{"id":1988,"date":"2015-02-09T02:07:30","date_gmt":"2015-02-09T00:07:30","guid":{"rendered":"http:\/\/hkreiter.com\/?p=1988"},"modified":"2015-02-20T23:33:16","modified_gmt":"2015-02-20T21:33:16","slug":"neubeginn","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/neubeginn\/","title":{"rendered":"Neubeginn"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Als im Winter des letzten Jahres der Schnee auf sich warten lie\u00df und so mancher in den Bergregionen um seine Existenz f\u00fcrchtete, war die Stimmung der Menschen mehr als nur gedr\u00fcckt. Die Gemeindeversammlung stand deshalb unter keinem guten Stern und der B\u00fcrgermeister frage sich, ob es wirklich eine so gute Idee gewesen sei, ausgerechnet jetzt \u00fcber die Zukunft zu reden.<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nur z\u00f6gerlich f\u00fcllte sich der Gemeindesaal und kurz vor Beginn der Veranstaltung waren immer noch Pl\u00e4tze frei. Da, am Eingang tat sich etwas. Eine Gruppe von M\u00e4nnern dr\u00e4ngte in den Saal und im Nu war auch der letzte Stuhl belegt.\u00a0<em>Auweh, ausgerechnet der, <\/em>bemerkte der B\u00fcrgermeister und meinte damit den Oberlechner, einen Bauern vom Ort, der mit seinen S\u00f6hnen und Schwiegers\u00f6hnen einger\u00fcckt war. An sich w\u00e4re dies nichts Besonderes gewesen, ging es doch heute Abend um ihrer aller Zukunft. Jeder im Ort und nicht nur hier, sondern im ganzem Landkreis, wusste aber sehr genau, wie wenig sich der B\u00fcrgermeister und der Oberlechner gr\u00fcn waren. Zweimal schon hatte der Oberlechner bei der Wahl verloren. Das letzte Mal war das Ergebnis besonders knapp gewesen und das wurmte den Oberlechner schon gewaltig.\u00a0<i>Sei&#8217;s denn,\u00a0<\/i>hatte er zu seinen Leuten gesagt,\u00a0<em>heut geht&#8217;s um mehr als dem B\u00fcrgermeister eins auszuwischen!<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Ger\u00e4uschpegel im Saal senkte sich nur geringf\u00fcgig, als der B\u00fcrgermeister das Tischmikrofon zu sich her\u00fcberzog und die Aussprache er\u00f6ffnete. Sollte die Gemeinde\u00a0das Schigebiet mit mehr Schneekanonen best\u00fccken? Das erste Thema schon brachte die Gem\u00fcter zum Kochen.\u00a0<em>Das wird ja z\u00fcnftig,\u00a0<\/em>dachte der B\u00fcrgermeister. Hin und her flogen die Argumente. Am Schluss siegten dann die Lift- und Pistenbetreiber, die Hoteliers, die Vermieter von Fremdenzimmern, und das waren die meisten im Ort.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der zweite Punkt an diesem Abend lie\u00df die Wogen noch h\u00f6her schlagen. Trassen! Der Strom aus dem Norden musste irgendwie auch nach Bayern kommen, aber keiner wollte die Leitungen und Masten vor seiner Nase haben.\u00a0<em>Biogas,\u00a0<\/em>t\u00f6nte es von irgendwo aus dem Saal.\u00a0<em>Ja, du mit deinem Ranzn konnst de leicht\u00a0selber versorgen. Brauchst blo\u00df no an Anschluss legen!, <\/em>rief ein anderer und das anhebende\u00a0Gel\u00e4chter war gro\u00df.<i>\u00a0<\/i>Bei diesem Punkt gab es keine Einigung, obwohl es zun\u00e4chst so schien, als sei eine gro\u00dfe Mehrheit gegen die Trassen. Als aber dann einer der gr\u00f6ssten Arbeitgeber am Ort erkl\u00e4rte, ohne billigen Strom zu \u00fcberlegen, das Werk zu verlegen.\u00a0<em>Des\u00a0miasst&#8217;s versteh,\u00a0<\/em>sagte er und erl\u00e4uterte, warum es sich Firmen, trotz allen bayerischen Patriotismus&#8216;, nicht leisten k\u00f6nnten, eine teuere Regionalstromerzeugung zu finanzieren.\u00a0<em>Mia ham\u00a0scho am Mindestlohn zu kaun,\u00a0<\/em>f\u00fchrte er weiter aus und dass weitere Belastungen einfach nicht mehr tragbar seien.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zaghaft versuchte einer der Gr\u00fcnen, sich Geh\u00f6r zu verschaffen, um zu erl\u00e4utern, warum die regionale Stromerzeugung nicht teuerer sei, als der Bau von Trassen. Aber er hatte an diesem Abend keine Chance.\u00a0<em>Hoits Mai!,\u00a0<\/em>schrie jemand und ein anderer f\u00fcgte hinzu,\u00a0<em>schleich de mit deim Schmarrn. Fahr nach Berlin auffe und\u00a0erlkl\u00e4rs&#8216; dene da obn! Ja, mia macha des so, wie mia des immer scho g<\/em><i>macht ham. Da brauchst koan wie di, host mi?<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Oberlechner h\u00f6rte sich den Zirkus eine ganze Weile an, ohne auch nur ein Wort zu verlieren, dann aber schien es ihm zu reichen. Mit donnernder Stimme lie\u00df er seinen tiefen Bass durch den Saal rollen:\u00a0<em>Jetzt h\u00f6rts endlich auf mit dem Kas! Des h\u00e4ltst\u00a0ja net aus.\u00a0Seits denn\u00a0<\/em><i>jetzt alle bl\u00e4d?\u00a0<\/i>Und er erl\u00e4uterte, warum es keinen Sinn mache, gegen die Trassen zu sein, weil Strom doch schliesslich alle br\u00e4uchten. <em>Mia sollt&#8217;n lieber schaun, dass ma de Trassenf\u00fchrung bestimmen, statt st\u00e4ndig dagegen zu lamentieren.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jetzt war es raus. Damit hatte keiner so ohne Weiteres gerechnet, dass ausgerechnet der Oberlechner dies gesagt hatte. Er, der doch sonst stets gegen alles gewesen ist, was vom B\u00fcrgermeister und seinen Getreuen gekommen war. Er, der noch nicht einmal in der Partei des B\u00fcrgermeisters war. Allerdings wurde gemunkelt, dass Oberlechner sich nur so lange von den Freien w\u00fcrde aufstellen lassen, bis er den B\u00fcrgermeister geschlagen h\u00e4tte, dann aber mit fliegenden Fahnen zu den Schwarzen \u00fcberlaufen w\u00fcrde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Den Freien war dieses Ger\u00fccht nicht fremd und Oberlechner selbst gab hierzu keinerlei Kommentare. Heute Abend aber verfolgte er ein ganz bestimmtes Ziel. Gel\u00e4nge es, den\u00a0alten Rivalen festzunageln und ihn dazu zu verleiten, eine Position gegen seinen Parteivorsitzenden zu beziehen, dann k\u00f6nnten die Tage des B\u00fcrgermeisters schon sehr bald gez\u00e4hlt sein. Also setzte Oberlechner noch eines oben drauf.\u00a0<em>Moanst net a, Burgermoasta, dass mia jetzt endlich\u00a0aufh\u00f6rn soiten mit den\u00a0<\/em><i>bl\u00f6dsinnigen Argumenten, dass mia koan Strom aus dem Norden\u00a0braucha?<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die letzten Worte Oberlechners hallten im Saal noch nach, denn mit einem Mal war es ganz still\u00a0geworden und alles schaute auf den B\u00fcrgermeister.\u00a0<em>Ja, also,\u00a0<\/em>sagte dieser nach einer ganzen Weile und r\u00e4usperte sich. Sein Hals war trocken. Gierig zog er schnell ein paar Schlucke Bier in sich hinein, dass man den Adamsapfel aufgeregt\u00a0auf und nieder\u00a0h\u00fcpfen sah. Dann fuhr er fort: <i>Na ja, man\u00a0k\u00f6nnt des durchaus schon so sehn, wie du sagst Oberlechner, aber i\u00a0moan, dann soit&#8217;n mir uns einig sei und a alternative Trassenf\u00fchrung vorschlagen. Von mia aus h\u00f6rn ma auf mit dem ganzen\u00a0Gerede von Biogas und\u00a0was woa\u00df i no alles.\u00a0<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zufrieden lachte der Oberlechner in sich hinein. Jetzt hatte er ihn und aus den Augenwinkeln sah er, wie einige der Parteigenossen des B\u00fcrgermeisters nerv\u00f6s auf ihren St\u00fchlen hin und her rutschten. Sie hatten begriffen, der B\u00fcrgermeister nicht. Immer wieder hatte der Parteivorsitzende der Partei des B\u00fcrgermeister doch betont, wie wenig er es f\u00fcr Bayern als notwendig sah, Strom ausgerechnet aus dem Norden f\u00fcr den Freistaat herbeizuf\u00fchren. Und jetzt war ihm ausgerechnet einer seiner eigenen Volksvertreter in den R\u00fccken gefallen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Kaum h\u00f6rbar brummte der Oberlechner einem seiner S\u00f6hne ins Ohr:\u00a0<em>Jetzt\u00a0seit&#8217;s ihr dran, macht&#8217;sn fertig den Deppen!\u00a0<\/em>Und schon hob der Sohn an und br\u00fcllte hinaus, was viele dachten:\u00a0<em>Dann tu doch endlich was, statt immer nur schlau daherreden. Du bist doch der B\u00fcrgermoasta, hast as Amt und alle M\u00f6glichkeiten, bei\u00a0deinem Chef endlich amoi<\/em><i>\u00a0auf&#8217;n Tisch zu haun oder traust de net, wia meistens?<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein Tumult brach los und die S\u00f6hne und Schwiegers\u00f6hne trugen das ihre bei, dass es einige Zeit\u00a0lang auch so blieb. Als dem B\u00fcrgermeister endlich ein Licht aufging, auf welche Diskussion er sich da eingelassen hatte, war es schon zu sp\u00e4t. Der Vertreter des Lokalblattes schrieb eifrig mit und schon am n\u00e4chsten Tag w\u00fcrde jedermann seine gegen die offiziellen Verlautbarungen\u00a0der Partei gerichteten Einlassungen lesen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00dcber viel anderes wurde nicht mehr geredet und gestritten in dieser denkw\u00fcrdigen Versammlung. Der Oberlechner und sein Gefolge verlie\u00dfen den Ort beizeiten und nach und nach leerte sich daraufhin der Saal. Beim Hinausgehen zwinkerte Oberlechner noch kurz dem Schreiberling der Zeitung zu, gr\u00fcsste nach links und rechts und fort war er.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Schon bald, nur wenige Wochen sp\u00e4ter, wurde es eng f\u00fcr den amtierenden Mann der Gemeinde. Die Zeitungen aus der Region setzten ihm arg zu, ja selbst der Parteisekret\u00e4r meinte, im Freistaat k\u00f6nne schlie\u00dflich jeder seine Meinung sagen, aber man m\u00fcsse halt wissen, wohin man geh\u00f6re. Einige Monate danach wusste niemand mehr so genau, wie es eigentlich zum R\u00fccktritt des B\u00fcrgermeisters gekommen war. Mit angeblichen \u00c4u\u00dferungen Oberlechners, die bei jener Versammlung gefallen sein sollen, brachte die Misere des Amtsinhabers\u00a0niemand in Verbindung. Solche \u00c4u\u00dferungen, wenn es sie denn tats\u00e4chlich gegeben haben sollte, waren nicht \u00fcberliefert. Im Protokoll der Versammlung jedenfalls war hier\u00fcber nichts vermerkt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Wir brauchen einen Neubeginn,\u00a0<\/em>sagte Oberlechner, als er endlich das Amt als B\u00fcrgermeister antrat. Gefragt, was er konkret damit meine, erkl\u00e4rte das frisch gebackene Gemeindeoberhaupt selbstbewusst:\u00a0<em>Zuvorderst brauchen wir ein praktikables und b\u00fcrgernahes Energiekonzept. Wozu Strom mit gro\u00dfem Aufwand und f\u00fcr viel Geld aus dem Norden<\/em>\u00a0<em>in den S\u00fcden transportieren, wenn wir unsere lokalen M\u00f6glichkeiten noch lange nicht auch nur ann\u00e4hernd ausgesch\u00f6pft haben.\u00a0<\/em>Und er legte noch nach:\u00a0<em>Da war mein Vorg\u00e4nger halt leider wenig flexibel und in alten Denkmustern gefangen.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Irgendwann einmal sp\u00e4ter bei einer der\u00a0Wiederwahlen Oberlechners\u00a0sollte\u00a0sich auch niemand mehr Gedanken dar\u00fcber machen, dass die Freien und die Schwarzen jetzt einen gemeinsamen Kandidaten hatten. Und noch sp\u00e4ter sagten die Leute, der Oberlechner sei schon immer bei den Schwarzen gewesen, etwas anderes wisse man gar nicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #999999;\">Foto: Hans K. Reiter,<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":223,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[352],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1988"}],"collection":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1988"}],"version-history":[{"count":13,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1988\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2061,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1988\/revisions\/2061"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/media\/223"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1988"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1988"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1988"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}