{"id":1864,"date":"2014-12-07T20:34:58","date_gmt":"2014-12-07T18:34:58","guid":{"rendered":"http:\/\/hkreiter.com\/?p=1864"},"modified":"2015-02-11T19:44:26","modified_gmt":"2015-02-11T17:44:26","slug":"ein-tag-fuer-die-ewigkeit-3","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/ein-tag-fuer-die-ewigkeit-3\/","title":{"rendered":"Ein Tag f\u00fcr die Ewigkeit (3)"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Seit jeher wird um die Weihnachtszeit der Sendlinger Mordweihnacht gedacht. Das schon. Aber den M\u00e4nnern um Georg Fuchs reichte das nicht. Sie verlangten Anerkennung. Schlie\u00dflich waren es ihre Vorfahren gewesen, die uns\u00e4glich zugrunde gehen mussten, ihrem Wahlspruch folgend:\u00a0<em>Liaba bairisch steam als kaiserlich verdeam! <\/em>(Lieber bayrisch sterben als kaiserlich verderben)<em>. <\/em>Allein in Sendling soll es \u00fcber 11oo Tote gegebne haben &#8211; niedergemeuchelt von des Kaisers Truppen, obwohl sich die Aufst\u00e4ndischen bereits ergeben und ihre Waffen abgelegt hatten. Insgesamt waren am Ende\u00a0des dreiw\u00f6chigen Aufstandes \u00fcber 10.000 Tote zu beklagen.\u00a0Das war dem Kaiser Joseph I nicht zu verzeihen!<em>,\u00a0<\/em>und nat\u00fcrlich generell der Obrigkeit nicht.<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Am 30. November tat sich etwas in den Bergen am See bei Kochel. Zur vereinbarten Zeit, zwei Stunden vor Mitternacht, trafen die M\u00e4nner am Wildbach Steig ein. Wieder waren sie aus allen Richtungen und Landesteilen gekommen. Der Erste Advent ging dem Ende entgegen. Feuchter Nebel hing \u00fcber&#8217;m Wildbach. Gerade so viel, dass die M\u00e4nner in ihren Umh\u00e4ngen aus derbem Stoff nur schemenhaft zu erkennen waren. Manche hatten B\u00fcchsen geschultert, andere sah man mit kurzl\u00e4ufigen B\u00f6llern. Einige schleppten schwere Rucks\u00e4cke. Eine d\u00fcstere Laterne an einem\u00a0Ende des Steigs erhellte die Szene. Sie sprachen kaum etwas. \u00dcberhaupt erweckten die M\u00e4nner den Eindruck, als w\u00fcrden sie ihr Treiben nicht gerne \u00f6ffentlich machen. Verschworen sah es aus, wenn sie sich mit Handzeichen verst\u00e4ndigten, um dann mit einem Mal schlie\u00dflich in der Dunkelheit der Nacht zu entschwinden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mehr als ein gutes Dutzend stapften sie hinter dem Fuchs Georg drein. Immer weiter ging es hinan und manch einer schnaufte schwer unter der Last des Mitgef\u00fchrten.\u00a0<em>Gleich haben wir&#8217;s, Leut!, <\/em>sagte der Fuchs Georg und schon bald trat die H\u00fctte ins Blickfeld der M\u00e4nner. Das hei\u00dft, viel war nicht zu sehen. Wolken waren aufgezogen und nur wenig des sp\u00e4rlichen Mondes drang hin und wieder durch.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das schwere Vorh\u00e4ngeschloss gab die T\u00fcre frei und die M\u00e4nner dr\u00e4ngten in die H\u00fctte. Rucks\u00e4cke, B\u00fcchsen und B\u00f6ller stapelten sich in einer Ecke, die Lodenumh\u00e4nge fanden ihren Platz an Haken, die grob in die Wand aus Bohlen geh\u00e4mmert waren. Petroleumlampen lie\u00dfen alles in einem bizarren Licht erscheinen.\u00a0<em>Mach&#8216; ma a Feier?, \u00a0<\/em>fragte einer und schon bald prasselten die Scheite im Herd. Was sie alles hochgeschleppt hatten! Ger\u00e4uchertes, W\u00fcrste, K\u00e4se und Brot. Dazu jede Menge Bier, dunkles und helles. Ja, so ein Abend wollte gefeiert sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Passt&#8217;s auf!,\u00a0<\/em>sagte der Georg und erteilte seine Anweisungen.\u00a0<em>Punkt Mitternacht lass&#8216; mas rump&#8217;sn, dass es unten am See no h\u00f6rn! Unsere Mahnschriften sind verteilt und wenn&#8217;s nachher n<\/em><i>ausrennen, um des Spektakel zu erkunden, dann\u00a0werden&#8217;s wissen, warum!\u00a0<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es war noch Zeit und die M\u00e4nner nahmen ausgiebig von dem Mitgebrachten, unterbrochen vom Schnalzen der Schnappverschl\u00fcsse an den Bierflaschen. Dann war es soweit. Bis auf den Fuchs Georg verschwanden alle aus der H\u00fctte und jeder schien genau zu wissen, wohin er in der Finsternis zu gehen hatte &#8211; nicht ungef\u00e4hrlich in den Bergen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da, grad als die M\u00e4nner ihres Weges gehen wollten schoss gleissendes Licht auf die H\u00fctte.\u00a0<i>Bleibt&#8217;s wo&#8217;s seid&#8217;s!, <\/i>befahl\u00a0eine durchdringende Stimme aus einem Lautsprecher in die Stille der Nacht. Schockiert blieben die M\u00e4nner wie angewurzelt stehen. Minuten sp\u00e4ter waren sie von Polizei\u00a0in Uniform eingekreist.\u00a0<em>Hammas eich versalz&#8217;n?,\u00a0<\/em>fragte einer der Uniformierten und kl\u00e4rte dar\u00fcber auf, dass man beh\u00f6rdlicherseits den vorgesehenen Spektakel unterbinden wolle.\u00a0<em>Jemand hat uns eps g&#8217;steckt oder a\u00a0<\/em><i>Schweiberl\u00a0hats\u00a0pfiffen! <\/i>Taghell\u00a0erleuchteten die Polizeischeinwerfer das Gel\u00e4nde, sodass es kein Entrinnen f\u00fcr die M\u00e4nner gab.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Dann\u00a0packt&#8217;s euer Zeug! Gemma owa nach\u00a0<\/em><i>Kochl, auf&#8217;d Wach!,\u00a0<\/i>befahl der Uniformierte den M\u00e4nnern und stapfte\u00a0los. Die M\u00e4nner hatten keine Wahl, auch wenn es sie hundsgemein \u00e4rgerte, jetzt noch, kurz vorm Ziel, erwischt worden zu sein. Das konnte ja bloss dieser Hundsfott gewesen sein, der sie bei ihrem letzten Treffen belauscht hatte.\u00a0<em>Na wart du<\/em><i>\u00a0Birscherl. Des hast net umsonst g&#8217;macht!,\u00a0<\/i>sagten sich die M\u00e4nner insgeheim, warfen ihre Umh\u00e4nge um die Schulter und schritten hinter den Uniformierten her.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Schloss war wieder angebracht und die H\u00fctte lag im Dunkeln, aber niemand von der Polizei hatte registriert, wie sich der Fuchs Georg zusammen mit einem der Gesellen blitzschnell aus der H\u00fctte entfernt und hinter ein paar B\u00e4umen versteckt hatte. Sie warteten eine Weile, bis von den bergab Schreitenden nichts mehr zu h\u00f6ren war und auch die Fahrzeuge mit den Scheinwerfern den Ort verlassen hatten, dann gingen sie zur\u00fcck zur H\u00fctte.\u00a0<em>Es gibt noch einen versteckten Reserveschl\u00fcssel,\u00a0<\/em>sagte der Fuchs Georg zu seinem Kumpanen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Schnell packten sie ihre R\u00fccks\u00e4cke, die von der Polizei niemand beachtet hatte und schritten hinaus in die finstere Nacht.\u00a0<em>Wir haben noch zehn Minuten,\u00a0<\/em>sagte der Fuchs und die beiden M\u00e4nner hetzten weiter nach oben. An einer Gabelung bedeutete der Georg dem anderen nach rechts zu gehen. Er selbst nahm den Weg nach links.\u00a0<em>Weissst no, wo der Kasten steht?,\u00a0<\/em>fragte er sicherheitshalber. Der Kumpane nickte nur und war schon von der Dunkelheit verschluckt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In der Minute, als die Polizei mit ihrem Gefolge die Wache in Kochel erreichte, tat es einen f\u00fcrchterlichen Rumps und gleich darauf noch einen und noch einen. Es schien, als w\u00fcrde es gar nicht mehr aufh\u00f6ren wollen. Oben in den Bergen sah man grelle Blitze zucken, bevor der Donner gewaltiger Detonationen den Weg die H\u00e4nge hinunter nahm, um schlie\u00dflich die Menschen im Ort aus ihren Betten zu rei\u00dfen. Verdutzt blickten die Polizisten nach oben, dorthin, von wo sie gerade herkamen, dann auf die M\u00e4nner, die h\u00f6hnisch lachend fragten, was da wohl vor sich ginge.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In Windeseile lief der ganze Ort zusammen und versammelte sich am\u00a0<em>Schmied von Kochel Denkmal.<\/em>\u00a0Was los ist, wollten die Leute wissen, aber die Polizisten konnten es auch nicht sagen. \u00a0Dann sah man die Zettel, die \u00fcber den ganzen Platz verteilt, umherlagen. Jetzt wussten sie es. Ein Bund der Angeh\u00f6rigen der Opfer der Sendlinger Mordweihnacht, so stand es da zu lesen, wollte auf das erlittene Unrecht ihrer Vorfahren hinweisen und die Bayerische Staatsregierung auffordern, im n\u00e4chsten Jahr zum 310. Jahrestag des Massakers, eine Ehrenerkl\u00e4rung f\u00fcr die Aufst\u00e4ndischen von damals abzugeben.\u00a0<em>Sonst wiederholen wir die heutige\u00a0<\/em><i>Nacht, bis wir geh\u00f6rt werden!,\u00a0<\/i>war am Schluss noch zu lesen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die verdatterten Polizisten hatten wegen der aufgeregten Anwohner f\u00fcr eine Weile die zu Tale gef\u00fchrten M\u00e4nner aus den Augen gelassen. Jetzt waren sie fort. Verschwunden, als h\u00e4tte es sie niemals gegeben.\u00a0<em>Scheisse!,\u00a0<\/em>entfuhr es einem der Uniformierten und ein anderer stimmte mit einem Lachen im Gesicht ein:\u00a0<em>Des kannst laut sagen,\u00a0aber machen kannst nix mehr. Weg is weg. De\u00a0wer&#8217;n mia nimma\u00a0<\/em><i>finden!\u00a0<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In den Zeitungen, im Rundfunk und im Fernsehen wurde dar\u00fcber berichtet und in den Wirtsh\u00e4usern eifrig diskutiert, sogar in M\u00fcnchen, der Landeshauptstadt, war das Thema Gespr\u00e4chsstoff. Es ging sogar soweit, dass Bayerns Heimatminister kundtat, zur Weihnacht 2015 eine angemessene Verlautbarung abzugeben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das w\u00e4r es beinahe gewesen, mit einer Ausnahme. In einem \u00f6rtlichen Wirtshaus soll es an mehreren Sonntagen hintereinander zur Mittagszeit zu merkw\u00fcrdigen Zusammenk\u00fcnften gekommen sein. Ein gewisser Georg Fuchs soll dort mit zahlreichen M\u00e4nnern als Gast des Wirtes gesehen worden sein. Es soll geschmaust und getrunken worden sein, was das Zeug hielt. Und sogar sp\u00e4ter noch soll es dort fortan einen Georg Fuchs Stammtisch gegeben haben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Polizei hat \u00fcbrigens niemals erfahren, wer die anonyme Anzeige in den Briefkasten geworfen hatte. Der Fuchs Georg wusste es, aber ihn fragte niemand danach. Und h\u00e4tte man ihn danach gefragt, h\u00e4tte er es nicht gewusst!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #999999;\">Foto: Creative Commons-Lizenz, flickr,https:\/\/www.flickr.com\/photos\/59259722@N06\/<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":1869,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[304],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1864"}],"collection":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1864"}],"version-history":[{"count":10,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1864\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2092,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1864\/revisions\/2092"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1869"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1864"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1864"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1864"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}