{"id":2942,"date":"2016-02-16T22:28:23","date_gmt":"2016-02-16T21:28:23","guid":{"rendered":"http:\/\/hkreiter.com\/?p=2942"},"modified":"2016-05-22T22:08:12","modified_gmt":"2016-05-22T21:08:12","slug":"immer-nachts-1","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/immer-nachts-1\/","title":{"rendered":"Immer nachts&#8230; (1)"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Den Hut tief in die Stirn gezogen, war das Gesicht des Mannes\u00a0im mageren Schein der Stra\u00dfenlaterne nicht zu erkennen. Exakt\u00a0das gleiche sagten mehrere Passanten aus, als sie sp\u00e4ter von der Polizei danach befragt wurden. Einer meinte, im aufkommenden Nebelrei\u00dfen sei nicht sehr viel\u00a0auszumachen gewesen, eine Gestalt eben mit Hut und Parka, vielleicht oliv, wie sie auch beim Milit\u00e4r getragen werden.<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dagmar Hochfellner war nicht \u00fcberrascht. Zeugen irrten sich h\u00e4ufig, was den Wahrheitsgehalt ihrer Wahrnehmungen anbelangte. Ihre Arbeit am LKA best\u00e4tigte dies jeden Tag. Alleine bei der\u00a0Beschreibung von Kleidungsst\u00fccken\u00a0differierten die Aussagen von Zeuge zu Zeuge oft fundamental bei ein und dem selben Vorgang. Noch eklatanter war es bei der Angabe von\u00a0Farben. Was der eine mit Sicherheit als rot gesehen zu haben glaubte, war bei einem anderen mit gleicher Sicherheit gr\u00fcn oder schwarz gewesen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Fakt war, dass keine hundert Meter von dem Ort entfernt, an dem die Person mit dem Hut gesehen worden sein soll, ein schwerer Raub\u00fcberfall auf ein Juweliergesch\u00e4ft stattgefunden hatte, bei dem der Ladeninhaber schwer verletzt worden war und sp\u00e4ter im Krankenhaus an den Folgen verstarb.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">W\u00e4hrend sich die Kriminalhauptkommissarin noch durch die Protokolle der Zeugenaussagen qu\u00e4lte,\u00a0sassen mehrere M\u00e4nner um einen Tisch gruppiert in einem Haus am Stadtrand und sprachen ausgedehnt den verschiedensten alkoholischen Getr\u00e4nken zu. Ihre M\u00e4ntel und Jacken an der Garderobe\u00a0gl\u00e4nzten noch feucht vom Nebel auf den Stra\u00dfen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jede\u00a0Unterhaltung erstarb, als sich die T\u00fcre \u00f6ffnete und ein weiterer Ank\u00f6mmling das Haus betrat. Mit einem gekonnten Schwung warf der\u00a0Neue seinen Hut\u00a0auf einen Garderobenst\u00e4nder. Jetzt erst nahmen die M\u00e4nner das \u00fcppige, blonde Haar wahr, das das Gesicht einer Frau einrahmte, die mit zwei ge\u00fcbten\u00a0Griffen und einer Nadel die blonde Pracht nach r\u00fcckw\u00e4rts b\u00e4ndigte. Mit einem Kopfnicken quittierte sie einige sp\u00e4rlich gemurmelten Gr\u00fc\u00dfe.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Der Juwelier ist tot. War das<\/em> <em>notwendig?<\/em>, bohrte sich die Stimme der Frau in die Gehirne der M\u00e4nner. Energisch hatte sie ihr Kinn nach vorne geschoben, was ihr\u00a0eine gewisse majest\u00e4tische Ausstrahlung verlieh. Sie, etwa Mitte drei\u00dfig, war zweifellos h\u00fcbsch, aber jeder der Anwesenden, der sich vielleicht einmal Hoffnungen gemacht hatte, hatte schnell lernen m\u00fcssen, wie wenig gut mit ihr Kirschen essen war. Also lie\u00dfen sie es bleiben, ebenso wie jede Anz\u00fcglichkeit. Manch einer hatte seinen Wagemut bereut, wenn er ihre beringten Finger\u00a0unversehens schmerzlich auf der Nase oder anderen Gesichtspartien zu sp\u00fcren bekam. Sie war der Boss, daran gab es nichts zu r\u00fctteln.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Es war Teil unseres Planes,\u00a0<\/em>fuhr sie fort. Betreten blickte die M\u00e4nner um sich.\u00a0<em>Es war nicht unsere Schuld,\u00a0<\/em>versuchte einer eine Erkl\u00e4rung abzugeben.\u00a0<em>Ich wei\u00df,\u00a0<\/em>sagte die Frau.\u00a0<em>Sie wissen?, <\/em>warf einer der M\u00e4nner verbl\u00fcfft ein,\u00a0<em>woher?,\u00a0<\/em>f\u00fcgte er noch an.\u00a0<em>Spielt keine Rolle,\u00a0<\/em>sagte die Frau,\u00a0<em>es h\u00e4tte trotzdem nicht passieren d\u00fcrfen. Wird es reichen?, <\/em>fragte sie in die Runde.\u00a0<em>Ich denke schon,\u00a0<\/em>gab einer zur Antwort. <em>Ich treffe morgen unseren Gew\u00e4hrsmann, dann wissen wir mehr.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Gut,\u00a0<\/em>sagte die Frau,\u00a0<em>wir treffen uns dann morgen am vereinbarten Ort. Bringt das Geld mit und ein paar Sachen f\u00fcr zwei drei Tage. Keine Ausweise, P\u00e4sse, Schl\u00fcssel oder was euch sonst identifizieren k\u00f6nnte. Haben wir uns verstanden?\u00a0<\/em>Die M\u00e4nner nickten, dann verlie\u00dfen sie nacheinander in kurzen Abst\u00e4nden das Haus. Die Frau blieb noch zur\u00fcck.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dagmar Hochfellner indessen nahm das verschlossene Kuvert der Gerichtsmedizin, das ihr Assistent wortlos auf den Tisch gelegt hatte, \u00f6ffnete es, nahm den Bericht, las und runzelte die Stirn. Kurz entschlossen rief sie ihr Team zusammen. <em>Bitte mal\u00a0herh\u00f6ren!,\u00a0<\/em>sagte sie bestimmt;\u00a0<em>nachdem, was hier steht, ist der Juwelier mit gro\u00dfer Wahrscheinlichkeit nicht an den Folgen eines physischen Angriffes\u00a0gestorben.\u00a0<\/em>Die fragenden Blicke ihrer Leute verlangten nach Aufkl\u00e4rung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Erkl\u00e4r du es!,\u00a0<\/em>sagte sie und reichte dem Assistenten den Bericht.\u00a0<em>Also,\u00a0<\/em>hob dieser an,\u00a0<em>der genaue Obduktionsbericht kommt noch, aber, was die Chefin meint, ist, die Verletzung des Mannes am Hinterkopf r\u00fchrt nicht von einem Schlag her, sondern ist offensichtlich auf einen Sturz des Mannes zur\u00fcckzuf\u00fchren.\u00a0<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Warum er gest\u00fcrzt sei, ob es hierzu Annahmen g\u00e4be und \u00e4hnliche Fragen mehr, st\u00fcrmten auf den Assistenten ein, der etwas hilflos auf Dagmar Hochfellner blickte.\u00a0<em>Er scheint gegen eine der Vitrinen gefallen zu sein,\u00a0<\/em>sagte diese. <em>Warum wei\u00df ich auch nicht. Frag&#8216; bitte bei der Spurensicherung nach, wann wir deren Bericht bekommen,\u00a0<\/em>wies sie den Assistenten an. <em>Das Blut des Opfers m\u00fcsste ja irgendwo festgestellt worden sein, nicht wahr?<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die blonde Frau wartete noch einige Minuten, verlie\u00df das Haus, sperrte sorgf\u00e4ltig ab und deponierte den Schl\u00fcssel\u00a0in einem Versteck hinter dem Haus. Sie trug jetzt allerdings lockiges, kastanienbraunes Haar, das bis \u00fcber\u00a0den\u00a0Kragen einer modischen Jacke reichte. Ein tiefroter Schal war mehrfach um ihren Hals geschlungen. Vorsichtig blickte sie sich um, aber niemand war in der N\u00e4he, der sie h\u00e4tte bemerken k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Einige B\u00fcros im LKA waren noch hell erleuchtet und in einem davon gr\u00fcbelte Dagmar Hochfellner \u00fcber den Juwelier, dessen schicksalstr\u00e4chtigen Sturz, \u00fcber die H\u00f6he der Beute und einiges mehr.\u00a0<em>Ah, du bist noch hier,\u00a0<\/em>schreckte sie die Stimme einer Kollegin hoch.\u00a0<em>Hast den Kurzbericht bekommen? I<\/em><em>ch war gerade in der Gerichtsmedizin\u00a0und hab&#8216; darum gebeten, dass man euch das Wichtigste sofort mitteilt.\u00a0<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Danke dir,\u00a0<\/em>sagte Dagmar Hochfellner und dachte, als die Kollegin wieder\u00a0ging, eine h\u00fcbsche Frau, blond, alles was ein Mann sich so w\u00fcnscht, dann war sie mit ihren Gedanken schon wieder beim \u00dcberfall.\u00a0<em>Die haben nur Leichtverk\u00e4ufliches geklaut,\u00a0<\/em>schoss es ihr pl\u00f6tzlich durch den Kopf.\u00a0Warum lassen die Diebe\u00a0weitaus wertvollere Schmuckst\u00fccke liegen?, sinnierte sie noch eine Weile, dann war es ihr klar.\u00a0<em>Die brauchen Geld und zwar schnell!\u00a0<\/em>Und das ging nur mit Schmuck, der von einem Hehler auch schnell umgesetzt werden konnte. Aufw\u00e4ndiger, zu teurer Schmuck war hierf\u00fcr\u00a0nicht geeignet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es klopfte, Dagmar Hochfellner blickte auf und sah den Assistenten abwartend an der T\u00fcre stehen.\u00a0<em>Komm rein!,\u00a0<\/em>sagte sie und wies auf einen Stuhl.\u00a0<em>Wissen Sie&#8230;,\u00a0<\/em>begann der Assistent gerade, als Barbara ihn zum x-ten Male unterbrach und anmerkte:\u00a0<em>Du &#8211; wir sagen hier alle Du zueinander.\u00a0<\/em>Vorsichtig, die Anrede mit Du vermeidend &#8211; Dagmar Hochfellner hatte nichts anderes erwartet &#8211; \u00a0startete er den Versuch, seine Theorie \u00fcber den Sturz des Juweliers darzulegen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Ja, so k\u00f6nnte es gewesen sein,\u00a0<\/em>pflichtete Dagmar seinen Ausf\u00fchrungen\u00a0bei und f\u00fcgte hinzu, er solle dar\u00fcber eine Notiz anfertigen und seine Hypothese bei der Fr\u00fchbesprechung vortragen.\u00a0<em>Ich soll&#8230;? Nat\u00fcrlich du, wer denn sonst?,\u00a0<\/em>fiel ihm Dagmar ins Wort und ihr entging nicht, mit welchem Stolz ihn ihre Worte\u00a0erf\u00fcllten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Frau mit der schicken Jacke nahm ein Taxi, sank auf die R\u00fcckbank und lie\u00df die n\u00e4chsten Schritte Revue passieren. Wenn der Schmuck gen\u00fcgend einbrachte, konnten sie bereits \u00fcbermorgen ihren Plan, ja, es war IHR Plan, umsetzen. Danach, mit einer Menge Geld\u00a0im Bunker, w\u00fcrde die weitaus schwierigere Phase beginnen. Stillhalten! F\u00fcr sie kein Problem, aber w\u00fcrden es auch die M\u00e4nner durchstehen? Sie war nicht sehr optimistisch, hatte aber auch hierf\u00fcr einen Plan parat, einen gemeinen Plan, wie sie zugestand, aber sie w\u00fcrde sich nicht ein paar gieriger Idioten wegen\u00a0einem nicht kalkulierbaren Risiko aussetzen. Nein, das w\u00fcrde sie nicht tun!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"line-height: 1.5; color: #999999;\">Foto: creative commons-lizenz, flickr,\u00a0<a id=\"yui_3_11_0_3_1455655979586_387\" style=\"color: #999999;\" href=\"https:\/\/www.flickr.com\/photos\/sludgeulper\/\">sludgegulper<\/a><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"line-height: 1.5;\">Fortsetzung folgt schon bald!<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":2971,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[703],"tags":[811,715,720,813,812,814],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2942"}],"collection":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2942"}],"version-history":[{"count":31,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2942\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3038,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2942\/revisions\/3038"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/media\/2971"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2942"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2942"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2942"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}