{"id":2251,"date":"2015-03-27T23:21:10","date_gmt":"2015-03-27T22:21:10","guid":{"rendered":"http:\/\/hkreiter.com\/?p=2251"},"modified":"2015-04-04T22:59:36","modified_gmt":"2015-04-04T21:59:36","slug":"arglist","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/arglist\/","title":{"rendered":"Arglist"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Als Mathias Hirschhuber die Treppe hinaufstieg, empfand er nichts Besonderes dabei. M\u00fchselig war es halt, diese ausgetretenen, steilen Stufen \u00fcberhaupt hochzukommen. Aber Mathias kannte es nicht anders. Seit er denken konnte, waren es immer schon diese Stufen gewesen. Derbe Bohlen eigentlich, die irgendwann einmal zusammen mit der H\u00fctte auf das schmale Felsplatteau gesetzt worden waren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein Gro\u00dfvater oder Urgro\u00dfvater soll sie gebaut haben, hatte ihm seine Mutter einmal erz\u00e4hlt. Mathias wusste es nicht mehr so genau, die Mutter war lange schon tot und auch der Vater lebte nicht mehr. Vielleicht war es der gewaltige, ja \u00fcberw\u00e4ltigende Blick ins Tal, weshalb die H\u00fctte dort errichtet worden war, wo sie jetzt stand. Als Kind hatte er sich immer einen Spass daraus gemacht, schneller oben zu sein als die anderen. Flink war er hochgewuselt, w\u00e4hrend sich seine nach Luft japsenden Eltern mit R\u00fccks\u00e4cken und Taschen an den groben Handl\u00e4ufen nach oben hangelten.<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gelebt hatten sie in der Stadt, aber jede freie Minute waren sie hierher in die Berge geeilt. Und Mathias hatte es so beibehalten. Eine liebe Gewohnheit, wie er es nannte. Hier hatte er seine Ruhe und nur selten verirrte sich ein Wanderer in diese abseits jeder Route gelegene Ecke.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bis alles heraufgebracht war, was er so f\u00fcr ein paar Tage brauchte, waren einige G\u00e4nge n\u00f6tig. Mit dem Auto kam er nur bis zu einem weiter unten gelegenen Parkplatz. Den Rest musste er zu Fuss erledigen. Aber es machte Mathias nichts aus und er ging den Weg gerne ein paar Mal.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Einen Luxus gab es allerdings schon dort oben. Vor Jahren hatte es das zust\u00e4ndige Amt genehmigt und Mathias konnte \u00fcber die Felswand vom tiefer gelegenen Hof eines Bauern ein Stromkabel hochziehen lassen. Jetzt brauchte er wenigsten nicht auch noch Petrolium f\u00fcr die Lampen hochschleppen. Geheizt wurde mit Holz, das es reichlich gab.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mathias Frau kam selten mit. Sie habe es nicht so mit den Bergen, sagte sie immer, wolle aber ihrem Mann den Spass nicht vergellen. Kinder hatten sie keine. \u00dcber die Jahre sah man die Frau immer weniger und in letzter Zeit \u00fcberhaupt nicht mehr. <em>Sie mags halt net, die Steigerei und das Einfache hier oben<\/em>, gab Mathias zur Antwort, wenn ihn jemand unten im Tal darauf ansprach.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als er jetzt so die Steile Treppe unter seinen F\u00fc\u00dfen sp\u00fcrte, huschte ihm ein Aushang am Gemeindeamt durch den Kopf. Landvermesser seien unterwegs, war dort zu lesen gewesen. Irgendwo sollte ein Hotell oder eine Wellnessoase, wie man heute sagte, entstehen.\u00a0<em>Was geht&#8217;s mich an,\u00a0<\/em>dachte er und hob den Fuss zum n\u00e4chsten Tritt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Indessen tat sich unten im Tal Sonderbares. Einer schweren Limosine waren zwei dunkel gekleidete M\u00e4nner entstiegen. Die Krempen ihrer H\u00fcte warfen tiefe Schatten und verbargen ihre Gesichter, w\u00e4hrend sie auf den\u00a0<em>Sternen<\/em> zuschritten. Die Wirtsstube war um diese Tageszeit leer. Die paar Mittagsg\u00e4ste waren schon l\u00e4ngst gegangen und f\u00fcr den Abend war es noch zu fr\u00fch. Auf einen Kaffee mit Kuchen verirrte sich nur selten jemand.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Achtlos schmissen die M\u00e4nner ihre H\u00fcte auf eine Bank in der Ecke und lie\u00dfen sich auf den gedrechselten St\u00fchlen nieder.\u00a0<em>Zwei Halbe und a Brett&#8217;l Jausen f\u00fcr jeden,\u00a0<\/em>sagte einer in Richtung des Dresens, wo eine junge Frau gerade mit viel Geduld Gl\u00e4ser pollierte. Sie nickte nur und brachte wenig sp\u00e4ter das Gew\u00fcnschte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Also h\u00f6r zu,\u00a0<\/em>sagte der eine,\u00a0<em>du gehst gleich nachher rauf und k\u00fcmmerst dich um alles. Ich bleib hier und wenn&#8217;dst \u00a0fertig bist, schaun wir, dass wir weiterkommen. Ich bin solange dr\u00fcben beim B\u00fcrgermeister.\u00a0<\/em>Der andere zuckte mit den Schultern, was soviel bedeuten konnte, wie,\u00a0<em>das ist mir doch egal,\u00a0<\/em><em>mach, was du willst,\u00a0<\/em>oder aber auch,\u00a0<em>ist doch kaum der Rede wert, ein Job, wie immer halt.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Dem Hirschhuber sein Refugium da oben, des werden&#8217;s net leicht kriegen k\u00f6nnen,\u00a0<\/em>meinte der B\u00fcrgermeister und erg\u00e4ntzte, dass dies der Urgro\u00dfvater alles gebaut habe und der Mathias deshalb sehr daran h\u00e4nge.\u00a0<em>Nehmens doch ein anderes Areal, s&#8217;gibt ja genug davon!, <\/em>empfahl er deshalb. Der Mann im schwarzen Anzug sah den B\u00fcrgermeister l\u00e4chelnd an und sagte, dass er prinzipiell schon recht habe, aber einer der Teilhaber des Projektes genau dieses Plateau haben wolle.\u00a0<em>Wegen der Aussicht,\u00a0<\/em>f\u00fcgte er noch an.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im\u00a0<em>Sternen <\/em>fanden sich bereits die ersten Leute zum Abendessen ein, obwohl es erst gegen 18:00 Uhr war. Unter der Woche war das immer so, am Freitag und Samstag kamen sie meist sp\u00e4ter und blieben daf\u00fcr l\u00e4nger. Die Frau am kleinen Tisch im hinteren Teil des Lokales w\u00e4re eigentlich niemandem besonders aufgefallen, h\u00f6chstens vielleicht in der Art, wie man eben Fremde mit einem kurzen Blick streift.\u00a0<em>Bist du net die Hirschhuberin?,\u00a0<\/em>fragte aber pl\u00f6tzlich jemand laut genug, um auch von allen Anwesenden deutlich verstanden zu werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Leicht irritiert blickte Joseffa Hirschhuber auf die Frau am Tisch. <i>Ja, stimmt, ich bin die Frau Hirschhuber und &#8230;, was wollen Sie von mir,\u00a0<\/i>wollte sie noch anf\u00fcgen, als sie die Fragestellerin erkannte.\u00a0<em>Du bist des, s&#8217;Fannerl, s&#8217;Greitmeier Fannerl!\u00a0<\/em>Und schon waren die beiden in einen Ratsch vertieft, hatten sie doch beide fr\u00fcher, als Joseffa noch regelm\u00e4\u00dfig hierher gekommen war, oft\u00a0das eine und andere zusammen unternommen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Gehst nauf zum Mathias?,\u00a0<\/em>wollte die ehemalige Freundin wissen.\u00a0<em>Ich wuss&#8217;t gar net, dass er da ist,\u00a0<\/em>antwortete Joseffa. Und so erfuhr jeder, der die Ohren nur weit genug spitzte, dass Joseffa und Mathias immer mehr ihrer eigenen Wege gingen und sie nur desshalb hier sei, um nachher noch ein paar Dinge mit einer der hiesigen Familien zu regeln. Um was es sich dabei konkret handelte, sagte sie nicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Schnell hatte Mathias ein paar Scheite Holz in den Herd gesteckt, angez\u00fcndet, und gr\u00f6\u00dfere Scheite nachgelegt. Im Nu breitete sich eine behagliche W\u00e4rme aus. Zufrieden blickte er ins Tal. Sch\u00f6n war&#8217;s hier oben, einfach nur sch\u00f6n. Mit nichts h\u00e4tte er tauschen m\u00f6gen. Als er so vor sich hin sinnierte, vermeinte er mit einem Mal ein unbekanntes Ger\u00e4usch zu vernehmen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da war es wieder! Ein Gratzen oder Zirpen, oder war es ein Schleifen? Nein, jemand s\u00e4gte etwas, ganz eindeutig! Mathias \u00f6ffnete kurz entschlossen die T\u00fcre, sah hinaus, konnte aber ad hoc nichts ausmachen. Gerade, als er die obersten Stufen der ausgemergelten Treppe betrat, um unten nach dem Rechten zu sehen, vernahm er einen kurzen, peitschenden Knall. Ein Schuss!\u00a0<em>Keine Frage, ein Schuss!,\u00a0<\/em>sagte er zu sich und bleib wie angewurzelt stehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im selben Moment wieder ein Knall! Hell und unangenehm peitschend, Kleinkalieber, schoss es Mathias durch den Kopf.\u00a0<em>Jemand schiesst auf dich!,\u00a0<\/em>sagte ihm seine Logik unmissverst\u00e4ndlich und er beeilte sich, den Rest der Treppe nach unten zu gelangen. Wieder ein Knall! Mathias hetzte noch mehr und musste aufpassen, nicht zu stolpern. Es waren noch gute f\u00fcnf oder sechs Meter, dann w\u00e4re er unten angelangt und in Sicherheit gewesen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber so weit kam es nicht. Mit einem Fuss stand Mathias auf der n\u00e4chsten Stufe, als diese unvermittelt unter der Last seines K\u00f6rpergewichtes zerbricht. Er strauchelt, kann sein Gleichgewicht nicht mehr halten, st\u00fcrzt und schl\u00e4gt schliesslich unten auf den harten Fels. Regungslos blieb Mathias mit starren, weit ge\u00f6ffneten Augen liegen. Der Schrecken der letzten Sekunde spiegelte sich in diesen Augen wie eingebrannt wieder.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sp\u00e4ter am Abend gesellte sich der zweite Mann vom Nachmittag zu jenem, der beim B\u00fcrgermeister gesessen war.\u00a0<em>Alles erledigt?,\u00a0<\/em>fragte Letzterer.\u00a0<em>Alles bestens. Ich habe sogar noch die Geschosse aus den Stufen herausgekratzt und irgendwo in einen See geworfen. Das war vielleicht ein Bild, wie ich ihm vor die F\u00fc\u00dfe schie\u00dfe und er dann in Panik die Stufen runter ist und patsch &#8230; auf die anges\u00e4gte steigt!\u00a0<\/em>Die M\u00e4nner unterhalten sich noch eine Weile und sparen dabei auch nicht mit zotigen Sp\u00e4\u00dfen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ist schon fast gegen Mitternacht, als sich beim\u00a0<em>Sternen\u00a0<\/em>pl\u00f6tzlich etwas tut. Ein Mann schleppt sich zum Eingang. Er hinkt, zieht ein Bein nach. Im ersten Stock klopft er schliesslich an eine der T\u00fcren.\u00a0<em>Was, du hier?,\u00a0<\/em>schrie die Frau beinahe hinaus.\u00a0<em>Ja, ich hier! Hat nicht geklappt dein sch\u00f6ner Plan, mein Engel,\u00a0<\/em>erwiderte der Mann.\u00a0<em>Woher weisst du&#8230;?,\u00a0<\/em>stammelte die Frau.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Ist ganz einfach, mein Engel, <\/em>sagte der Mann mit einem schiefen L\u00e4cheln im Gesicht und schob die Frau beiseite. <em>Ich habe nachgedacht.<\/em> Das Bein nachziehend ging er zielstrebig auf die Schwarzgekleideten zu, die offensichtlich mit der Frau eine Zusammenkunft abhielten.\u00a0s&#8217;Fannerl<em>\u00a0hat mir gesagt, dass du hier bist. Handy, verstehst du? Dann habe ich ein wenig telefoniert, Informationen gesammelt, mit der Bank, mit dem B\u00fcrgermeister und anderen Bekannten. Dann wusste ich es mit einem Mal, was dich hierher in die von dir so ungeliebte Gegend gef\u00fchrt hat.\u00a0<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Du dachtest, zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen. Erst mich beseitigen, dann die H\u00fctte und das Land verkaufen an diese Herrn da, die so elegant wirken in ihren Anz\u00fcgen und den feinen Schuhen. Aber sie sind skrupellose Killer und du wusstest es, denn du wolltest sie benutzen. Und beinahe w\u00e4re es dir gelungen, aber eben nur beinahe.\u00a0<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit gro\u00dfen Augen starrte die Frau auf ihren totgeglaubten Gatten. <em>Was hast du jetzt vor,\u00a0<\/em>wollte sie angstvoll wissen.\u00a0<em>Nicht sehr viel,\u00a0<\/em>sagte der so Angesprochene.\u00a0<em>Wir beide tauschen nur die Rollen!<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #808080;\">Foto: flickr creative commons-lizent, https:\/\/www.flickr.com\/photos\/30537028@N04\/<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":2284,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[304],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2251"}],"collection":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2251"}],"version-history":[{"count":36,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2251\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2290,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2251\/revisions\/2290"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/media\/2284"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2251"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2251"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2251"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}