihm wollte.\u00a0<em>Was willst denn \u00fcberhaupt von mir?,\u00a0<\/em>fragte der Firnthaler ungehalten.\u00a0<em>Ja, was soll denn des jetzt? Du hast mia doch de zwoa gross&#8217;n Wiesen unten am\u00a0<\/em><i>Bach versprochen. Damit&#8217;s mir wieder besser geht und der Ertrag steigt. Weil du sie eh net mehr brauchst, hast g&#8217;sagt, und dann ham mia des schriftlich g&#8217;macht. Damit&#8217;s verbrieft ist, hast g&#8217;sagt. Und dann hama ei&#8217;gschlong, ganz, wia&#8217;s der Brauch ist.\u00a0<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Eingeschlagen haben wir?,\u00a0<\/em>fragte der Firnthaler immer noch fassungslos, ob der Dinge, die da auf ihn zukamen.\u00a0<em>Die zwei gro\u00dfen Wiesen?,\u00a0<\/em>das waren die besten, die er besa\u00df, und diese sollte er dem Steiger versprochen haben? Er sch\u00fcttelte den Kopf, aber das Schriftst\u00fcck log nicht. Es trug seine Handschrift und seine Unterschrift.\u00a0<em>Zefix!,\u00a0<\/em>entfuhr es ihm, da war nichts zu machen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und so ist aus dem Nichtsnutz Steiger ein wohlhabender Bauer geworden, den alle respektierten. Nur einer r\u00e4tselt bis heute, was ihn seinerzeit geritten hatte, einen derartigen Handel zu machen. Zwei seiner besten Wiesen, und umsonst! Der Firnthaler sch\u00fcttelt oft den Kopf \u00fcber so viel Bl\u00f6dheit, die ihm da widerfahren war und verstand sich dann selbst nicht mehr.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #999999;\">Foto: Creative Commons-Lizenz, flickr,\u00a0<a href=\"http:\/\/www.flickr.com\/photos\/96990975@N02\/\"><span style=\"color: #999999;\">j.wiecker<\/span><\/a><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":1409,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[352],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1394"}],"collection":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1394"}],"version-history":[{"count":17,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1394\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2039,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1394\/revisions\/2039"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1409"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1394"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1394"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1394"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}