{"id":2449,"date":"2015-06-25T17:18:53","date_gmt":"2015-06-25T16:18:53","guid":{"rendered":"http:\/\/hkreiter.com\/?p=2449"},"modified":"2015-09-06T16:52:12","modified_gmt":"2015-09-06T15:52:12","slug":"st-korbinian","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/st-korbinian\/","title":{"rendered":"St. Korbinian"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Der Hallenbacher Ferdinand ist immer schon nicht g&#8217;scheid aus dem Bett gekommen, egal, ob&#8217;s in der Fr\u00fch um sechs war oder eine Stunde sp\u00e4ter.\u00a0<em>Must halt fr\u00fcher ins Bett,\u00a0<\/em>haben die Eltern oft gemeint. F\u00fcr den Ferdinand war solches aber undenkbar.\u00a0<em>Fr\u00fcher ins Bett! Was die Leut&#8216; sich bloss denken?<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gerade am Abend, nach getaner Arbeit, traf sich die Jugend gern beim Dudler Hans, einer Art Wirtschaft, aber nicht so mit Gastraum und Theke, sondern <!--more-->eher wie ein Standl, mit einem Zeltvorbau. Da standen sie dann, tranken ein Bier und a\u00dfen etwas Einfaches dazu.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diesen Abend war es nicht anders als sonst. Oder vielleicht doch? Die Klausthaler Monika hatte kurz hereingeschaut, dem Ferdinand ein Zeichen gegeben, und war dann schnell wieder verschwunden. Ein paar Minuten sp\u00e4ter machte sich der Ferdinand auf den Weg.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Unten auf der Wies&#8217;n, gleich beim Festzelt, waren sie alle schon versammelt. Dunkel war&#8217;s, aber das fahle, kalte Licht des Mondes reichte f\u00fcr ihr Vorhaben gerade noch aus. Sie sprachen nur wenig und es schien, als h\u00e4tten sie nur noch auf den Ferdinand gewartet. Schnell stapften sie hin\u00fcber zu dem vor dem Zelt aufgestellten Festbaum, der, einem Maibaum \u00e4hnlich, mit allerlei Girlanden geschm\u00fcckt und in Abst\u00e4nden von etwa f\u00fcnfzig Zentimetern mit St\u00e4nde- und Berufswappen versehen war. Die letzten ganz oben waren kaum noch auszumachen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Gut, dann hau&#8217;n mir jetzt den Stift raus und du treibst den Holzzapfen eini,\u00a0<\/em>sagte einer an Ferdinand gewandt. Der nickte bed\u00e4chtig, kramte in seinen Taschen und zog den Zapfen hervor.\u00a0<em>Gibt mir einer den Schlegel,\u00a0<\/em>sagte er und blickte in die Runde.\u00a0<em>Da hast ihn,\u00a0<\/em>war der Obermeier Rudi\u00a0zu vernehmen, seines Zeichens Schankkellner.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Einige Burschen st\u00fctzten den Baum mit langen Stangen, an deren Ende sich Schlaufen befanden, die sich an den Baum anschmiegten. Auf diese Weise konnten sie ihn ganz gut im Gleichgewicht halten.\u00a0<em>Okay,\u00a0<\/em>sagte einer von ihnen,\u00a0<em>mir ham den Baum, konnst&#8217;n au\u00dfihaun!<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit einem festen Schlag auf ein Eisen, das an den Stift angelegt war, flog dieser aus seiner F\u00fchrung. Sofort war der Ferdinand zur Stelle und hieb den Holzzapfen mit drei wuchtigen Schl\u00e4gen an die Stelle des Stiftes.\u00a0<em>Es k\u00f6nnt&#8217;s den Baum jetzt loslass&#8217;n, <\/em>rief er den Burschen zu. Die taten, wie gehei\u00dfen. Der Baum bewegte sich kein Jota und stand wie zuvor.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Niemand in der Gemeinde hatte das n\u00e4chtliche Treiben beobachtet. Die meisten waren l\u00e4ngst im Bett, denn morgen, am Samstag, war der gro\u00dfe Tag, das Fest zu Ehren des Heiligen St. Korbinian. Niemand wusste auf Anhieb mehr so genau, warum gerade dieses Fest jedes Jahr begangen wurde. Dabei w\u00e4re es so einfach gewesen, in der Gemeindechronik nachzulesen, worum es ging. Papst Gregor II hatte Korbinian irgendwann so um 700 herum nach Bayern geschickt, um dieses eigenwillige Volk zu missionieren. Und eben dieser sp\u00e4tere Heilige war just auch hierher an diesen sch\u00f6nen bayerische Ort\u00a0gekommen. \u00a0Und das dankte man ihm seit Generationen mit einem Fest.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jetzt gab es aber eine Gruppe Andersdenkender, die diese wiederkehrenden Festivit\u00e4ten als Bigotterie h\u00f6chsten Ausma\u00dfes betrachteten und einmal ein Zeichen setzen wollten. <em>Meinst net, dass g&#8217;f\u00e4hrlich ist,\u00a0<\/em>fragte die Klausthaler Monika den Ferdinand.\u00a0<em>Iwo,\u00a0<\/em>sagte dieser nur und setzte hinzu:\u00a0<em>Jetzt mach dir nur net in d&#8217;Hosn, des werd scho!<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Am Samstag Nachmittag, p\u00fcnktlich um 15 Uhr war die Festwiese \u00fcbers\u00e4t von Menschen. Von \u00fcberall waren sie gekommen, um der frommen Rede des Herrn Kardinals zu lauschen, der eigens aus Freising her geeilt war. Selbstverst\u00e4ndlich gaben sich noch andere Honoratioren ein Stelldichein. Der B\u00fcrgermeister zuvorderst, dann der Landrat und sogar aus der Staatskanzlei in M\u00fcnchen war jemand angereist. Das Bayerische Fernsehen war vor Ort, wie jedes Jahr und so w\u00fcrde die Kunde des bayerischen Brauches schon bald in aller Welt vernommen werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">W\u00e4hrend nun alle gespannt, manche auch mit der Konzentration etwas k\u00e4mpfend, den vielen Worten der gesalbten Redner lauschten, pirschte sich Ferdinand an den Festbaum heran, zog einen schweren Feistling aus der Tasche und f\u00fchrte einen blitzschnellen, sauberen Hieb auf den Holzzapfen, der daraufhin in mehrere Teile zerbarst.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Lasst uns denn zum Baume gehen und geweihtes Wasser &#8230;.,\u00a0<\/em>mehr vernahm der Ferdinand nicht mehr von des Kardinals Rede. Schnell und unerkannt machte er sich aus dem Staube und war schon bei seinen Freunden angekommen, als das Desaster seinen Verlauf nahm.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Schwungvoll ergoss der Kardinal das Weihwasser aus einem von einem Adjutanten mitgef\u00fchrten Kessels mittels eines Feudels \u00fcber das gl\u00e4ubige Volk. Alle bekreuzigten sich und waren sich des Segens des Herrn gewiss, als es geschah!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Festbaum, des Sicherungsbolzens entledigt begann pl\u00f6tzlich mit einem Male kaum wahrnehmbare, winzigste Bewegungen auszuf\u00fchren. Nur, wessen Augen auf die Spitze des Baumes gerichtet waren, konnte sie \u00fcberhaupt wahrnehmen. Erst, nur einen Zentimeter vielleicht, nach links, dann nach rechts, um wieder nach links und nach rechts zu wanken. Aus dem Zentimeter wurden zwei und dann sahen sie es alle. Der Baum schwankte! Entsetzt schrie&#8217;n die Menschen auf. Aber es war zu sp\u00e4t. Niemand konnte mehr einschreiten, niemand das Ungl\u00fcck verhindern.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und gerade, als der Herr Kardinal das\u00a0<em>Lobet den Herrn\u00a0<\/em>anstimmte, krachte der Baum mit einem donnernden Get\u00f6se mitten auf das Festzelt.\u00a0<em>Ja, mi leckst,\u00a0<\/em>stie\u00df einer der Umstehenden aus und gab damit ziemlich genau die Gef\u00fchlswelt der Besucher wieder. Wie paralysiert standen sie vor dem Zelt und sahen, wie dessen Giebel langsam einknickte, um schliesslich zu verharren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Niemand war zu Schaden gekommen, aber das Fest war nat\u00fcrlich zu Ende. Die Honorigen waren so schnell verschwunden, als seien sie niemals hier\u00a0gewesen. Und selbst der Kardinal fand statt Worte des Trostes nur seinen Wagen und war in Windeseile entschwunden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Des kommt von dem ganzen Gedudel und dem heiligem Gefasel. Dass des unserm Herrn da oben net g&#8217;f\u00e4llt, liegt doch auf der Hand,\u00a0<\/em>bemerkte einer. Und ein anderer f\u00fcgte an:\u00a0<em>Und \u00fcberhaupt schon, dass da ein Papst \u00a0g&#8217;meint hat, uns Bayern kunt ma missionieren! Jetzt ham sie&#8217;s gseh&#8217;n. So etwas is bei uns no nia net guad ganga!<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #808080;\">Foto: HKReiter<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":850,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[304],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2449"}],"collection":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2449"}],"version-history":[{"count":13,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2449\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2462,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2449\/revisions\/2462"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/media\/850"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2449"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2449"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2449"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}