{"id":2750,"date":"2015-11-03T00:12:21","date_gmt":"2015-11-02T23:12:21","guid":{"rendered":"http:\/\/hkreiter.com\/?p=2750"},"modified":"2015-11-28T16:53:12","modified_gmt":"2015-11-28T15:53:12","slug":"der-alte-fall","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/der-alte-fall\/","title":{"rendered":"Der alte Fall"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><em>Wussten Sie, dass in Deutschland 95 Prozent aller Mordf\u00e4lle aufgekl\u00e4rt werden?, <\/em>sagte\u00a0Dagmar Hochfellner und\u00a0wies mit der Hand auf einen Stuhl. Schwerf\u00e4llig lie\u00df sich der Mann im derben Lodenzeug darauf nieder, wobei er fauchend den Atem zwischen den Z\u00e4hnen ausstie\u00df.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Und warum erz\u00e4hlen Sie mir das?,\u00a0<\/em>fragte der Mann ungehalten. Ja, warum eigentlich? Dagmar Hochfellner stellte sich diese Frage selbst und war sich mit einem Mal gar nicht mehr so sicher, den Richtigen vor sich zu haben. \u00a0Verworren war das alles, aber die Indizien&#8230;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eigentlich hatte sie in einem ganz anderen Fall recherchiert und war dann auf eine Spur gesto\u00dfen, die ihr keine Ruhe mehr lie\u00df. Konnte es tats\u00e4chlich sein? Im Internet war sie auf einen Artikel \u00fcber <em>Die Faszination ungekl\u00e4rter Kriminalf\u00e4lle\u00a0<\/em>gesto\u00dfen. Und darin stand es schwarz auf wei\u00df. Nach beinahe 30 Jahren\u00a0waren die Ermittlungen im Mord an einer jungen Frau wieder aufgenommen worden. Im LKA fand sie weitere Einzelheiten dazu. Gut, sie musste zugeben, ihre Schlussfolgerung war etwas gewagt, aber das Bewegungsprofil des vor ihr sitzenden Mannes zeigte, dass er im fraglichen Zeitraum tats\u00e4chlich f\u00fcr einige Monate in Heilbronn gemeldet war.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>H\u00f6ren Sie,\u00a0<\/em>sagte Dagmar Hochfellner,\u00a0<em>es ist ihr gutes Recht, alles abzustreiten, aber Fakt ist, dass Zeugen Sie gestern Nacht am Tatort gesehen haben.\u00a0<\/em><em>Na und schon,\u00a0<\/em>erwiderte der Mann.\u00a0<em>Ich bin hier vom Ort und bin \u00fcberall schon mal gewesen, vielleicht auch dort, wo Sie die Leiche gefunden haben. Aber ich hab&#8216; damit nichts zu tun. Ich wei\u00df noch nicht einmal, wo das gewesen sein soll.\u00a0<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das war der Knackpunkt. Der Mann hatte angegeben, letzte Nacht herumgelaufen zu sein, weil es Streit mit seiner Frau gegeben habe und er deshalb nicht habe schlafen k\u00f6nnen. In der Gegend hatte es in den\u00a0letzten f\u00fcnf Jahren bereits drei Morde an jungen Frauen gegeben. Trotz akribischer Suche, hatte man in keinem der F\u00e4lle verwertbare Spuren gefunden. Kein fremdes Fahrzeug, keine Auff\u00e4lligkeiten, einfach nichts. Jetzt, nach dem vierten Mord, k\u00f6nnte sich das Blatt gewendet haben. Anwohner hatten den Mann n\u00e4mlich beobachtet, wie er gegen zwei Uhr morgens eiligen Schrittes aus der Parkanlage gekommen war, in der am Morgen ein Jogger die Tote gefunden hatte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit einem Ruck erhob sich der Mann pl\u00f6tzlich, schob den Stuhl beiseite und meinte:\u00a0<em>Dann geh&#8216; ich jetzt. Eine Nacht bei Ihnen, das langt mir bis unter die Haut.\u00a0<\/em>Auf ein Zeichen hin dr\u00fcckte ein anwesender Polizist in Uniform den Mann zur\u00fcck auf seinen Stuhl.\u00a0<em>Sie gehen nirgendwo hin, au\u00dfer zur\u00fcck in Ihre Zelle!, <\/em>sagte Dagmar und bedeutete dem m\u00e4nnlichen Kollegen, den Mann abzuf\u00fchren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie sa\u00df fest und brauchte dringend mehr Fakten. Die blo\u00dfe Tatsache, dass er damals in Heilbronn gewohnt hatte und jetzt in der N\u00e4he eines Tatortes gesehen worden war, w\u00fcrde nicht ausreichen, den Mann in Haft zu behalten. Jeder Anwalt w\u00fcrde ihn binnen weniger Stunden frei bekommen. Die Zeit dr\u00e4ngte also. Nur, was tun?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn sie richtig lag, musste es Hinweise geben, die sie bisher \u00fcbersehen hatte oder, scho\u00df es Dagmar Hochfellner pl\u00f6tzlich durch den Kopf, sie war zu sehr auf die beiden Zeugen fixiert. Zeugen k\u00f6nnen sich irren. Oft genug schon hatte sie es erlebt, dass Aussagen in sich zusammengebrochen waren, wenn pl\u00f6tzlich kleine Schnipsel von Details etwas anderes belegten, als Zeugen vorgaben, gesehen zu haben. Kleidungsst\u00fccke, die der Beschuldigte getragen haben soll oder Frisur und Haarfarbe wurden beschrieben, obwohl der vermeintliche T\u00e4ter nachweislich einen Hut getragen hatte &#8211; und so h\u00e4tte sie noch zahlreiche solcher Beispiele anf\u00fcgen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn es der Mann gewesen war, wenn er der M\u00f6rder dieser Frauen von Heilbronn war, der nun auch hier in der Region sein m\u00f6rderisches Unwesen trieb, dann musste er etwas an sich haben, etwas unverwechselbares, das ihn \u00fcberhaupt erst zu solchen Taten bef\u00e4higte. Zahlreiche psychiatrische Gutachten w\u00fcrden ihre Thesen untermauern, andere vielleicht aber auch das genaue Gegenteil belegen. Und, ein entscheidender Punkt, der Mann w\u00fcrde nicht lange genug in Haft bleiben, um solche Gutachten \u00fcberhaupt erst ansto\u00dfen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wieder in der Zelle entledigte sich der Mann seiner Jacke, warf sie auf die Pritsche und setzte sich auf den einfachen Stuhl vor der Arbeitsplatte. Schei\u00df Situation! Wie war er da hineingeraten? Diese Kommissarin w\u00fcrde seine Frau ausfragen.\u00a0Nat\u00fcrlich, sollte sie es ruhig tun. W\u00fctend hatte er die T\u00fcr zugeworfen, irgendwann nach Mitternacht war es gewesen. Sie hatten wieder einmal, wie schon so oft, heftig gestritten, bis es ihm zu bl\u00f6d geworden war und er nur noch hinaus wollte. Plan- und ziellos war er umher gestrichen, immer nur diesen einen Gedanken im Kopf. Dieses Mistst\u00fcck. Hinter seinem R\u00fccken und ausgerechnet mit diesem Idioten, den er nur zu gut kannte. Schei\u00dfe! Dann war pl\u00f6tzlich diese Frau aufgetaucht. Er hatte sie zun\u00e4chst gar nicht bemerkt. Schwer atmend st\u00fctzte er seinen Kopf mit den H\u00e4nden, um dann mit einem Mal aufzuspringen, ein paar Schritte hin und her zu laufen und sich schlie\u00dflich auf die Pritsche zu werfen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein stechender Schmerz durchzuckte ihn. Dieses bl\u00f6de Frauenzimmer\u00a0hatte sich doch tats\u00e4chlich gewehrt und ihm etwas in die Seite gerammt. Einen Ast vielleicht, der da zuf\u00e4llig gelegen war oder etwas anderes. Es war auch egal, aber es schmerzte h\u00f6llisch und eine bl\u00e4uliche Verf\u00e4rbung rechts oberhalb des rechten H\u00fcftknochens markierte die Stelle, wo sie ihn getroffen hatte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dagmar Hochfellner las indessen zum wiederholten Mal die Berichte der Spurensicherung. Gab es etwas, das ihr bisher entgangen war? Sie \u00fcberflog den Obduktionsbericht &#8211; eine Aneinanderreihung medizinischer Fachausdr\u00fccke. Dann die Fotos vom Tatort, die Tote Frau, entsetzlich zugerichtet. Ein schei\u00df Beruf, dachte sie und schob die Fotos wieder zusammen. Dann sah sie es! Hastig\u00a0nahm sie das Foto und starrte wie gebannt auf die abgebildete Hand der Toten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Blitzschnell glitten ihre flinken Augen erneut \u00fcber den Obduktionsbericht. Da stand es schwarz auf wei\u00df! Schwellung an der rechten Handfl\u00e4che, vermutlich hervorgerufen&#8230; Die Kommissarin griff das Foto von vorhin, starrte auf das Bild, dann auf den Obduktionsbericht. Logisch, das war es!\u00a0Was jetzt folgte, war Routine. Den Staatsanwalt informieren, dann die Gerichtsmedizin und abwarten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Unsanft wurde der Mann in die Wirklichkeit zur\u00fcck gerissen. Trotz seiner Schmerzen war er eingenickt, als mit einem lauten Klack der Riegel der Zellent\u00fcre anschlug und eine scharfe Stimme ihn anwies, aufzustehen und mitzukommen. Zwei Beamte brachten ihn in den Sanit\u00e4tsbereich, wo bereits ein Amtsarzt wartete.\u00a0<em>Bis auf die Unterhose alles ausziehen!,\u00a0<\/em>befahl ihm der Arzt und erkl\u00e4rte, er m\u00fcsse eine weitere eingehende Untersuchung \u00fcber sich ergehen lassen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Proteste des Mannes wischte der Arzt beiseite und schob ihm eine richterliche Verf\u00fcgung unter die Nase.<i>\u00a0Es ist besser Sie kooperieren,\u00a0<\/i>sagte der Arzt,\u00a0<em>dann wird es f\u00fcr Sie leichter\u00a0<\/em>und erkl\u00e4rte, dass er andernfalls die Hilfe der Beamten in Anspruch nehmen m\u00fcsse.\u00a0<em>Was haben wir denn da?,<\/em> fragte der Arzt und dr\u00fcckte leicht gegen die blau verf\u00e4rbte Stelle am rechten H\u00fcftknochen.\u00a0<em>Gar nicht sch\u00f6n,<\/em> sagte er, w\u00e4hrend sich eine Woge von Schmerz ins Gehirn des Mannes fra\u00df.\u00a0<em>K\u00f6nnte ihre Niere getroffen haben. Wir sollten uns das morgen n\u00e4her ansehen. W\u00e4re nur zu Ihrem Besten. <\/em>Denn mit Nieren sei nicht zu spa\u00dfen, erkl\u00e4rte der Arzt noch.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Sehen Sie,\u00a0<\/em>sagte Dagmar Hochfellner zu dem Mann, als er am n\u00e4chsten Tag vorgef\u00fchrt wurde,\u00a0<em>ich sagte es Ihnen bereits: 95 Prozent aller Mordf\u00e4lle werden aufgekl\u00e4rt.\u00a0<\/em>Und sie erkl\u00e4rte dem verdutzten Mann, wie sie auf das Foto mit dem Schl\u00fcsselbund in der Hand der Frau gesto\u00dfen war. <i>Wissen Sie, ihr Opfer besa\u00df noch einen Hausschl\u00fcssel, wie es sie fr\u00fcher gab, einen aus Eisen mit einem Bart am Kopf.\u00a0<\/i>Und als sie dann im Obduktionsbericht von der Schwellung an der rechten Handfl\u00e4che der Toten gelesen habe, habe sie nur noch eins und eins zusammenz\u00e4hlen m\u00fcssen. Die Frau m\u00fcsse mit dem Schl\u00fcssel zugesto\u00dfen und auch getroffen haben, denn nur so sei die Schwellung an der Handfl\u00e4che zu erkl\u00e4ren.\u00a0<em>R\u00fcckschlag des Schl\u00fcsselendes auf die Handfl\u00e4che, um das noch zu erg\u00e4nzen,\u00a0<\/em>beendete die Kommissarin ihre Ausf\u00fchrungen und f\u00fcgte hinzu:<em>\u00a0Jetzt wird es nichts, mit dem nach Hause gehen und zwar f\u00fcr eine ganze Weile.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #999999;\">Foto: Creative Commons-Lizenz, flickr,\u00a0<a id=\"yui_3_11_0_3_1446471963181_365\" style=\"color: #999999;\" href=\"https:\/\/www.flickr.com\/photos\/h-k-d\/\">h.koppdelaney<\/a><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":2791,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[703],"tags":[778,779,783,720,782,780,781],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2750"}],"collection":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2750"}],"version-history":[{"count":28,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2750\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2796,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2750\/revisions\/2796"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/media\/2791"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2750"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2750"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2750"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}