{"id":151,"date":"2013-06-15T12:00:01","date_gmt":"2013-06-15T11:00:01","guid":{"rendered":"http:\/\/hkreiter.com\/?p=151"},"modified":"2015-09-06T16:21:33","modified_gmt":"2015-09-06T15:21:33","slug":"3-der-zuschlag","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/3-der-zuschlag\/","title":{"rendered":"(3) Zuschlag"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Wir waren dunkelbraun. Zu viel Sonne und Gott sei Dank das richtige Mittel zum Einreiben. Kein Sonnenbrand. Beneidenswert. <i>Deinen Job m\u00f6chte ich auch mal haben,<\/i> usw. Die Leute haben keine Ahnung, was Stress ist.<!--more--> Wir haben uns im sogenannten <i>Family Club\u00a0<\/i>eingetragen, was normal gar nicht geht, weil eben nur Familien vorbehalten. Aber da hatte unser Lernprozess schon die ersten Fr\u00fcchte getragen. Irgendwer machte uns mit irgendjemandem bekannt. Einladung, am Abend. Alle Europ\u00e4er laden sich permanent gegenseitig ein. Sonst w\u00e4r&#8217;s in Libyen vielleicht doch eher trostlos. Kaum einer spricht Arabisch, allenfalls ein paar Brocken, f\u00fcr jede Konversation v\u00f6llig unzureichend. Da bleibt nur freundlich L\u00e4cheln und annehmen, dein Gegen\u00fcber sagt nichts Negatives oder beschimpft dich gar.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Also wir waren auf einer dieser Einladungen, und ich meinte erst, die wollen mich ver\u00e4ppeln, aber es war so, einer der G\u00e4ste war Abs as-Salam Dschallud, nach Gaddafi, politisch gesehen, der m\u00e4chtigste Mann im Staat, Premierminister. Und wir hatten unseren Familienausweis und konnten Tennisspielen, einen Drink nehmen, nichts Alkoholisches versteht sich. Obwohl es schon auch Partys gab, bei denen ausgiebig Alkohol vernichtet wurde, selbstgebraut und selbstgebrannt. Einmal haben wir einen kennen gelernt, der besa\u00df eine umfassende Sammlung aller m\u00f6glichen Ingredienzien, direkt von <i>Riemerschmid<\/i> in M\u00fcnchen. Seine Selbstgebrannten schmeckten nach dem, was er in einer eigens hierf\u00fcr entworfenen Karte aufgef\u00fchrt hatte. Da konntest du\u00a0<i>Danziger Goldwasser, Escorial Gr\u00fcn, <\/i>einen Obstler oder sogar einen Enzian bekommen<i>. <\/i>Das haut dich um, in einem solchen Land! Das Bier schmeckte meistens auch nicht schlecht. Sie hatten nichts zu tun, in der Freizeit, meine ich. Da studierten viele die Kunst des Brauens, und sie schafften es. In Kunststofftonnen gebraut, irgendwie, und dann abgef\u00fcllt in Flaschen. Jawohl, in Flaschen! Man konnte damals irgendein Getr\u00e4nk in Flaschen mit Schnappverschluss kaufen, Literflaschen. Daher hatten sie ihren Vorrat.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Meistens am Abend und vor allem nachts wurde die Stadt und das Umland von vielerlei Kontrollen heimgesucht. Gr\u00fcppchen von drei oder vier Leuten, in zivil und allesamt bewaffnet, hielten sie nach eigenem Gusto Fahrzeuge an, verlangten den Kofferraum zu \u00f6ffnen und durchsuchten denkbare Verstecke nach Alkohol. Und man glaubt es kaum, immer wieder gingen ihnen vorwiegend Europ\u00e4er in die Falle. Jeder wusste um diese Kontrollen, wenn er l\u00e4nger als ein paar Tage im Land war. Und doch dachten manche, sie w\u00fcrde es nicht erwischen. Diese Gr\u00fcppchen bezeichneten sich selbst als Revolutionskomitees, nahmen die Ertappten in aller Regel ohne jede Legitimation mit und sperrten sie irgendwo ein. Mit guten Verbindungen konnte man vielleicht herausfinden, wo diese Leute sich befanden. Oft jedoch nicht. Dann war wochenlanges Warten voller Ungewissheit angesagt, bis dann pl\u00f6tzlich Lebenszeichen auftauchten. Es traf immer nur M\u00e4nner, Frauen waren nachts nicht alleine unterwegs, so einfach. Es wurde verhandelt und die Freilassung gegen entsprechende Bu\u00dfgelder, willk\u00fcrliche nat\u00fcrlich, bewerkstelligt. F\u00fcr Libyen waren diese Leute dann verbrannt. So war das eben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Einmal hatte es einen Kollegen erwischt. Nicht wegen Alkohol und nicht nachts, am helllichten Tag. Was war geschehen? Es war so simpel, dass man sich nur an den Kopf greifen konnte. Der Kollege hatte Fotos geschossen, zur Erinnerung, wie er sagte. Und warum auch nicht? Das machen t\u00e4glich Millionen, aber nicht in Libyen, jedenfalls damals nicht. Was n\u00e4mlich auch jedermann wusste, war, fotografieren ist dumm, weil dies der Polizei oder anderen Organen jeden erdenklichen Vorwand lieferte, den Fotografen aus dem Verkehr zu ziehen, sprich, festzunehmen. Spionage, so einfach, lautete der Vorwurf. Wieder wusste niemand, wo sich der Festgenommene aufhielt, in welchem Gef\u00e4ngnis er einsa\u00df. Wochen, Monate, konnten verstreichen, kein Lebenszeichen. Die Frauen der M\u00e4nner rebellisch, nicht wissend, was mit ihnen los ist, verlassen das Land. Die Deutsche Botschaft? Keinen Schimmer.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich wei\u00df es nicht mehr genau, aber so nach sechs, sieben Wochen tauchte der Kollege wieder auf, ohne Pass, den hatte man ihm abgenommen. Nach und nach kann man ihm entlocken, was vorgefallen war. Er selbst wusste nicht, wo exakt er hingebracht worden war. Schlimme Zust\u00e4nde. Eine zugige Zelle, anfangs nicht einmal eine Decke, Wasser auf dem Boden, Toilette ein K\u00fcbel, der manchmal, wenn der Gestank unertr\u00e4glich geworden war, durch einen leeren ersetzt wurde, Schreie von Geschlagenen, vielleicht auch simuliert, um ihn zum Reden zu bringen. Was sollte er sagen? Was wollten sie von ihm h\u00f6ren? Es ging nicht um die Fotos. Man warf ihm vor, er h\u00e4tte versucht, jemanden zu bestechen oder hat es getan, so genau differenzierten sie nicht. Er habe sich als Repr\u00e4sentant einer ausl\u00e4ndischen Firma einen Vorteil verschaffen wollen, und Bestechung sei nun mal in Libyen strafbar.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich konnte nie herausfinden, ob die Vorw\u00fcrfe berechtigt gewesen waren. Auch sp\u00e4ter nicht. Der Kollege blieb sehr verschwiegen, was diesen Teil seines Lebens anbelangte. Scheinexekutionen oder echte? Nachts oder am fr\u00fchen Morgen. Sie sorgten daf\u00fcr, dass er kaum Schlaf fand. Er halluzinierte, sah Dinge, die es nicht gab. Schl\u00e4ge, Sch\u00e4del kahl rasieren, Schl\u00e4ge, miserables Essen, abgestandenes Wasser, K\u00fcbel, zum Erbrechen, keine Ansprache, Totenstille, uns\u00e4glicher L\u00e4rm, verlieren des Gef\u00fchls von Raum und Zeit. Als sie ihn rauslie\u00dfen, war er nicht wieder zu erkennen, ein Wrack. Was sie von ihm wirklich gewollt hatten? Er hat es nie erfahren. Zu diesem Zeitpunkt nicht Wert, eine Sekunde l\u00e4nger dar\u00fcber nachzudenken. Ohne Pass, den hatte man einbehalten, sollte er schnellstens au\u00dfer Landes gebracht werden. Welche besondere Rolle ich dabei spielen sollte, wusste ich zu diesem Zeitpunkt nicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Dienstag, nicht irgendeiner, sondern jener Dienstag, an dem wir unseren Vertragspartner wieder sehen sollten, er\u00f6ffnete mit glei\u00dfender Sonne seine Pforten. Um die 40 Grad, wie all die Tage zuvor. Wir schmissen uns in unsere Business Anz\u00fcge, verzichteten auf Krawatten, weil wir mittlerweile auch gelernt hatten, dass bei diesen Temperaturen sich nur Idioten den Hals zubinden, und machten uns kurz vor acht Uhr auf den Weg.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Parkplatz asphaltiert, aber von feinem Sand \u00fcberzogen, wie \u00fcberhaupt dieser Sand \u00fcberall zugegen war. In allen H\u00e4usern, Zimmern, im Auto, einfach \u00fcberall. Gelb, manchmal auch gelb-r\u00f6tlich. Feiner noch als der feinste Sand auf den Spielpl\u00e4tzen. Einmal, auf der R\u00fcckfahrt von Sebha, so an die 800 km durch die W\u00fcste, immer entlang der Piste, die manchmal hunderte von Metern breit war, gerieten wir in einen teuflischen Sandsturm. Alles dicht. Nichts mehr zu sehen. Keine Piste, kein Fahrzeug, gar nichts. Und wir brauchten Sprit. Einen Kanister voll hatten wir noch auf der Ladefl\u00e4che des Land Cruisers. Laut Karte, ein altes St\u00fcck, noch mit einem Hakenkreuz versehen, und der gefahrenen Zeit, sollten wir ganz in der N\u00e4he einer Ortschaft sein und eine direkt an der Stra\u00dfe gelegene Tankstelle \u00a0passieren. Der Sturm war mittlerweile derart heftig geworden, dass an ein Weiterkommen nicht mehr zu denken war. Wir blieben einfach stehen und hofften, die anderen w\u00fcrden das auch tun, damit uns keiner auffuhr. Nur Sand, aussteigen unm\u00f6glich! Wozu auch? Ich kann nicht mehr sagen, wie lange das so ging, aber irgendwann konnten wir pl\u00f6tzlich\u00a0durch die Scheiben\u00a0schemenhaft die Umrisse einer Wand, vielleicht einer Mauer, erkennen. Das Bild lichtete sich noch mehr und wir fassten es nicht, wir waren von der Stra\u00dfe abgekommen und standen inmitten der gesuchten Tankstelle. Zuf\u00e4lle gibt es, das glaubst du nicht. Ein wenig sp\u00e4ter war der Sturm vor\u00fcber und wir konnten tanken.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">P\u00fcnktlich um acht Uhr betraten wir das Geb\u00e4ude, meldeten uns an und &#8230;, es schien, als h\u00e4tten wir einen Gl\u00fcckstag erwischt. Ohne warten zu m\u00fcssen, wurden wir sofort zu unserem Gespr\u00e4chspartner gebracht. L\u00e4cheln fragte er, ob es uns denn heute p\u00fcnktlich genug gewesen w\u00e4re. Einige Stunden sp\u00e4ter war der Vertrag in den wichtigen Passagen durchgesprochen, und wir entschieden, eine Diskussion zu den unwichtigeren Teilen erst gar nicht zu beginnen. &#8222;Ich verstehe euch nicht&#8220;, hatte unser Partner einmal gesagt, &#8222;ihr wollt alles auf den Buchstaben genau formulieren und niederschreiben, aber was hilft euch das wirklich? Papier ist geduldig und ertr\u00e4gt alles&#8220;, oder so \u00e4hnlich hatte er sich ausgedr\u00fcckt, &#8222;aber, wenn wir uns nicht an das halten, was wir beide wollen, dann n\u00fctzt doch auch das Papier nichts. Das Papier tut nichts, versteht ihr? Das ist doch nur ein Schein, damit ihr zufrieden seid. Leben tut unsere Abmachung doch erst durch uns. Ist es nicht so?&#8220; Mittags lud er uns in eine Art G\u00e4ste Casino ein, und wir a\u00dfen alles mit der Rechten. Besteck gab es meiner Erinnerung nach nicht. Damit hatten wir den Zuschlag erhalten. Das Essen besiegelte sozusagen den Deal.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nachmittags waren noch einige Formalit\u00e4ten zu erledigen. Ja, da waren sie uns Westlichen dann doch sehr \u00e4hnlich. Eine formale Importagentur war einzuschalten, die f\u00fcr das Ausfertigen einer Best\u00e4tigung eine ansehnliche Provision erhalten w\u00fcrde. Zur\u00fcck ins Ministerium, und wir waren beinahe sprachlos, wieder kein Warten, und mit einer gewissen Genugtuung lie\u00dfen wir die Leute im Warteraum unseren Triumpf mit Blicken sp\u00fcren. Huldvoll unterzeichnete unser Gegen\u00fcber den Vertrag, dann waren wir an der Reihe. Geschafft! &#8222;Denken Sie an den Performance Bond, 30 Tage&#8220;, sagte unser Freund noch zum Abschied, sch\u00e4lte sich aus seinem Stuhl, und geleitete uns tats\u00e4chlich bis zum Ausgang. Entweder hatten wir sein Herz gewonnen oder diese Geste war Teil der libyschen Kultur.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #808080;\"><em>Foto von <span style=\"text-decoration: underline;\"><a title=\"indigoprime\" href=\"http:\/\/www.flickr.com\/photos\/indigoprime\/\" target=\"_blank\"><span style=\"color: #808080; text-decoration: underline;\">indigoprime<\/span><\/a><\/span> auf einer <span style=\"text-decoration: underline;\"><a title=\"creative commons 2.0\" href=\"http:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-sa\/2.0\/\" target=\"_blank\"><span style=\"color: #808080; text-decoration: underline;\">Creative Commons Lizenz<\/span><\/a><\/span><\/em><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":240,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[710],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/151"}],"collection":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=151"}],"version-history":[{"count":64,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/151\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2077,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/151\/revisions\/2077"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/media\/240"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=151"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=151"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=151"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}