{"id":2877,"date":"2016-01-01T00:30:50","date_gmt":"2015-12-31T23:30:50","guid":{"rendered":"http:\/\/hkreiter.com\/?p=2877"},"modified":"2016-02-22T23:36:39","modified_gmt":"2016-02-22T22:36:39","slug":"silvester-2015","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/silvester-2015\/","title":{"rendered":"Silvester 2015"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Vor 250 Jahren, exakt am 31. Dezember\u00a01765, ein Dienstag, geschahen in einem Bergdorf nahe Ruhpolding in Bayern seltsame\u00a0Dinge. Starkes Schneetreiben hatte die Bergwelt in ein kaum noch zug\u00e4ngliches Refugium verwandelt. Einige Bauern m\u00fchten sich vergebens, mit schweren Pfl\u00fcgen hinter Pferden- und Ochsengespannen wenigstens die allerwichtigsten Verbindungen freizur\u00e4umen. Aussichtslos! Schon bald waren die Menschen sich selbst \u00fcberlassen. Niemand, der ihnen noch h\u00e4tte zu Hilfe eilen k\u00f6nnen.<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In einem der von meterhohen Schneemassen eingeschlossenen\u00a0H\u00e4usern lebte seit mehr als 50 Jahren Severin Achthaler. Die Nachbarn kannten ihn nur als Eigenbr\u00f6tler, der weder Frau noch Kind sein Eigen nannte. Er verdingte sich mit allerlei Gelegenheitsarbeiten und war gemeinhin als T\u00fcftler bekannt. Funktionierte etwas nicht,\u00a0schickten die Leute nach ihm.\u00a0<em>Geh, hol den Severin, der wird&#8217;s richten!, <\/em>sagten sie dann.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">An diesem Silvesterabend sa\u00df Severin Achthaler vor einer Lampe, die den Raum in mattes Licht tauchte. Tief reichte der Docht in den gelblichen Rindertalg, an dessen Spitze eine kleine, lodernde Flamme z\u00fcngelte, die ihren Schein an\u00a0einen \u00fcbergest\u00fclpten zylindrischen Glaskolben weitergab, der wiederum\u00a0die Umgebung mit dem tr\u00fcben Licht\u00a0versorgte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Am Boden links neben Severin waren\u00a0mehrere\u00a0Jutes\u00e4cke aufgereiht, die mit allerfeinstem Quarzsand gef\u00fcllt waren. Rechts von Severin stand in einem Eisengestell ein Unikum aus Glas, das einer \u00fcberdimensionalen Sanduhr glich. Allerdings war der untere Teil dieser\u00a0<em>Sanduhr\u00a0<\/em>nicht wie \u00fcblich geschlossen, um den von oben rieselnden\u00a0Sand aufzunehmen, sondern mit einer engen, kaum wahrnehmbaren\u00a0\u00d6ffnung versehen, \u00fcber die\u00a0dieser Sand\u00a0in einen darunter befindlichen Hirschen\u2217\u00a0geleitet werden sollte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bei genauerem Hinsehen entpuppte sich der Hirsch als Teil einer weiteren Konstruktion, deren Prinzip\u00a0dem einer Federwaage sehr nahe kam. Der Hirsch,\u00a0an einer massiven Spiralfeder aus geh\u00e4rtetem Eisen befestigt, die wiederum mittels mehrerer geschmiedeter\u00a0Eisenn\u00e4gel an einem in der Decke eingelassenen Balken aus Holz verankert\u00a0war, sollte, so der Plan, durch sein zunehmendes Gewicht die Spiralfeder dehnen und so langsam den Weg nach unten finden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Severin betrachtete sein Werk und sch\u00fcttelte zufrieden den Kopf.\u00a0Er hatte alles aufs Genaueste berechnet. Der Quarzsand aus den S\u00e4cken w\u00fcrde in einem auf einer Empore stehenden Zuber Platz finden, von dort aus seinen Weg \u00fcber einen Trichter in den oberen Glasbeh\u00e4lter der\u00a0<em>Sanduhr <\/em>nehmen, dann \u00fcber eine schmale Verbindung zum unteren Beh\u00e4lter gelangen und so ganz allm\u00e4hlich im Laufe der Zeit den Hirschen f\u00fcllen. In mehreren Versuchen hatte Severin best\u00e4tigt gefunden, dass die Feder bei Erreichen eines bestimmten Gewichtes\u00a0des Hirschen riss. Dieser w\u00fcrde infolgedessen\u00a0abrupt nach unten sausen und dabei an einem\u00a0Feuerstein entlang schrammen. Die erzeugten Funken w\u00fcrden ein Gemisch aus Fasern und Schwarzpulver entz\u00fcnden und kurz darauf die Explosion\u00a0einer geh\u00f6rigen Menge an\u00a0Sprengstoff ausl\u00f6sen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Severin entleerte die S\u00e4cke, entfernte den Verschluss des Zubers und gab so den Weg des Quarzsandes frei. Dann l\u00f6schte er die Lampe, stieg eine Leiter hoch zu dem\u00a0dar\u00fcber gelegenen Wohnraum des Hauses, verschloss die Luke, warf einen Lodenumhang \u00fcber und verlie\u00df das Haus. Mit schweren Schritten stapfte er um das Haus bis zum hinteren Ende. Dort nahm er den bereitliegenden, schweren Vorschlaghammer und hieb einige\u00a0Male auf einen St\u00fctzbalken ein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der ohrenbet\u00e4ubende L\u00e4rm, den das einst\u00fcrzende Geb\u00e4lk des Hauses verursachte, ging im mittlerweile heftigen Schnee- und Eissturm unter. Severin schulterte einen R\u00fccksack und verschwand in der Nacht. Niemand im Dorf hatte je wieder etwas von ihm geh\u00f6rt. An einem der n\u00e4chsten Tage entdeckten Nachbarn zwar das eingest\u00fcrzte Haus, glaubten aber, Severin habe darin ganz sicher den Tod gefunden. Die Leute waren mit sich selbst und den Folgen des Unwetters mehr als besch\u00e4ftigt und so k\u00fcmmerte sich auch niemand weiter um die Angelegenheit. Und so blieb es auch \u00fcber die Jahre und schon sehr bald war von der Natur \u00fcberdeckt, was einst Severins Herberge gewesen war.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jetzt, kurz vor Silvester des Jahres 2015, wusste l\u00e4ngst niemand mehr von dieser Geschichte. Niemand hatte sie jemals aufgeschrieben oder es f\u00fcr Wert befunden, sie\u00a0weiter zu erz\u00e4hlen. Damals waren eben Einzelschicksale nicht von Bedeutung, gab es doch zu viele davon.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In der N\u00e4he von Rosenheim jedoch\u00a0gab es\u00a0noch einen\u00a0Nachfahren des Severin Achthaler. Keiner wusste N\u00e4heres dar\u00fcber, aber es lag auf der Hand, dass Severin Achthaler damals nicht wie angenommen\u00a0zu Tode gekommen war, sondern an einem anderen Ort\u00a0ein normales Familienleben begr\u00fcndet hatte. Als der alte Severin das Ende\u00a0nahen sp\u00fcrte, weihte er den erstgeborenen Sohn in sein Geheimnis ein und erlegte ihm die Pflicht auf, gleiches zu tun, und so ist es bis in unsere Zeit hinein auch geschehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Pongratz Achthaler, der Nachfahre, machte sich also am fr\u00fchen Silvester-Nachmittag des abgelaufenen Jahres\u00a0auf den Weg in eben jenes Dorf, in dem Severin Achthaler damals vor 250 Jahren so pl\u00f6tzlich zu Tode gekommen schien.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach kurzer Fahrt \u00fcber die Autobahn erreichte Ponkratz den auch heute noch bedeutungslosen Ort seines Vorfahren. In der einzigen Gastst\u00e4tte mit Fremdenzimmern mietete sich Ponkratz f\u00fcr zwei N\u00e4chte ein und begab sich dann auf einen Spaziergang durch den Ort.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach den \u00dcberlieferungen seines Vaters m\u00fcsste das Haus Severins dort gestanden haben, wo heute ein Garten mit Kastanien den Biergarten einer angrenzenden Gastst\u00e4tte markierte. Im Sommer war dort vielleicht Betrieb, dachte Pongratz, wenn die Fremden aus der Stadt hinaus aufs Land dr\u00e4ngten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Pongratz schlenderte zum B\u00fcrgermeisteramt, um\u00a0nach einer Chronik zu fragen, musste aber erfahren, dass das Amt bis nach Heilig Drei K\u00f6nig geschlossen war. Wenn die geheimnisvolle \u00dcberlieferung stimmte, dann sollte\u00a0es heute Nacht geschehen. 250 Jahre sp\u00e4ter, so exakt hatte Severin es berechnet, w\u00fcrde die Kette rei\u00dfen und das Spektakel seinen Verlauf nehmen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Unbemerkt hatte Pongratz an mehreren Standorten\u00a0kleine Kameras angebracht, um die Ereignisse der Nacht festzuhalten. Gespannt blickte er vom Zimmer aus immer wieder hin\u00fcber zu den Kastanien. Aber es tat sich nichts.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Kurz vor Mitternacht schwankten dann ein paar angetrunkene G\u00e4ste aus den Wirtschaften, feuerten Raketen ab und warfen B\u00f6ller durch die Gegend. Es waren ihrer nicht besonders viele, aber sie taten so, als w\u00e4ren sie hier inmitten einer Gro\u00dfstadt. Ausgelassen gingen sie zu Werk. Zoten flogen \u00fcber den Platz und Gel\u00e4chter schallte auf.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da tat es pl\u00f6tzlich einen f\u00fcrchterlichen Rums, gerade so, als seien mehrere Haubitzen abgefeuert worden. Dumpf grollte das Echo der Detonation nach. Etwas Schneepulver und Staub vermengten sich\u00a0in der Luft und mit einem Mal war der Platz vor den beiden Wirtsh\u00e4usern voll mit Menschen. Von \u00fcberall her kamen sie gelaufen.\u00a0<em>Was ist los?,\u00a0<\/em>rief jemand und andere stimmten mit ein. Ja, was war geschehen?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Gasthaus mit den Fremdenzimmern hatte es schwer erwischt. Flammen schlugen hervor und es sah so aus, als habe sich im Wirtsgarten ein Grater aufgetan.\u00a0<em>Eine Fliegerbombe!,\u00a0<\/em>machte die Weissagung eines Einheimischen die Runde.\u00a0<em>So ein Mist!,\u00a0<\/em>h\u00f6rte man es rufen und, dass es immer noch nicht zu Ende sei mit dem Krieg, solange noch solche\u00a0uns\u00e4glichen Relikte heruml\u00e4gen. Niemand dachte daran, dass es in dieser Gegend seinerzeit zu \u00fcberhaupt keinen Bombardements\u00a0gekommen war.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Wirtshaus hatte unter seinen G\u00e4sten einige Verletzte zu beklagen und leider auch einen Toten.\u00a0<em>Pongratz Achthaler, hie\u00df er,\u00a0<\/em>sagte der Wirt der eintreffenden Polizei.\u00a0<em>Heut&#8216; Nachmittag erst ist er angekommen,\u00a0<\/em>sagte der Wirt weiter.\u00a0<em>Traurig, traurig,\u00a0<\/em>meinten einige der Umherstehenden.\u00a0<em>Was f\u00fcr ein Schicksal, 70 Jahre nach dem Krieg!\u00a0<\/em>Nach und nach\u00a0zerstreuten sich die Leute schlie\u00dflich\u00a0und gingen nach Hause.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Niemand w\u00fcrde je erfahren, welch ausgezeichneter Mathematiker und Physiker der Severin Achthaler gewesen sein musste. Denn niemand wusste von dessen\u00a0Geheimnis und niemand wusste deshalb auch, dass im Laufe der Zeit die \u00dcberlieferungen ein wenig gelitten und an Pr\u00e4zision eingeb\u00fcsst hatten\u00a0und auf diese Weise der Ort des Geschehens f\u00e4lschlich auf den Kastaniengarten verlagert worden war. Vielleicht w\u00fcrde er sonst noch leben, der Achthaler Pongratz.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u2217200 Liter Fass<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #999999;\">Foto: Creative Commons-Lizenz, flickr,\u00a0<a id=\"yui_3_11_0_3_1451171587257_363\" style=\"color: #999999;\" href=\"https:\/\/www.flickr.com\/photos\/danhogbenspics\/\">Disco-Dan<\/a><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":2888,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[304],"tags":[768,787,809,810,806,805,803,804,802,807,808],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2877"}],"collection":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2877"}],"version-history":[{"count":49,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2877\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2938,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2877\/revisions\/2938"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/media\/2888"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2877"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2877"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2877"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}