{"id":1738,"date":"2014-04-17T17:59:17","date_gmt":"2014-04-17T15:59:17","guid":{"rendered":"http:\/\/hkreiter.com\/?p=1738"},"modified":"2015-02-23T16:48:00","modified_gmt":"2015-02-23T14:48:00","slug":"ostern","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/ostern\/","title":{"rendered":"Ostern"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Mit farbigem Wasser gef\u00fcllte Glaskugeln haben sie aufgestellt. Immer wenn die Sonne ihr Angesicht aus den Wolkengebilden schiebt und ihre feurigen Strahlen zur Erde blitzen, glitzern die Glaskugeln und weithin leuchtet dann ihre Farbenpracht.<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Niemand am Ort k\u00f6nnte sagen, wie lange es diesen Brauch schon gab. Es musste aber eine ganze Weile der Fall sein, denn die Alten erinnern sich noch, dass schon ihre Gro\u00dfeltern zur Osterzeit um den Leichnam des Herrn Jesus Christus, des Gekreuzigten, eben solche Farbkugeln gesteckt hatten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Gl\u00e4ubigkeit auf dem Lande kennt keine Grenzen und so manches, was den St\u00e4dter heidnisch anmutet, hat seinen Ursprung in uralten \u00dcberlieferungen. So auch die Weihe des Wassers am Ostersonntag. Und wer kennt nicht eine Geschichte, bei der ungezogene Buben Tinte oder andere Farben in das Weihwasserbecken der Kirche gesch\u00fcttet h\u00e4tten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hier am Ort wussten die Buben nat\u00fcrlich auch um solcherlei Geschichten und sie sannen deshalb dar\u00fcber nach, ob es nicht noch andere, bisher nicht dagewesene Streiche g\u00e4be. Und so kamen sie auf einen Spass, wie sie meinten, von dem, ob seiner f\u00fcrchterlichen Folgen, noch lange Zeit Im Dorf erz\u00e4hlt wurde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Roider Alois hatte die Idee, also war er zugleich der Anf\u00fchrer der anderen, die es kaum mehr erwarten konnten, bis es endlich soweit war. Ostern, so hatten sie es sich in ihren Fantasien ausgemalt, sollte in diesem Jahr etwas ganz besonderes werden. Und so sah man die Burschen gesch\u00e4ftig zu mancherlei L\u00e4den in dem nur ein paar Stationen entfernten Markflecken laufen. Man kannte sie dort nicht und so fielen sie auch niemandem auf.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In der Nacht zum Ostersonntag trafen sie sich gegen Mitternacht in der N\u00e4he der Kirche am Dorfplatz. Es dauerte eine Weile, bis alle versammelt waren. Manche hatten erst aus einem Fenster klettern m\u00fcssen, und das brauchte eben seine Zeit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Mir nach,\u00a0<\/em>sagte schliesslich der Roider Alois, und mutig stapften sie hinter ihm her zum Kirchfriedhof. Der Messdiener und ein paar Freiwillige hatten beim Seiteneingang zur Kirche das Heilige Grab nachgebildet, wie jedes Jahr. Eine bleiche, w\u00e4chserne Figur war derart drapiert, dass es geradezu den Anschein hatte, als wollte sie aus der Grabesmitte gen Himmel auffahren. Die geschlossene rechte Hand zeigte am ausgestreckten Arm nach oben, ein Lendentuch bedeckte den K\u00f6rper und das linke Bein war etwas angewinkelt. Beinahe anmutig, w\u00e4re nicht die Dornenkrone gewesen und die durch sie verursachten Wunden am Haupt der Figur.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Geschickt befestigte der Alois einen Faden aus Nylon am Handgelenk der ausgestreckten Hand, w\u00e4hrend einer aus der Clique bereits nach oben unter das Geb\u00e4lk des Vordaches geklettert war.\u00a0<em>Seid&#8217;s vorsichtig,\u00a0<\/em>wies der Alois an und beobachtete mit einer gewissen Genugtuung, wie einer der Burschen ein St\u00fcck des Nylonfadens von der Rolle abspulte, diese dann mit einem Klebeband am Ende eines Besenstieles befe<span style=\"line-height: 1.5em;\">stigte<\/span><span style=\"line-height: 1.5em;\">\u00a0nach oben unters unters Geb\u00e4lk reichte.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In der Zwischenzeit hatten zwei aus der Gruppe das farbige Wasser aus den Gaskugeln in einen mitgebrachten Beh\u00e4lter gesch\u00fcttet und es durch andere, nicht minder farbige Fl\u00fcssigkeiten ersetzt. Jetzt muss vielleicht noch erw\u00e4hnt werden, dass einer der beiden anerkanntermassen zu den begabtesten Sch\u00fclern am Gymnasium geh\u00f6rte und insbesondre im Fach Chemie stets mit Einsen gl\u00e4nzte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bald darauf waren die Burschen mit ihren Vorbereitungen fertig und Alois \u00fcberpr\u00fcfte noch einmal alles, denn es durfte nichts schief gehen, des Spasses wegen, wie er sagte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Am Ostersonntag Morgen str\u00f6mte das ganze Dorf fein herausgeputzt in die Kirche. Die Liturgie ging ihren gewohnten Gang. Und als es dann soweit war, str\u00f6mten sie alle hin zum Seiteneingang. Der Herr wurde gepriesen, zahlreiche Loblieder gesungen und wie es der Brauch wollte, verk\u00fcndete der Herr Pfarrer die frohe Botschaft von der Auferstehung des Herrn.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und da, pl\u00f6tzlich, die letzten Worte des hochw\u00fcrdigen Herrn Pfarrers waren noch nicht verklungen, tat sich Sonderbares. Wie von Zauberhand schwebte die Figur nach oben, gleichzeitig ert\u00f6nten mehrere ohrenbet\u00e4ubende Kracher, die Glaskugeln zerbarsten und verteilten ihren \u00e4u\u00dferst \u00fcbel riechenden Inhalt auf die umstehende Gemeinde. Und schliesslich, als man schon glaubte, der Spuk sei nun vor\u00fcber, ergoss sich ein regelrechter Hagel von aus dem Geb\u00e4lk schiessenden Ostereiern \u00fcber die Kirchgemeinde. Bunte Eier, wie sich das geh\u00f6rte, aber sie waren roh und man h\u00e4tte nicht sagen k\u00f6nnen, was \u00e4rger gerochen hat, die Eier oder das Gebr\u00e4u aus den zerplatzten Glaskugeln.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Eine soichterne Sauerei!,\u00a0<\/em>schrie einer und ein anderer,\u00a0<em>wer is des blos gwesn?\u00a0<\/em>Und ein Tumult hob an, wie es ihn im Dorf noch nicht gegeben hat.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Niemand achtete bei dem Durcheinander auf den Alois und seine Freunde, die sich unter das Volk mischten und tatkr\u00e4ftig mit schimpften, allerdings mit einem wissenden L\u00e4cheln in den Gesichtern. Niemand von ihnen w\u00fcrde je einem nicht Dazugeh\u00f6renden die Wahrheit offenbaren. Das hatten Sie beim Leben ihrer Tanten, Schwestern, Br\u00fcder, und was sonst noch herhalten musste, geschworen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Alles w\u00e4re soweit gut gegangen, w\u00e4re da nicht die 94j\u00e4hrige Inninger Amalie gewesen. Zuerst achtete keiner auf sie, aber auf einmal schrie jemand:\u00a0<em>Leit, d&#8217;Amalie. <\/em>Der Rufer musste seinen Schreckensschrei ein paar Mal wiederholen, bis endlich etwas Ruhe einkehrte und man\u00a0die Bescherung sah.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Amalie schaute ganz verz\u00fcckt, mit einem ausserirdischen Strahlen im Gesicht nach oben, wohin der Heiland entschwunden war und stammelte unentwegt:\u00a0<em>A Wunder, a Wunder.\u00a0<\/em>Dann kippte sie pl\u00f6tzlich zur Seite und r\u00fchrte sich nicht mehr.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Betreten schauten die Burschen aus der Clique um den Alois einander an. Das hatten sie nicht gewollt. Es sollte doch nur ein mordsm\u00e4ssiger Spass werden. Mehr nicht.\u00a0<em>Mist,\u00a0<\/em>entfuhr es einem,\u00a0<em>was machma denn jetzt?,\u00a0<\/em>fragte ein anderer besorgt.\u00a0<em>Nix machma,\u00a0<\/em>sagte der Alois und f\u00fcgte hinzu,\u00a0<em>mia hamms doch selber gschworn. Kein Wort zu niemandem!<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber das Gewissen liess ihnen keine Ruh. Und so gingen sie, einer nach dem anderen, zur Beichte. Den hochw\u00fcrdigen Herrn Pfarrer h\u00e4tte es beinahe zerrissen, aber er konnte nichts machen, so sehr er auch dar\u00fcber nachdachte. Beichtgeheimnis,\u00a0<em>zefix,\u00a0<\/em>entfuhr es dem frommen Mann. Und noch etwas ergrimmte ihn. Der Amalie ginge es wieder gut, musste er den Burschen mitteilen, es sei nur die Aufregung gewesen, eine Art Schock, mehr nicht. Und wieder entfuhr im ein\u00a0<em>zefix,\u00a0<\/em>was er allerdings selbst am gleichen Tag noch beichtete.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #999999;\">Foto: Creative Commons-Lizenz, flickr,<a href=\"https:\/\/www.flickr.com\/photos\/oponsold\/\"><span style=\"color: #999999;\">oponsold<\/span><\/a><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":1742,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[304],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1738"}],"collection":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1738"}],"version-history":[{"count":17,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1738\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2152,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1738\/revisions\/2152"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1742"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1738"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1738"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1738"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}