{"id":3227,"date":"2016-11-30T14:35:56","date_gmt":"2016-11-30T13:35:56","guid":{"rendered":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/?p=3227"},"modified":"2018-01-23T16:22:47","modified_gmt":"2018-01-23T15:22:47","slug":"weihnacht-ein-dorf-in-aufruhr","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/weihnacht-ein-dorf-in-aufruhr\/","title":{"rendered":"Weihnacht &#8211; ein Dorf in Aufruhr!"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Der Erste Advent war beinahe unbemerkt ins Land gezogen. Es war eben nicht mehr die Jahreszeit daf\u00fcr. Fr\u00fcher, ja fr\u00fcher, erinnerten sich die \u00c4lteren, da hat&#8217;s noch Schnee gehabt. Aber heutzutage? Schweren Schrittes stapfte der Weinzierl Ferdinand \u00fcber das matschige Laub, das der Wind letzte Nacht von den B\u00e4umen gefegt hatte.\u00a0<em>Sonst waren um diese Jahreszeit die B\u00e4ume l\u00e4ngs leer,\u00a0<\/em> brummte Ferdinand Weinzierl vor sich hin und beeilte sich, so gut er das mit seinen 85 Jahren noch konnte, den Marktplatz zu erreichen.<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gestern, am Samstag, haben sie den Christkindlmarkt er\u00f6ffnet, wie jedes Jahr. Und wie die Jahre zuvor, so war es auch dieses Mal eine eher triste Angelegenheit geworden. Schwarz g\u00e4hnte dem Ferdinand\u00a0das gr\u00fcne Tannenreisig\u00a0entgegen, mit dem die Buden versehen waren, aber ohne Schnee wirkte alles irgendwie finster, unwirklich, nicht in die Jahreszeit passend. Die Buden, erleuchteten H\u00f6hlen gleich, boten feil, was sie immer feil boten: einen Haufen Kitsch neben Kunsthandwerklichem, daneben ratterndes Spielzeug jeglicher Art, Taschen, Geldbeutel aus Plastik und aus Leder, T\u00fccher, Schals, Handschuhe, Socken und B\u00fcrsten. Ja, B\u00fcrsten. Wie jedes Jahr hatte der B\u00fcrstenmacher seinen Stand gleich neben dem in der Winterzeit abgedrehten Dorfbrunnen und die Leute kauften, was es sonst kaum noch irgendwo zu kaufen gab.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine Zeitlang blieb der Weinzierl Ferdinand angelehnt an einen Bratwurststand stehen und schaute dem Treiben zu. Fressbuden, wie er es bezeichnete, gab es\u00a0mehr als andere Buden und St\u00e4nde.\u00a0<em>Ja, saufen und fressen, das tun&#8217;s immer, egal ob&#8217;s ein Schnee hat oder nicht,\u00a0<\/em>sagte der Ferdinand zu sich und bemerkte, wie gegen\u00fcber aus riesigen Flaschen Gl\u00fchwein in den Kessel nachgesch\u00fcttet wurde.\u00a0<em>Nicht einmal den machen&#8217;s mehr selber. G<\/em>riesgr\u00e4mig um sich blickend schlapfte er schlie\u00dflich weiter.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Unbemerkt vom Gewusel zwischen den Lichterketten, Gl\u00fchwein- und Bratwurstbuden, huschten ein paar schwarze Schatten durch die Finsternis dahinter. Bei Schnee w\u00e4ren sie vielleicht aufgefallen, aber so&#8230; Einer schien der Anf\u00fchrer zu sein, denn er gab Zeichen und dirigierte die anderen, wohin sie zu laufen h\u00e4tten. Einer tauchte kurz im Schein einer Stra\u00dfenlaterne auf, dann verschluckte auch ihn die Finsternis.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gerade als der Weinzierl Ferdinand sich anschickte eine Virginia anzuz\u00fcnden und den scharfen Rauch in seine Lungen zu inhalieren, geschah es. Er glaubte noch, einen Knall geh\u00f6rt zu haben, dann plagte ihn unwiderstehlicher Hustenreiz.\u00a0<em>Schei\u00dfe,\u00a0<\/em>entfuhr es ihm, denn er war seit wei\u00df Gott wie lange ein ge\u00fcbter Raucher und seit vielen\u00a0Jahren rauchte er nur noch dieses strenge Kraut.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Langsam gew\u00f6hnten sich Ferdinands Augen an das pl\u00f6tzliche Dunkel, das dem vermeintlichen Knall abrupt gefolgt war. Jegliche elektrische Beleuchtung war erloschen, die Buden, St\u00e4nde und sogar der aufgestellte Christbaum lagen im Dunklen. Es stimmte nicht ganz. Da und dort Kerzenschein, Adventskr\u00e4nze, Kerzen in Glasbeh\u00e4ltern, in Kandelabern, auf Tannengestecken. Die Leute schrieen durcheinander, jedes Gel\u00e4chter war verstummt. Geschiebe und Gedr\u00e4nge dort, wo sich zuvor Gruppen dem Genuss ihrer Getr\u00e4nke und Speisen hingegeben hatten. Panik machte sich breit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da! Ferdinand sah es im Schein der flackernden Kerzen ganz deutlich. Gestalten, Kapuzen \u00fcber die K\u00f6pfe gezogen, glitten durch die Menge, griffen nach Taschen und was die Leute sonst noch mit sich f\u00fchrten, sprangen blitzschnell \u00fcber Theken, dr\u00e4ngten die wehrlosen Menschen dahinter zur\u00fcck, griffen nach Kassen, r\u00e4umten Ware von den St\u00e4nden und warfen alles in mitgef\u00fchrte S\u00e4cke. Ganz sicher war der alte Mann sich allerdings nicht, denn seine Augen waren nicht mehr die Besten und das schummrige Licht tat das seinige dazu. Lange dauerte dieser Spuk nicht, dann waren sie so pl\u00f6tzlich verschwunden, wie sie gekommen waren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hatte er sich am Ende alles nur eingebildet, Dinge gesehen, die so gar nicht stattgefunden hatten? Ferdinand nahm seinen Hut ab und strich sich mit der Rechten ein paar Mal \u00fcber den Kopf. Vermaledeit war das. Ja, vermaledeit. Die Leute beruhigten sich etwas, gew\u00f6hnten sich an den Kerzenschein und fingen sogar vereinzelt an, das ganze Geschehen als besonderen Gag abzutun. <em>Ist doch sch\u00f6n, so mit Kerzen&#8230;,\u00a0<\/em>h\u00f6rte Ferdinand so manche Stimme sagen.\u00a0<em>Ja, super, sollte viel \u00f6fter gemacht werden, <\/em>konnte er auch vernehmen. Und so gab es immer\u00a0mehr solcher \u00c4u\u00dferungen und Ferdinand gr\u00fcbelte und zweifelte an seinem Verstand.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was war das? Ferdinand hob den Kopf, starrte auf den Platz vor ihm und wu\u00dfte nun gar nicht mehr, was er von diesen so merkw\u00fcrdigen Umtrieben halten sollte. Das Geschiebe und Gedr\u00e4nge hielt mit einem Mal wie auf Kommando inne. Scheinwerfer flammten auf. Da waren sie doch wieder, diese Kapuzengestalten! Ferdinand glaubte, zu tr\u00e4umen. Einige von ihnen f\u00fchrten tats\u00e4chlich kleine Scheinwerfer mit sich, wie er sie sch\u00f6n \u00f6fter bei Fotografen gesehen hatte. Gespenstisch, das alles.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und pl\u00f6tzlich ert\u00f6nte Musik aus der Menge. Viele der Kapuzengestalten streiften sich ad hoc ihre Pullis \u00fcber den Kopf und&#8230; Ferdinand rieb sich die Augen. So etwas hatte er noch nie erlebt und er war sich sicher, niemand w\u00fcrde ihm diese Geschichte glauben. Da standen sie nun, nicht mehr schwarz und bizarr, sondern in leuchtendem Silber und Gold. Ja, es schien so, als \u00fcberstrahlten sie alles, Engeln gleich, und mit gewaltigen Stimmen hoben diese unwirklichen Wesen an, Weihnachtslieder hinaus zu schmettern. Dem Ferdinand jagte ein Schauder nach dem anderen \u00fcber den R\u00fccken. <em>So etwas, nein&#8230;\u00a0<\/em>Um ihn war es m\u00e4uschenstill geworden. Alle lauschten diesen himmlischen Stimmen und Kl\u00e4ngen. Und dann&#8230;!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wieder so ein Knall. Die erloschenen Lichter sprangen wieder an, schmerzten beinahe die Augen und tauchten den ganzen Weihnachtsmarkt wieder in dieses manchmal viel\u00a0zu grelle Licht. Weg waren sie, die leuchtenden Engel, die Musik verstummt und kein Gesang verlie\u00df mehr eine der Kehlen. Es war wie immer, kein Hinweis mehr auf den soeben erlebten,\u00a0dubiosen Vorgang.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ferdinand Weinzierl machte kehrt, sch\u00fcttelte immer wieder den Kopf und bahnte sich einen Weg durch den Menschenstrom. Zuhause schmi\u00df es sich in einen Sessel, griff das Telefon und w\u00e4hlte die Nummer seiner j\u00fcngeren Schwester.\u00a0<em>Flashmob,\u00a0<\/em>h\u00f6rte er sie sagen, nach dem er seine Erlebnisse geschildert hatte und wu\u00dfte nichts damit anzufangen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Eine merkw\u00fcrdige Welt,\u00a0<\/em>dachte Ferdinand Weinzierl,\u00a0<em>kein Schnee und trotzdem irgendwie Weihnacht!<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"text-decoration: underline;\">Flashmob:<\/span>\u00a0Der Duden sagt hierzu: (kurze, \u00fc\u009fberraschende \u009a\u00f6ffentliche Aktion einer gr\u009a\u00f6\u00dferen Menschenmenge, die sich anonym, per moderne Telekommunikation dazu verabredet hat)<\/p>\n<p class=\"p1\"><span style=\"color: #808080;\">Foto: Creative Commons Lizenz, flickr,<\/span><a id=\"yui_3_11_0_3_1480511525657_371\" style=\"color: #808080;\" href=\"https:\/\/www.flickr.com\/photos\/justinwkern\/\">kern.justin<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":3243,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1012,305],"tags":[800,847,848,846,845,795,801],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3227"}],"collection":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3227"}],"version-history":[{"count":26,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3227\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3254,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3227\/revisions\/3254"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/media\/3243"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3227"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3227"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3227"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}