{"id":1872,"date":"2014-12-11T18:25:08","date_gmt":"2014-12-11T17:25:08","guid":{"rendered":"http:\/\/hkreiter.com\/?p=1872"},"modified":"2018-01-23T16:24:10","modified_gmt":"2018-01-23T15:24:10","slug":"stille-nacht","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/stille-nacht\/","title":{"rendered":"Stille Nacht"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Im Jahre 1843 erblickte Luise, genannt Luiserl, Partenninger das Licht der Welt. Die Mutter, eine rechtschaffende junge Frau aus Straubing, der Vater, so konnte man sp\u00e4ter in den Geburtenregistern des Erzbisch\u00f6flichen Ordinariats in M\u00fcnchen nachlesen, kam aus dem Montafon in \u00d6sterreich. Der Herkunftsort war allerdings nicht zu entziffern, wie nat\u00fcrlich \u00fcberhaupt das Lesen des Registers Kenntnis der Deutschen Schrift voraussetzte. Fein s\u00e4uberlich war seinerzeit alles mit Tinte in den gebr\u00e4uchlichen steilen deutschen Buchstaben auf die amtlichen Bl\u00e4tter geschrieben\u00a0worden. Bis auf den Ort eben, der war vergilbt, verwischt oder sonst etwas &#8211; jedenfalls war und blieb er unleserlich.<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Niemand konnte deshalb genaueres \u00fcber Luiserls Vater herausfinden. Nur so viel war bekannt, dass sich dieser Hallodri schon sehr bald nach Luiserls Geburt aus dem Staub gemacht hatte und die arme Mutter allein zur\u00fcck lie\u00df. \u00dcber Nacht war er verschwunden, wie es hie\u00df. Luiserls Mutter wiederum war mit ihrem Kind bei einem Bauern einquartiert, dessen Ehefrau eigenartigerweise kurz nach Luiserls Geburt ebenfalls \u00fcber Nacht verschwunden sein soll. Soweit man die Geschichte \u00fcberhaupt noch kannte, soll es sich zugetragen haben, dass die Ehefrau etwas mit dem Montafoner gehabt hatte und der Bauer mit der Mutter vom Luiserl.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bekannt wurden diese Zusammenh\u00e4nge eigentlich nur deshalb, weil sich in einer niederbayerischen Gemeinde vor einigen Jahren in der heiligen Weihnachtsnacht beinahe ein Drama abgespielt\u00a0h\u00e4tte, wenn nicht &#8230;, ja, wenn nicht eine gewisse Walburga Niedermeier zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort gewesen w\u00e4re.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was war geschehen? Am Morgen des 24. Dezembers wies nichts auf die unheilvollen Ereignisse des Abends hin. Es herrschte die \u00fcbliche aufgeregte Betriebsamkeit. Alle brauchten noch dieses oder jenes und die \u00f6rtlichen Gesch\u00e4fte machten noch einen guten Umsatz. Mittags war dann bei den meisten Schluss. Nur der Supermarkt hatte bis 4 Uhr am Nachmittag ge\u00f6ffnet. Dann eilten auch diese Leute schnell nach Hause. Und eine Tankstelle am Ort war noch bis 20:00 Uhr in Betrieb.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es hatte wieder zu schneien begonnen. Seit Tagen schon gab es Schnee. Viel Schnee, zur Freude der Kinder. Weniger Spass empfanden die R\u00e4umdienste der \u00f6rtlichen Stra\u00dfenmeisterei. Niemand arbeitet gerne am Heiligen Abend. Und es spielte dabei keine Rolle, ob einer katholisch, evangelisch oder sonst einer Glaubensgemeinschaft angeh\u00f6rte. Sogar die aus der Kirche Ausgetretenen, die Atheisten, Materialisten und sonstige Gottesleugner freuten sich auf das Weihnachtsfest. Und am Heiligen Abend zur Christmette waren die Kirchen immer zum Bersten voll. Da trafen sich dann alle und verdr\u00fcckten ein paar Tr\u00e4nen, wenn das grosse\u00a0<em>Vom Himmel hoch&#8230;\u00a0<\/em>und sp\u00e4ter dann\u00a0<em>Stille Nacht &#8230;\u00a0<\/em>angestimmt wurden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber soweit war es noch nicht. Gegen 19:00 Uhr nahm ein Lieferwagen die Zufahrt zur Tankstelle. Eine straff verzurrte Plane verhinderte jede Sicht auf das Ladegut. Aber es interessierte sich ohnehin niemand daf\u00fcr. Neben dem Fahrer waren zwei schemenhafte Gestalten auszumachen, wie der Tankwart feststellte. Der Fahrer betankte das Fahrzeug und schritt auf das Tankstellengeb\u00e4ude zu. Die automatische T\u00fcre \u00f6ffnete sich und der Mann betrat den Verkaufsraum. Der Tankwart, kurz abgelenkt, sah nicht, wie die beiden Beifahrer nunmehr ebenfalls das Fahrzeug verlie\u00dfen und sofort in der Dunkelheit der unbeleuchteten Fl\u00e4chen verschwanden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zur gleichen Zeit war Walburga Niedermeier in ihrer K\u00fcche mit den Vorbereitungen des Abendessens besch\u00e4ftigt. Ihr Mann Andreas, mit Kochk\u00fcnsten nur sp\u00e4rlich gesegnet, half dennoch mit, wusch den Salat, schnitt Zwiebel und tat, was ihm Walburga so anschaffte. Der kleine Sohn Max sa\u00df indessen mit Oma und Opa vor dem Fernseher und fieberte dem Christkind entgegen.\u00a0<em>Ich mach schon mal den Wein auf,\u00a0<\/em>bemerkte Andreas.\u00a0<em>Soll ja immer Luft bekommen,\u00a0<\/em>f\u00fcgte er noch an. Walburga meinte, er solle gleich noch ein paar Flaschen Bier aus dem K\u00fchlschrank nehmen, weil der Opa es doch nicht so kalt trinke.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bier! Es war keines da. Nichts im K\u00fchlschrank. Keines in der K\u00fcche und keines im Keller. Sie hatten einfach vergessen, es zu besorgen. Das ging nat\u00fcrlich gar nicht. Der Opa mochte keinen Wein, nur Bier.\u00a0<em>Ist nicht schlimm. Ich fahr&#8216; schnell r\u00fcber zur Tankstelle,\u00a0<\/em>meinte Walburga.\u00a0<em>Warte, ich kann auch &#8230; fahren,\u00a0<\/em>wollte Andreas noch sagen, aber da war Walburga schon zur T\u00fcr hinaus.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Mann in der Tankstelle schlenderte an den Regalen vorbei, nahm da und dort etwas heraus, legte es in den Korb und bewegte sich auf die Kasse zu.\u00a0<em>Toilette?,\u00a0<\/em>fragte er. Der Tankwart zeigte auf die gegen\u00fcberliegende Seite.\u00a0<em>Steht dran,\u00a0<\/em>sagte er. Der Mann stellte den Korb auf die Kassentheke, machte kehrt und ging gem\u00e4chlich in die angezeigte Richtung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ger\u00e4uschvoll \u00f6ffnete und schloss der Mann die T\u00fcre zur Toilette, \u00f6ffnete dann sogleich eines der Fenster und wartete, bis seine Kumpane eingestiegen waren. Nun schloss er das Fenster und wies die beiden an sich ruhig zu verhalten.\u00a0<em>Ihr wartet, bis der Angestellte die Tankstelle verlassen hat. Ich komme\u00a0dann zur\u00fcck, \u00a0fahre\u00a0den Wagen hier unter das Fenster und wir laden ein.\u00a0<\/em>Was mit der Kasse w\u00e4re, wollte noch einer wissen.\u00a0<em>Lohnt sich nicht. Ist nur wenig drin. Die meisten zahlen mit Karte.\u00a0<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Walburga fuhr ihren Wagen gerade auf den Parkstreifen vor dem Verkaufsladen, als der Mann an der Kasse seine Eink\u00e4ufe\u00a0bezahlte. Er brummte einen Gruss, verlie\u00df das Geb\u00e4ude und hielt Walburga die T\u00fcre auf. Als Walburga bei den Getr\u00e4nken das passende Bier ausw\u00e4hlte, startete der Mann den Lieferwagen und fuhr ab. Der Angestellte oder Tankwart, wie er hier genannt wurde, nahm dies nur aus den Augenwinkeln wahr und so entging ihm, dass die Beifahrer von vorhin fehlten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Sie sind mein letzter Kunde heute, dann sperr ich zu!,\u00a0<\/em>bemerkte der Tankwart als Walburga zahlte. Walburga verstaute noch die Sachen in\u00a0ihrem Wagen, als auch schon das Licht im Verkaufsraum erlosch, der Tankwart den Eingang absperrte und auf seinen Wagen zuging. Er gr\u00fcsste noch einmal zu ihr her\u00fcber, dann sah sie ihn nicht mehr.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Um Walburga herum war es dunkel. Als sie ihren Wagen starten wollte, sah sie Scheinwerfer n\u00e4her kommen und sie bemerkte, wie der Lieferwagen von vorhin zum r\u00fcckw\u00e4rtigen Teil der Tankstelle einbog. Ihre Neugierde war geweckt.\u00a0<em>Was will der hier?,\u00a0<\/em>dachte sie, \u00f6ffnete leise die T\u00fcre, stieg aus, duckte sich instinktiv und huschte durch den Schnee dorthin, wo der Lieferwagen jetzt sein musste.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vorsichtig, an die Hauswand gepresst, lugte Walburga um die Ecke. Das Schneetreiben war mittlerweile heftiger geworden. Nur undeutlich konnte sie sehen, wie M\u00e4nner ganz offensichtlich diese Tankstelle leer r\u00e4umten. Jedenfalls hievten sie\u00a0Gegenst\u00e4nde aus einem Fenster und verluden sie auf der Ladefl\u00e4che. Dann zurrten sie die Plane wieder fest, fuhren aber nicht ab, sondern stiegen wieder zur\u00fcck ins Geb\u00e4ude.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Walburgas Mann, Andreas, machte sich schon Sorgen dar\u00fcber, wo seine Frau solange bliebe. <em>Hoffentlich ist nichts passiert,\u00a0<\/em><em>bei dem Schnee!,\u00a0<\/em>dachte er. Er beruhigte sich aber, weil er wusste, sie h\u00e4tte sonst ganz sicher angerufen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Walburga vernahm zu ihrem gr\u00f6\u00dften Erstaunen, wie sich an den Zapfs\u00e4ulen etwas tat. Die M\u00e4nner hatten die Anlage offensichtlich wieder in Betrieb genommen. Sie sah, wie sie mit Kanistern vom hinteren Teil nach vorne eilten und damit begannen,\u00a0diese zu bef\u00fcllen. Einer der M\u00e4nner hielt dabei eine Zigarette im Mundwinkel eingeklemmt.\u00a0<em>Jetzt wird&#8217;s\u00a0<\/em><i>brenzlich,\u00a0<\/i>sagte sich Walburga, griff zum Handy, tippte die Nummer der Polizei und wartete.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da, pl\u00f6tzlich ein fauchender Knall und einer der Kanister stand in Flammen. Dem Mann war die Kippe wohl aus dem Mund gefallen, war Walburgas erster Gedanke. Das Feuer griff sofort auf versch\u00fcttetes Benzin am Boden \u00fcber. Wieder ein Fauchen. Der zweite Kanister in Flammen! In Panik st\u00fcrmten die M\u00e4nner davon zu ihrem Fahrzeug. Peng &#8211; wieder ein Kanister!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eiskalt \u00fcberlegte Walburga, was zu tun sei. Dann wusste sie es. \u00dcberdeutlich sah sie in der N\u00e4he der Tanks\u00e4ulen Feuerl\u00f6schger\u00e4te angebracht. Ohne zu z\u00f6gern rannte sie auf diese zu, zerrte einen aus der Verankerung, richtete ihn auf die Flammen, und dr\u00fcckte den Ausl\u00f6ser. Eine riesige Wolke des Mittels ergoss sich \u00fcber die Flammen. Immer wieder dr\u00fcckte Walburga, bis nichts mehr hervorkam.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dann h\u00f6rte sie Martinsh\u00f6rner und wenig sp\u00e4ter waren Polizei und Feuerwehr zur Stelle. Walburga zitterte am ganzen K\u00f6rper und war froh, als sie einer der Feuerwehrleute in den Arm nahm. Aus den Augenwinkeln beobachtete sie, wie die Polizei die Einbrecher abf\u00fchrte.\u00a0<em>Haben sich hinten im Schnee festgefahren,\u00a0<\/em>sagte jemand zu ihr und\u00a0<em>kommen Sie, wir bringen Sie nach Hause!<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In der Zeitung war zu lesen, dass es der beherzten Walburga Niedermeier zu verdanken sei, dass nichts Schlimmeres passiert war. Manche meinten sogar, die ganze Tankstelle h\u00e4tte in die Luft fliegen k\u00f6nnen. Und weiter stand da zu lesen, welch ein Gl\u00fcck es gewesen w\u00e4re, dass es damals vor fast\u00a0170 Jahren\u00a0zwischen einer Frau aus Straubing\u00a0und einem Bauern des Ortes zu einer Liebschaft gekommen war. Denn ohne diese Liebschaft w\u00fcrde es\u00a0die Niedermeier Walburga auch nicht geben. So w\u00fcssten\u00a0wir niemals, schloss der Artikel, was die Zukunft br\u00e4chte. Und deshalb\u00a0k\u00f6nne man nur jedem raten, mit seinen Urteilen und Taten\u00a0vorsichtig umzugehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #999999;\">Foto: creative commons-lizenz, flickr,https:\/\/www.flickr.com\/photos\/dskley\/<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":1899,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1012,305],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1872"}],"collection":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1872"}],"version-history":[{"count":28,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1872\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2059,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1872\/revisions\/2059"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1899"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1872"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1872"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1872"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}