{"id":2153,"date":"2015-02-27T01:33:47","date_gmt":"2015-02-27T00:33:47","guid":{"rendered":"http:\/\/hkreiter.com\/?p=2153"},"modified":"2015-09-01T20:12:21","modified_gmt":"2015-09-01T19:12:21","slug":"der-spaziergaenger","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/der-spaziergaenger\/","title":{"rendered":"Der Spazierg\u00e4nger"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Langsam drehte sich der Mann im dunklen Trenchcoat um. F\u00fcr einen Augenblick\u00a0sah man sein\u00a0vernarbtes Gesicht im Schein\u00a0der Stra\u00dfenlaterne aufblitzen, dann ging\u00a0der Mann z\u00fcgig weiter, bis er schlie\u00dflich dem Kegel der Lampe entkam und in der Finsternis verschwand.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Neugierig\u00a0folgten die Blicke der beiden Frauen an der Ecke dem Mann.\u00a0Sie sch\u00fcttelten den Kopf und tuschelten miteinander. <em>Gr\u00fcss Gott die Damen,\u00a0<\/em>quetschte ein hinzukommender Passant zwischen den Z\u00e4hnen und einer\u00a0kurzen Stummelpfeife hervor, l\u00fcftete seinen Hut und h\u00f6rte im Vorbeigehen eine der Frauen sagen:\u00a0<em>Haben&#8217;s den mit den Narben auch gesehen? Ja, unheimlich war\u00a0der,\u00a0<\/em>sagte die andere.<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Mann mit dem Hut eilte weiter, ohne dass die Frauen seinen Gruss erwidert\u00a0h\u00e4tten\u00a0und dachte, \u00fcber wen die beiden wohl getratscht h\u00e4tten. Er l\u00e4chelte, dann vergass\u00a0er die Sache.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Unheimliche tastete indessen die Taschen seines Trenchcoats ab, gerade so, als wollte er sich vergewissern, nichts vergessen zu haben. Auch er l\u00e4chelte, aber sein Gesicht spiegelte nur eine Fratze wider. Eng an die H\u00e4userzeile gepresst hastete er zielstrebig die Strasse der noblen Wohngegend entlang.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Ich geh&#8216; noch eine Runde mit&#8217;m Hund,\u00a0<\/em>sagte der Mann zu seiner Frau, die es sich im Wohnzimmer vor dem Fernseher gem\u00fctlich gemacht hatte.\u00a0<em>Ja, geh&#8216; nur,\u00a0<\/em>antwortete sie,\u00a0<em>ich werde inzwischen nachsehen, was heute Abend l\u00e4uft. <\/em>Das im\u00a0Kamin prasselnde Feuer verbreitete eine angenehme, wohltuende W\u00e4rme und vertrieb die abendliche klamme K\u00e4lte des scheidenden Februars.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Hund, eine Mischung aus Sch\u00e4fer und einer unbekannten Rasse, folgte freudig seinem Herrn, da und dort die Nase tief auf dem Boden, wie das Hunde eben so machten. Unvermittelt schlug er an und zerrte auf die gegen\u00fcberliegende Stra\u00dfenseite.\u00a0<em>Was hast denn?,\u00a0<\/em>sagte der Mann, der nichts Ungew\u00f6hnliches ausmachen konnte. Nur unwillig beruhigte sich der Hund. Immer wieder versuchte er,\u00a0den Mann\u00a0hin\u00fcber auf die andere Seite\u00a0zu ziehen. Dann gab er endlich Ruhe und sie gingen weiter.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Pfeife, l\u00e4ngst ausgegangen, sass unverr\u00fcckbar eingeklemmt zwischen den Z\u00e4hnen des Passanten von vorhin. Sie war so etwas wie ein Talismann, den er \u00fcberall mit hinnahm. Ohne Pfeife kannte man ihn eigentlich gar nicht. Gut, wenn er mal in der Kantine beim Essen gesichtet wurde, dann ohne, aber sie lag bestimmt neben ihm auf dem Tisch oder befand sich sorgf\u00e4ltig eingewickelt in einem Tuch in seiner Pfeifentasche. Der Mann, ein Kriminalhauptkommisar, war, wie h\u00e4tte es auch anders sein sollen, beruflich unterwegs. Als er an die beiden Damen dachte, huschte erneut ein L\u00e4cheln \u00fcber sein Gesicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Frauen\u00a0hatten ihn gesehen, soweit deutete er die aufgeschnappten Wortfetzen. Der Narbige, wie er ihn nannte, war ihm also zuvorgekommen, obwohl er doch, wie er glaubte, den k\u00fcrzeren Weg genommen hatte.\u00a0<em>Na, mal sehen, ob ich dich nicht doch noch einhole,\u00a0<\/em>sagte er zu sich und beschleunigte seinen Schritt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Mann mit dem Hund schlurfte derweilen gem\u00fctlich\u00a0seine gewohnte Runde, bis\u00a0er unvermittelt\u00a0beinahe mit einer wie aus dem Nichts kommenden merkw\u00fcrdigen Gestalt zusammengeprallt w\u00e4re.\u00a0Dunkler Trenchcoat und ein Gesicht zum F\u00fcrchten. Er konnte es genau sehen. Mehr noch, er blickte direkt hinein in diese unwirkliche Fratze. Sogar der Hund wich mit einem Jaulen\u00a0zur\u00fcck. Einen oder zwei Meter mochte er vorbei sein, als die Gestalt pl\u00f6tzlich auf dem Absatz kehrt machte und ihm nachrief:\u00a0<em>Hausnummer vierzehn? Die m\u00fcsste doch hier sein!.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ungewollt blieb er stehen. Der Hund duckte sich, als w\u00e4re er bereit, jederzeit einen Angriff auf seinen Herrn abzuwehren.\u00a0<em>Auf der anderen Stra\u00dfenseite. Die haben sich hier nicht an die Regel gehalten, dr\u00fcben ungerade und hier gerade. Ab zehn ist es genau anders herum. S<\/em>agte es und machte sich eilends davon.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Kriminaler mit der Pfeife sah den Mann mit dem Hund, wie er sich anschickte um die Ecke zu biegen. Er schien irgendwie verwirrt oder von etwas getrieben. Jedenfalls sah er sich ein paar mal hektisch um, bevor er seinem Blick entschwand. Vielleicht noch hundertf\u00fcnfzig\u00a0Meter, dann war er am Ziel.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In Nummer 14 herrschte eine seltsam rege Betriebsamkeit. M\u00e4nner in wei\u00dfen Overalls huschten umher. Andere durchw\u00fchlten Schr\u00e4nke und Schubladen, die H\u00e4nde in Gummihandschuhe gesteckt, die Schuhe in \u00dcberzieher geh\u00fcllt. Scheinwerfer erleuchteten noch den letzten Winkel. Mit wenigen Worten erl\u00e4uterte man dem Kriminaler die Situation. Der Bewohner war vor Kurzem tot in seinem Haus aufgefunden worden. Und da dieser ein bekannter Politiker war, hatte man schnell die Elite der Polizei zum Ort des Geschehens beordert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Hundespazierg\u00e4nger wieder vor seiner Haust\u00fcre, den Schl\u00fcssel zum Aufsperren schon in der Hand, z\u00f6gerte und machte abrupt kehrt.\u00a0Er musste wissen, was bei Hausnummer 14\u00a0vor sich ging. Die Fratze mit den Narben schoss ihm durch den Kopf. Hatte nicht vorhin der Hund genau an dieser Stelle angeschlagen?\u00a0Was war dort also los?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Ist der Professor schon hier?,\u00a0<\/em>fragte der Kriminaler einen der umhereilenden Overalls. Ohne ein Wort zu sagen, deutete der Mann\u00a0mit dem Daumen nach hinten.\u00a0<em>Danke! <\/em>In einem angrenzenden Zimmer fand er ihn.\u00a0<em>Hallo und Gr\u00fc\u00df Gott! Haben Sie es doch vor mir geschafft?\u00a0<\/em>Grinsend drehte sich der Angesprochene um.\u00a0<em> Sie wissen es doch, wenn ich mich schon mal auf eine Wette einlasse, dann gewinne ich auch.\u00a0<\/em>Das Narbengesicht des Professors grinste nicht wirklich, es sah vielmehr noch unheilvoller aus als normal.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Professor war unschlagbar der beste Gerichtsmediziner, dem der Kriminaler in seiner langen Laufbahn begegnet war. Sie hatten eine Wette laufen, Tatorte im inneren Stadtbereich nur noch zu Fu\u00df anzusteuern\u00a0und der Schnellere sei der Gewinner, was sich f\u00fcr diesen\u00a0in einer Einladung zum Essen auszahlte. Dreimal lief das jetzt schon und alle drei Wetten hatte der Kriminaler verloren.\u00a0Ein wenig wurmte ihn das, aber die gemeinsamen Abende waren es wert. Wegen des Professors entstelltem Gesicht kamen leider nur wenige Lokale in Betracht. Ja, dieses Gesicht, die Folge eines Unfalls, S\u00e4ure. Der Professor war\u00a0diesbez\u00fcglich\u00a0wortkarg und der Kriminaler drang nicht weiter in ihn.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Was meinen Sie?,\u00a0<\/em>fragte er\u00a0und bugsierte den Professor ins Freie.\u00a0<em>Ich bin mir ziemlich sicher, kein Fremdverschulden, lieber Freund. Der Mann ist auf die Leiter gestiegen, um etwas aus einem der oberen Regalf\u00e4cher zu holen. Irgend ein Umstand hat ihn dabei abgelenkt, vielleicht auch erschreckt, das vermute ich jedenfalls, denn warum sollte er sonst von der Leiter gefallen sein? Und runtergefallen ist er nun mal, das ist eindeutig.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Mann vor der T\u00fcre konnte einen Teil der Unterhaltung mith\u00f6ren. Verdutzt sah er auf seinen Hund. Sollte dieser vorhin etwas bemerkt haben oder war es gar sein Gekl\u00e4ffe, das den armen Mann zu Tode erschreckt hatte? Nein, das Letztere konnte er ausschlie\u00dfen, sonst h\u00e4tte\u00a0die Polizei nicht\u00a0wenige Minuten sp\u00e4ter bereits am Tatort sein k\u00f6nnen. Was war es also gewesen, weswegen der Hund angeschlagen hatte? Dann ging ihm pl\u00f6tzlich ein Licht auf.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Narbengesicht, nat\u00fcrlich! Auf der Suche nach Hausnummer 14 war er einige Male hin und hergelaufen, bis er ihn schlie\u00dflich danach gefragt hatte. Dabei musste der jetzt Tote\u00a0dessen entstelltes Gesicht gesehen und sich zu Tode erschreckt haben und plumps &#8230; Ja, so k\u00f6nnte es gewesen sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Mann mit dem\u00a0Hund fasste einen Entschluss und ging z\u00f6gerlich hin\u00fcber zu den beiden M\u00e4nnern.\u00a0<em>Entschuldigen Sie bitte,\u00a0<\/em>sagte er etwas verhalten,\u00a0<em>ich habe zuf\u00e4llig ihr Gespr\u00e4ch mitgeh\u00f6rt und h\u00e4tte da eine Frage &#8230;<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Kriminaler lachte lauthals und auch der Professor verzog sein Gesicht.\u00a0<em>Das w\u00e4re das erste Mal, dass ein Toter selbst die Polizei verst\u00e4ndigt hat,<\/em> sagte der Kriminaler, immer noch japsend. Verdutzt sah der Spazierg\u00e4nger auf den Kommissar.\u00a0<em>Ja, sehen Sie,<\/em> sagte dieser freundlich,\u00a0<em>wie soll Ihre Variante denn zeitlich abgelaufen sein, wenn mein Kollege erst hierher geeilt war, nachdem man den Fund des Toten bei der Polizei gemeldet\u00a0hatte?<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da nickte der Spazierg\u00e4nger, sagte etwas zu seinem Hund und ging wortlos nach Hause.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #999999;\">Foto: flickr, Creative Commons Lizenz,\u00a0<a id=\"yui_3_11_0_3_1424991024840_427\" style=\"color: #999999;\" href=\"https:\/\/www.flickr.com\/photos\/angus_stewart\/\">Greything<\/a><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":2173,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[703],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2153"}],"collection":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2153"}],"version-history":[{"count":31,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2153\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2187,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2153\/revisions\/2187"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/media\/2173"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2153"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2153"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2153"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}