{"id":3153,"date":"2016-08-31T14:29:37","date_gmt":"2016-08-31T13:29:37","guid":{"rendered":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/?p=3153"},"modified":"2016-11-30T14:38:04","modified_gmt":"2016-11-30T13:38:04","slug":"panik","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/panik\/","title":{"rendered":"Panik"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Es gefiel ihm nicht, was er sah. Aber so sehr er es liebend gerne nicht wahrgenommen h\u00e4tte &#8211; es war zu sp\u00e4t daf\u00fcr.<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie jeden Abend hangelte er sich die Treppe hoch. Das Haus hatte keinen Aufzug. Einmal wollte der Vermieter einen Versuch unternehmen, lie\u00df es aber dann bleiben, nachdem ihm die Hausgemeinschaft gesagt\u00a0hatte, dass sie einen Aufzug nicht wolle und schon gar nicht bereit w\u00e4re, deswegen etwa noch mehr Miete zu bezahlen. Also schleppte er sich und zwei Getr\u00e4nkekisten notgedrungen hoch zum vierten Stock. Eine verfluchte Schinderei war das.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er h\u00e4tte gerne einen Aufzug gehabt. Aber was soll&#8217;s. Es gab keinen.\u00a0Die anderen\u00a0hatten ihn damals gar nicht erst gefragt. Sie mochten ihn nicht, das war ihm schon lange klar. Er da oben im Vierten, mit dem sch\u00f6nen, gemauerten Balkon nach hinten hinaus, wo die Sonne von mittags bis zum Abend ihre sengenden Strahlen ablud. Die unter ihm hatten auch Balkone, schmale Teile aus Eisen, aber eben nicht so wie der seine. \u00a0Und das neideten sie ihm.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jetzt sah er hinunter, wie er es so oft tat, und mit einem Mal war sein Blick gefangen. Und er sah, was er nicht sehen wollte und er bemerkte, dass auch sie ihn sahen. Ihre Blickte trafen sich. Kein Zweifel! Deutlicher konnte es nicht sein und ein kalter Schauder erfasste ihn.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Irgendwo weiter unten br\u00fcllte ein Fernseher, weiter oben erf\u00fcllte der L\u00e4rm kreischender Kinder den angehenden Abend. Aber er h\u00f6rte es nicht, sah nur wie gebannt auf das Geschehen, unf\u00e4hig irgendetwas zu tun.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine T\u00fcr im Haus schlug zu. Dann pl\u00f6tzlich Totenstille. Das Geschrei der Kinder verstummt.\u00a0<em>Unwirklich,\u00a0<\/em>dachte der Mann im Vierten. Es schien ihm, als sei alles Leben erstarrt. Unwillk\u00fcrlich duckte er sich, wandte seinen Blick verstohlen nach r\u00fcckw\u00e4rts, gerade so, als w\u00fcrde von dort eine drohende\u00a0Gefahr auf ihn lauern, aber da war nichts.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sein Blick hetzte\u00a0zur\u00fcck, dorthin, wo er Widerwillen dieses Geschehen\u00a0hatte aufnehmen m\u00fcssen. Nichts!\u00a0<em>Du bist verr\u00fcckt!,\u00a0<\/em>sagte eine Stimme. Pr\u00fcfend glitt sein Blick \u00fcber die Front des Hauses gegen\u00fcber. Nein, er konnte nichts Auff\u00e4lliges\u00a0feststellen. Sollte er sich geirrt haben, einem Trugbild erlegen sein? Seine Nerven! Zu lange allein. War es das?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er schrak zusammen. Jemand schlug gegen die T\u00fcr, immer wieder.\u00a0<em>Hallo, aufmachen!,\u00a0<\/em>rief eine tiefe Stimme. Wie paralysiert gehorchte er der Aufforderung. Schritt f\u00fcr Schritt schlurfte er \u00fcber den Flur auf die T\u00fcre zu. Sto\u00dfweise pulsierender Atem, unregelm\u00e4\u00dfig rasendes Herz. Noch zwei Schritte!\u00a0<em>Hallo, aufmachen!,\u00a0<\/em>und noch etwas sagte die Stimme, aber er h\u00f6rte es nicht mehr. R\u00f6chelnd brach er zusammen, die Augen verdreht, den Mund aufgerissen, als wollte er noch\u00a0etwas rufen, doch kein Laut drang\u00a0mehr \u00fcber seine Lippen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Ich glaube, wir haben ihn wieder!,\u00a0<\/em>h\u00f6rte der Mann jemanden sagen, dann nahm er verschwommen die Umrisse einer Gestalt wahr.\u00a0<em>Was ist los?,\u00a0<\/em>\u00a0wollte er fragen, brachte aber nur undefinierbares Gekr\u00e4chze hervor. F\u00fcr einen Augenblick nur, einem Wimpernschlag gleich vielleicht, vermeinte er das Gesicht der Gestalt zu erkennen. Horror machte sich in seinem Kopf breit. Der gleiche durchbohrende Blick von Gegen\u00fcber. Sie waren bei ihm, wollten sein Leben! <em>Es ist zu Ende!,\u00a0<\/em>h\u00e4mmerte die Stimme in ihm,\u00a0<em>zu Ende!\u00a0<\/em>Verzweifelt versuchte er sich aufzub\u00e4umen, aber es gelang nicht. Ein mattes St\u00f6hnen entrang sich seiner Kehle, dann fiel sein Kopf zur Seite.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Reanimieren, sofort!,\u00a0<\/em>sagte jemand.\u00a0<em>Wegbleiben!,\u00a0<\/em>sagte er noch, dann jagte der Defibrillator seine Stromst\u00f6\u00dfe unbarmherzig durch den leblosen K\u00f6rper. <em>Noch einmal, wegbleiben!\u00a0<\/em>Und wieder diese gnadenlosen\u00a0St\u00f6\u00dfe!\u00a0<em>Warum lassen sie mich nicht in Ruhe? Warum tun sie mir so Gr\u00e4\u00dfliches an?, <\/em>fragte sich der Mann, der nichts als seine Ruhe wollte, oben im vierten Stock, auf dem gemauerten Balkon.\u00a0<em>Nur Ruhe, bitte, ich will doch nur meine Ruhe!<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Er kommt wieder, Gl\u00fcck gehabt,\u00a0<\/em>sagte die Gestalt und legte den Defibrillator zur\u00fcck in den Koffer, schloss den Deckel und gab den beiden Sanit\u00e4tern die n\u00f6tigen Anweisungen f\u00fcr den Transport ins Krankenhaus.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Gott sei Dank haben Sie mitbekommen, dass er sich da oben auf dem Balkon merkw\u00fcrdig verhalten hat. Es h\u00e4tte leicht zu sp\u00e4t sein k\u00f6nnen, so aber sind wir gerade noch rechtzeitig hier gewesen,\u00a0<\/em>sagte der Mann mit dem Koffer und hievte die Arzttasche in den Wagen, bevor sie z\u00fcgig mit Blaulicht und Signalhorn abfuhren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Mann f\u00fchlte, wie eine angenehme M\u00fcdigkeit von seinem\u00a0K\u00f6rper Besitz ergriff.\u00a0<em>Da hast du es noch einmal geschafft,\u00a0<\/em>sagte die Stimme beruhigend und ein L\u00e4cheln entspannte sein Gesicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #999999;\">Foto: Creative Commons Lizenz, flickr,\u00a0<a id=\"yui_3_11_0_3_1472649159559_381\" style=\"color: #999999;\" href=\"https:\/\/www.flickr.com\/photos\/vanmelis\/\">RvMWillich<\/a><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":3174,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[305],"tags":[835,837,834,833,836,812],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3153"}],"collection":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3153"}],"version-history":[{"count":24,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3153\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3179,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3153\/revisions\/3179"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/media\/3174"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3153"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3153"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3153"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}