{"id":2136,"date":"2015-02-20T23:28:56","date_gmt":"2015-02-20T22:28:56","guid":{"rendered":"http:\/\/hkreiter.com\/?p=2136"},"modified":"2015-05-03T20:16:44","modified_gmt":"2015-05-03T19:16:44","slug":"toedlicher-fehler","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/toedlicher-fehler\/","title":{"rendered":"T\u00f6dlicher Fehler (1)"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Die Zeiten sind bewegt. Heute mehr als fr\u00fcher, m\u00f6chte man meinen. Oder k\u00f6nnen wir uns an\u00a0<em>fr\u00fcher\u00a0<\/em>weniger gut erinnern? Vielleicht hatte mancher zu dieser Zeit noch nicht einmal das Licht der Welt erblickt und weiss deshalb nur aus Erz\u00e4hlungen und Berichten von jener sagenumwobenen Zeit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es scheint lange her: Adelsgeschlechter wurden\u00a0hingemetzelt, Weltkriege gef\u00fchrt, Millionen Menschen in Gaskammern und auf Schlachtfeldern gemeuchelt und geopfert, Rebellion gegen das Establishment in den 68ern, RAF Terror und so weiter, bis heute.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Heute, ja heute ist es nicht viel anders,\u00a0<\/em>schossen Felix Baumgartner die Gedanken durch den Kopf, w\u00e4hrend er schon leicht schl\u00e4frig mit seinem Wagen auf der A 96 nach Lindau brauste. Es war wieder einmal einer jener freudlosen Abende gewesen. Stundenlanges, sinnloses palavern um Nichtigkeiten. Jeder war von sich \u00fcberzeugt und dachte, er habe die Geschicke der Nation und der Welt mitzulenken. Am Ende wurde weniger um Inhalte als um Formulierungen gestritten. Und die Juristen unter ihnen, die waren dann ganz vorne mit dabei, ganz in ihrem Element.<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><i>Schei\u00dfe!,\u00a0<\/i>entfuhr es ihm, als er beinahe die Leitplanke touchiert h\u00e4tte. Es brachte eben nichts, den ganzen Tag im B\u00fcro zu hocken, dann zur Sitzung der Partei und weit nach Mitternacht erst zur\u00fcck nach Hause. Obwohl das ja so gar nicht stimmte. Zu Hause war er in M\u00fcnchen, aber, heute am\u00a0Freitag, wollte\u00a0er ins Allg\u00e4u, ausspannen. Seine Eltern hatten dort ein Haus in den Bergen, malerisch gelegen. Seine Frau und die Kinder waren schon am Morgen mit dem Zug gefahren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Augen schmerzten, das Fahren strengte ihn an. Ab und zu ein entgegenkommender Scheinwerfer, sonst nichts los. Kein Verkehr mehr um diese Zeit. Vielleicht noch eine gute Stunde, dann h\u00e4tte er es geschafft.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In einem der winzigen Orte entlang der Autobahn und doch soweit abseits, dass die Fahrger\u00e4usche nicht mehr bis hierher drangen, l\u00f6schte der Wirt das Licht. Sein Wirtshaus, ein beliebter Jugendtreff, lag zwar gleich neben der Kirche im Ort, aber bisher war es mit den paar Nachbarn gut gegangen. Ihre eigenen Spr\u00f6sslinge waren ja ebenso unter seinen G\u00e4sten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Drau\u00dfen sah der Wirt noch, wie einer der letzten G\u00e4ste in ein Auto stieg und dieses sogleich z\u00fcgig abfuhr.\u00a0<em>Die haben&#8217;s aber eilig,\u00a0<\/em>dachte er und sch\u00fcttelte den Kopf. Fr\u00fcher hatte er oben, \u00fcberhalb der Wirtschaft gewohnt, aber das war schon lange her. Ein paar hundert Meter weiter, im hinteren Teil des Ortes gelegen, hatte er ein Haus gebaut. Wie jeden Tag, legte er die Strecke dorthin zu Fu\u00df zur\u00fcck.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Felix Baumgartner kniff die Augen zusammen. Ein von rechts sich durch die Nacht bohrender Scheinwerferkegel irritierte ihn. Es sah gerade so aus, als f\u00fchre ein Fahrzeug quer \u00fcber die Felder auf die Autobahn zu. Das konnte ja nicht sein. Vielleicht einer der Bewirtschaftungswege zwischen den Feldern, die ein Einheimischer als Abk\u00fcrzung nutzte. Dann war er schon vorbei und verga\u00df den Vorgang.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Auto sa\u00dfen vier Jugendliche. Es war lustig gewesen. Nat\u00fcrlich hatten sie alle auch etwas getrunken. Das M\u00e4dchen am Steuer etwas weniger, aber die anderen waren ganz sch\u00f6n zu. Und so ging es hoch her w\u00e4hrend der Fahrt.\u00a0<em>Fahr doch gleich quer r\u00fcber durch die Felder, da wird&#8217;s bestimmt keine Polizei geben.\u00a0<\/em>Und so suchte sie sich einen Weg \u00fcber die schmalen Feldwege. Der Wagen h\u00fcpfte und schlingerte dahin, als g\u00e4be es nichts sch\u00f6neres. Und je mehr sie kreuz und quer daherkamen, desto ausgelassener wurde die Stimmung im Wagen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Haus der Eltern im Allg\u00e4u war l\u00e4ngst Ruhe eingekehrt. F\u00fcr Martina Baumgartner geh\u00f6rte es zum Alltag, dass ihr Mann immer sp\u00e4t nach Hause kam. Als Generalsekret\u00e4r der Partei war er halt pausenlos im Einsatz. Zahllose Besprechungen, Abendveranstaltungen, Sitzungen mit dem Parteichef\u00a0und vieles mehr. Die Familie kam da schon ein wenig zu kurz.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Felix Baumgartner sah auf die Uhr, die Ausfahrt\u00a0w\u00fcrde bald erreicht sein, dann\u00a0noch eine knappe halbe Stunde. Er sehnte sich nach einer Dusche und dann ins\u00a0Bett, endlich einmal ausschlafen. Wohlig streckte er die Beine, soweit das im Auto m\u00f6glich war, und gab sich ein wenig seinen Gedanken hin. Pl\u00f6tzlich, wie aus dem Nichts, glei\u00dfende Scheinwerfer von rechts!\u00a0<em>Wieso von rechts?,\u00a0<\/em>fuhr es durch Felix Baumgartners Kopf. Instinktiv riss er \u00a0das Lenkrad \u00a0nach links.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die jungen Leute wussten nicht, wie sie ihre Ausgelassenheit noch steigern k\u00f6nnten. Mit einem Satz schoss der Wagen \u00fcber einen schmalen Erdwall, der vom Regen im Laufe der Zeit angeh\u00e4uft worden war.\u00a0<em>Schei\u00dfe, die Autobahn!,\u00a0<\/em>schrie die junge Fahrerin. Mit M\u00fche gelang es ihr, den Wagen nach rechts auf einen parallel zu Autobahn verlaufenden Weg zu bugsieren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Physikalischen Kr\u00e4fte machen keine Ausnahme. Sie wirken unabl\u00e4ssig, auf alles und auf jeden. Wie Pudding deformierten die Leitplanken\u00a0den BMW Baumgartners. Dann schleuderte er nach rechts, legte vielleicht noch drei\u00dfig, vierzig Meter zur\u00fcck, durchbrach den entlang der Fahrbahn verlaufenden Begrenzungszaun und prallte schlie\u00dflich gegen einen ungl\u00fccklich vor Jahren an dieser Stelle gepflanzten Baum.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Am andern Morgen, als Martina Baumgartner, die Kinder und die Eltern ihres Mannes am Fr\u00fchst\u00fcckstisch sa\u00dfen, fehlte Felix, ihr Mann. Das war ungew\u00f6hnlich. Eigentlich meldete er sich, wenn etwas dazwischen kam. Diesmal nicht. Ein unangenehmes Gef\u00fchl beschlich sie. Es musste etwas geschehen sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es dauerte Stunden, bis die Unfallstelle ger\u00e4umt war. Die Feuerwehr musste Felix Baumgartner aus dem demolierten Wrack seines Fahrzeugs regelrecht herausschneiden.\u00a0<em>So etwas habe ich noch nicht erlebt,\u00a0<\/em>sagte einer der Feuerwehrleute. Der Notarzt sch\u00fcttelte den Kopf.\u00a0<em>Leider,\u00a0<\/em>sagte er,\u00a0<em>ich kann da nichts mehr machen. Der Mann ist tot.\u00a0<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als man Martina Baumgartner sp\u00e4ter am Vormittag die traurige Nachricht \u00fcberbrachte, meinte sie, eine Welt breche zusammen. Sie verstand es nicht. Sie hatten ihr gesagt, man wisse nicht, wie es passiert sei. Es gab keine Fremdeinwirkung, kein beteiligtes Fahrzeug, niemanden! Vielleicht war er kurz eingenickt, Sekundenschlaf, meinten sie. Die Untersuchungen w\u00fcrden vielleicht Klarheit schaffen, dann waren sie wieder weg.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Leben ging weiter. Martina wohnte mit den Kindern jetzt\u00a0im Allg\u00e4u\u00a0bei den\u00a0Schwiegereltern. Die Untersuchungen ergaben nichts. Aber die Welt, ihre Welt, war eine andere geworden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #999999;\">Foto: Creative Commons-Lizenz, flickr,\u00a0<a id=\"yui_3_11_0_3_1424467515813_427\" style=\"color: #999999;\" href=\"https:\/\/www.flickr.com\/photos\/sen_meister\/\">Mario Spann<\/a><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Felix Baumgarter f\u00e4hrt nach einem arbeitsreichen Tag auf die A 96 nach Lindau. Ein paar junge Leute fahren nach einem ausgelassenen Abend ebenfalls los. Sie ahnen nichts voneinander und doch sind sie schicksalhaft verwoben.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":2144,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[305],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2136"}],"collection":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2136"}],"version-history":[{"count":8,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2136\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2188,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2136\/revisions\/2188"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/media\/2144"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2136"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2136"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2136"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}