{"id":1669,"date":"2014-03-03T00:55:09","date_gmt":"2014-03-02T22:55:09","guid":{"rendered":"http:\/\/hkreiter.com\/?p=1669"},"modified":"2015-02-10T21:20:37","modified_gmt":"2015-02-10T19:20:37","slug":"wetterhahn","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wetterhahn\/","title":{"rendered":"Wetterhahn"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Ostwind, kalt. <em>Wenn&#8217;s aus dem Osten bl\u00e4st, ist&#8217;s immer kalt<\/em>, <em>sagen d&#8217;Leut&#8216;<\/em>. Ein Blick aus dem Fenster best\u00e4tigt den B\u00fcrgermeister.\u00a0<em>Ostwind wie ich&#8217;s g&#8217;sagt hab&#8216;,\u00a0<\/em>sagt er,\u00a0<em>der Wetterhahn vom Schulhaus zeigt es, dann muss es stimmen.\u00a0<\/em><!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Gemeinderatssitzung hatte gerade begonnen und einer der Gemeinder\u00e4te bemerkte:\u00a0<em>Dann pass nur auf, dass dir der Wind net ins\u00a0<\/em><i>Gsicht\u00a0bl\u00e4st.\u00a0<\/i>Verdutzt hielt der B\u00fcrgermeister inne, drehte seinen Kopf in die Richtung, aus der dieser despektierliche Ausspruch kam und sagte:\u00a0<em>Nat\u00fcrlich, der Schmiedhuber, wer denn sonst? Er kann&#8217;s halt net verputzen, dass de Sozis nix mehr z&#8217;melden ham.\u00a0<\/em><em>Werden halt immer weniger und des wurmt ihn, hab&#8216; ich net recht, Schmiedhuber?<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Verdrossen blickte der so Angesprochene vor sich hin auf den Tisch, als l\u00e4ge die Wahrheit in der Maserung des Kirschbaums, aus dem der Tisch in handwerklicher Vollkommenheit gefertigt war. Aber so einfach war es nicht. Der Schmiedhuber glaubte, Anhaltspunkte daf\u00fcr zu haben, dass der B\u00fcrgermeister\u00a0<span style=\"line-height: 1.5em;\">sich<\/span><span style=\"line-height: 1.5em;\">\u00a0<\/span><span style=\"line-height: 1.5em;\">hat schmieren lassen. Aber ein\u00a0<\/span>Anhaltspunkt war eben noch kein Beweis, und so musste er vorsichtig sein, mit dem, was er sagte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der B\u00fcrgermeister war ein alter Fuchs in Sachen Gemeindepolitik und ein Schmiedhuber brachte ihn nicht aus dem Konzept. Schon gleich gar nicht einer, der den Sozis angeh\u00f6rte. Die Sozis in Bayern und im Besonderen in Dingharting, nicht mehr als ein Fliegenschiss, dachte er. Aber auch ein alter Haudegen kann sich einmal irren und so w\u00e4re es vorteilhafter gewesen, der B\u00fcrgermeister h\u00e4tte nicht in dieser Weise mit dem Schmiedhuber geredet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es f\u00fcgte sich, das just die Lechner Anneliese eines montags in der Gemeindekanzlei aushelfen musste. Das w\u00e4re an sich nichts Erw\u00e4hnenswertes gewesen, denn des B\u00fcrgermeisters pers\u00f6nliche Gemeindedienerin hatte sich einen Virus eingefangen und kam vom H\u00e4us&#8217;l nicht mehr runter und im Bauhof gab&#8217;s gerade nicht soviel zu tun, also sass die Anneliese jetzt im Vorzimmer des B\u00fcrgermeisters. Verflixt war nur, und das wusste der B\u00fcrgermeister nicht, dass eben die Anneliese eine Nichte der Frau des Sozis Schmiedhuber war. Zwar nicht in der Partei des Sozis, aber doch sehr familienverbunden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und genau jener Anneliese sollte ein folgenschweres Ereignis zu einem beinahe kometenhaften Aufstieg in der Dinghartinger Gemeindeverwaltung verhelfen. \u00a0Es sei gegen 11 Uhr gewesen, so berichtete die Anneliese es ihrer Familie, als ein schwer beladener Sattelschlepper am Rathaus vorbei donnerte und der Aufleger der Zugmaschine dabei \u00fcber den Bordstein rollte. Dadurch, so Anneliese, sei es in der Amtsstube zu einer unheilvollen Ersch\u00fctterung gekommen, die bewirkte, dass einige Ordner aus dem oberen Regal zu Boden fielen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als nun Anneliese die Ordner wieder zur\u00fcck stellte, bemerkte sie ein Buch, das hinter den Ordnern gestanden haben musste und deshalb liegen geblieben und nicht herausgest\u00fcrzt war. Neugierig nahm sie das Buch und bl\u00e4tterte ein wenig darin herum. <em>Auweh zwick!,\u00a0<\/em>entfuhr es der Anneliese, als ihr pl\u00f6tzlich ein Zettel entgegen flutschte, der in dem Buch versteckt gewesen war. Sie \u00fcberflog ihn, steckte ihn in ihre Handtasche und zeigte ihn am Abend dem angeheirateten Onkel Schmiedhuber. Niemand nannte den Onkel beim Vornamen, grad so, als h\u00e4tte er keinen. Er war bei allen nur <em>der Schmiedhuber<\/em>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Ja Kruzefix,\u00a0<\/em><i>jetzt hab&#8216; ich dich!, <\/i>stiess der Schmiedhuber aus. Das war der Beweis, nach dem er schon so lange gesucht hatte. Freundlich t\u00e4tschelte er Anneliese und sagte noch, sie solle um Gottes Willen zu niemandem etwas \u00fcber ihren Fund sagen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als der B\u00fcrgermeister\u00a0<span style=\"line-height: 1.5em;\">am n\u00e4chsten Tag<\/span><span style=\"line-height: 1.5em;\">\u00a0<\/span><span style=\"line-height: 1.5em;\">\u00a0die Amtsstube betrat, kam ihm Anneliese gleich entgegen, nahm ihm Hut und Mantel ab und sagte, sie m\u00fcsse ihn dringend sprechen. Der B\u00fcrgermeister, von so viel Freundlichkeit \u00fcberrumpelt, sagte zuerst nichts und brummte dann ein\u00a0<em>Meinetwegen.\u00a0<\/em>Sekunden sp\u00e4ter h\u00f6rte er staunend einer aufgekratzten Anneliese Lechner zu.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Wiss&#8217;ns,\u00a0<\/em>sagte die Anneliese forsch,\u00a0<em>ich\u00a0m\u00f6chte gern in meinem Beruf weiterkommen, das ist der eine Punkt, und der andere ist, ich mag den Schmiedhuber nicht. Der t\u00e4tschelt mir zu viel herum und glotzt mir st\u00e4ndig auf&#8217;n &#8230;, na ja, Sie wissen schon.\u00a0<\/em>Und so versprach der B\u00fcrgermeister, Annelieses berufliche W\u00fcnsche zu erf\u00fcllen und sagte, er verst\u00fcnde auch, dass Anneliese aus Gehorsam der Familie gegen\u00fcber, dem Schmiedhuber den Zettel gezeigt hatte. Das, obwohl er ehrlich gesagt, eine Weile brauchte, um ihre Beweggr\u00fcnde zu durchschauen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Neidlos gestand der B\u00fcrgermeister schliesslich ein, dass Anneliese \u00e4usserst clever vorgegangen war. Nur, wenn sie schwieg, w\u00fcrde sein Schachzug gelingen und gleichzeitig hatte sie ihn damit auch in der Hand.\u00a0<em>Was soll&#8217;s,\u00a0<\/em>st\u00f6hnte er, <em>es gibt Schlimmeres<\/em>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Schon am Nachmittag des selben Tages war der Schmiedhuber mit dem B\u00fcrgermeister verabredet. Jovial winkte er Anneliese zu, als er an ihr vorbei zum Zimmer des Oberhauptes der Gemeinde Dingharting huschte.\u00a0<em>Was willst von mir Schmiedhuber?,\u00a0<\/em>fragte der B\u00fcrgermeister.\u00a0<em>Jetzt hab&#8216; ich dich am Arsch, B\u00fcrgermeister,\u00a0<\/em>begann der Schmiedhuber die Unterredung und knallte den Zettel vor den B\u00fcrgermeister auf den Tisch.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Wegen dem? Spinnst jetzt komplett, Schmiedhuber,\u00a0<\/em>entgegnete der B\u00fcrgermeister und stoppte des Schmiedhubers zu bef\u00fcrchtenden Redefluss. <em>Den Beleg hab&#8216; ich schon \u00fcberall gesucht, war eine Spende vom Bauunternehmer am Ort.\u00a0<\/em><em>F\u00fcr die Gemeinde<\/em>, f\u00fcgte er noch hinzu. Die Miene Schmiedhubers zeigte \u00fcberdeutlich, welchen Wahrheitsgehalt er des B\u00fcrgermeisters \u00c4u\u00dferung beimass.\u00a0<em>Dass ich net lach!, <\/em>war sein<em>\u00a0<\/em>abschlie\u00dfender Kommentar.<em><br \/>\n<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Du wirst dich bei der n\u00e4chsten Sitzung ganz f\u00f6rmlich f\u00fcr deine Unversch\u00e4mtheit bei mir entschuldigen. Vor allen. Haben wir uns da verstanden?,\u00a0<\/em>sagte der B\u00fcrgermeister in einem Ton, der keinen Widerspruch zuliess.\u00a0<em>Schmier&#8217;n hast dich lassen, so\u00a0schaut es aus. Da kannst bloss noch zur\u00fccktreten, nicht wahr?,\u00a0<\/em>entgegnete der Schmiedhuber.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Na, dann pass mal auf, du Schlaumeier,\u00a0<\/em>sagte der B\u00fcrgermeister und schob ein gr\u00f6\u00dferes Buch, einem Kassenbuch gleich, vor Schmiedhubers Nase. Auf einer Seite, die vom Datum her gesehen mehrere Tage zur\u00fcck lag, sprang eine kurze Notiz in Schmiedhubers Augen: <em>Spende (20.000) von Baufirma Jobst f\u00fcr \u00a0Gemeindekindergarten erhalten.\u00a0<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der B\u00fcrgermeister verfasste wichtige Eintr\u00e4ge im Gemeindebuch stets auf eine Weise, dass L\u00fccken und Leerzeilen sehr gut nachtr\u00e4gliche Korrekturen und Erg\u00e4nzungen erlaubten. Wohl oder \u00dcbel musste der Schmiedhuber den Forderungen des B\u00fcrgermeisters nachkommen. Daf\u00fcr durfte er die Sozis als Gemeinderat weiterhin vertreten und der B\u00fcrgermeister verzichtete auf <em>Massnahmen<\/em>, wie er sich ausdr\u00fcckte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Anneliese Lechner musste nach der Wiedergenesung der Gemeindedienerin nicht zur\u00fcck in den Bauhof, sondern \u00fcbernahm aufgrund ihrer au\u00dferordentlichen F\u00e4higkeiten und Qualifikation, wie der B\u00fcrgermeister bescheinigte, die Kassenf\u00fchrung der Gemeinde Dingharting. Der bisherige Amtsinhaber war \u00fcberraschend erkrankt und begab sich in den vorzeitigen Ruhestand. Damit er aber nichts von seiner Pension einb\u00fcsste, blieb er der Gemeinde noch einige Zeit als externer Berater erhalten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zwischen dem B\u00fcrgermeister und den Sozis herrschte jetzt Frieden und of erstaunte es die Bev\u00f6lkerung, wie einhellig wichtige Beschl\u00fcsse gefasst wurden, grad so, als g\u00e4be es gar keine Opposition. Alles zum Wohle der B\u00fcrger, wie die Einheimischen fanden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #999999;\">Foto: Creative Commons-Lizenz, flickr,<a href=\"http:\/\/www.flickr.com\/photos\/w-tommerdich\/\"><span style=\"color: #999999;\">to.wi<\/span><\/a><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":1686,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[352],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1669"}],"collection":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1669"}],"version-history":[{"count":20,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1669\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2050,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1669\/revisions\/2050"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1686"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1669"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1669"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1669"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}