{"id":1818,"date":"2014-10-24T12:15:56","date_gmt":"2014-10-24T10:15:56","guid":{"rendered":"http:\/\/hkreiter.com\/?p=1818"},"modified":"2015-02-10T21:23:38","modified_gmt":"2015-02-10T19:23:38","slug":"ein-tag-fuer-die-ewigkeit-1","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/ein-tag-fuer-die-ewigkeit-1\/","title":{"rendered":"Ein Tag f\u00fcr die Ewigkeit (1)"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Die unbeschreiblichen Greueltaten in der Nacht zum 25. Dezember 1705 haben sich unausl\u00f6schlich in die bayerische Volksseele eingebrannt. Bayerische Aufst\u00e4ndische waren von den Truppen des habsburgischen Kaisers Joseph I. v\u00f6llig aufgerieben worden. Aufst\u00e4ndische, die sich nach Sendling, einem Ortsteil M\u00fcnchens, durchgeschlagen hatten und sich dort den kaiserlichen Truppen ergaben, wurden ungeachtet dessen in einem Massaker auf das Brutalste niedergemetzelt. In die Geschichte fand dieses Blutbad als Sendlinger Bauernschlacht oder Sendlinger Mordweihnacht Einzug.<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Schon bald w\u00fcrde dieser Tag in etwas mehr als einem Jahr zum 310. Mal wiederkehren. Noch war es aber nicht so weit, als sich jetzt, im Oktober, Eigenartiges in Kochel am See zutrug. Ein gewisser Georg\u00a0Fuchs, der von sich behauptete, einer seiner Vorfahren sei der legend\u00e4re Matthias \u00c4gidius Fuchs gewesen, also jener Mann, der zusammen mit Sebastian Plinganser eine massgebliche Rolle beim gescheiterten Bauernaufstand gespielt hatte, versammelte\u00a0mehrere finster dreinblickende Gestalten zu einem denkw\u00fcrdigen Treffen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Wir m\u00fcssen ein Exempel statuieren,\u00a0<\/em>sagte Georg Fuchs in verschw\u00f6rerischem Tonfall zu den ihn umringenden M\u00e4nnern.\u00a0<em>Jawohl, ein Exempel,\u00a0<\/em>wiederholte er finster, wie zur Best\u00e4tigung. Beif\u00e4llig nickten die M\u00e4nner und keiner widersprach. Wie sollten sie auch, waren sich doch nur zu einem einzigen Zweck hierher geeilt. In ihrem derben Schuhwerk, den Umh\u00e4ngen aus grob gewirktem Tuch und den spitzen H\u00fcten aus demselben Material, gaben sie das Bild einer verschworenen Gemeinschaft ab, was jedermann sofort bemerkt h\u00e4tte, wenn er bloss in ihre N\u00e4he h\u00e4tte kommen k\u00f6nnen. \u00a0Aber allein dieses war nicht m\u00f6glich. Sorgf\u00e4ltig waren die M\u00e4nner darauf bedacht gewesen, ihren Weg zum geheimnisvollen Treff unbemerkt anzugehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es war Mitternacht und der Mond warf sein silbriges Licht durch die aufziehenden Wolkenfetzen auf die abseits am See gelegene Scheune. Der Fuchs Georg war ihr Anf\u00fchrer, kein Zweifel. So einen musste man nicht w\u00e4hlen oder irgend wie sonst ernennen. Er war es einfach. Schon seit jeher schwor er sie immer wieder darauf ein, wie schmachvoll die Urahnen in Sendling ihr Leben ausgehaucht h\u00e4tten\u00a0und wie schmerzlich es doch f\u00fcr sie als Nachkommen sei, dass diesem Unrecht niemals S\u00fchne zuteil geworden ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Wir m\u00fcssen es selbst in die Hand nehmen,\u00a0<\/em>donnerte Georg Fuchs mit tiefer Stimme. \u00dcber die Jahre hatte er immer mehr M\u00e4nner um sich gescharrt, die, wie er, davon \u00fcberzeugt waren, gen\u00fcgend Beweise daf\u00fcr zu besitzen, dass gerade sie zu den Nachkommen der Ungl\u00fccklichen aus Sendling z\u00e4hlten.\u00a0<em>Bayern muss erbeben und die Regierung endlich unseren tapferen Ahnen Tribut zollen,\u00a0<\/em>sagte er und hieb mit der Faust auf den Tisch vor sich, dass man meinte, dieser w\u00fcrde sofort zerbersten, schon des berechtigten Zornes wegen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die M\u00e4nner sagten nichts. Wie gebannt hingen sie an den Lippen ihres Anf\u00fchrers, darauf harrend, endlich zu erfahren, welche Pl\u00e4ne er geschmiedet h\u00e4tte und schlie\u00dflich, was er ihnen\u00a0dabei\u00a0zugedacht hatte. Sie waren wild entschlossen, die Schmach von Sendling nicht mehr l\u00e4nger zu erdulden. Von \u00fcberall waren sie hergekommen. Aus Schliersee, Wolfratshausen, T\u00f6lz, Murnau, Kochel, ja sogar bis von Landshut und Straubing hatten sich einige auf den Weg gemacht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jetzt waren sie hier. Tr\u00fcbes Licht aus flakernden Petroleumlampen erhellte ihre zerfurchten Gesichter. Die J\u00fcngsten vielleicht um die Mitte Dreissig, die meisten aber gut \u00fcber f\u00fcnfzig oder sechzig. Der Fuchs Georg musste so um die 75 sein, vielleicht aber sogar schon dar\u00fcber.\u00a0<em>Jetzt sag&#8216; uns schon, was hast vor, Georg,\u00a0<\/em>sagte einer mit bebender Stimme, die erahnen lie\u00df, in welch historischer Verantwortung sich der Redner sah.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Durchdringend bohrte sich Georg Fuchses Blick tief in die Augen des Fragenden.\u00a0<em>Wir m\u00fcssen sie aufr\u00fctteln, die da oben. Die haben doch allesamt schon l\u00e4ngst die traurige Trag\u00f6die\u00a0vergessen. Seit Generationen\u00a0dringt\u00a0immer weniger der sch\u00e4ndlichen Wahrheit durch. Und das m\u00fcssen wir \u00e4ndern. Das sind wir unseren tapferen Vorfahren schuldig. Wenn wir es nicht tun, dann tut es niemand und schon bald, in wenigen Jahren, wird niemand mehr etwas \u00fcber die damaligen Vorkommnisse wissen.\u00a0<\/em>Und wieder hieb Georg Fuchs mit der Faust auf den Tisch, dass alle dachten, dieses Mal wird er unweigerlich zusammenkrachen. Aber der Tisch hielt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als die M\u00e4nner eine gute Stunde sp\u00e4ter die Scheune verlie\u00dfen, war vom Mond nichts mehr zu sehen. Stockdunkel war es und ein leichter Nieselregen hatte eingesetzt, der winzige Tr\u00f6pfchen an H\u00fcten und M\u00e4nteln bildete. Schweigend stapften sie eine Weile den See entlang, um sich dann schliesslich im st\u00e4rker werdenden Regen zu verlieren. Am ersten Advent sollte es beginnen, hatte ihnen der Georg\u00a0seinen Plan auseinander gesetzt. Danach jeden Sonntag an einem anderen Ort bis sie sich in der Nacht auf den 25. Dezember an der alten Sendlinger Kirche einfinden wollten.\u00a0<em>Bringt eure B\u00fcchsen und Stutzen mit, und wer noch an B\u00f6ller hat, nehmt auch diesen mit.\u00a0<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gute vier Wochen hatten sie noch Zeit, um alles auf das Genaueste vorzubereiten. Wenn sie jetzt ihr Exempel statuierten, wie der Georg zu sagen pflegte, dann, so sein Kalk\u00fcl, k\u00f6nnte es gute Aussichten geben, zur 310. Wiederkehr des Scharm\u00fctzels von Sendling im n\u00e4chsten Jahr, die hei\u00df ersehnte Huldigung der Taten ihrer Vorfahren und damit auch S\u00fchne f\u00fcr das Frevelhafte zu erfahren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Unzweifelhaft hatten sie einen historisch gebotenen Auftrag zu erf\u00fcllen. Der Georg hatte schon recht: Wer, wenn nicht sie? Ihre Ururgro\u00dfv\u00e4ter und noch weiter zur\u00fcck waren heldenhaft in den Tod gegangen, als Preis f\u00fcr ihren heroischen Einsatz gegen Willk\u00fcr und Unterdr\u00fcckung durch die kaiserliche Obrigkeit. Nebelschwaden brachen sich Bahn und nahmen f\u00fcr eine gewisse Zeit die Sinne der mit dem Auto Angereisten in Beschlag. Die mit der Bahn zur\u00fcck fuhren,\u00a0sa\u00dfen gedankenverloren in ihren Abteilen oder blickten durch die von Nebelfeuchte beschlagenen Scheiben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Georg Fuchs war stolz auf seine M\u00e4nner. Auf sie kam es an, wenn das Geplante seinen unverr\u00fcckbaren Gang nehmen w\u00fcrde. Er brauchte Schwarzpulver und einige Stangen Dynamit oder was sie sonst verwendeten, um Lawinen oder Felsen abzusprengen. Er wusste sehr genau, woher er das Zeug bek\u00e4me, ohne eine\u00a0Spur zu hinterlassen. Verschmitzt l\u00e4chelte Georg vor sich hin.\u00a0<em>Da\u00a0<\/em><i>werden&#8217;s Augen machen, die Herrn, <\/i>brummte er vor sich hin und blickte dabei nach oben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Fortsetzung folgt irgendwann im November\u00a0<\/strong>(sobald der erste Schlag vorbereitet ist)\u00a0<strong>!\u00a0<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #999999;\">Foto: Creative Commons-Lizenz, https:\/\/www.flickr.com\/photos\/joachim_s_mueller\/<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":1832,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[304],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1818"}],"collection":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1818"}],"version-history":[{"count":22,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1818\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2056,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1818\/revisions\/2056"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1832"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1818"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1818"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1818"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}