{"id":1444,"date":"2013-12-28T22:10:59","date_gmt":"2013-12-28T20:10:59","guid":{"rendered":"http:\/\/hkreiter.com\/?p=1444"},"modified":"2015-02-10T21:16:16","modified_gmt":"2015-02-10T19:16:16","slug":"neujahr","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/neujahr\/","title":{"rendered":"Neujahr"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Als der Leermoser Franz am sp\u00e4ten Abend des 24. Dezember noch in die Berge stieg, sah keiner seiner Nachbarn, wie er schnell aus dem Kegel der Stra\u00dfenbeleuchtung eilte, um mit dem Dunkel der Nacht zu verschmelzen. Er h\u00e4tte hinterm Haus \u00fcber den Zaun steigen k\u00f6nnen, aber das war ihm zu viel Aufwand.<!--more--> Am Heiligabend sa\u00dfen die Leute in den Stuben beisammen, sangen fromme Weihnachtslieder oder lasen aus der Bibel vor. Niemand w\u00fcrde drau\u00dfen sein und ihn bemerken. Den schweren Rucksack eng um die Schultern geschnallt, dass ihm die Riemen beinahe in die Haut schnitten, schritt der Leermoser z\u00fcgig aus. Bis vor wenigen Stunden hatte es noch geschneit, sodass im Schnee tiefe Spuren zur\u00fcckblieben.\u00a0<em>Es wird in dieser Nacht sicher noch mehr Schnee geben und die Spuren zudecken,\u00a0<\/em>sagte sich Leermoser, und stapfte weiter.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Weiss des Schnees erlaubte ein wenig Sicht in der sonst finstren Nacht und Leermoser kam gut voran. Eine gute Stunde mochte er so marschiert sein, als sich zur Rechten ein Tannenwald auftat. Leermoser bog einen kaum wahrnehmbaren Trampelpfad ein. Seine Augen musste er jetzt schon sehr anstrengen, um den Pfad im dichten Geh\u00f6lz nicht zu verlieren. \u00a0Zielsicher kam er aber auch hier gut voran.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Anstieg kostete Kraft und Leermosers Atem entfuhr stossweise dem leicht ge\u00f6ffneten Mund. Noch eine Biegung und der Pfad endete unmittelbar am Rand des Waldes, der an dieser Stelle von einer nur wenige Meter entfernten schroff ansteigenden Felswand zur\u00fcckgedr\u00e4ngt wurde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vorsichtig nahm Leermoser den Rucksack vom R\u00fccken, stellte ihn auf den Boden und streckte wohlig seinen R\u00fccken. Er blickte sich um, als wolle er sich vergewissern, dass auch wirklich niemand in der N\u00e4he war, nahm den Rucksack auf und verstaute ihn in einer nahe gelegenen Felsspalte. Dann las er etwas Tannenreisig vom Boden auf, stopfte es in den Spalt, um schliesslich auch noch Schnee hinterher zu pressen. Niemand w\u00fcrde das Versteck entdecken.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der zweite Weihnachtsfeiertag sandte schon am fr\u00fchen Morgen reichlich Schnee auf das Dorf und seine Bewohner. Wenn es nicht nachliess, w\u00fcrden nur wenige Besucher den Weg in die Kirche finden. Die anderen w\u00fcrden zu Hause die D\u00e4cher von den schweren Schneelasten befreien und notd\u00fcrftig Wege frei r\u00e4umen, damit die wichtigsten Arbeiten am Hof erledigt werden konnten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Leermoser war mit Schneeschuhen angetan schon zeitig aufgebrochen. In Sekundenschnelle verwehten die dichten Flocken jegliche Spuren und verbargen, wohin es den Mann schon so fr\u00fch am Morgen hinzog. Dem Rucksack im Versteck entnahm er zwei P\u00e4ckchen und eine Rolle, die aussah, als w\u00fcrde sie aus einer gedrillten Schnur bestehen. Des Weiteren zog er einen Stutzen heraus, jenes kurzl\u00e4ufige Gewehr, das viele der Einheimischen entweder ganz offiziell besa\u00dfen oder andernfalls versteckt hielten. Zwei P\u00e4ckchen mit Patronen schob er in eine der Taschen seines Umhangs aus derbem Loden. Alles andere verstaute er zur\u00fcck in den Rucksack und marschierte los.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine Stunde sp\u00e4ter hatte der Leermoser das eigentliches Ziel seiner morgendlichen Anstrengung erreicht. Vor ihm lag der einsam gelegene Hof der Leitners. \u00a0Seit er denken konnte, war seine Familie mit der der Leitners verfeindet. Sogar mehr noch. Schon sein Vater und Gro\u00dfvater hatten von dem ewig w\u00e4hrenden Streit mit den Leitners erz\u00e4hlt. Wo es nur ging, versuchte einer dem anderen eins auszuwischen. Manchmal handelte es sich nur um harmlose Dinge, oft aber waren es auch deftige Gemeinheiten, so, wie zuletzt die von den Leitners.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Angeblich war einer ihrer Mistkarren w\u00e4hrend der Fahrt kaputt gegangen, weshalb sie eine Fuhre Mist just auf die Zufahrt des Anwesens der Leermosers kippten, andernfalls sie das defekte Fuhrwerk nicht h\u00e4tten weiter bewegen k\u00f6nnen. So hatten sie es jedenfalls beim Dorfgendarm zu Protokoll gegeben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Mass war voll, und deshalb stand der Leermoser Franz jetzt hier, wo er war. Franz legte \u00fcber seinen Lodenumhang einen zweiten, wei\u00dfen Umhang, der unverkennbar, einfach geschneidert, aus einem Bettlaken bestand. Dann nahm er die Rolle zur Hand, \u00a0befestigte die Enden zweier Dr\u00e4hte an einem Kasten mit einer Kurbel, \u00fcber den er eine stabile Box aus einem leichten Plastikmaterial st\u00fclpte und am Ort zur\u00fcck liess. Daneben packte er den, in einem wasserdichten Futteral eingeschlagenen Stutzen mit den Patronen. W\u00e4hrend er sich auf das Haus zu bewegte, wickelte er die Z\u00fcndschnur ab. Immer drauf bedacht, dass ihn keiner bemerken k\u00f6nnte, was angesichts des Bettlakens, das ihn umh\u00fcllte, im dichten Schneetreiben ohnehin kaum m\u00f6glich gewesen w\u00e4re, dachte er.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Dieses Jahr Silvester wirst nicht so leicht vergessen,\u00a0<\/em>murmelte der Leermoser Franz, w\u00e4hrend er die beiden P\u00e4ckchen mit Sprengstoff, wie sie ihn auch beim Absprengen von Lawinen verwendeten, unterm Dach auf der R\u00fcckseite des Leitnerhauses anbrachte. Das Dach war an dieser Stelle weiter herunter zum Boden gezogen, sodass er es leicht erreichen konnte. Die Z\u00fcndschnur pichte er mit einer Art Plastilin am Geb\u00e4lk fest. Pr\u00fcfend blickte er noch einmal in die Runde, aber von der Z\u00fcndschnur war wegen des Schnees schon nichts mehr zu sehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">An Silvester hatte es keinen weiteren Schnee mehr gegeben. Ein strahlender, winterlicher Sonnentag verk\u00fcndete die letzten Stunden des alten Jahres. Am Abend w\u00fcrde es in den Wirtsh\u00e4usern hoch hergehen, und um Mitternacht w\u00fcrden die Gebirgssch\u00fctzen, wie allj\u00e4hrlich, mit ihren B\u00f6llern das neue Jahr begr\u00fc\u00dfen. Ein mords Spektakel sollte es werden, auf den sich die Leute im Dorf schon lange freuten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gegen 22 Uhr machte sich der Leermoser Franz auf den Weg. Alles, was er brauchte, war schon seit Tagen vor Ort, ganz, wie er es geplant hatte. Lange vor Mitternacht erreichte er den Kasten mit der Kurbel. Den Stutzen zog er aus dem Futteral, schob zwei Patronen in die L\u00e4ufe und wartete auf seinen Augenblick. Exakt, wenn die B\u00f6ller der Gebirgssch\u00fctzen den ersten Schlag taten, w\u00fcrde er die Kurbel drehen und den Z\u00fcndknopf dr\u00fccken. Nur den Bruchteil einer Sekunde sp\u00e4ter w\u00fcrde ein ohrenbet\u00e4ubender Knall die Berge ersch\u00fcttern und das Echo mit einem gewaltigen Get\u00f6se bis ins Dorf zur\u00fcckschleudern. Die Sprengung w\u00fcrde einen Teil des Daches vom Haus der Leitners weggerissen haben. Die Leitners aber w\u00fcrden zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht wissen, dass der fulminante Knall seinen Ursprung in ihrem Haus genommen hatte. Wie alle anderen w\u00fcrden sie n\u00e4mlich im Wirtshaus sitzen und sich wunderen, was geschehen w\u00e4re.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Kurz vor Mitternacht: Der Leermoser Franz dreht die Kurbel und richtet den Stutzen. Nach der Sprengung wollte er noch einige Salven hin\u00fcberschie\u00dfen. Nur so, wegen der Gaudi, wie er meinte. Jetzt, gleich war es so weit! Noch ein paar Sekunden! Die ersten B\u00f6ller. Den Z\u00fcndknopf dr\u00fccken! Ein entsetzter Blick in Franzens Augen! Zu sp\u00e4t sah er, was gar nicht sein konnte. Die Sprengstoffp\u00e4ckchen! Links und rechts waren sie am Kasten mit der Kurbel befestigt. Wieso, warum? Dann zerriss eine wuchtige Explosion die kurze Stille zwischen den B\u00f6llern der Gebirgssch\u00fctzen. Der Stutzen flog durch die Luft und entlud zwei Salven von Schrot, als die H\u00e4mmer auf die Z\u00fcndkapseln knallten. Der Franz h\u00e4tte aufgejault vor Schmerz, als das Schrot ihn traf, aber er sp\u00fcrte es nicht mehr.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als die Leute vom Dorf am Hof der Leitners angekommen waren und das Ausmass der Verw\u00fcstung sahen, konnte sich niemand einen Reim auf das Geschehene machen. Sie fanden den Leermoser Franz zwar noch lebend vor, aber er konnte nichts mehr sagen, und schon wenig sp\u00e4ter war er verstorben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">F\u00fcr einen der Leitners galt diese Unwissenheit nicht, aber er sagte nichts und behielt sein Geheimnis f\u00fcr sich. Er war es gewesen, der den Leermoser trotz aller Vorkehrungen beobachtet hatte und den Sprengstoff am Kasten mit der Kurbel befestigte.\u00a0<em>Damit k\u00fcnftig a Ruh is,\u00a0<\/em>wie er meinte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #999999;\">Foto: Creative Commons-Lizenz, flickr,<a href=\"http:\/\/www.flickr.com\/photos\/dskley\/\"><span style=\"color: #999999;\">Skley<\/span><\/a><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":1456,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[304],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1444"}],"collection":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1444"}],"version-history":[{"count":17,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1444\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2041,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1444\/revisions\/2041"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1456"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1444"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1444"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1444"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}