{"id":1421,"date":"2013-12-19T16:53:17","date_gmt":"2013-12-19T14:53:17","guid":{"rendered":"http:\/\/hkreiter.com\/?p=1421"},"modified":"2015-02-10T21:15:40","modified_gmt":"2015-02-10T19:15:40","slug":"bayerisches-6-rauhnaechte","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/bayerisches-6-rauhnaechte\/","title":{"rendered":"Bayerisches &#8211; (6) Rauhn\u00e4chte"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Der Lehnthaler geh\u00f6rte zu den Alteingesessenen. Manche vom Ort hatten sogar noch seinen Urgro\u00dfvater gekannt. Die Severina Baumgartner zum Beispiel, die selbst schon \u00fcber hundert Jahre z\u00e4hlte, und von der niemand mehr mit Bestimmtheit zu sagen wusste, wie sie zu ihrem doch seltsam klingenden Vornamen gekommen war. <!--more-->Die Leute erz\u00e4hlten, es sei wegen ihrer Blutsverwandtschaft mit Familien aus dem fernen Rom gewesen. Der Vater ihres Urgro\u00dfvaters, also ihr Ururgro\u00dfvater, soll n\u00e4mlich seinerzeit eine von da unten geehelicht haben. Und quasi als Reminiszenz an jene Vorfahren sei ihr der Name gegeben worden. Andere meinten, es sei einfach daher gekommen, weil Severinas Vater M\u00fcnzen gesammelt h\u00e4tte, und eines Tages von einer M\u00fcnze geh\u00f6rt oder sie sogar besessen habe, auf der das Konterfei einer\u00a0<em>Ulpia Severina<\/em>\u00a0abgebildet war,<em>\u00a0<\/em>die die Ehefrau des r\u00f6mischen Kaisers\u00a0Aurelian gewesen ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie auch immer, der Lehnthaler hielt sehr viel auf Brauchtum. Das hatte er so von seinem Vater \u00fcbernommen, der es wiederum von seinem Vater \u00fcberliefert bekommen hatte, und so fort. \u00a0Nun, heute, am 24. Dezember, begann die Zeit der Rauhn\u00e4chte, die bis Heilig Drei K\u00f6nig, also bis zum 6. Januar, andauerten. Schauriges geschah in dieser Zeit, wie der Lehnthaler nur zu genau wusste. Obwohl man eigentlich sagte, dies sei die <em>heilige Zeit,<\/em> war es doch so, dass wildgewordene D\u00e4monen durch die L\u00fcfte zogen, und besonders in den N\u00e4chten vom 24. auf den 25. Dezember und vom 5. auf den 6. Januar ihr Unheil verbreiteten und den Menschen b\u00f6sen Schaden zuf\u00fcgen wollten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Weil der Lehnthaler aber eine gute Hand im Umgang mit diesen schaurigen Gewalten besass, kamen sie von \u00fcberall her, fragten ihn um Rat, und kauften ein S\u00e4ckchen mit besonderem R\u00e4ucherwerk. Der Lehnthaler tat&#8217;s gern und erkl\u00e4rte den Leuten, wie sie es machen mussten. Seinen Anweisungen war auf das Genaueste Folge zu leisten, andernfalls h\u00e4tte es nicht nur nichts gen\u00fctzt, sonder die Kraft der ungest\u00fcmen B\u00f6sewichte ins Unermessliche gesteigert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Lehnthaler selbst verwendete stets die gleiche Pfanne aus Eisen, legte da hinein \u00a0einige St\u00fccke gl\u00fchender Kohle, die er seit Mitternacht des Vortages am Glimmen und Kokeln hielt, legte darauf ein paar St\u00fcckchen R\u00e4ucherwerk und zog damit durch Haus, Stall und Scheune. Diesen Vorgang wiederholte er mehrmals w\u00e4hrend der Rauhn\u00e4chte, und besonders in den beiden kritischen N\u00e4chten qualmte es aus allen Ecken seines Anwesens.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nun geschah es exakt in der Nacht auf den 25. Dezember, dass in den Morgenstunden, als es noch dunkel war, und kein Schimmer das nahende Tageslicht verk\u00fcndete, pl\u00f6tzlich in weiter Ferne ein Feuerschein das Firmament erhellte. Kurze Zeit sp\u00e4ter nur l\u00e4utete die Glocke der Dorfkirche, wie wahnsinnig geworden, Alarm. Die jungen Burschen waren die ersten, gefolgt von den \u00e4lteren M\u00e4nnern, die sich am Feuerwehrhaus einfanden. Mit Get\u00f6se und Tat\u00fctata fuhren die Wagen ab. Bauern und Knechte folgten auf Traktoren mit allen m\u00f6glichen Werkzeugen bewaffnet. Der Hirsbauer brannte, und da kamen alle, um zu helfen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Den Stall und das Wohnhaus konnten die Helfer den w\u00fctenden Flammen entrei\u00dfen, aber die Scheune brannte zu einem Grossteil ab. <em>Mia hams g&#8217;macht, wia da Lehnthaler g&#8217;sagt hat, dann muass in da Scheu&#8217;n an Funk&#8217;n geben hom, der se verflogn hat, aber mia hams net gemerkt, und dann war&#8217;s scho passiert. <\/em>In Windeseile wurde der Lehnthaler herbeigeholt. Als er die Bescherung sah und die Pfanne des Hirsbauern begutachtete, sch\u00fcttelte er den Kopf und sagte:\u00a0<em>Ich hab&#8216; euch doch g&#8217;sagt, in der Scheune m\u00fcsst&#8217;s an D\u00e4monenschutz auf de\u00a0Pfanne tun! Hab&#8216; i net?\u00a0<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Hirsbauer konnte nicht anders, als zuzugeben, dass er das vergessen hatte.\u00a0<em>Oder host as\u00a0Geld f\u00fcr&#8217;n Deckl spar&#8217;n <\/em><i>wolln? Du Geizkragen du alter!, <\/i>stichelte der Lehnthaler. Es sei ja wohl klar, dass man in der Scheune kein offenes Feuer bewegen d\u00fcrfe, sagte einer der Feuerwehrleute. Und \u00fcberhaupt, was dieser Unsinn solle?, fragte ein anderer.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Tage gingen dahin, und der Hirsbauer hatte mit der Versicherung schon alles geregelt. Man war sich schnell einig gewesen, nur das Wichtigste zu Protokoll zu nehmen, und als der Hirsbauer, wie zuf\u00e4llig, dem Schmiedl Toni, das war der Versicherungsvertreter, ein Kuvert zusteckte und lakonisch bemerkte,\u00a0<em>f\u00fcr dich, damit&#8217;st as a\u00a0wenig besser hast,\u00a0<\/em>war im Protokoll nichts mehr zu lesen von einem Ausr\u00e4uchern nach der Methode Lehnthaler. Am Land, da verstehen sich die Leute eben noch, und brauchen nicht viele Worte, um auszudr\u00fccken, was sie bewegt. Eine Hand w\u00e4scht immer noch die andere. So war es fr\u00fcher, und so wir es immerzu auch bleiben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als sich nun der 5. Januar n\u00e4herte, und die Lehnthaler-Anh\u00e4nger mit den Pfannen voller Qualm durch ihre H\u00e4user eilten, begab es sich, dass jener Feuerwehrmann, der damals, als es beim Hirsbauer brannte, eine abf\u00e4llige Bemerkung tat, wieder voller Hohn am Fenster stand und sich \u00fcber seine Landsleute lustig machte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als er so stand, und des n\u00e4chtens ein Scheit Holz auf die Glut im Ofen legen wollte, fuhr mit einem Mal ein heftiger Windstoss in den Kamin, schleuderte das noch nicht geschlossene Feuert\u00fcrchen zur\u00fcck und stob eine Menge Glut und Asche in den Raum. Verdutzt begriff der Feuerwehrmann blitzschnell, was das zu bedeuten hatte. Da und dort fing es bereits an zu glimmen, und alleine w\u00fcrde er das entstehende Feuer nicht mehr l\u00f6schen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wieder l\u00e4utete die Glocke der Dorfkirche ihren Alarm. Feuerwehr und Bauern r\u00fcckten an, ganz so, wie damals beim Hirsbauern. Lichterloh brannte alles, und es schien, als w\u00fcrden die Flammen immer noch mehr werden.\u00a0<em>Wie verhext!,\u00a0<\/em>rief einer. Ein anderer bemerkte:\u00a0<em>D\u00f6s kommt davon,\u00a0<\/em><i>wenn&#8217;s dich lustig machst \u00fcber alte Br\u00e4uch&#8216;!\u00a0<\/i>Und noch lange wurde dar\u00fcber diskutiert und im Wirtshaus palavert, wie man die D\u00e4monen f\u00f6rmlich hineinfahren hat sehen ins Haus des Feuerwehrmannes. Andere haben gemeint, das k\u00e4me davon, wenn man beim Bau des Kamins und des Ofens Geld sparen wollte. Aber einig waren sich alle: Wenn die Weihnacht wieder nahte und die Rauhn\u00e4chte vor der T\u00fcr&#8216; st\u00fcnden, sollte der Lehnthaler das R\u00e4uchern \u00fcbernehmen, denn ein Risiko wollte niemand mehr eingehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #999999;\">Foto: Commons Creative-Lizenz, flickr,<a href=\"http:\/\/www.flickr.com\/photos\/mlursus\/\"><span style=\"color: #999999;\">MLursus<\/span><\/a><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":1434,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[352],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1421"}],"collection":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1421"}],"version-history":[{"count":20,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1421\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2040,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1421\/revisions\/2040"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1434"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1421"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1421"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1421"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}