{"id":2361,"date":"2015-05-09T01:22:41","date_gmt":"2015-05-09T00:22:41","guid":{"rendered":"http:\/\/hkreiter.com\/?p=2361"},"modified":"2015-05-24T19:15:31","modified_gmt":"2015-05-24T18:15:31","slug":"muttertag","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/muttertag\/","title":{"rendered":"Muttertag"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Amelia muss raus. Kein Wecker, der es ihr befielt. Es ist jeden Tag so, sieben Mal in der Woche. Auch heute, das Vieh im Stall, die Arbeit danach, Rahm absch\u00f6pfen, die Milchk\u00fcbel nach vorne zur Stra\u00dfe geschleppt, der Molkereiwagen ist immer p\u00fcnktlich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenigsten m\u00fcssen die Kinder heute nicht zur Schule. Welch kleines Privileg am Wochenende. Der Georg, ihr Mann, ist schon auf der Futterwiese, frisches Gras f\u00fcr&#8217;s Vieh. Das macht er jeden Tag, bevor er mit dem Bus zur Arbeit f\u00e4hrt, um sieben Uhr fangen sie an, im S\u00e4gewerk, nicht weit vom Hof. Ohne das S\u00e4gewerk k\u00f6nnten sie den Hof nicht halten. Er arbeitet dort bis zum Mittag, manchmal wird es auch sp\u00e4ter. Kleinere Sachen erledigen schon die Kinder. Die H\u00fchner zum Beispiel.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Heute am Sonntag schleppt der Georg die K\u00fcbel zur Stra\u00dfe <!--more-->und Amelia richtet ein kleines Fr\u00fchst\u00fcck f\u00fcr sie beide. Sie freuen sich immer auf diesen Augenblick, an dem ein wenig Ruhe einkehrt in ihr sonst so arbeitsreiches Leben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In der nahen Stadt rei\u00dfen die Glocken der katholischen St. Georgs Kirche manche aus dem Schlaf und sie drehen sich schimpfend in ihren Betten um. Die meisten haben sich allerdings schon daran gew\u00f6hnt und h\u00f6ren es gar nicht mehr. Wenige von ihnen sind aufgestanden, um die Fr\u00fchmesse zu besuchen. Ihre Zahl wird immer kleiner und schon sehr bald wird man auch hier rationalisieren und Gottesdienste zusammenlegen oder Kirchen schlie\u00dfen. Na ja, kommt ja nicht von ungef\u00e4hr, wird mancheiner sagen, m\u00fcssen halt mal nachdenken, die geistlichen Herren, dann werden sie schon draufkommen, woran es liegt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mathilde h\u00f6rt die Kirchglocken auch, aber sie ist schon lange aus dem Bett. Die kleine Tochter ist krank, hat Fieber. Mann hat sie keinen. Der hatte sich schon bald nach der Geburt der Kleinen aus dem Staub gemacht und Unterhalt zahlt er auch nicht. Die Gerichte konnten ihr nicht weiterhelfen, weil niemand wei\u00df, wo er sich aufh\u00e4lt. Die Eltern springen ein, so gut es eben geht, aber heute am Sonntag, da wollen auch sie ihre Ruhe haben und Mathilde mu\u00df alleine fertig werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In einem Reihenhaus t\u00f6nt ein Pipser im Schlafzimmer der Eheleute. Blitzschnell springt der Mann in der selben Sekunde aus dem Bett. Alarm! Er ist bei der freiwilligen Feuerwehr und hat Bereitschaft.\u00a0<em>Was ist los?,\u00a0<\/em>fragt seine Frau schlaftrunken.\u00a0<em>Einsatz, schlaf weiter, ich meld&#8216; mich sp\u00e4ter!, <\/em>und weg ist er. Alles hunderte Male ge\u00fcbt. Es kommt immer auf die Sekunde an.\u00a0<em>Du weisst schon, heut ist Muttertag und wir wollten mit den Kindern &#8230;,\u00a0<\/em>ruft die Frau noch, aber er h\u00f6rt es nicht mehr.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Krankenhaus bereitet die Nachtschicht die \u00dcbergabe der Dienste an die Morgenschicht vor. Auf Station zwei wartet Schwester Renate auf ihre Kollegin, aber zur vorgesehenen Zeit ist niemand da. Besorgt blickt Renate zur Uhr im Stationszimmer. Zwanzig Minuten dar\u00fcber. Ungew\u00f6hnlich! Die Kollegin ist immer p\u00fcnktlich und absolut zuverl\u00e4ssig. Das Telefon schrillt.\u00a0<em>Ist gut,\u00a0<\/em>sagt Renate und legt zitternd den H\u00f6rer auf. Ihre Kollegin wird nicht kommen. Verkehrsunfall auf der Autobahn. Feuerwehr und Notarz sind schon vor Ort. Renate wird noch ein paar Stunden Dienst dranh\u00e4ngen m\u00fcssen, bis Ersatz f\u00fcr die Abl\u00f6sung gefunden ist. <em>Muttertag, das wird heute nichts werden<\/em>, sagt sie traurig vor sich hin und denkt an die Kinder und ihren Mann, die sich schon so auf den Ausflug gefreut hatten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Am fr\u00fchen Vormittag sind die ersten unterwegs. Autos vollgestopft mit Frau und Kindern und den M\u00fcttern, der eigenen und der Schwiegermutter. Manche fahren mit zwei Wagen, weil die Opas auch noch mit dabei sein wollen. Wer nicht vorbestellt hat, braucht erst gar nicht loszufahren. Am Muttertag gibt es nirgendwo einen freien Platz. Alle Gasth\u00e4user sind \u00fcberf\u00fcllt, das Personal genervt, die G\u00e4ste ungeduldig, als h\u00e4tten sie schon tagelang nichts mehr gegessen. Viele bleiben gleich sitzen bis zum Nachmittag, dann kommt zum \u00fcppigen Mittagsmahl noch ein fetter Kuchen mit Sahne oben drauf. Freie Pl\u00e4tze werden sofort von neuen G\u00e4sten eingenommen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Alle haben nur eines im Sinn: Der Mama soll es heute mal so richtig gut gehen. Sp\u00e4ter wieder zu Hause schlucken die so maltr\u00e4tierten M\u00fctter Kaisers Natron oder andere Mittel gegen Sodbrennen. Manchen bleibt nichts anderes \u00fcbrig, ob ihrere Lage \u00e4rztliche Notdienste zu bem\u00fchen. Auch die Krankenh\u00e4user melden Aufnahmerekorde. Galle, Magen und noch andere Organe rebellieren. Das viele fette Essen, Wein und Schnaps, das vertr\u00e4gt eben nicht jeder. Manchmal sind es nicht die M\u00fctter, deren Tag es doch war, sondern die M\u00e4nner, die Opas, denen das viele Trinken nicht bekam. Da haben dann die M\u00fctter wieder den Salat und sie m\u00fcssen sich k\u00fcmmern, ob Festtag oder nicht. Sie sind halt immer die Leidtragenden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da mag es so manchem Zeitgenossen in den Sinn kommen, den M\u00fcttern im n\u00e4chsten Jahr vielleicht einmal etwas Gutes mit weniger Stress, Geschimpfe und Gezerre zu tun, denn wer sagt denn, dass sich M\u00fctter \u00fcber eine nette Aufmerksamkeit nur am Mutertag freuen? Die Muttertaggesch\u00e4ftemacher werden es nicht gerne h\u00f6ren, aber M\u00fctter verdienen mehr als nur an einem Tag im Jahr unser aller Aufmerksamkeit. Und wer den Offiziellen Muttertag dazu braucht, der sollte es lieber lassen, nicht wahr?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #999999;\">Foto: Creative Commons-Lizenz, flickr,\u00a0<a id=\"yui_3_11_0_3_1431130286879_356\" style=\"color: #999999;\" href=\"https:\/\/www.flickr.com\/photos\/augschburger\/\">augschburger<\/a><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":2372,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[305],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2361"}],"collection":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2361"}],"version-history":[{"count":10,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2361\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2407,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2361\/revisions\/2407"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/media\/2372"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2361"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2361"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2361"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}