{"id":2812,"date":"2015-11-28T16:51:06","date_gmt":"2015-11-28T15:51:06","guid":{"rendered":"http:\/\/hkreiter.com\/?p=2812"},"modified":"2015-12-16T14:52:35","modified_gmt":"2015-12-16T13:52:35","slug":"was-wir-nicht-wissen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/was-wir-nicht-wissen\/","title":{"rendered":"Was wir nicht wissen!"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Fr\u00fch am Morgen verlie\u00dfen die M\u00e4nner den Ort. Wetterfeste Umh\u00e4nge sch\u00fctzten sie vor dem einsetzenden Schneetreiben &#8211; unten im Tal. Oben in den h\u00f6heren Lagen w\u00fcrde sie ein schneidender Wind erwarten. Winzigen, scharfen Nadeln gleich w\u00fcrde der Schnee zu Eis gefroren sein und ihre Gesichter maltr\u00e4tieren. Schweigend stapfte die Gruppe gem\u00e4\u00dfigten Schrittes bergan. Schwere Rucks\u00e4cke dr\u00fcckten die M\u00e4nner in den Boden, auf dem sie f\u00fcr kurze Zeit ihre\u00a0Spuren hinterlie\u00dfen.<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Beinahe zur gleichen Zeit oder nur ein wenig sp\u00e4ter gingen in den H\u00e4usern vereinzelt die Lichter an. Die M\u00e4nner der Fr\u00fchschicht machten sich fertig f\u00fcr ihren harten Tag\u00a0im \u00f6rtlichen Zementwerk. W\u00e4hlerisch konnten die Leute hier nicht sein, denn viele Arbeitgeber gab es nicht. Manche arbeiteten auch bei den gr\u00f6\u00dferen Bauern. Eine schwere Arbeit, die zudem nicht besonders viel einbrachte.\u00a0Viel hatten die M\u00e4nner am Berg mit den anderen im Werk nicht gemein. Sie kannten sich noch nicht einmal und die einen wussten von den anderen nichts.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Schnee peitschte den M\u00e4nnern entgegen und sie verlangsamten ihren Schritt. Es war kaum noch etwas zu sehen. Nicht ungef\u00e4hrlich &#8211; ein falscher Schritt und&#8230;, aber sie mussten weiter, durften keine Zeit verlieren, wenn nicht alles umsonst gewesen sein sollte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Einer war schon eine Stunde fr\u00fcher im Werk eingetroffen, schwang sich auf den Schneer\u00e4umer und versuchte ziemlich\u00a0vergebens, den Massen Herr zu werden. Dann trafen nach und nach auch die anderen ein, begaben sich zu ihren Spinden und waren p\u00fcnktlich um sechs auf ihrem Posten. Routine wie jeden Tag, dachten sie und wussten nicht, was auf sie noch zukommen sollte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gegen 07:30 ging beim \u00f6rtlichen Polizeiposten ein Anruf ein. Ein Mann sagte, er habe auf dem Weg zur Arbeit eine Gruppe M\u00e4nner gesehen, die schwer beladen in Richtung Aueralm unterwegs gewesen seien. Bevor der Diensthabende noch nach dem Namen des Anrufers fragen konnte, hatte dieser bereits\u00a0aufgelegt. Der Polizist zuckte mit den Schultern, machte einen Eintrag ins Dienstbuch und verga\u00df die Angelegenheit, nicht wissend, was er vielleicht bei etwas mehr Aufmerksamkeit h\u00e4tte verhindern k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Oben auf der Aueralm war noch alles dunkel. Um diese Jahreszeit war die Familie Hirschanger nicht mehr jeden Tag auf der H\u00fctte. Je nach Wetter manchmal an den Wochenenden, um den wenigen Bergwanderern einen warmen Platz mit einem einfachen Essen und Getr\u00e4nken anzubieten. Rechts neben dem Eingang zur Gaststube gab es einen fensterlosen Schutzraum, der das ganze Jahr \u00fcber f\u00fcr jedermann zug\u00e4nglich war. Die M\u00e4nner dr\u00e4ngten in den Raum &#8211; einer von ihnen drehte einen Schalter gleich neben der aus massiven Bohlen gefertigten Eingangst\u00fcre\u00a0und aus ein paar deckenw\u00e4rts gerichteten Strahlern ergo\u00df sich ein erstaunlich warmes Licht \u00fcber den Raum.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Unten im Werk war die Fr\u00fchschicht schon mitten bei der Arbeit. Einige von ihnen waren mit der Transportseilbahn hinauf\u00a0zur Bergstation gefahren, wo das Werk den ben\u00f6tigten Kalkstein zur Zementherstellung abbaute und mittels der Seilbahn in Transportbeh\u00e4ltern talw\u00e4rts brachte. Bei diesem Schnee und Wind war das Arbeiten alles andere als ein Vergn\u00fcgen und immer wieder mussten sie wegen des Wetters mit der Talfahrt warten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auf der Aueralm indessen leerten die M\u00e4nner ihre Rucks\u00e4cke und brachten allerlei technisches Ger\u00e4t zum Vorschein. Besonders ins Auge fiel ein Kurbelkasten und drei Rollen mit Draht sowie eine Lafette, in die einer der M\u00e4nner eine Rolle des Drahtes einspannte. Ein anderer schulterte die Lafette mittels eines speziellen Tragegestelles w\u00e4hrend \u00a0zwei andere jeweils eine der verbliebenen Rollen in ihren Rucks\u00e4cken verstauten. Dazu noch zwei l\u00e4ngliche in braunes Papier gewickelte Pakete. Wortlos nickten sie sich zu und verlie\u00dfen die H\u00fctte, wobei einer der M\u00e4nner das Ende des Drahtes von der Lafette mehrfach um den T\u00fcrknauf wickelte.\u00a0<em>Kannst losmarschieren,\u00a0<\/em>sagte er, <i>ist alles fest.<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Nacht war mittlerweile dem Tag gewichen und die Uhr zeigt noch gute zwanzig Minuten bis zur morgendlichen Brotzeit oder Jausen, wie die aus dem \u00d6sterreichischen stammenden Arbeiter sagten. Wie jeden Tag um diese Zeit machten sich der Bergtanner Florian und seine Schwester, die Theresa, auf, um p\u00fcnktlich allerlei Essbares aus ihrer B\u00e4ckerei ins Werk zu schaffen. Das Besondere heute war, dass auch der kleine Bruder Maximilian mit dabei sein durfte. Ob des vielen Schnees hatte der eine besondere Gaudi.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Langsam rollte der Draht von der Lafette. Die zweite Rolle wurde eingespannt und schlie\u00dflich noch die dritte. Die M\u00e4nner kamen nur sehr langsam voran, langsamer als urspr\u00fcnglich geplant, und das gefiel ihnen gar nicht. Es war schon gegen neun und sie hatten ihr Ziel noch nicht erreicht. <em>Ein paar Minuten noch,\u00a0<\/em>sagte einer und tats\u00e4chlich, schemenhaft war durch das Schneetreiben einer der Masten der Seilbahn zu erkennen.\u00a0<em>Macht&#8217;s euch parat,\u00a0<\/em>sagte der von vorhin. Die M\u00e4nner nickten, entnahmen ihren Rucks\u00e4cken die l\u00e4nglichen Pakete und verschwanden im Schnee, wobei einer vorher noch den Rest von der Lafette abspulte und den Draht hinter sich herzog.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Werk hatte w\u00e4hrenddessen vor wenigen Minuten ein kurzer Sirenenton den Beginn der Pause angek\u00fcndigt. Florian und Theresa teilten aus, die M\u00e4nner griffen zu und lie\u00dfen es sich schmecken. Dampfender Kaffee machte die Runde. Auf den Maximilian achtete jetzt niemand und neugierig wie er war, war er auch schon drau\u00dfen und flugs bei der\u00a0Seilbahn. Diese hatte es ihm immer schon angetan. Er stieg in eine der Gondeln, schaukelte etwas hin und her, stieg schlie\u00dflich wieder aus und kletterte hin\u00fcber zum F\u00fchrerstand, von dem er wusste, dass darin immer einer der Arbeiter irgendwelche Schalter und Hebel bediente, damit die Gondel losfahren konnte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die M\u00e4nner hatten ihre Arbeit am Masten verrichtet und eilten zur\u00fcck zur Alm. Nur noch wenige Minuten, dann war die Morgenpause im Werk zu Ende. Sie mussten es auf jeden Fall noch vorher schaffen. Schwer atmend erreichten sie endlich die H\u00fctte.\u00a0<em>Alles in Ordnung,\u00a0<\/em>stie\u00df einer hervor und liess sich augenblicklich auf einen der St\u00fchle fallen. Das Ende des Drahtes war mittlerweile vom T\u00fcrknauf wieder abgewickelt und fest mit dem Kurbelkasten\u00a0verbunden worden.\u00a0<em>Na denn,\u00a0<\/em>brummte einer, nahm die Kurbel, drehte beherzt ein paar Umdrehungen, sah in die Gesichter seiner Kumpane, sagte erneut:\u00a0<em>Na denn,\u00a0<\/em>und dr\u00fcckte den Knopf auf dem Kasten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In einer ohrenbet\u00e4ubenden Detonation ging der Sirenenton unter, der das Ende der Pause anzeigte. Wie gel\u00e4hmt erstarrten die M\u00e4nner. Was war geschehen? Sekunden sp\u00e4ter st\u00fcrzten sie hinaus, aber der Schnee nahm ihnen jede Sicht. Es war nichts zu sehen, einfach nichts!\u00a0<em>Wo ist der Maximilian? Hat jemand den Maximilian gesehen?,\u00a0<\/em>war pl\u00f6tzlich die aufgeregte Stimme Theresas zu vernehmen. Die M\u00e4nner, immer noch wie gebannt, sch\u00fcttelten den Kopf. Niemand hatte den Kleinen gesehen.\u00a0<em>Maximilian!,\u00a0<\/em>schrie die verzweifelte Schwester in den Schnee hinaus.\u00a0<em>Maximilian!\u00a0<\/em>Keine Antwort.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auf der Aueralm packten die M\u00e4nner ihre Rucks\u00e4cke. Die Lafette, der Draht, notd\u00fcrftig gerollt, der Kurbelkasten, alles musste wieder hinunter ins Tal und schleunigst entsorgt werden. Keine Spur durfte zu ihnen f\u00fchren. Sie hatten alles bis ins Kleinste geplant. Ja, sie hatten einen der Masten gesprengt, als Signal, dass sie mit dem weiteren Raubbau ihrer Berge nicht mehr einverstanden waren. Alles Schreiben und Demonstrieren hatte nichts gefruchtet und da waren sie, der harte Kern, wie sie sich selber gerne bezeichneten, auf diese Idee gekommen. Jetzt w\u00fcrde man sie h\u00f6ren, die Proteste, und die Politiker etwas tun, tun m\u00fcssen! Es war gerade noch so ausgegangen. Die Sprengung musste in der Pause erfolgen, damit niemand auf der Seilbahn war. Es sollte und durfte niemand dabei zu Schaden kommen. Von dem kleinen Maximilian wussten sie allerdings nichts und deshalb kam er in ihrem Plan auch nicht vor.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Die Seilbahn ist im Arsch!,\u00a0<\/em>schrie einer im Werk.\u00a0<em>Sie haben es von oben gemeldet. Einer der Masten soll gesprengt worden sein! Gesprengt? Wozu gesprengt?,\u00a0<\/em>schrie&#8217;n sie jetzt alle durcheinander. Dazwischen immer wieder Theresas verzweifelte Rufe nach dem Bruder:\u00a0<em>Maximilian! Maximilian!<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Maximilan war in den F\u00fchrerstand\u00a0gelangt und hatte gerade damit begonnen, die verschiedenen Kn\u00f6pfe und Hebel zu bedienen, als es pl\u00f6tzlich diesen f\u00fcrchterlichen Knall gegeben hatte. Voller Angst, er habe etwas schlimmes angestellt, verlie\u00df Maximilian eilends den F\u00fchrerstand, lief hinaus in den Schnee und hetzte weg, weg von der Seilbahn, weg vom ganzen Werk, hinunter in den Ort, nach Hause, nur nach Hause. Er wusste nicht, dass sie oben im Werk nach ihm suchten.<\/p>\n<p><span style=\"color: #999999;\">Foto: Creative Commons-Lizenz, https:\/\/www.flickr.com\/photos\/germanium\/<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":2831,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[305],"tags":[786,792,787,788,785,790,720,791,789,793,784],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2812"}],"collection":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2812"}],"version-history":[{"count":26,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2812\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2840,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2812\/revisions\/2840"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/media\/2831"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2812"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2812"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2812"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}