{"id":3044,"date":"2016-06-18T14:51:57","date_gmt":"2016-06-18T13:51:57","guid":{"rendered":"http:\/\/hkreiter.com\/?p=3044"},"modified":"2016-08-31T14:30:41","modified_gmt":"2016-08-31T13:30:41","slug":"verwandtschaft-raubmord-im-donaumoos","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/verwandtschaft-raubmord-im-donaumoos\/","title":{"rendered":"Verwandtschaft &#8211; Raubmord im Donaumoos"},"content":{"rendered":"<h3>&#8222;<span style=\"text-decoration: underline;\"><strong>Ohne Moos nix los. Zwei Raubm\u00f6rder aus dem Donaumoos<\/strong> (\u00aa)<\/span><\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eduard G\u00e4nsw\u00fcrger (1843-1873) und Ferdinand Gump (1844-1873) begannen nach ihrer gemeinsamen Volksschulzeit in Karlskron (Lkr. Neuburg-Schrobenhausen) 1860 eine Schreinerlehre bei Paul Heckersm\u00fcller in Reichertshofen (Lkr. Pfaffenhofen a. d. Ilm). W\u00e4hrend G\u00e4nsw\u00fcrger anstatt zu arbeiten lieber mit Johann &#8222;Christlhannes&#8220; Schneider aus Winden zum Wildern ging, nahm Gump die Sache ernst. Doch schon bald schloss sich auch Gump den beiden an. Nachdem G\u00e4nsw\u00fcrger am 11. Juni 1869 wegen schweren Diebstahls zu neun Jahren Zuchthaus verurteilt worden war, wilderten Gump und Schneider weiter. <!--more-->Zur Finanzierung ihres Lebensunterhalts begingen die beiden zahlreiche gr\u00f6\u00dfere und kleinere Einbr\u00fcche und Diebst\u00e4hle. Als G\u00e4nsw\u00fcrger am 23. September 1872 die Flucht aus dem M\u00fcnchner Landgerichtgef\u00e4ngnis an der Baaderstra\u00dfe gelungen war, beging er zusammen mit Gump wieder zahlreiche \u00dcberf\u00e4lle. Am 10. Oktober 1872 \u00fcberfielen sie den Pfarrhof von Oberlauterbach und erpressten dort unter Androhung von massiver Gewalt das Geldversteck des Pfarrers. Am 11. Dezember 1872 \u00fcberfielen sie auf der Distriktsstra\u00dfe bei Meilenhofen (Lkr. Kelheim) die drei Bauern Franz Xaver Gruber, Josef Ettm\u00fcller und Franz Ullinger. Bei diesem \u00dcberfall, der dem Bargeld der Bauern galt, wurden Gruber und Ettm\u00fcller erschossen, Ullinger schwer verletzt.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Schwer atmend klatschte Ferdinand Wei\u00dfm\u00fcller den\u00a0<em>Kehlheimer Kurier<\/em>\u00a0auf den Tisch.\u00a0<em>Da! Kannst es schwarz auf wei\u00df nachlesen.\u00a0<\/em>Sein Gegen\u00fcber, kein geringerer als sein Spezi, der \u00f6rtliche Polizeiposten Georg Haberdinger, erwiderte mit einem skeptischen Blick:\u00a0<em>Ja, aber des is doch no lang kein Beweis! <\/em>Ungl\u00e4ubig sch\u00fcttelte der Ferdinand den Kopf und sagte, immer noch ganz ausser Atem, als h\u00e4tte er soeben\u00a0einen tausend Meter Lauf hinter sich gebracht:\u00a0<em>Eduard G\u00e4nsw\u00fcrger,\u00a0steht&#8217;s da oder net?\u00a0<\/em><em>Ja, freilich, schon, aber des reicht halt net aus,\u00a0<\/em>wiederholte der Georg seine Bedenken.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In der Gemeinde Brunnharting war seit geraumer Zeit nichts mehr so, wie es fr\u00fcher einmal gewesen ist. Die Kriminalpolizei aus Kehlheim st\u00f6berte bald jeden Tag irgendwo herum, befragte die Leute und hinterlie\u00df einen faden Geschmack von Mi\u00dftrauen. In einem Schuppen hinter der Kiesgrube, gleich, wo es zur Donau runterging, hatten ein paar Halbw\u00fcchsige die Leiche eines Mannes\u00a0gefunden. Sie waren dort in den Flussauen mit ihren Mopeds\u00a0herumgefahren, hatten dabei die H\u00fctte entdeckt und, neugierig, wie junge Burschen halt sind, nachgesehen, ob es da nicht etwas Interessantes g\u00e4be.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das war jetzt schon der zweite Tote in Brunnharting, beide ermordet, wie die Zeitung\u00a0schrieb. \u00a0Einer mit einem schweren Gegenstand erschlagen, der andere mit einem Bajonett oder \u00c4hnlichem von hinten erstochen. Scheinbar gab es keinen Zusammenhang, jedenfalls tappte die Polizei im Dunklen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Haben wir net in der Schule den Friesinger Alois immer damit gefrotzelt, dass seine Mutter eine geb\u00fcrtige G\u00e4nsw\u00fcrger ist? G\u00e4nsw\u00fcrger &#8211; ich k\u00f6nnt&#8216; heut noch br\u00fcllen!\u00a0<\/em>\u00a0<em>Ist ja kein Name, der besonders oft vorkommt, oder was meinst?,\u00a0<\/em>insistierte der Ferdinand und schob, wie zur Best\u00e4tigung dessen, was er gerade gesagt hatte, seinen Oberk\u00f6rper herausfordernd \u00fcber den Tisch.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Was willst jetzt, dass ich machen soll?,\u00a0<\/em>fragte der Georg seinen Freund, obwohl er sehr genau wusste, was dieser von ihm verlangte. Ferdinands Theorie war einfach und, das konnte Georg nicht absprechen, auch irgendwie nicht ganz von der Hand zu weisen. Den Friesinger Alois hatten sie schon lange nicht mehr gesehen &#8211; soll verreist sein, hatte jemand gemeint &#8211; und der Ferdinand hatte sich dann etwas in seinem Kopf zurechtgelegt.\u00a0<em>Was,\u00a0<\/em>hatte er gesagt,\u00a0<em>ist, wenn da ein Nachfahre der damals im Donaumoos ermordeten Bauern anf\u00e4ngt, sich auszutoben, quasi Rache \u00fcbt und einen nach dem anderen der G\u00e4nsw\u00fcrger- und Gump-Nachkommen \u00a0umbringt?<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das sei schon sehr weit hergeholt, hatte er gemeint, aber vielleicht hatte der Ferdinand recht und er, Georg Haberdinger, sollte der Kriminalpolizei tats\u00e4chlich diesen Hinweis geben. Immerhin w\u00e4re es ja denkbar, dass der Friesinger Alois der Erschlagene sein k\u00f6nnte, denn vom Gesicht des Toten war nicht sehr viel \u00fcbrig geblieben &#8211; so stand es jedenfalls in der Zeitung.\u00a0<em>Grausig, das Ganze,\u00a0<\/em>sagte der Georg, nickte dem Ferdinand zu und fuhr fort:\u00a0<em>Ist in Ordnung, ich mach&#8217;s, ich ruf die Kriminaler an.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Ferdinand war zufrieden, lachte jetzt sogar, und meinte, dass sich die beiden Freunde nun doch noch eine Mass bestellen k\u00f6nnten. Als die Resi das Bier brachte, meinte sie noch lachend:\u00a0<em>Ich hab&#8216; scho&#8216; denkt, ihr zwei Hitzk\u00f6pf&#8216; k\u00f6nnt&#8217;s euch heut gar net einig werden.\u00a0<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es sei eine durchaus interessante These, beschied man dem Georg bei der Kriminalpolizei und man wolle dies und das \u00fcberpr\u00fcfen. Aber etwas Konkretes sagten sie nicht und wenn der Georg gedacht hatte, die Kriminaler w\u00fcrden jetzt hier im Ort ihre Ermittlungen verst\u00e4rken, so sah er sich entt\u00e4uscht. Nichts geschah.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Dann m\u00fcssen wir halt selber etwas unternehmen, wenn die feinen Herrn aus der Stadt nix tun,\u00a0<\/em>war Ferdinands lapidare Feststellung. Nur was, fragte sich Georg. Er war ein Dorfpolizist und wusste gar nicht, wie er einen Mordfall oder deren sogar mehrere h\u00e4tte aufkl\u00e4ren sollen.\u00a0<em>Ist doch gar net so schwer,\u00a0<\/em>meinte der Ferdinand und erkl\u00e4rte, dass sie doch nur herausfinden m\u00fcssten, ob in der Gegend irgendein Nachfahre der damals ermordeten Gruber und Ettm\u00fcller oder des Ullinger leben w\u00fcrden.\u00a0<em>Du bist doch bei der Polizei, da wirst des doch machen k\u00f6nnen?,\u00a0<\/em>sagte der Ferdinand und lie\u00df keine Zweifel dar\u00fcber aufkommen, dass es ihm ernst damit war.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Also qu\u00e4lte der Georg seinen Computer in der Dienststelle, startete Abfragen bei verschiedenen Meldebeh\u00f6rden, zapfte\u00a0polizeiinterne Informationsdateien an und bem\u00fchte schlie\u00dflich sogar noch die Geburtenregister der Standes\u00e4mter und die Taufregister der Kirchen. Am Ende lag vor ihm eine Liste, wo \u00fcberall im ganzen Landkreis verstreut Personen mit den gesuchten Namen zu finden w\u00e4ren. Ob diese allerdings allesamt von den damals get\u00f6teten abstammten, war damit nicht gekl\u00e4rt. Und, noch schlimmer, Georg sah auch keine M\u00f6glichkeit, sich\u00a0wirklich Klarheit \u00fcber diese Tatsache zu verschaffen. Er war eben kein Ahnenforscher.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Wei\u00dft,\u00a0<\/em>versuchte er, es dem Ferdinand zu erkl\u00e4ren, <i>alleine durch die Kriege seit damals sind Register verloren gegangen, Frauen haben geheiratet, manche von ihnen sogar mehrmals, und haben die Namen der M\u00e4nner angenommen, M\u00e4nner sind in den Kriegen verschollen und so weiter. Da kommst zu keinem Ende!<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ganz besessen von seiner Idee, fluchte der Ferdinand ob des soeben Geh\u00f6rten leise vor sich hin.\u00a0<em>Und wenn wir einfach auf&#8217;s Geratewohl den paar Namen auf deiner Liste nachgehen? <\/em>Der Georg sch\u00fcttelte den Kopf und meinte, dass sie das nicht weiterbr\u00e4chte.\u00a0<em>Wir k\u00f6nnen die Leut&#8216; ja schlecht einfach fragen, ob sie vielleicht jemanden ermordet h\u00e4tten oder sie gar \u00fcberwachen, wie im Kino. Schlag dir das aus dem Kopf!<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">W\u00e4hrend die beiden so vor ihrem Bier sa\u00dfen und hin und her \u00fcberlegten, wie sie die Sache angehen k\u00f6nnten und ihr Verdruss immer mehr zunahm, als sie erkannten, dass sie die Taten nicht werden aufkl\u00e4ren k\u00f6nnen, war von ihnen auch\u00a0das Get\u00fcmmel in der Gasstube unbemerkt\u00a0geblieben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit einem gro\u00dfen Hallo klopften sich einige M\u00e4nner an einem der Nachbartische auf den R\u00fccken, sch\u00fcttelten sich die H\u00e4nde und waren schier au\u00dfer Rand und Band.\u00a0<em>Wir wollten dich schon suchen lassen. Wo bist den g&#8217;wesen?, <\/em>fragte einer aus dieser Runde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jetzt erst registrierten die beiden Freunde, dass einer der M\u00e4nner winkte und\u00a0ihnen etwas zurief.\u00a0Erst schemenhaft, dann immer klarer drang das Konterfei des Mannes in ihre vernebelten Gehirne. Kein Zweifel! Dort am Tisch: der Friesinger Alois!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Wir haben die Leichen identifiziert,\u00a0<\/em>sagte der Kriminaler am Telefon.\u00a0<em>Ein Zufall,\u00a0<\/em>bemerkte er noch,\u00a0<em>alles wissen wir zwar noch nicht, aber es sieht nicht so aus, als h\u00e4tten\u00a0die beiden F\u00e4lle mit einander zu tun. Wie gesagt: ein Zufall!<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(\u00aa)Auszug aus dem\u00a0<em>Historischen Lexikon Bayerns &#8211;\u00a0<\/em><a title=\"Kriminalf\u00e4lle (19.\/20. Jahrhundert)\" href=\"https:\/\/www.historisches-lexikon-bayerns.de\/Lexikon\/Kriminalf%C3%A4lle_(19.\/20._Jahrhundert)\">Kriminalf\u00e4lle (19.\/20. Jahrhundert)<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #999999;\">Foto: Creative Commons Lizenz, flickr,<a id=\"yui_3_11_0_3_1466254938556_367\" style=\"color: #999999;\" href=\"https:\/\/www.flickr.com\/photos\/h-k-d\/\">h.koppdelaney<\/a><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":3055,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[703],"tags":[823,825,824,715,720,813,826],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3044"}],"collection":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3044"}],"version-history":[{"count":16,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3044\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3061,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3044\/revisions\/3061"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/media\/3055"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3044"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3044"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3044"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}