{"id":3180,"date":"2016-09-06T11:45:41","date_gmt":"2016-09-06T10:45:41","guid":{"rendered":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/?p=3180"},"modified":"2016-11-30T14:37:32","modified_gmt":"2016-11-30T13:37:32","slug":"der-verlorene-blick","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/der-verlorene-blick\/","title":{"rendered":"Der verlorene Blick"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><em>Wir schauen hin, aber wir sehen es nicht mehr,\u00a0<\/em>bemerkte einer der M\u00e4nner bevor er einen kr\u00e4ftigen Zug aus seinem Keferloher nahm. <em>Ja, ja, der Keferloher,\u00a0<\/em>dachte der Mann, w\u00e4hrend er sich dem Biergenuss hingab. 1808 soll er in jener Ortschaft bei M\u00fcnchen erfunden worden sein, deren Namen er tr\u00e4gt. Ein Tonkrug, der das s\u00fcffige Bier ganz genau in der richtigen Temperatur h\u00e4lt.\u00a0<em>Da kommt kein Glaskrug hin,\u00a0<\/em>sagte der Mann ganz in Gedanken.\u00a0<!--more-->Verwundert schauten seine Tischnachbarn auf und wussten nicht so recht, was er damit meinte.\u00a0<em>Ah&#8230;, ich hab nur laut gedacht, weil&#8217;s Bier halt nirgendwo raus besser schmeckt.\u00a0<\/em>Da nickten ihm alle beif\u00e4llig zu.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Das, was du vorhin g&#8217;sagt hast, das stimmt schon irgendwie,\u00a0<\/em>meinte einer in die winzige Pause hinein. \u00a0So gaben sie sich eine ganze Weile gegenseitig recht oder widersprachen sich.\u00a0<em>Es ist halt soviel, was wir jeden Tag h\u00f6ren und sehen, <\/em>meinte eine andere Stimme.\u00a0<em>Da hast wohl recht,\u00a0<\/em>sagte der mit dem Keferloher,\u00a0<em>aber deswegen mu\u00dft ja net dein Hirn abgeben, wie an Mantel an der Garderobe.\u00a0<\/em>Das war nat\u00fcrlich starker Tobak und der so gescholtene quittierte diese Bemerkung mit einem sauren Blick auf seinen Nachbarn und brummelte noch eine anz\u00fcgliche Zote hinterher.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Lasst&#8217;s gut sein,\u00a0<\/em>ging einer, der bisher noch gar nichts gesagt hatte, dazwischen und schlug mit der Faust auf den Tisch, dass, ob der Ersch\u00fctterung, das gelbe Elixier aus so manchem Krug schwappte.\u00a0<em>Irgendwie habt&#8217;s doch beide recht, net wahr?,\u00a0<\/em>sagte er und f\u00fcgte an, wie schwer es doch f\u00fcr den einfachen B\u00fcrger einerseits sei, herauszufinden, was wahr ist und andererseits es doch auch stimme, dass man gar nicht mehr richtig hinh\u00f6re, wenn im Fernsehen wieder von neuen Katastrophen und Gr\u00e4ueltaten\u00a0berichtet wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Gem\u00fcter erhitzten sich immer mehr und die Gesichter gl\u00e4nzten, wenn das Bier durch ihre durstigen Kehlen str\u00f6mte. Man h\u00e4tte grad meinen k\u00f6nnen, die Leut&#8216; am Tisch\u00a0w\u00e4ren wochenlang\u00a0durch die Sahara gelaufen oder der Ausschank von Bier w\u00fcrde k\u00fcnftig unter Strafe gestellt werden.\u00a0\u00a0Aber weder das Erste noch das Letztere traf zu.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Wisst ihr<\/em>,\u00a0dr\u00f6hnte ein tiefer Bass,\u00a0<em>dass immer mehr falsche Geschichten in Umlauf gebracht werden, grad \u00fcber&#8217;d Ausl\u00e4nder und was sie angeblich so alles anstellen.\u00a0<\/em>Der rechts neben dem Keferloher nickte, machte eine Handbewegung, als wolle er das eben Gesagte beiseite wischen und meinte:\u00a0<em>Aber genau so viele G&#8217;schichten gibt&#8217;s, wo sie in der Zeitung gar nix dr\u00fcber schreiben. Weil&#8217;s dazu angehalten werden,\u00a0<\/em>erg\u00e4nzte ein anderer, <em>von der Politik<\/em>.\u00a0<em>Ja genau,\u00a0<\/em>warf ein weiterer ein,\u00a0<em>damit mir immer eine sch\u00f6ne heile Welt haben.\u00a0<\/em>Und so entz\u00fcndete sich ein neuer Wortwechsel und noch mehr Bier flo\u00df in die K\u00f6pfe und noch aufgeladener\u00a0wurde die Stimmung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Seit einiger Zeit h\u00f6rte ein gut gekleideter Mann am Nebentisch den Wortgewaltigen aufmerksam zu. Schlie\u00dflich stand er auf, ging hin\u00fcber, und sagte:\u00a0<em>Gestatten, Freihofer, mein Name. Interessante Thesen, die Sie da vertreten. Deckt sich das meiste durchaus mit meiner Meinung, insbesondere, was die vielen Ausl\u00e4nder anbelangt.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Hitzk\u00f6pfe schauten den Eindringling eine Weile an, dann sagte der Keferloher:\u00a0<em>Wer hat Sie denn jetzt um Ihre Meinung g&#8217;fragt? Was mischen Sie sich denn \u00fcberhaupt ein?\u00a0<\/em>Sp\u00fcrbar frostig war es pl\u00f6tzlich am Tisch der Freunde.\u00a0<em>Ich meinte ja nur,\u00a0<\/em>warf der Hinzugekommene zaghaft ein.\u00a0<em>Wegen der Ausl\u00e4nder halt.\u00a0<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Da sind&#8217;s bei uns falsch. Wir haben nix gegen Ausl\u00e4nder,\u00a0<\/em>sagte einer aus der Runde. <em>Und schon gleich gar nix gegen solche, die arbeiten. Und bei uns arbeiten viele Ausl\u00e4nder auf dem Land, <\/em>meinte ein anderer. <em>Was glauben&#8217;s denn, wer heut&#8216; noch die schwere Feldarbeit macht?<\/em>\u00a0<em>Ja, aber&#8230;,\u00a0<\/em>versuchte der Fremde einen Einwand.\u00a0<em>Setzen&#8217;s Ihnen wieder an ihren Tisch und geben&#8217;s a Ruh!, <\/em>sagte der Keferloher mit einer\u00a0Stimme, die keinen Widerspruch duldete.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Von dem, was wir reden hat der doch keine Ahnung,\u00a0<\/em>h\u00f6rte der Gutgekleidete jemanden sagen, als er sich wieder an seinem Tisch niederlie\u00df. Und er vernahm noch, dass man in Bayern durchaus tolerant sei, aber es sich nicht nehmen lasse, eine eigene Meinung zu haben und diese auch zu \u00e4u\u00dfern.\u00a0<em>Was will er denn, des Grischperl,\u00a0<\/em>h\u00f6rte der Mann eine andere Stimme sagen, <em>will er uns am End vielleicht gar aufhetzen?<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jetzt konnte es sehr leicht und auch sehr schnell brenzlig werden, soviel wusste der Mann schon. Man hatte ihn sogar davor gewarnt, sich als Fremder in \u00f6rtlich Belange einzumischen. Selbiges w\u00fcrde im Bayernland meistens nicht gut ankommen. Also stand er auf, legte einen Schein f\u00fcr seine Zeche auf den Tisch und beeilte sich, das Lokal zu verlassen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Seht&#8217;s es, wieder einer weniger, der die Leut&#8216; bl\u00f6d anmacht und ihnen den Kopf verdreht, bis&#8216; am Schluss gar nimmer wissen, was eigentlich los ist,\u00a0<\/em>sagte der Bass. Alle nickten und einer meinte schlie\u00dflich noch:\u00a0<em>Jetzt, wo kaum mehr Fl\u00fcchtling \u00fcber&#8217;d Grenze kommen, werden&#8217;s ja wahrscheinlich das Asylantenheim gar net erst in Angriff nehmen, was meint&#8217;s?<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Sollen sie es doch ruhig bauen. Wer wei\u00df, wozu mir des net no amal\u00a0brauchen k\u00f6nnen. Ja, man k\u00f6nnt es sp\u00e4ter vielleicht umfunktionieren. Genau, zum Beispiel k\u00f6nnten wir da doch sehr gut unsere Saisonarbeiter einquartieren. Die aus Polen und wo sie sonst noch herkommen. W\u00e4r&#8216; halt praktisch, wenn&#8217;s alle katholisch w\u00e4ren.\u00a0<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und so ging es noch weiter hin und her. Pragmatisch waren sie halt die Einheimischen. Was man nicht abwenden kann, so ihre Devise, mit dem muss man sich arrangieren, sonst funktioniert nix und am Ende bleibst gar noch selber auf der Strecke.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #999999;\">Foto: Creative Commons-Lizenz, flickr,<a id=\"yui_3_11_0_3_1473092992220_367\" style=\"color: #999999;\" href=\"https:\/\/www.flickr.com\/photos\/tomanddonna\/\">albinson gallery<\/a><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":3203,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[352,305],"tags":[840,816,842,841,843,838,817,844,839],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3180"}],"collection":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3180"}],"version-history":[{"count":24,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3180\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3205,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3180\/revisions\/3205"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/media\/3203"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3180"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3180"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3180"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}