{"id":1903,"date":"2014-12-23T01:45:14","date_gmt":"2014-12-22T23:45:14","guid":{"rendered":"http:\/\/hkreiter.com\/?p=1903"},"modified":"2015-02-10T21:26:03","modified_gmt":"2015-02-10T19:26:03","slug":"jahreswechsel","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/jahreswechsel\/","title":{"rendered":"Jahreswechsel"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Langsam\u00a0fallen die Schatten tiefer,\u00a0verlieren sich in bizarren Formen\u00a0und l\u00f6sen sich\u00a0schliesslich in der Dunkelheit der Nacht auf.<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es war k\u00e4lter geworden. Nebelschwaden dr\u00fcckten aus den Bergen ins Tal und f\u00fcllten Watte gleich Strassen und Gassen in den D\u00f6rfern. Nur schemenhaft drangen die Umrisse der H\u00e4user, B\u00e4ume und Str\u00e4ucher durch die vom sp\u00e4rlichen Licht der Stra\u00dfenbeleuchtung erfassten Nebelw\u00e4nde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Niemand schenkte den M\u00e4nnern Beachtung, als sie eilig hinter einen der \u00f6rtlichen Superm\u00e4rkte hasten. Sie waren einem Fahrzeug entstiegen, das an der beleuchteten Vorderfront des Gesch\u00e4ftes stand und schleppten allerlei\u00a0Gegenst\u00e4nde mit sich. Die ziehenden Nebel gaukelten unwirkliche Bilder vor, und deshalb w\u00e4re wohl auch kein Mensch auf die Idee gekommen, nach dem Rechten zu sehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vereinzelt zerrissen\u00a0krachende und knatternde Raketen und B\u00f6ller die Stille der Nacht &#8211; lange vor Mitternacht schon. Die Menschen sa\u00dfen um Tische gedr\u00e4ngt zu Hause oder anderswo, alleine oder bei Freunden oder tummelten sich auf Partys. Allerorts eine ausgelassene Fr\u00f6hlichkeit. Und doch nicht \u00fcberall!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Einige der M\u00e4nner hantierten mit Scheinwerfern, die sie auf Gestellen befestigten. Andere rollten Kabel von Trommeln auf Lafetten. Wieder andere montierten ein Dreibein \u00fcber dessen Rolle in der Mitte ein Stahlseil gef\u00fchrt war. Irgendwo lief ein Aggregat an und pl\u00f6tzlich durchdrang glei\u00dfendes Licht das diffuse Bild des Nebels.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ausgelassen dr\u00e4ngten ein paar junge M\u00e4nner gefolgt von lachenden Frauen ins Freie vor einer Gastst\u00e4tte. Und wieder rumste es kr\u00e4ftig. Wahllos warfen sie B\u00f6ller in die Gegend, deren Blitze die Nebel zerrissen. Manche hatten Sektgl\u00e4ser in der Hand und prosteten sich unentwegt zu.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Licht der Scheinwerfer tauchte die Szene in eine grelle Unwirklichkeit. Die Gesichtsz\u00fcge der M\u00e4nner wirkten fahl. Am Boden waren die Umrisse einer \u00d6ffnung zu erkennen, die sich als Schacht entpuppte, nachdem weitere Scheinwerfer ihre gnadenlosen Lichtfluten von sich warfen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Irgendwo waren jetzt die Stimmen neuer l\u00e4rmender Menschen zu vernehmen. Und wieder knallte es. Die Nebel machten Anstalten als wichen sie vor soviel n\u00e4chtlicher Dreistigkeit zur\u00fcck. Aber das war es nicht. Jemand hatte Fackeln angez\u00fcndet und der Schein Bengalischen Feuers durchdrang die feuchten Partikel der Luft.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Schmale, Kanonenrohren gleichende\u00a0Scheinwerfer auf Lafetten drangen mit bei\u00dfender Pr\u00e4zision in die \u00d6ffnung des Schachtes. In die Wand eingelassene, U-f\u00f6rmige Tritteisen waren zu erkennen und weiter unten etwas Undefinierbares. Das Licht reichte nicht weit genug hinab. Es war so, als w\u00fcrde es von den schwarzen Schachtw\u00e4nden geschluckt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine Gruppe Burschen zog lauthals am Supermarkt vorbei und war bald nicht mehr zu sehen. Es schien, als habe der Nebel die Gestalten nebst Geschrei gleichsam aufgesogen. F\u00fcr ein paar Sekunden war es beinahe unwirklich ruhig, gerade so als st\u00fcnde die Welt still. Dann, mit einem Mal, drang das Knattern der Generatoren durch die milchigen Schleier. M\u00e4nnerstimmen schrieen etwas wie Kommandos.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vor dem Supermarkt waren mittlerweile weitere Fahrzeuge eingetroffen. Gestalten sputeten sich, weiteres Ger\u00e4t nach r\u00fcckw\u00e4rts zu schaffen. Einer der M\u00e4nner war jetzt mit einem Geschirr angetan, wie es Bergsteiger tragen. Deutlich war auf seiner Jacke ein\u00a0Schriftzug\u00a0zu erkennen: <em>NOTARZT.<\/em>\u00a0Er begab sich zum Schacht und jemand klinkte das Stahlseil mittels eines Karabiners am Tragegeschirr des Arztes ein. Dann bewegte sich der Mann vorsichtig auf den Schacht zu.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eisen f\u00fcr Eisen stieg der Arzt hinab. Bald schon war nur noch der Schein der von ihm mitgef\u00fchrten Stablampe zu erkennen. Noch ein paar Eisen und der Mann war am Fu\u00dfe des Schachtes angekommen. Blitzschnell orientiere er sich und sprach \u00fcber ein Funkger\u00e4t mit den M\u00e4nnern oben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aus einer benachbarten Wirtschaft flogen undeutlich derbe Wortfetzen her\u00fcber. Bis Mitternacht w\u00fcrde sich noch einiges anstauen. Der Alkohol! Streit um Frauen! Geschrei um M\u00e4nner! Dann wieder Stille, durchdrungen vom Knattern der Generatoren, die den Strom f\u00fcr die Scheinwerfer lieferten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Schwer hing der Mann am Haken des Stahlseils, das behutsam \u00fcber eine Seilwinde nach oben gezogen wurde. Sie hatten solche Eins\u00e4tze oft ge\u00fcbt, aber es war dann doch etwas anderes, wenn aus \u00dcbung ernst geworden war.\u00a0\u00dcber ihm schwebte eine Art l\u00e4nglicher Sack, den er mit in die Tiefe genommen hatte. Er sorgte daf\u00fcr, dass dieser w\u00e4hrend des Transportes nach oben nicht an die Schachtw\u00e4nde sto\u00dfen konnte. Dann war es geschafft!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Helfende H\u00e4nde nahmen zuerst den Sack, dann ihn in Empfang. Ohne viele Worte legten zwei der M\u00e4nner den Sack auf eine Trage, fixierten ihn, und eilten nach vorne zu den Fahrzeugen. Eine sichtlich betrunkene Frau versuchte zu folgen, kam aber immer wieder ins Stolpern und schaffte es erst, als die M\u00e4nner bereits im \u00a0Notarztwagen zugange waren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Gesichter der Menschen in den Gasth\u00e4usern gl\u00e4nzten fiebrig und immer mehr Alkohol dr\u00f6hnte ihre\u00a0Gehirne zu. Niemand bekam auch nur das Geringste mit, von dem, was sich am Supermarkt abspielte. Es war schlie\u00dflich Silvester und die meisten waren geneigt, ihren Zustand bis in die fr\u00fchen Morgenstunden hinein noch um einiges zu verschlimmern.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Schnell waren die Ger\u00e4tschaften wieder in den Fahrzeugen verstaut und der Schacht gesichert. Minuten sp\u00e4ter schon deutete nichts mehr auf den Einsatz der M\u00e4nner hin. Sie waren zur\u00fcck gefahren zu ihren jeweiligen Standorten, um auf die n\u00e4chsten Eins\u00e4tze zu warten. Silvester war immer viel los. Das Schlimmste w\u00fcrde noch kommen, wenn die Betrunkenen, jede Vorsicht ausser acht lassend, alle m\u00f6glichen Feuerwerksk\u00f6rper z\u00fcndeten. Oft auch selbstgebautes Zeug. Ein Gr\u00e4uel!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im nahen Krankenhaus \u00fcbernahmen die Bereitschafts\u00e4rzte die kostbare Fracht des Notarztes. Ein kleiner Junge war in den ungesicherten Schacht gest\u00fcrzt. Er hatte dort bei Nebel und\u00a0Dunkelheit gespielt. Warum, war nicht zu sagen. Die betrunkene Mutter wusste es nicht. Sie hatte zu Hause gefeiert, mit Freunden, und den Buben einfach sich selbst \u00fcberlassen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mitternacht r\u00fcckte n\u00e4her und das Geknalle nahm zu. Wie im Krieg! Bei\u00dfender, \u00e4tzender Rauch und Geruch machte sich \u00fcberall breit. Der Nebel verzog sich, gerade so, als wolle er mit dem anhebenden Spektakel nichts gemein haben. Raketen stiegen in den Himmel, Heuler zischten umher und Serienb\u00f6ller zerrissen die Nacht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Rippenbr\u00fcche, Prellungen an den Beinen und eine \u00fcble Platzwunde am Kopf, das war das Resultat, mit dem der Junge vergleichsweise noch gut davon gekommen w\u00e4re, wie die \u00c4rzte meinten. Jetzt lag er in einem Bett und die wei\u00dfen Laken lie\u00dfen sein kleines Gesichtchen noch schm\u00e4ler erscheinen als es in Wirklichkeit war.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Mutter schickten sie nach Hause. Sie solle am n\u00e4chsten Tag wieder kommen, wenn sie n\u00fcchtern sei, denn man habe hier keine Lust, auch noch sie versorgen zu m\u00fcssen. Ein Taxi rief man ihr noch, das war&#8217;s.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es blieb ein R\u00e4tsel, wer auf den Buben aufmerksam geworden war. Ger\u00fcchte machten\u00a0allerdings bald schon die Runde, wonach es irgend welche Herumtreiber gewesen sein sollen. Asoziales Gesindel eben, sagten manche. Niemand meldete sich. Niemand trat dem Geschw\u00e4tz entgegen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So wei\u00df man es bis heute nicht und wird es nie erfahren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #999999;\">Foto: Creative Commons-Lizenz, flickr,https:\/\/www.flickr.com\/photos\/h-k-d\/<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":1924,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[305],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1903"}],"collection":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1903"}],"version-history":[{"count":26,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1903\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2060,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1903\/revisions\/2060"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1924"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1903"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1903"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1903"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}