{"id":2593,"date":"2015-09-26T15:35:29","date_gmt":"2015-09-26T14:35:29","guid":{"rendered":"http:\/\/hkreiter.com\/?p=2593"},"modified":"2015-11-03T00:14:08","modified_gmt":"2015-11-02T23:14:08","slug":"familiendrama","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/familiendrama\/","title":{"rendered":"Familiendrama"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Dagmar Hochfellner liess sich generft in ihren B\u00fcrostuhl plumpsen. Es war wieder einer jener Tage, die ihr so gar nicht lagen. Erst schon kein Durchkommen mit dem Auto zur Dienststelle, dann eine vergeudete Stunde beim Chef &#8211; <em>Wochenres\u00fcmee<\/em>\u00a0nannte er das an jedem Freitag fr\u00fch stattfindende Treffen der leitenden Kommissare. Und dann noch ein versautes Wochenende vor der Nase.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Lesen Sie sich da mal hinein,\u00a0<\/em>hatte er gesagt und ihr einen leicht vergilbten Schnellhefter auf den Tisch geknallt.\u00a0<em>Hinterkaifeck<\/em>\u00a0stand da in steilen Lettern zu lesen und darunter in Klammern gesetzt: \u00a0<em>Mordfall vom 31. M\u00e4rz\/1. April 1922 &#8211; unaufgekl\u00e4rt.\u00a0<\/em>Der Fall sei \u00fcber 90 Jahre alt, bemerkte Dagmar und wollte wissen, warum sie sich ausgerechnet jetzt damit besch\u00e4ftigen sollte.\u00a0<em>Es tut mir leid,\u00a0<\/em>sagte der Chef,\u00a0<em>aber Sie m\u00fcssen da rausfahren. Gleich in der N\u00e4he hat man heute Morgen ein \u00e4hnliches Familienmassaker entdeckt.<\/em><br \/>\n<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">W\u00e4hrend ihrer Ausbildung hatte sie irgendwann einmal von\u00a0Hinterkaifeck geh\u00f6rt. Der Fall war niemals aufgekl\u00e4rt worden und niemand k\u00fcmmerte sich ernsthaft mehr darum. Mord verj\u00e4hrt zwar nicht, aber wo eine Aufkl\u00e4rung aussichtslos schien, steckte man auch keine Energie mehr in die Ermittlungen. Sechs Menschen waren damals mit eingeschlagenem Sch\u00e4del aufgefunden worden. Die Umst\u00e4nde waren sehr mysteri\u00f6s gewesen. Es gab Spuren und eines der Kinder hatte in der Schule erz\u00e4hlt, die Mutter sei von einem heftigen Streit vom Hof geflohen. Einen Tag sp\u00e4ter waren sie alle tot &#8211; ermordet. Die Tat wurde aber erst vier Tage danach entdeckt. Es gab einige Verd\u00e4chtige, jedoch niemand\u00a0konnte der Tat \u00fcberf\u00fchrt werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und jetzt sollte sie die Ermittlungen in einem Mordfall\u00a0\u00fcbernehmen, der ganz \u00e4hnliche Z\u00fcge trug wie damals. Also gab sie den Kollegen Bescheid und sie fuhren raus in die Gegend von Schrobenhausen. Die Spurensicherung war schon vor Ort und so erfuhr die Hauptkommissarin, was man bisher festgestellt hatte. Demnach hatte man zwei Leichen in der Scheune des Hofes aufgefunden, die ermordete B\u00e4uerin in der K\u00fcche im Haus und einen \u00fcbel zugerichteten Arbeiter\u00a0im Stall. Letzterer war noch vor dem Eintreffen des Notarztes verstorben. Tatzeit etwa 20 Stunden vor der grausigen Entdeckung des Massakers.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Gibt es brauchbare Hinweise auf die Tat?,\u00a0<\/em>wollte Dagmar Hochfellner wissen. Die anwesende Gerichtsmedizinerin best\u00e4tigte, was auch die Spurensicherung ergeben hatte. Alle Vier waren mit einem schweren, dumpfen Gegenstand erschlagen worden.\u00a0<em>Vielleicht ein schwerer Hammer,\u00a0<\/em>meinte einer der vom LKA aus M\u00fcnchen mitgereisten Kommissare.\u00a0<em>Ja, dann schaut&#8217;s mal rum, ob ihr etwas findet, auch weiter entfernt vom Haus, das \u00dcbliche halt,\u00a0<\/em>sagte Dagmar, rief den Assistenten und begab sich in die Scheune.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Da ermordet jemand vier Menschen. Frage eins: warum? Und Frage zwei: Gibt es einen Zusammenhang mit den Morden von Hinterkaifeck?\u00a0<\/em>Es sei doch ein sehr langer Zeitraum dazwischen, wagte der Assistent zu bemerken und fragte, ob er etwaige verwandtschaftliche Beziehungen zwischen damals und heute pr\u00fcfen solle.\u00a0<em>Ja, gute Idee, mach das!,\u00a0<\/em>stimmte Dagmar zu und bemerkte mit einem L\u00e4cheln, wie der Assistent sofort mit flinken Fingern seinen Laptop bearbeitete.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wieder an der frischen Luft &#8211; Tote hinterlassen irgendwie immer eine dumpfe Atmosph\u00e4re, fand Dagmar &#8211; kam ihr eine Frage in den Sinn. Weshalb \u00e4hnelt dieser Fall tats\u00e4chlich dem damaligen?\u00a0Kaum dass dieser Gedanke von ihr Besitz ergriffen hatte, meldete sich der Assistent.\u00a0<em>Also Frau Hauptkommissarin &#8230;,\u00a0<\/em><em>Du und Dagmar,\u00a0<\/em>unterbrach sie ihn, wissend, dass es ihm immer noch gro\u00dfe Probleme bereitete, sie mit ihrem Vornamen anzusprechen.\u00a0<em>Nun, Sie wissen, ich kann das nicht so einfach, Sie sind die Chefin &#8230; mit Vornamen &#8230;, nein, das geht nicht, <\/em>um dann fortzufahren:\u00a0<em>Frau \u00a0&#8230; \u00e4h, Dagmar, es gibt tats\u00e4chlich eine Verbindung.\u00a0<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dagmar Hochfellner war zur Polizei gekommen, weil sie nach dem Abitur nicht so recht wusste, was sie eigentlich studieren sollte. Allerdings war ihre Entscheidung f\u00fcr die Polizei aber\u00a0keinesfalls\u00a0einer Verlegenheit entsprungen. Sie hatte sich sorgf\u00e4ltig erkundigt und Informationsveranstaltungen besucht. Im LKA war sie zur Chefin\u00a0einer Dienststelle f\u00fcr schwierige und ungew\u00f6hnliche F\u00e4lle von Kapitalverbrechen aufgestiegen. Gerade mal Mitte Drei\u00dfig, war eine solche Karriere durchaus als ungew\u00f6hnlich zu bezeichnen. Aber ihr logisches Denken und die F\u00e4higkeit, abstrakte L\u00f6sungsans\u00e4tze zu entwickeln, hatten sie zu Recht dort hin katapultiert, wo sie jetzt war. Die Aufkl\u00e4rungsquote ihres Teams lag immerhin bei \u00fcber 85 Prozent und das war viel, sehr viel sogar. Dagmar war klar, dass sie schon in nicht allzu ferner Zukunft in den h\u00f6heren Dienst wechseln w\u00fcrde. Entsprechende Locksignale von Vorgesetzten gab es schon lange.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00c4rztin und Spurensicherung hatten den Abtransport der Leichen in die \u00a0Gerichtsmedizin freigegeben und die Kollegen des kriminaltechnischen Dienstes packten ihre Sachen zusammen. Das ganze Areal war mit Absperrb\u00e4ndern der Polizei versehen und wenn alle ihre Arbeit getan h\u00e4tten, w\u00fcrden die Fenster geschlossen und die T\u00fcren versiegelt werden. Routinearbeit am Tatort.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dagmar bedeutete den Kollegen, sie k\u00f6nnten nunmehr mit den Befragungen der Nachbarn beginnen und ausfindig machen, ob es etwaige Zeugen g\u00e4be. Sie gab dem Assistenten ein Zeichen, stieg in ihren Wagen, gab ihm die Autoschl\u00fcssel und sagte, er solle sie ins Dorf fahren. F\u00fcr Dagmar war es immer wichtig, sich einen eigenen Eindruck vom Ort des Geschehens und seiner Umgebung zu verschaffen. Im Dorf erfuhr sie, dass es hier keine eigene Amtsstelle mehr gab. Vor vielen Jahren schon musste diese dem hohen Kostendruck weichen.\u00a0<em>Da m\u00fcss&#8217;ns nach Schrobenhausen,\u00a0<\/em>gab ihr ein \u00e4lterer Dorfbewohner zur Auskunft.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Fahr mich erst zum Gemeindeamt und vielleicht dann noch zum Landratsamt. Mal sehen, \u00a0<\/em>f\u00fcgte sie noch an. Schnellen Schrittes entschwand Dagmar den Blicken des Assistenten, dem sie aufgetragen hatte, im Wagen zu warten.\u00a0<em>Mach s&#8217;Blaulicht aufs Dach, damit man uns als Polizei erkennt, wegen des Halteverbots. Sonst kriegen wir noch einen Strafzettel.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dagmar wies sich aus und fragte, ob es hier ein zeitgeschichtliches Archiv g\u00e4be.\u00a0<em>Da hams no Gl\u00fcck, weil mir des demn\u00e4chst ois ins Landratsamt verleng. De ham mehr Plotz und dann fass ma alles zamma. De D\u00f6rfer und die ganze Region, woit i song.\u00a0<\/em>Dagmar musste sich in ein Buch eintragen und durfte dann das Allerheiligste betreten.\u00a0Der Eintrag sei Pflicht, sagte man ihr, falls etwas wegk\u00e4me oder besch\u00e4digt w\u00fcrde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wieder zur\u00fcck im LKA berichteten die Herren Kommissare von der fruchtlosen Befragung der Bev\u00f6lkerung. Niemand hatte etwas bemerkt und schon gleich gar nicht gesehen. <em>Wie es halt oft auf dem Land so ist,\u00a0<\/em>bemerkte Dagmar.\u00a0<em>Da hackt ganz sicher keine Kr\u00e4he der anderen ein Auge aus.\u00a0<\/em><em>Geh, bring uns an Kaffee, <\/em>bat sie den Assistenten und dr\u00fcckte ihm ein paar M\u00fcnzen f\u00fcr den Automaten in die Hand.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Jetzt machen wir folgendes,\u00a0<\/em>sagte Dagmar in die Entstandene Stille hinein.\u00a0<em>Wir,\u00a0<\/em>sie deutete dabei auf den Assistenten und zwei der Kommissare, \u00a0<em>fahren noch einmal raus ins ber\u00fchmte Spargelgebiet.\u00a0<\/em>Sie sah die Fragezeichen in den Augen der Angesprochenen.\u00a0<em>Ich hab&#8216; mir etwas \u00fcberlegt,\u00a0<\/em>erkl\u00e4rte Dagmar.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Z\u00fcgig fuhren die beiden zivilen Fahrzeuge\u00a0durch den Ort und stoppten\u00a0am Haus eines bekannten und durchaus auch angesehenen B\u00fcrgers der Gemeinde. Einer der Kommissare ging zum r\u00fcckw\u00e4rtigen Teil des Anwesens, w\u00e4hrend Dagmar mit dem Assistenten und dem zweiten Kommissar vor die Eingangst\u00fcre trat und die Klingen bet\u00e4tigte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nichts r\u00fchrte sich. Noch einmal die Klingel und wieder nichts. <em>Komisch,\u00a0<\/em>rief ihnen ein des Weges kommender Mann zu,\u00a0<em>er h\u00e4t&#8216; heut&#8216; zur Chorprobe kommen sollen, war aber net da.\u00a0<\/em><em>Dann brechen wir auf,\u00a0<\/em>wies Dagmar den Kommissar an.\u00a0<em>Gefahr im Verzug,\u00a0<\/em>sagte sie noch.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da es durch die Haust\u00fcre nicht ging, schlug der Kommissar eine Scheibe ein, stieg durch das Fenster und \u00f6ffnete die T\u00fcre von innen. Schnell waren sie im Haus, riefen den Namen des Bewohners und gaben sich als Polizei zu erkennen. Keine Antwort, Schweigen.\u00a0<em>Hier, kommens,\u00a0<\/em>rief der Assistent pl\u00f6tzlich ganz aufgeregt.\u00a0<em>Hier ist er!<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In der Stube fanden Sie die Bescherung. Ein toter K\u00f6rper baumelte von der Decke, ein Stuhl, umgesto\u00dfen, lag am Boden.\u00a0<em>Da ist er uns zuvor gekommen, der Herr Lehrer Brandst\u00e4tter,\u00a0<\/em>sagte Dagmar lapidar.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was war geschehen?\u00a0Der Brandst\u00e4tter hatte beim Kartenspiel sein Haus an den H\u00f6glmeier, einer der erschlagenen Toten im Nachbardorf, verloren.\u00a0<em>Da fiel dem Lehrer Hinterkeifeck ein und er wollte es so arrangieren, wie damals, damit die Tat ein R\u00e4tsel bleiben sollte.\u00a0<\/em>Jetzt habe der Brandst\u00e4tter allerdings einen Patzer gemacht, erkl\u00e4rte Dagmar den staunenden Kollegen. Im Gemeindearchiv besorgte er sich die Details von damals, damit ihm bei seiner frevelhaften Tat ja kein Fehler unterlaufe, bedachte dabei aber nicht, dass man sich hierzu in ein Besucherbuch eintragen muss.\u00a0<em>So kam ich darauf,\u00a0<\/em>sagte Dagmar bescheiden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<span style=\"color: #999999;\">Foto: Creative Commons Lizenz, flickr,<a id=\"yui_3_11_0_3_1443277271494_407\" style=\"color: #999999;\" href=\"https:\/\/www.flickr.com\/photos\/thosch66\/\">thosch66<\/a><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":2612,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[703],"tags":[777,773,775,776,715,720,774],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2593"}],"collection":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2593"}],"version-history":[{"count":22,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2593\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2621,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2593\/revisions\/2621"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/media\/2612"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2593"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2593"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2593"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}