{"id":2845,"date":"2015-12-16T14:50:45","date_gmt":"2015-12-16T13:50:45","guid":{"rendered":"http:\/\/hkreiter.com\/?p=2845"},"modified":"2018-01-23T16:23:30","modified_gmt":"2018-01-23T15:23:30","slug":"dritter-advent","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/dritter-advent\/","title":{"rendered":"Dritter Advent"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Z\u00fcnftig sehen&#8217;s aus, die Burschen, wie sie da oben so\u00a0auf dem Tanzboden stehen und rhythmisch ihre Goa\u00dfln schnalzen. Ein scharfes Peng, Peng&#8230;, Peng, Peng, und noch einmal Peng, Peng hallte durch die Nacht. Trocken und hart knallte es, wenn die Burschen mit ge\u00fcbter Hand ganz abrupt\u00a0den Schwung ihrer Peitschen in der Luft\u00a0stoppten.<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Niemanden l\u00e4sst das kalt. Jeder bekommt eine G\u00e4nsehaut dabei und bei so manchem schimmert\u00a0auch eine verborgene Tr\u00e4ne im Auge. Urspr\u00fcnglich war das Goa\u00dflschnalzen\u00a0ein heidnischer Brauch, der aus dem Salzburgischen und Bayerischen herr\u00fchrte und auch in Tirol und S\u00fcdtirol\u00a0gepflegt wurde. Im Fr\u00fchjahr sollte mit dem Geknalle die K\u00e4lte vertrieben werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber weil es halt so sch\u00f6n unter die Haut geht, hei\u00dft man die Goa\u00dflschnalzer heute gerne bei jeder sich bietenden Gelegenheit willkommen. So auch am dritten Advent in der kleinen beschaulichen Gemeinde nahe Freilassing an der \u00f6sterreichischen Grenze. Beifall brandete auf als die Burschen nach der letzten Runde ihre Fuhrmannspeitschen einrollten und sich anschickten, den Tanzboden zu verlassen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">W\u00e4hrend vorne bei den Buden um den Tanzboden bereits eifrig dem Bier und auch dem Schnapps zugesprochen wurde, tummelte sich weiter zur\u00fcck eine Gruppe nicht n\u00e4her identifizierbarer Personen. Immer neue Gesichter stie\u00dfen hinzu und so waren es schon sehr bald an die f\u00fcnfzig oder sechzig Leute und, wie es schien, sollten es ihrer noch mehr werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Neugierig schauten sie auf das entfernte Treiben an den Buden, sch\u00fcttelten den Kopf und tuschelten leise, gerade so, als wollten sie vermeiden, erkannt zu werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als die Goa\u00dflschnalzer gerade in einen bereitgestellten Bus stiegen, um zur n\u00e4chsten Veranstaltung zu eilen, machten sich ein paar M\u00e4nner die Dunkelheit zunutze, zogen ihre beitkrempigen H\u00fcte tief in die Stirn und verschwanden in einer Seitengasse neben dem Sternbr\u00e4u.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zur gleichen Zeit verlie\u00df der Pfarrer die Kirche, um sich dem lustigen Hin und Her bei den Buden anzuschlie\u00dfen. Da sah er sie. Aus den Augenwinkeln zun\u00e4chst &#8211; dann erfasste er sie genauer.\u00a0<em>Mist!,\u00a0<\/em>entrang sich ein Sto\u00dfseufzer seinen Lippen. Die Haberlander Br\u00fcder mit Gefolge! Das bedeutete nichts Gutes.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Schar der Neugierigen war mittlerweile doch betr\u00e4chtlich angewachsen. Jetzt waren auch einige Frauen unter ihnen. Fremdl\u00e4ndisch irgendwie. Manche trugen eine Art Schleier vor dem Gesicht, andere waren mit Kopft\u00fcchern bedeckt und nur ganz wenige sahen aus, wie auch die Frauen bei uns aussehen. H\u00e4tte eine Fremder genau hingeh\u00f6rt, so h\u00e4tte er Sprachfetzen vernommen, die ihm g\u00e4nzlich unbekannt waren. Aber noch war niemand vor Ort, der die Ansammlung h\u00e4tte sehen oder gar verstehen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Haberlander Br\u00fcder und ihr Anhang, es waren mittlerweile so an die 15 M\u00e4nner und ein paar weitere kamen noch hinzu, hielten hinter dem\u00a0<em>B\u00e4ren\u00a0<\/em>so etwas wie einen Kriegsrat, bis der \u00e4ltere Haberlander Bruder den\u00a0Anwesenden pl\u00f6tzlich irgendwelche Anweisungen oder Befehle erteilte und die Gruppe sich sehr schnell aufl\u00f6ste, als h\u00e4tte es sie nie gegeben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Pfarrer eilte besorgt zu den Leuten bei den Buden, schnappte sich im Vorbeigehen ein paar schon sichtlich beschwingte Burschen und bedeutete ihnen, ihm zu folgen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Bus mit den Goa\u00dflschnalzern war l\u00e4ngst abgefahren und die Menschen gaben sich ausgiebig anderen Freuden hin. Wie bei all solchen Ereignissen waren die Imbiss- und Getr\u00e4nkebuden dicht umlagert, w\u00e4hrend es bei den Vertretern des Kunsthandwerks eher sehr beschaulich zuging.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit besorgter Mine erkl\u00e4rte der Pfarrer seiner Schar, wie er die Haberlander Br\u00fcder nebst Gefolge gesehen habe.\u00a0<em>Die f\u00fchren bestimmt nichts Gutes im Schilde,\u00a0<\/em>meinte er und kratzte sich am Kinn.\u00a0<em>S&#8217;is am Besten, wenn wir in Gruppen ausschw\u00e4rmen und schaun, ob wir das Pack finden,\u00a0<\/em>meinte einer.<em> Und dann mischen wir sie gleich sauber auf,\u00a0<\/em>f\u00fcgte ein anderer hinzu.\u00a0<em>Aber, aber,\u00a0<\/em>sagte der Pfarrer nur. Dann machten sich des Pfarrers Getreue in Dreiergruppen auf den Weg, wobei das ein wenig \u00fcbertrieben klang, denn sie waren ja insgesamt nur zu acht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Langsam schob sich jetzt die Menge der fremdl\u00e4ndischen Neugierigen auf die Buden zu. Nun sah es auch der Pfarrer. Das w\u00fcrde ein Desaster geben, dachte er. Wie nur konnte er die Leute stoppen?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bevor er noch weiter \u00fcberlegen konnte, sah der Pfarrer zu allem \u00dcberfluss mit einem Mal die Haberlander Br\u00fcder auftauchen.<em>\u00a0Das wird nicht gut ausgehen,\u00a0<\/em>schossen ihm tausend Gedanken durch den Kopf und verzweifelt sah er sich nach seiner Mannschaft um, aber die waren wie vom Erdboden verschluckt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Polizei! Ja, die Polizei musste her. So schnell wie m\u00f6glich und so zahlreich wie m\u00f6glich. Ganz deutlich sah der Pfarrer das Bild der unmittelbar bevorstehenden Massenschl\u00e4gerei vor sich. Kein Zweifel: Das da vorne waren Fl\u00fcchtlinge aus dem nahen Lager und die Haberlander Br\u00fcder und ihre Schergen waren drauf und dran ein Gemetzel anzurichten.\u00a0<em>Lieber Gott steh&#8216; mir bei!,\u00a0<\/em>sandte er ein Sto\u00dfgebet zum Allm\u00e4chtigen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nur noch wenige Sekunden, eine Minute vielleicht noch, h\u00f6chsten, dann wird es passieren. Der Pfarrer, einer Ohnmacht nahe, griff mit zittrigen Fingern zum Handy, w\u00e4hlte den Notruf, brachte kaum ein Wort hervor und schilderte schlie\u00dflich seine Bef\u00fcrchtungen.\u00a0<em>Wir kommen!,\u00a0<\/em>sagte die Stimme am anderen Ende.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Menschen bei den Buden wurden immer ausgelassener. Der Alkohol floss reichlich und die Mischung zwischen Bier, Schnapps und Gl\u00fchwein tat ihr \u00dcbriges. Von den N\u00f6ten des Pfarrers bekamen sie nichts mit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jetzt war es soweit. Die Haberlander erreichten, gefolgt von ihren Mitstreitern, die vordere Reihe der Fl\u00fcchtlinge. Jetzt erst wurde der Pfarrer gewahr, dass diese Sippschaft irgendwelche Dinge mit sich schleppte &#8211; Rucks\u00e4cke und anderes hatten sie \u00fcber die Schultern geworfen.\u00a0<em>Lieber Gott, das gibt ein Blutbad!,\u00a0<\/em>st\u00f6hnte er und sank auf die Knie.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aus der Ferne waren jetzt Martinsh\u00f6rner zu vernehmen und Blaulichter zuckten durch die Nacht. \u00a0<em>Gott sei Dank!,\u00a0<\/em>st\u00f6hnte der Pfarrer und richtete sich wieder auf. Da sah er es: mitten unter den Fremden\u00a0die Haberlander Br\u00fcder.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Pfarrer rieb sich die Augen, sah einmal hin, dann noch einmal. Das gab es nicht! Seine Nerven spielten ihm wohl einen \u00fcblen Streich. Da standen sie tats\u00e4chlich und &#8230;, kaum zu fassen! Die Haberlander Br\u00fcder und ihre Gesellen standen tats\u00e4chlich inmitten dieser Schar fremdl\u00e4ndischer Gestalten\u00a0und, der Pfarrer glaubte immer noch an eine Sinnest\u00e4uschung, verteilten aus ihren Rucks\u00e4cken und S\u00e4cken Geschenke an diese Menschen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das war nicht zu fassen: Die Haberlander, das Lumpenpack, wie er sie oft bezeichnet hatte, und jetzt das. Mittlerweile war die Polizei mit mehreren Mannschaftswagen am Ort des Geschehens eingetroffen, aber sie wussten nicht so recht, was sie jetzt hier tun sollten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Endlich gelang es dem Pfarrer, den Einsatzleiter aufzusp\u00fcren.\u00a0<em>Entschuldigen Sie bitte,\u00a0<\/em>stammelte er,\u00a0<em>ich hatte Sie gerufen, aber es ist nichts, verstehen Sie, nichts!\u00a0<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So schnell wie sie gekommen waren, waren sie auch wieder weg und ein friedliches Miteinander machte sich breit. Schweren Herzens ging der Pfarrer auf die Haberlander Br\u00fcder zu und sagte:\u00a0<em>Ich m\u00f6chte mich entschuldigen, f\u00fcr alles, was ich \u00fcber euch gedacht habe, f\u00fcr alles!\u00a0<\/em><em>Ist schon gut,\u00a0<\/em>sagte der \u00e4ltere Haberlander und f\u00fcgte noch an:\u00a0<em>Wissen Sie, nicht wie einer aussieht ist entscheidend, sondern was er tut, nicht wahr, Herr Pfarrer!<\/em><\/p>\n<p><span style=\"color: #999999;\">Foto: Creative Commons-Lizenz, flickr, \u00a0https:\/\/www.flickr.com\/photos\/skyd\/<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":2856,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1012],"tags":[794,768,798,799,800,796,765,797,720,795,801],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2845"}],"collection":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2845"}],"version-history":[{"count":29,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2845\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2875,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2845\/revisions\/2875"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/media\/2856"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2845"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2845"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2845"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}