{"id":1708,"date":"2014-03-16T21:52:23","date_gmt":"2014-03-16T19:52:23","guid":{"rendered":"http:\/\/hkreiter.com\/?p=1708"},"modified":"2018-02-20T23:06:22","modified_gmt":"2018-02-20T22:06:22","slug":"gemeindewahl-2","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/gemeindewahl-2\/","title":{"rendered":"Gemeindewahl (2)"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Die Wahlbeteiligung in Dingharting war \u00fcberraschend hoch. Etwas musste die Menschen aufgescheucht haben. Allerdings muss auch gesagt werden, dass dieser Umstand am Sonntag um 18:00 Uhr, als die Wahllokale schlossen, noch niemandem bekannt war. Hochrechnungen und andere Prognosen, wie sie heute f\u00fcr die gro\u00dfen St\u00e4dte \u00fcblich sind, lagen f\u00fcr Dingharting nicht vor. Daf\u00fcr war die beschauliche Gemeinde in Oberbayern dann doch zu klein oder unbedeutend. <!--more-->Obwohl es auch ernst zu nennende Stimmen gab, die sagten, dass gerade Dingharting repr\u00e4sentativ f\u00fcr \u00a0ganz Bayern sei. Schnell flochten dann andere ein:\u00a0<em>Aber nicht f\u00fcr Franken!\u00a0<\/em>Und selbst die Schwaben hegten Bedenken, ob sie nicht doch auch anders gestrickt w\u00e4ren. Nur die Oberpf\u00e4lzer und die Niederbayern legten ob solcher Behauptungen keinen Widerspruch ein. Ihnen war es\u00a0<em>Wurscht,\u00a0<\/em>wie sie zu sagen pflegten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der seit ewigen Zeiten amtierende B\u00fcrgermeister jedoch hatte \u00fcber die vielen Jahre seines Wirkens eine Nase daf\u00fcr entwickelt, wenn sich etwas anbahnte, was so gar nicht mit seinen Vorstellungen im Einklang stand. Und diese Wahl war so ein Vorgang. Erstmals beschlich ihn ein eigenartiges Gef\u00fchl.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die <em>Sozis<\/em> waren nicht das Problem, wie er zurecht meinte. Die hatte er im Griff, das heisst, da war eigentlich gar nichts zu tun. Die dezimierten sich selber, ohne jegliches Zutun seinerseits. Sie kapierten es einfach nicht. Hier, in Dingharting auf dem Land, interessierten irgendwelche Kita-Parolen oder\u00a0<em>nehmt es den Reichen-<\/em>Spr\u00fcche nicht. Hier waren die Bauern wohlhabend und den anderen ging es auch nicht schlecht. Die aus der Stadt Zugezogenen wohnten und lebten hier, die Frauen versorgten die Kinder, und die M\u00e4nner fuhren t\u00e4glich in die Stadt zur Arbeit, ganz so, wie es eben fr\u00fcher auch der Fall gewesen war. Einfach alles intakt. Linkssozialistischen Quatsch brauchte man hier nicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber, da gab es eben noch diese\u00a0<em>Freien. <\/em>Auch ein paar<em> Gr\u00fcne <\/em>und<em>\u00a0<\/em><i>Liberale <\/i>versuchten es jedesmal wieder. Deren Geschrei und Gezeter k\u00fcmmerte den Amtsinhaber schon gleich gar nicht. Das Liberalste und Gr\u00fcnste, was man in Bayern und Dingharting haben konnte, lieferten ohnehin die <em>Schwarzen,<\/em> also seine Partei. Die Parolen dieser Windlichter, wie er sie gerne nannte, k\u00fcmmerten hier niemanden. Na ja, und wenn mal ein <em>Gr\u00fcner\u00a0<\/em>in den Gemeinderat k\u00e4me, wen w\u00fcrde das schon jucken? Von den <em>Gelben<\/em>, den Liberalen, hatte es noch niemals einer geschafft, und das w\u00fcrde auch so bleiben. F\u00fcr das Amt als B\u00fcrgermeister kamen sie ohnehin nicht in Frage. Also, f\u00fcr ihn pers\u00f6nlich drohte da aber auch nicht die geringste Gefahr.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die\u00a0<em>Freien! <\/em>Er wusste viel von ihnen. Seine Freunde und er waren eben eine eingeschworene Gemeinschaft, mehr als nur Spezis. Da konnte sich der eine auf den anderen absolut verlassen. Sie halfen sich untereinander, das war so. Schon die V\u00e4ter, Gro\u00dfv\u00e4ter und noch weiter zur\u00fcck haben sich gegenseitig unter die Arme gegriffen. Sogar mehr als das. Sie waren ein eingeschworener Kreis. Wer dazu geh\u00f6ren wollte, musste nicht nur gro\u00dfe Anstrengungen unternehmen, um zu beweisen, dass er es ernst meinte, er musste sich irgendwie auch um das Gemeinwohl verdient gemacht haben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da kam es gerade gelegen, dass der Sohn eines vor Jahren neu Zugezogenen exzellente Verbindungen zu den <em>Freien\u00a0<\/em>pflegte. Keine Geringere als seine eigene Ehefrau, eine geb\u00fcrtige D\u00fcrnberger, deren Familie schon seit ewigen Zeiten in Dingharting ans\u00e4ssig war, hatte sich den\u00a0<em>Freien <\/em>zugesellt\u00a0und stand auf der Kandidatenliste dieser Partei. Ihr Gatte nun brauchte f\u00fcr ein ehrgeiziges Vorhaben die Zustimmung des Gemeinderates, also \u00fcberlegte er nicht ganz zu unrecht, dass dieses um so leichter erreichbar w\u00e4re, wenn ihm der amtierende B\u00fcrgermeister dabei h\u00fclfe.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der junge Spross spitzte fortan die Ohren und machte sich Notizen. Seine <em>liebe Frau,\u00a0<\/em>wie er sie gerne vor anderen nannte, ahnte nichts von der Hinterh\u00e4ltigkeit ihres eigenen Ehegesponse. Aber ihm half es.\u00a0<em>Ist doch logisch, dass ich Sie unterst\u00fctze,\u00a0<\/em>sagte der Amtierende, als er vernahm, was der Bittsteller berichtete.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So kam es, dass in der Woche vor der Wahl Erstaunliches zu lesen war. Demnach soll der Spitzenkandidat der <em>Freien<\/em> nicht nur eine merkw\u00fcrdig innige Verbindung zu einer Lehrerin am hiesigen Gymnasium pflegen, sondern, und das bewegte die B\u00fcrger insbesondere, auch aus der katholischen Kirche ausgetreten sein. Das mit der Lehrerin mochte noch hingehen, obwohl sich das nat\u00fcrlich f\u00fcr einen verheirateten Mann nicht geziemte, aber aus der Kirche ausgetreten, das ging gar nicht. Nicht in Dingharting!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jetzt hatte das Warten ein Ende. Die Wahl war entschieden! Um es gleich vorweg zu nehmen: Der Amtierende musste in die Stichwahl! Das nicht Vorstellbare war eingetreten! Weniger als 50%, nicht zu fassen! <em>D<\/em><em>u glaubst es nicht,\u00a0<\/em>h\u00f6rte man einen der Wahlb\u00fcrger sagen, <em>die Sozis!<\/em>\u00a0Das war in der Tat erstaunlich. Dass der Kandidat der\u00a0<em>Freien\u00a0<\/em>gest\u00fcrzt war, wunderte niemanden. Das war klar, aber, wo haben denn pl\u00f6tzlich die <em>Sozis<\/em>\u00a0diesen gigantischen R\u00fcckenwind hergenommen?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aufschluss gab bei genauem Hinsehen ein Faltblatt, Farbe rot, das am Samstagabend, dem Tag vor der Wahl, \u00a0wie durch Geisterhand gesteuert, in die Briefk\u00e4sten der Dinghartinger flatterte.\u00a0<em>Die merkw\u00fcrdigen Kl\u00fcngeleien des B\u00fcrgermeisters, <\/em>war da gedruckt zu lesen. In agriebischer Kleinarbeit waren endlos scheinende Fakten aufgelistet, die dem Amtierenden die Schamr\u00f6te ins Gesicht treiben musste.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das s\u00e4he ganz nach Verrat aus, meinte der B\u00fcrgermeister zu seinen Getreuen. <em>Es muss einer von uns gewesen sein, das steht f\u00fcr mich ausser Zweifel!, <\/em>sagte er zu seinem Anhang. Das ganze Netz der Spezlwirtschaft war aufgeflogen. Ein unglaublicher Vorgang. Das ganze Netz? Nein, stellte der Amtierende nach genauem Hinsehen fest. Alle, bis auf einen, waren sie blo\u00dfgestellt. Und der Eine war ein enger Vertrauter von ihm, ein Mann, der die Zusammenh\u00e4nge kannte. Besser kannte als jeder andere. Vieles von dem, was die letzten Jahre gelaufen war, war durch ihn gesteuert worden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Ich versteh&#8217;s nicht,\u00a0<\/em>sagte der B\u00fcrgermeister eben zu diesem Mann.\u00a0<em>Warum nur? Du hast doch hier alles g&#8217;habt, was einer brauchen kann, net wahr? Du bist und bleibst a Narr und verstehst gar nix,\u00a0<\/em>gab der Angesprochene zur Antwort.\u00a0<em>Bist einem Gro\u00dfen auf die Zehen g&#8217;stiegen und hast es nicht einmal gemerkt. Jetzt s\u00e4gen sie dich ab daf\u00fcr, so ist es. Die Stichwahl wirst nicht gewinnen, daf\u00fcr wird gesorgt werden.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der B\u00fcrgermeister war sprachlos. Was ging hier blo\u00df vor sich?\u00a0<em>H\u00e4ttest dich erkundigen sollen, wer die Lehrerin ist,\u00a0<\/em>erkl\u00e4rte der Mann dem B\u00fcrgermeister.\u00a0<em>Welche Lehrerin?,\u00a0<\/em>fragte dieser.\u00a0<em>Na, des Gspusi von dem Kandidaten der Freien. Du hast es doch in die Zeitung gebracht!\u00a0<\/em><em>Was ist damit?,\u00a0<\/em>wollte der B\u00fcrgermeister wissen.\u00a0<em>Du\u00a0<\/em><i>weisst es nicht? Ich sage es dir: Sie ist die Tochter eines der Minister unserer gelobten Staatsregierung! Geht dir jetzt ein Licht auf?<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das war es also. Kurzentschlossen griff der Amtierende zum Telefon, rief besagten Minister an, entschuldigte sich wortreich und hatte eine neue politische Zukunft vor sich, als er den H\u00f6rer wieder auflegte. Schon am n\u00e4chsten Tag h\u00f6rte man in Dingharting, dass der Amtierende sich der Stichwahl nicht mehr stellen w\u00fcrde,\u00a0<em>gesundheitlich,\u00a0<\/em>wie er sagte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Das l\u00e4uft auf eine Neuwahl des B\u00fcrgermeisters hinaus,\u00a0<\/em>h\u00f6rte man in den Wirtsh\u00e4usern, und auch in der freien Presse wurde diese These nachhaltig unterst\u00fctzt, denn niemand glaubte, dass der\u00a0<em>Sozi<\/em> als einziger Kandidat bei der Stichwahl mehr als nur ein paar Prozente bekommen w\u00fcrde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der bisherige Amtsinhaber fuhr fortan montags nach M\u00fcnchen zur Arbeit und am Freitagabend oder Samstagmorgen wieder nach Hause. Es gab eben viel zu tun als Staatssekret\u00e4r. Der Kandidat der <em>Freien<\/em> ist bald darauf samt Familie aus Dingharting weggezogen und die Lehrerin \u00fcbernahm als erste Frau das Amt der Rektorin am Gymnasium. Wie sich herausstellte, war das in Umlauf gebrachte Verh\u00e4ltnis mit dem <em>Freien<\/em> eine Zeitungsente. Oder, wie manche auch behaupteten, niemand war am Beweis des Gegenteils interessiert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Alltag in Dingharting, das war&#8217;s, mehr war nicht mehr zu berichten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #999999;\">Foto: Creative Commons-Lizenz, flickr,<a href=\"http:\/\/www.flickr.com\/photos\/35708794@N00\/\"><span style=\"color: #999999;\">Canon-Ben M.<\/span><\/a><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":1722,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[352],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1708"}],"collection":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1708"}],"version-history":[{"count":17,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1708\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3855,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1708\/revisions\/3855"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1722"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1708"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1708"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1708"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}