{"id":1522,"date":"2014-01-12T20:15:53","date_gmt":"2014-01-12T18:15:53","guid":{"rendered":"http:\/\/hkreiter.com\/?p=1522"},"modified":"2015-09-14T20:14:35","modified_gmt":"2015-09-14T19:14:35","slug":"lausbuben-2","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/lausbuben-2\/","title":{"rendered":"Lausbuben (2)"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Die Tage zogen ins Land und die Zeugnisverteilung lag schon eine ganze Weile zur\u00fcck. Das Gymnasium in Dingharting war von einer erw\u00e4hnenswerten Besonderheit gepr\u00e4gt, die aber mit der Notenvergabe direkt nichts zu tun hatte. Oder vielleicht doch, ein wenig!<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es war schon ziemlich eindeutig und auch weithin bekannt, dass der Lehrk\u00f6rper, also jene Damen und Herren, die an dieser ehrw\u00fcrdigen St\u00e4tte den Unterricht erteilten, in der Regel nicht von Ausw\u00e4rtigen durchsetzt war. Jetzt war es aber so, dass der sich allerorts breitmachende Lehrermangel auch vor Dingharting nicht halt gemacht hatte. Und das wiederum war urs\u00e4chlich f\u00fcr den einschneidenden Wandel in Gestalt des Lehrers Denzel.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Alexander Denzel ging auf die F\u00fcnfzig zu. Um die Stelle am Gymnasium hatte er sich beworben, weil er in M\u00fcnchen, wo er die letzten f\u00fcnf Jahre gewirkt hatte, keine Schule mehr fand, der ihn haben wollte. Auf drei Wechsel hatte er es in der Landeshauptstadt gebracht und selbiges steht dann nicht nur in den Personalakten, sondern spricht sich auch in Windeseile herum.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es war immer das gleiche gewesen: Denzel und der Beruf des Lehrers schien sich nicht miteinander zu vertragen, jedenfalls nicht in Bayern. Denzel hatte die (Un)-Eigenart, dass er sich gerne einen aus seiner Klasse herauspickte, den er dann aufs Korn nahm. Manche, der auf diese Weise Privilegierten, wechselten oft schon nach kurzer Zeit die Schule, andere erst zum neuen Schuljahr. Das pl\u00e4tscherte so dahin, und niemand im Kultusministerium konnte dem Treiben Denzels Einhalt gebieten. Bis zum Juli des letzten Jahres. Der Denzel hatte zu sp\u00e4t realisiert, dass sein Unmut ausgerechnet auf den Sohn eines Staatssekret\u00e4rs gefallen war.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Staatssekret\u00e4r in Bayern ist nun aber nicht irgendeine Position, \u00fcber die man so einfach hinweggehen k\u00f6nnte. Sie \u00a0ist vielmehr Teil eines der Glieder, die den Machtapparat der Bayerischen Staatsregierung bilden. Und so kam es denn, dass der Lehrer Denzel froh sein musste, eine Vakanz in Dingharting als allerletzten Strohhalm ergreifen zu k\u00f6nnen. Wenn noch einmal etwas vork\u00e4me, hatte man ihm unmissverst\u00e4ndlich mit auf den Weg gegeben, dann solle er sich am besten dort etwas suchen, wo er urspr\u00fcnglich herk\u00e4me, n\u00e4mlich ganz oben in Usedom. Nur wenige wussten, dass man auch dort vor Jahren das Kreuzzeichen geschlagen hatte, als man ihn losgeworden war.<em><br \/>\n<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Alexander Denzel nun trug in sich immer noch \u00a0einen geh\u00f6rigen Groll gegen den Zehetmeier Alois, dem er dieses unw\u00fcrdige Schauspiel in der Turnhalle verdankte. Davon war er unverr\u00fcckbar \u00fcberzeugt und allen Warnungen zum Trotz beschloss er deshalb, es diesem L\u00fcmmel geh\u00f6rig heimzuzahlen. Sp\u00e4ter, im Nachhinein, bereute Denzel seine Courage, aber da war schon zu sp\u00e4t, und was blieb, war lediglich die Einsicht, dass mit diesen Bayern nicht gut Kirschen zu essen war.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Lehrer Denzel legte f\u00fcr den Freitag dieser Woche eine angek\u00fcndigte Schularbeit fest. Der Zehetmeier Alois war nun nicht gerade das gr\u00f6sste mathematische Genie, und so reifte Denzels Plan heran, ihm bei dieser Pr\u00fcfung eins auszuwischen. Wie unabsichtlich stiess Denzel am Mittwoch der selben Woche nach dem Unterrichtsende einen Schnellhefter vom Pult. Und wie es der Zufall wollte, geschah dies just zu dem Zeitpunkt, als sich der Alois \u00a0gerade auf H\u00f6he des Pultes befand, um das Zimmer zu verlassen. Verdutzt hielt er kurz inne, nahm den Hefter auf, verbarg ihn geschickt vor den Augen Denzels und ging weiter.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Denzel lachte sich ins F\u00e4ustchen.\u00a0<em>Jetzt hab&#8216; ich dich, du\u00a0<\/em><i>Hundsfott,\u00a0<\/i>dachte er. Drau\u00dfen auf dem Gang indessen dr\u00fcckte sich der Alois etwas an die Wand und liess die anderen Sch\u00fcler vorbei str\u00f6men. Ein Blick in den Hefter zeigte ihm, dass das, was er hier in H\u00e4nden hielt, nichts Geringeres war als die Schulaufgabe vom Freitag.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Schnell informierte der Alois seine Freunde \u00fcber den Fund. Sie berieten kurz, ob man auch den Rest der Klasse einweihen sollte, entschied sich aber dann dagegen. Es durften nicht pl\u00f6tzlich alle Einser schreiben. Das w\u00e4re aufgefallen. Die Freunde legten genau fest, wer von ihnen welche Fehler einzubauen hatte, damit der Lehrer keinen Argwohn sch\u00f6pfte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit einem L\u00e4cheln teilte Denzel am Freitag die Arbeitsbl\u00e4tter aus und konnte es kaum erwarten, das Gesicht von Alois zu sehen, wenn er das Blatt gleich umdrehte. \u00a0Dann war es soweit. <em>Umdrehen und beginnen,\u00a0<\/em>sagte er und f\u00fcgte noch an,\u00a0<em>ihr habt 45 Minuten Zeit. <\/em>Mit\u00a0unverhohlener Schadenfreude\u00a0\u00a0sah Denzel dem Zehetmeier Alois ins Gesicht. Und es kam, wie von Denzel vorhergesehen. Dem Alois entglitten alle Gesichtsz\u00fcge, wie \u00fcbrigens ein paar anderen in der Klasse auch noch.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Das kann doch nicht sein,\u00a0<\/em>dachte der Alois, bis er nach ein paar Sekunden begriff, dass er von Denzel hereingelegt worden war. Die Schulaufgabe war inhaltlich eine v\u00f6llig andere als die im Schnellhefter vorgefundene. Und eine weitere Sekunde sp\u00e4ter traf in die vor Sarkasmus tropfende Stimme Denzels:\u00a0<em>Nun, Herr Zehetmeier, haben sie etwa mit etwas anderem gerechnet?<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da war nichts mehr zu machen. Alois erwiderte Denzels Blick und sagte mit fester Stimme, soweit ihm das nach dem soeben erlittenen Schock \u00fcberhaupt m\u00f6glich war: <em>Nein, ist schon recht so.\u00a0<\/em>Dann sei es ja gut, sagte Denzel und w\u00fcnschte viel Gl\u00fcck, nicht ohne noch einmal einen grinsenden Blick auf den Alois zu werfen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es kam, wie es kommen musste. Der Alois schrieb eine glatte Sechs und die meisten seiner Freunde schnitten kaum besser ab. <em>Leute, das verlangt nach umgehender Rache!,\u00a0<\/em>schwor der Zehetmeier Alois seine Freunde ein, die allesamt sofort und ohne jegliche Vorbehalte zustimmten.\u00a0Diesem hinterh\u00e4ltigen Schweinehund m\u00fcsse man zeigen, dass man nicht gewillt war, seine Art von Scherzen zu tolerieren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als eine Woche darauf der Sportunterricht wieder einmal in der Halle stattfinden sollte, war der Eifer der Sch\u00fcler besonders gross und jeder wollte der erste in der Halle sein. <em>Merkw\u00fcrdig,\u00a0<\/em>dachte der Lehrer Denzel noch, der neben Mathe auch Sport unterrichtete, \u00a0und begab sich zu einem vorher schon von ihm aufgestellten Barren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Ich werde euch jetzt einige \u00dcbungen vormachen, die ihr dann bitte der Reihe nach einzeln nachturnt.<\/em>\u00a0Sprachs, nahm Anlauf, sprang auf ein kleines vor dem Barren aufgestelltes Sprungbrett, um dann mit gestreckten Armen die Stangen des Barren zu umfassen und senkrecht, einer Kerze gleich, den K\u00f6rper in dieser Stellung zu verharren. Schon w\u00e4hrend der kurzen Flugphase sah Denzel das Unheil. Seine H\u00e4nde klatschten auf die Stangen, fanden jedoch keinen Halt und glitten blitzschnell ab. Mit einem \u00e4chzenden Laut auf den Lippen st\u00fcrzte Denzel zwischen die Stangen und blieb, einem H\u00e4ufchen Elend gleich, am Boden liegen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Einer von Alois&#8216; Freunden wischte mit einem Lappen das Fett von den Stangen, ein anderer putzte noch etwas Talkum dar\u00fcber, w\u00e4hrend der Rest der Klasse sich bek\u00fcmmert um Alexander Denzel scharrte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Alois war zuvorderst und fragte den Lehrer mit sorgenvoller Stimme:<em> Haben&#8217;s etwa etwas anderes erwartet, Herr Denzel? <\/em>M\u00fchsam<em>\u00a0<\/em>richtete sich der Lehrer Denzel auf, sch\u00fcttelte seine rechte Hand, deren Handgelenk bereits verd\u00e4chtig angeschwollen war und sagte mit einem Beben in der Stimme:\u00a0<em>Das wird nicht ohne Folgen bleiben, Zehetmeier, das nicht!\u00a0<\/em>Der Alois sah v\u00f6llig bek\u00fcmmert auf Denzel, ganz so, als verst\u00fcnde er nicht, von was der Lehrer spr\u00e4che und sagte schlicht:\u00a0<em>Wenn&#8217;s meinen.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Fortsetzung folgt!<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #999999;\">Foto: Creative Commons-Lizenz, flickr,<a href=\"http:\/\/www.flickr.com\/photos\/artisandhu\/\"><span style=\"color: #999999;\">Artiii<\/span><\/a><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":1537,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[352],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1522"}],"collection":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1522"}],"version-history":[{"count":21,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1522\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2589,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1522\/revisions\/2589"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1537"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1522"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1522"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1522"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}