{"id":2344,"date":"2015-05-03T23:41:17","date_gmt":"2015-05-03T22:41:17","guid":{"rendered":"http:\/\/hkreiter.com\/?p=2344"},"modified":"2015-05-14T16:39:51","modified_gmt":"2015-05-14T15:39:51","slug":"toedlicher-fehler-2","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/toedlicher-fehler-2\/","title":{"rendered":"T\u00f6dlicher Fehler (2)"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Als k\u00fcrzlich Felix Baumgartner durch jenen schlimmen Unfall j\u00e4h aus dem Leben gerissen wurde, blieb nichts zur\u00fcck. Trauer und Fassungslosigkeit nahmen dem Leben seiner Liebsten jeden Sinn. Sie konnten es nicht fassen. <em>Warum?<\/em>, fragten sie immer wieder,<em>\u00a0<\/em><em>warum?\u00a0<\/em>Sie bekamen keine Antwort. Niemand konnte sagen, warum es geschehen war. Niemand! Keine Experten, keine Polizei, keine noch so klugen Menschen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nicht sehr weit entfernt von dem Ort, an dem Felix&#8216; Eltern wohnten und jetzt auch seine Frau und die Kinder, bis sie \u00fcber das Gr\u00f6bste hinweg w\u00e4ren, r\u00fcsteten sich die wenigen Leute des Dorfes, wie jeden Sonntag, um rechtzeitig zur Fr\u00fchmesse zu kommen. <!--more-->Die kleine Kirche war gut besucht, denn sie kamen immer, wie es der Brauch seit jeher verlangte. Manche von ihnen waren gl\u00e4ubig, andere nicht so richtig, aber mit dem Herrn Pfarrer und dem Lieben Gott wollte es sich keiner verscherzen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Es freut mich, dass du den Weg jetzt wieder \u00f6fter zum Herrn findest,\u00a0<\/em>sagte der Pfarrer zu einer jungen Frau, die man schon lange nicht mehr in der Kirche gesehen hatte. Erst in den letzten Wochen\u00a0konnte man sie dort wieder des \u00d6fteren antreffen. Die junge Frau sagte nichts, nickte nur und machte sich davon. Die anderen Kirchenbesucher nahmen kaum Notiz von ihr, vielleicht der eine oder andere, der sie von fr\u00fcher her kannte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein tiefer Schmerz w\u00fchlte in ihr, als sie nach Hause eilte. Die junge Frau wohnte noch bei den Eltern, die eine kleine Landwirtschaft betrieben und wegen der vielen Arbeit nur selten den Weg in die Kirche fanden. Es war schlimm seit damals. Jeder Tag, jede Nacht eine Qual. Sie wusste nicht, wie sie es bew\u00e4ltigen k\u00f6nnte und ihr Gewissen peinigte sie beinahe zu tode. Ja, manchmal dachte sie in ihrer Verzweiflung daran, dem Ganzen ein Ende zu bereiten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nur noch selten traf sie die anderen. Es gab nichts mehr, wor\u00fcber sie h\u00e4tte lachen und scherzen m\u00f6gen, zu tief hatten sich Wunden in ihre Seele gegraben. Die Freunde, sie wussten nichts, konnten sich nicht erinnern, das war ihr sehr bald schon klar geworden. Aber so konnte es, so durfte es doch auch nicht weitergehen. Sie musste es ihnen sagen, sie in die Wirklichkeit zur\u00fcckholen, aber wie?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Ich tue es heute!,\u00a0<\/em>sagte sie zu sich und fasste den festen Entschluss, sie alle nacheinander anzurufen. Aber der Tag verrann und sie hatte, wie schon so oft davor, wieder nichts unternommen. Tr\u00e4nen rannen \u00fcber ihr Gesicht, als sie zu Bett ging, und tiefe Schluchtzer lie\u00dfen ihren K\u00f6rper erbeben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nur mit M\u00fche fand sie am n\u00e4chsten Morgen aus dem Bett. Sie h\u00e4tte zur Arbeit gehen m\u00fcssen, aber sie meldete sich krank. Auch das kam jetzt immer \u00f6fter vor. Der Mutter blieb die Ver\u00e4nderung ihrer Tochter nicht verborgen und so fragte sie, ob denn alles in Ordnung sei. Und die junge Frau sch\u00fcttelte den Kopf, konnte nichts antworten und fiel der Mutter schlutzend um den Hals.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Mutter kannte ihre Tochter nicht mehr wieder. Das war doch nicht\u00a0<em>ihr\u00a0<\/em>M\u00e4dchen!\u00a0<em>Komm setz dich und erz\u00e4hl!,\u00a0<\/em>sagte sie und schob die Tochter auf einen Stuhl. Da brach es aus der jungen Frau hervor und ungehemmt erz\u00e4hlte sie, was sie seit Wochen bedr\u00fcckte.\u00a0<em>Und du bist ganz sicher?,\u00a0<\/em>fragte die Mutter und kannte die Antwort bereits.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Am Nachmittag kamen sie alle ins Haus der Eltern. Die Mutter hatte sie angerufen. Jetzt sa\u00dfen sie um den Tisch in der K\u00fcche und lauschten, was die Freundin sagte. Die Gesichter wurden l\u00e4nger, keiner sagte ein Wort, betretenes Schweigen, unbeholfene Blicke, gesenkte K\u00f6pfe.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Es gibt keinen Zweifel?,\u00a0<\/em>fragte schlie\u00dflich einer.\u00a0<em>Keinen Zweifel,\u00a0<\/em>antwortete die junge Frau.\u00a0<em>Ich sehe das Gesicht des Fahrers ganz deutlich vor mir, als unsere Scheinwerfer ihn treffen und er im selben Augenblick das Steuer nach links reisst! Ja, das Steuer nach links reisst!,\u00a0<\/em>wiederholt sie wie ein Roboter.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Best\u00fcrzt sind alle Augen auf sie gerichtet.\u00a0<em>Wir gehen zur Polizei,\u00a0<\/em>meinte einer.\u00a0<em>Wollen wir das wirklich?,\u00a0<\/em>fragte ein anderer. Ungl\u00e4ubig gruben sich die Blicke der jungen Frau in die Augen des Fragenden.\u00a0<em>Ist ja schon gut,\u00a0<\/em><em>ich meinte ja nur,\u00a0<\/em>stammelte dieser, dann herrschte wieder Ruhe.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als die Aussagen zu Protokoll gegeben waren, sah der Polizist auf, nickte bed\u00e4chtig und sagte:\u00a0<em>Respekt, es geh\u00f6rt Mut dazu. Ihr h\u00e4ttet es auch verschweigen k\u00f6nnen und niemand h\u00e4tte es erfahren. Wie geht es jetzt weiter?,\u00a0<\/em>fragte die junge Frau. <i>Das Protokoll geht zum Staatsanwalt und ihr nehmt euch einen Anwalt, den werdet ihr brauchen!,\u00a0<\/i>sagte der Polizist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sp\u00e4ter konnte man in einer Zeitung lesen, es l\u00e4gen jetzt Aussagen zu dem tragischen Unfall bei der Staatsanwaltschaft vor. N\u00e4heres wisse man aber nicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zu einer Verhandlung vor Gericht kam es nicht. Der Staatsanwalt stellte die Ermittlungen ein. Er kam zu dem Schluss, das Fahren der Jugendlichen quer \u00fcber die Felder sei zwar als grober Unfug zu werten, aber begr\u00fcndeten keinen Straftatbestand. Eine Anzeige des Besitzers der Felder auf Schadenersatz liege nicht vor, sodass es auch hieraus keinen Handlungsbedarf g\u00e4be.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Anwalt der Jugendlichen hatte in seinem Schriftsatz an den Staatsanwalt noch ausf\u00fchrlich erl\u00e4utert, dass es nicht zu beweisen sei, ob die Scheinwerfer des Fahrzeugs der Jugendlichen tats\u00e4chlich das ausl\u00f6sende Moment f\u00fcr die Fehlreaktion des Fahrers des Unfallfahrzeugs gewesen w\u00e4ren und insofern auch die Aussage seiner Mandantin \u00fcber ihre Wahrnehmung objektiv bewertet einem Trugschlu\u00df unterlegen haben k\u00f6nnte. Au\u00dferdem sei es grunds\u00e4tzlich Sache des Lenkers eines Fahrzeuges, sich nicht von Begebenheiten abseits der Fahrstrasse zum Nachteil seines Fahrverhaltens beeinflussen zu lassen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Leben geht weiter, das der jungen Frau und ihrer Freunde, aber auch das der Frau und der Kinder von Felix Baumgartner. Die Wahrheit bleibt verborgen, damit m\u00fcssen sie leben und zurecht kommen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #999999;\">Foto: Creative Commons-Lizenz, flickr,\u00a0<a id=\"yui_3_11_0_3_1424467515813_427\" style=\"color: #999999;\" href=\"https:\/\/www.flickr.com\/photos\/sen_meister\/\">Mario Spann<\/a><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":2144,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[305],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2344"}],"collection":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2344"}],"version-history":[{"count":13,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2344\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2357,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2344\/revisions\/2357"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/media\/2144"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2344"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2344"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2344"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}