{"id":1797,"date":"2014-09-15T00:22:31","date_gmt":"2014-09-14T22:22:31","guid":{"rendered":"http:\/\/hkreiter.com\/?p=1797"},"modified":"2015-02-10T21:23:12","modified_gmt":"2015-02-10T19:23:12","slug":"adele","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/adele\/","title":{"rendered":"Adele"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Als Adele am fr\u00fchen Morgen das Haus verl\u00e4sst, ahnt sie nichts von den schicksalhaften Zuf\u00e4llen, bei denen sie eine unvergessliche Rolle spielen sollte.<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ist exakt 5:30 Uhr, als der Wecker den Bauarbeiter Martin Huber unsanft aus dem Schlaf reisst. Schlaftrunken torkelt er ins Bad. Die Kaffeemaschine in der K\u00fcche spuckt eine lauwarme Br\u00fche aus.\u00a0<em>Mist,\u00a0<\/em>sagt er zu sich,\u00a0<em>wird Zeit, dass ich sie reparieren lasse. Dieses Gebr\u00e4u kann ja niemand trinken!\u00a0<\/em>Ein Blick auf die Uhr am K\u00fcchentisch. Er muss sich beeilen. Die Fuhre Zement muss p\u00fcnktlich auf der Baustelle sein. Br\u00fcckenbau, sp\u00e4testens um halbacht muss die Ladung abgeladen sein. Der Mischer steht dann bereit und die Leute m\u00fcssen p\u00fcnktlich mit dem Gie\u00dfen beginnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Um 6:00 l\u00e4uten die Glocken der Dorfkirche, wie jeden Tag, zum Angelusgebet, ein alter Brauch der katholischen Kirche, der bis ins 13. Jahrhundert zur\u00fcckreicht. Manche der Gl\u00e4ubigen machen sich schon auf den Weg zur Kirche, bevor sie dann ihrem Tagwerk nachgehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Adele hatte nur ein kleines Fr\u00fchst\u00fcck zu sich genommen, etwas Kaffee und ein Brot. Ein Blick aus dem Fenster, blauer Himmel zog auf.\u00a0<em>Wird warm werden heut&#8216;,\u00a0<\/em>dachte Sie und zog nur eine leichte Jacke \u00fcber. F\u00fcnfzehn Minuten noch, dann w\u00fcrde der Morgenbus sie in knapp 20 Minuten in die Stadt bringen. Dann gute 10 Minuten zu Fuss und sie w\u00fcrde wie jeden Tag ihren Arbeitsplatz erreicht haben. Sie fing fr\u00fch an. Die Arbeit in der Molkerei war zwar nicht gerade besonders aufregend, aber irgendwie machte sie ihr trotzdem Spass. Adele war heute erst etwas sp\u00e4t aus dem Bett gekommen und die Kirchenglocken signalisierten\u00a0ihr, dass sie sich ein wenig sputen musste. Kurz vor halb sieben schloss sie die Wohnungst\u00fcre, eilte die Treppe hinunter und war wenig sp\u00e4ter \u00fcber der Stra\u00dfe, gerade, als der Bus um die Ecke bog.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Martin Huber h\u00f6rte die morgendlichen Kirchenglocken\u00a0ebenfalls, als er sich die zweite Tasse Kaffee eingoss. Er hatte noch ein paar Minuten, dann musste er los. Er nahm den Bus, es waren nur zwei Haltestellen bis zum Zementwerk. Eine junge Frau sass bereits im Bus und nickte einen Morgengruss, als er zustieg und ein <em>n&#8216;<\/em><em>Morgen<\/em>\u00a0brummte, seine Variante von\u00a0<em>guten Morgen.\u00a0<\/em>Sonst sah er keine Fahrg\u00e4ste.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><del><\/del><del><\/del>H\u00e4user, G\u00e4rten und Felder flogen vor\u00fcber. Adele registrierte, dass der Mann schon zwei Stationen sp\u00e4ter wieder ausstieg.\u00a0<em>Arbeitet sicher im Zementwerk,\u00a0<\/em>dachte sie und war&#8217;s zufrieden, dass sie mit der Molkerei einen besseren Fang gemacht hatte, wie sie meinte. Ein paar Leute waren zugestiegen, aber sie nahm keine Notiz davon.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der schwere Motor des Zementlasters bremste Wagen und H\u00e4nger ab, als Martin Huber kurz nach sieben Uhr auf die Baustelle einbog. Beinahe h\u00e4tte er den Bus, der ihn zur Arbeit gebracht hatte, noch eingeholt. Er war ein ge\u00fcbter Fahrer und wenn kein Verkehr war, dann liess er den Wagen schon mal laufen. Das Abladen ging z\u00fcgig voran. Die Arbeiter wussten genau, was sie zu tun hatten. Jeder Handgriff sass. Eine knappe Stunde sp\u00e4ter schon rollte der nun leere Lastzug zur Ausfahrt der Baustelle, die auf der gegen\u00fcberliegenden Seite der Einfahrt lag. Ein Spiegel gab die Sicht nach rechts auf die nur schwer einsehbare Stra\u00dfe frei. Ein kurzer Blick, dann den Kopf nach links. Niemand! Gekonnt steuerte Martin Huber den Lastzug nach links auf die Fahrbahn.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Adele arbeitete im B\u00fcro und konnte die Stra\u00dfe einsehen, wenn sie aus dem Fenster blickte. Von Weitem sah sie einen Lastzug aus der Baustelle in die Stra\u00dfe zur Molkerei einfahren.\u00a0<em>Arbeiten auch schon fr\u00fch, die Leute,\u00a0<\/em>murmelte sie vor sich hin.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Erstkl\u00e4ssler begannen ihren Unterricht um acht Uhr f\u00fcnfzehn, eine viertel Stunde sp\u00e4ter als die anderen Sch\u00fcler. Sie sollten im Trubel der heranst\u00fcrmenden Buben und M\u00e4dchen nicht untergehen, war die \u00dcberlegung. Das funktionierte jeden Tag ganz prima und die Eltern, die ihre Kinder mit dem Auto zur Schule brachten, fanden auch leichter einen Parkplatz.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wieder ein kurzer Blick aus dem Fenster. Weiter entfernt registrierte Adele auf der gegen\u00fcberliegenden Strassenseite einen Schulranzen, der sich mit grellen Farben von seinem Tr\u00e4ger abhob.\u00a0<em>Auch ein Erstkl\u00e4ssler,\u00a0<\/em>dachte sie.\u00a0<em>Einer, der schon alleine zur Schule geht.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Martin Huber beschleunigte seinen Lastzug nur m\u00e4ssig, denn die \u00fcbern\u00e4chste Strasse bei der Schule musste er links abbiegen, um wieder auf die Landstra\u00dfe zum Zementwerk zu gelangen. Er sah links den Jungen mit dem grellen Schulranzen, dann war er schon vor\u00fcber.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Adele vermeinte, einen Schatten wahrzunehmen.\u00a0Dann, die Augen weit aufgerissen, verfolgte sie den Schulranzen, wie er begann, neben dem Lastzug herzulaufen, immer schneller und schneller! Der Lastzug verringerte seine Geschwindigkeit etwas und sie sah den Blinker links.\u00a0<em>Der biegt ab!,\u00a0<\/em>durchfuhr es sie,\u00a0<em>und der Fahrer sieht den Jungen mit dem Ranzen nicht. Sieht er ihn den nicht im Spiegel? Und der Junge? Was hat er vor? Will er den Zebra\u00a0noch vor dem\u00a0Lastzug erreichen?<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Lastzug bremste ab, setzte den Blinker nach links und machte sich daran, in die Stra\u00dfe links nach dem Zebrastreifen einzubiegen. Martin Huber sah mit einem Auge, wie rechts aus der Molkerei eine Frau auf die Stra\u00dfe rannte und wild mit\u00a0Armen und H\u00e4nden gestikulierte und irgendetwas rief, das er nicht verstehen konnte. Abrupt trat er instinktiv mit voller Wucht auf die Bremse, dann war die Frau schon am F\u00fchrerhaus vorbei. Er musste sie noch erwischt haben, <em>wahrscheinlich<\/em>, schoss es ihm durch den Kopf, dann stand der Zug.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zitternd stieg Martin Huber aus dem F\u00fchrerhaus. Er sah die Frau. Sie lag am Boden.\u00a0<em>Was war geschehen? <\/em>Er verstand es nicht! Warum war ihm die Frau vor den Wagen gelaufen? Hilflos blickte er um sich.\u00a0<em>Ruft jemand die Polizei!,\u00a0<\/em>sagte er zu ein paar Leuten, die sich um den Lastzug dr\u00e4ngten, und st\u00fcrzte auf die Frau zu.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dann stockte ihm der Atem und er wankte. Die Frau bewegte sich und gab den Blick frei auf einen Schulranzen, der zu einem Jungen geh\u00f6rte. Zu dem Jungen, den er kurz zuvor noch \u00fcberholt hatte. Und jetzt? Vorsichtig ber\u00fchrte er die Frau. Sie drehte sich langsam zu ihm um. Da erkannte er sie. Es war die Frau aus dem Bus, von heute Morgen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Es ist alles in Ordnung,\u00a0<\/em>h\u00f6rte Martin Huber die Frau sagen,\u00a0<em>es ist nichts weiter passiert. Nur die Knie etwas aufgeschrammt. Sie haben den Buben nicht gesehen?\u00a0<\/em><i>Stimmt&#8217;s?, <\/i>fragte die Frau.\u00a0<em>Nicht gesehen, w<\/em>iederholte er wie benommen. Der Bub musste sich im toten Winkel des Spiegels befunden haben.\u00a0<em>Nicht auszudenken, wenn Sie nicht &#8230;, <\/em>sagte Martin Huber<i>. Ich wei\u00df nicht, wie Sie es geschafft haben, aber danke und, nein &#8230;!\u00a0<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Martin Huber beruhigte sich nur langsam. Die Polizei notierte alles sehr gewissenhaft, dann durfte Martin Huber weiter fahren. Adele war an diesem Tag der Schutzengel des kleinen Jungen gewesen. Ein Tag, den sie niemals vergessen w\u00fcrde. Es stand dann auch in der Zeitung, wie heldenm\u00fctig sie gewesen sei. Adele empfand es gar nicht so. Sie hatte doch nur gemacht, was\u00a0jeder gemacht h\u00e4tte, dachte sie.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #999999;\">Foto: Creative Commons-Lizenz, flickr,\u00a0https:\/\/www.flickr.com\/photos\/themm\/<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":1811,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[305],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1797"}],"collection":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1797"}],"version-history":[{"count":19,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1797\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2055,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1797\/revisions\/2055"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1811"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1797"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1797"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1797"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}