{"id":300,"date":"2013-06-17T09:00:18","date_gmt":"2013-06-17T08:00:18","guid":{"rendered":"http:\/\/hkreiter.com\/?p=300"},"modified":"2015-09-06T16:21:44","modified_gmt":"2015-09-06T15:21:44","slug":"4-der-suk","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/4-der-suk\/","title":{"rendered":"(4) Suk"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">\u00dcber Monate hin sind wir immer wieder nach Tripolis geflogen. Oft \u00fcber Frankfurt, manchmal \u00fcber Z\u00fcrich und wenn es ging, direkt von M\u00fcnchen aus. An der Einreiseprozedur hat sich w\u00e4hrend dieser Zeit kaum etwas ver\u00e4ndert.<!--more--> Die gleichen Warteschlangen, die gleichen Fragen, die gleichen Formalit\u00e4ten. Auch unser G\u00e4stehaus war nicht nennenswert komfortabler geworden. Wie auch? M\u00f6bel etc. nach unserer Vorstellung gab es nicht, und so nahmen wir die Unzul\u00e4nglichkeiten eben in Kauf.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein anderes Thema war die Ausreise, aber dazu sp\u00e4ter mehr. Wir hatten zwar den Vertrag, aber wie wahr waren die damaligen Worte unseres Vertragspartners. Das Geschriebene interessierte die Banken, den Zoll und vielleicht noch ein, zwei andere \u00c4mter oder Institutionen. Damit aber alles seinen geregelten Gang gehen konnte, bedurfte es einer permanenten Abstimmung. Das Ergebnis war, wir verbrachten mehr Zeit in Libyen, als zuhause. Bis alles geregelt war mit dem <em>Performance Bond<\/em> und dem <em>Akkreditiv <\/em>brauchte es einfach seine Zeit. Die Formalisten auf beiden Seiten schwangen ihre \u00a0Zepter.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nur kurz f\u00fcr diejenigen, die nicht vom Fach sind: Ein <em>Performance Bond<\/em> ist eine Bankgarantie, die der Auftragnehmer, also wir, dem Auftraggeber \u00fcbergibt. W\u00fcrden wir nun den Vertrag nicht ordnungsgem\u00e4\u00df erf\u00fcllen, k\u00f6nnte der Auftraggeber, also unser Kunde, zur Bank gehen und sich den Garantiebetrag auszahlen lassen. Das befl\u00fcgelt nat\u00fcrlich jeden Auftragnehmer, seine Sache gut zu machen und der Kunde kann sicher sein, dass das auch so bleibt. Noch kurz zum\u00a0<em>Akkreditiv<\/em>. Das ist das Versprechen oder die Zusicherung einer Bank, bei Lieferung den entsprechenden Gegenwert in Geld auszubezahlen. Damit kann der Auftragnehmer sicher sein, sein Geld zu bekommen, wenn er seine Ware liefert und der Kunde muss keine Sorgen haben, f\u00fcr etwas zu bezahlen, was nicht geliefert wird. Eine prima Einrichtung im Exportgesch\u00e4ft. Dass da nat\u00fcrlich eine ganze Menge von Details festzulegen sind, kann sich jedermann sehr gut vorstellen. Wir rasten also zwischen den Banken hin und her, sprachen mit unserem Kunden und \u00fcberzeugten so manchen Skeptiker in der Firma, dass das schon alles seine Richtigkeit h\u00e4tte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Unser B\u00fcro war nicht weit entfernt vom Suk gelegen, dem arabischen Basar. Im Tripolis der damaligen Zeit gab es allerdings nicht sehr viel, was man h\u00e4tte kaufen k\u00f6nnen und doch einiges. In den Kaufh\u00e4usern, von denen es zwei gr\u00f6\u00dfere gab, waren die Regale immer voll, aber bei genauem Hinsehen, war die Warenvielfalt eher d\u00fcrftig. Ein und das selbe f\u00fcllte Reihen von Regalen, und wenn es vorkam, dass die H\u00e4ndler einen g\u00fcnstigen Posten geordert hatten, dann gab es diesen im \u00dcberfluss, jedoch nur wenige Tage. Begehrt waren solche Dinge wie Koffer. Es schien so, als h\u00e4tte <em>Samsonite<\/em> immer wieder mal einen Auftrag erhalten, was man daran sehen konnte, dass urpl\u00f6tzlich dutzende von Menschen Koffer in jeder Gr\u00f6\u00dfe nach Hause schleppten. Manche schleppten mehr, als sie eigentlich tragen konnten. \u00a0So war das auch mit Hemden aus Seide. Ich habe in dieser Zeit gerne solche Hemden getragen, auch, wenn sie eigentlich bei br\u00fctender Hitze doch unbequem waren und die Transpiration eher f\u00f6rderten, denn stoppten. Die Hemden waren schlicht zu eng. Tailliert war irgendwie in, wahrscheinlich, weil dies das genaue Gegenteil zur traditionellen Kleidung war. Na ja, wir waren aber prim\u00e4r nicht im Land, um uns mit g\u00fcnstigen Textilien einzudecken, nicht wahr! Da f\u00e4llt mir noch ein, Parf\u00fcm gab es auch immer wieder mal. Riesenflaschen <em>First<\/em>, wovon ich dann gelegentlich meiner Schw\u00e4gerin eine Flasche mitbrachte. Meine Frau mochte es nicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie gesagt, vom B\u00fcro zum Suk nur ein Sprung. Da schlenderst du durch die schmalen G\u00e4sschen, bis du jede Orientierung verloren hast. Du denkst, da bin ich doch schon einmal vorbei gekommen, aber es stimmte nicht. Die L\u00e4den und Buden sehen nur alle gleich aus. In einer Gasse waren Kesselschmiede am Werk. Die formten und h\u00e4mmerten stundenlang, den ganzen Tag, die ganze Woche, immer und ununterbrochen. Das Ergebnis ihres Flei\u00dfes boten sie zum Kauf feil, Kupferkessel in jeder Gr\u00f6\u00dfe und Form. Aber was sollten wir damit? Andere boten Kleidung in jeder Variante an, f\u00fcr Einheimische, Ausl\u00e4nder h\u00e4tten sie auch tragen k\u00f6nnen, w\u00e4ren aber unweigerlich damit aufgefallen. Du bewegst dich ganz anders, linkisch irgendwie, wie der Ami in Lederhosen, und wirst zum Gesp\u00f6tt der Leute, obwohl das in Tripolis vielleicht gar nicht so sehr der Fall gewesen w\u00e4re.Was wir so mitbekamen, war die Bev\u00f6lkerung freundlich und gegen Ausl\u00e4nder nicht voreingenommen. Na ja, wir kauften nichts. Bunte T\u00fccher quollen aus den Buden in einer anderen Gasse. Sch\u00f6n anzusehen, aber wir brauchten auch solches nicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Silberschmuck haben wir dann schon gekauft. Irgendwo im Suk waren H\u00e4ndler, die undefinierbares, schwarzes Zeug in Truhen feilboten. Das war Silber, man musste nur den schwarzen Belag etwas abreiben, mit einem Tuch oder mit dem \u00c4rmel seiner Jacke oder mit dem vom H\u00e4ndler gereichten Lappen, seit Generationen zum gleichen Zweck verwendet, ohne jede Chance jemals gewaschen zu werden. Da konntest du in Sch\u00e4tzen w\u00fchlen. M\u00fcnzen, Armreife, Ohrringe, Armschmuck und vieles mehr. teilweise von einem Gewicht, dass einem die Frauen, die solches tr\u00fcgen, nur leid tun konnten. Aber genau solchen Schmuck kauften wir, und die Augen unserer Frauen gl\u00e4nzten, sie freuten sich dar\u00fcber. Wir wissen ja, bei Mode und Schmuck h\u00f6rt jede Ratio auf.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es gab auch St\u00e4nde mit Wasser und S\u00e4ften und wahnsinnig s\u00fcssem Zeug, aber h\u00f6llisch gut. Nichts f\u00fcr labile Naturen, da musst du dich beherrschen k\u00f6nnen, sonst &#8230;, ich wei\u00df es nicht. Und dann fiel uns auf, immer mehr L\u00e4den schlossen, die gr\u00fcnen Rolll\u00e4den heruntergezogen, Vorhangschloss, aus.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es war f\u00fcr die Menschen dort nicht einfach. Einen Revolutionsf\u00fchrer als Chef, den keiner in der Welt so richtig gern hat, auch in der arabischen nicht, und gerade dort nicht. Obwohl, die Deutschen mochten ihn. J\u00fcrgen M\u00f6llemann, der sich viel, viel sp\u00e4ter das Leben genommen hat, damals Staatssekret\u00e4r bei Genscher, verhandelte mit den Libyern \u00fcber den Wegfall der Visumpflicht. Da h\u00e4tten wir Deutsche dann mit dem Personalausweis einreisen k\u00f6nnen. Ist aber nichts geworden daraus, ich wei\u00df nicht mehr warum nicht. Aktuell war es so, man erhielt ein Visum, g\u00fcltig f\u00fcr eine Ein- und Ausreise. Danach wochenlanges Warten, bis ein neues Visum in den Pass gestempelt wurde. Damit wir schneller reisen konnten, und das war dringend notwendig, besa\u00dfen wir zwei P\u00e4sse. Einer mit Visum, der andere bei der libyschen Botschaft f\u00fcr ein neues Visum. Jeder wu\u00dfte das, auch die Libyer, aber was soll&#8217;s, Formalismus will eben befriedigt sein, egal wo.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir hingen nicht nur im Suk, wo wir uns schon bald nicht mehr verliefen und genau wussten, in welcher Gasse es welchen Laden gab, sondern gelegentlich traf man uns auch im B\u00fcro der Niederlassung an, St\u00fctzpunkt genannt. Einfach m\u00f6bliert. In Deutschland h\u00e4tten die Leute protestiert, aber hier war es \u00fcblich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Einmal, ich stand am Kopierer und versuchte, ihm ein paar Bl\u00e4tter zu entlocken, fragte mich der St\u00fctzpunktleiter, ob ich eine Minute h\u00e4tte. &#8222;Sie kennen doch den Kollegen&#8220;, und er nannte den Namen, &#8222;der dringend au\u00dfer Landes muss.&#8220; Ich wusste nat\u00fcrlich sofort, wen er meinte, der, den sie wegen Fotografierens festgenommen und \u00a0\u00fcbel mitgespielt hatten. &#8222;Wir haben etwas arrangiert.&#8220; Und er erl\u00e4uterte mir, dass der Posten eines bestimmten Grenz\u00fcbergangs nach Tunesien an einem ganz bestimmten Tag zu einem ganz bestimmten Zeitpunkt so besetzt sein w\u00fcrde, dass ein Wagen mit dem Kollegen ungehindert passieren k\u00f6nne, ohne Pass selbstverst\u00e4ndlich. Ich muss erstaunt dreingeschaut haben, denn er setzte sofort nach und fragte ohne Umschweife, ob ich bereit w\u00e4re, den Wagen zu fahren. Sie h\u00e4tten lange \u00fcberlegt und gefunden, ich sei f\u00fcr diesen Job der am Besten geeignete.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was willst du da antworten? Irgend etwas von Risiko etwa? Nein, du denkst in dieser Situation zu kurz. Man hat dich gefragt, und du kannst nicht ablehnen. Also was sagst du? &#8222;Ja ich mach es.&#8220; \u00a0&#8222;Ich habe es erwartet&#8220;, sch\u00fcttelte mir der Mann die Hand und sagte noch, man w\u00fcrde mich noch \u00fcber den genauen Zeitpunkt informieren und die richtigen Verhaltensregeln durchsprechen. Bis dahin solle ich zu niemandem etwas sagen, auch zu meinem Kollegen nicht, um die Sache nicht zu gef\u00e4hrden. Ich stand wieder am Kopierer und die Sache ging mir nicht aus dem Kopf. &#8222;Wie im Kino&#8220;, dachte ich. Und jetzt war ich pl\u00f6tzlich mittendrin, Teil eines Abenteuers, das b\u00f6se enden konnte. Diese Nacht schlief ich schlecht, und nicht nur wegen der Klimaanlage und der faden Luft.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em><span style=\"color: #808080;\">Foto von <a title=\"Quigibo\" href=\"http:\/\/www.flickr.com\/photos\/quigibo\/\" target=\"_blank\"><span style=\"color: #808080;\">Quigibo<\/span><\/a> unter einer <a title=\"creative commons 2.0\" href=\"http:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-nc-nd\/2.0\/\" target=\"_blank\"><span style=\"color: #808080;\">Creative Commons Lizenz<\/span><\/a><\/span><\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":340,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[710],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/300"}],"collection":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=300"}],"version-history":[{"count":39,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/300\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2078,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/300\/revisions\/2078"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/media\/340"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=300"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=300"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=300"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}