{"id":3255,"date":"2016-12-07T19:59:52","date_gmt":"2016-12-07T18:59:52","guid":{"rendered":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/?p=3255"},"modified":"2018-01-23T16:31:22","modified_gmt":"2018-01-23T15:31:22","slug":"heiligabend","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/heiligabend\/","title":{"rendered":"Heiligabend"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Gehetzt blickte der Mann auf seine schwere Armbanduhr. Nur noch weniger als eine Stunde! Es war zum Verr\u00fccktwerden. Wie um Himmelswillen sollte er das blo\u00df schaffen? M\u00fchsam zwang er seinen Atem in geordnete Bahnen.\u00a0<em>Du mu\u00dft ruhig bleiben!,\u00a0<\/em>sagte er sich immer wieder,\u00a0<em>ruhig bleiben!<\/em><!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Stra\u00dfenbahnen und Busse zogen bereits seit dem fr\u00fchen Morgen ihre gewohnten Bahnen durch die Stadt. Manche der Haltestellen waren noch verwaist, an anderen dagegen herrschte bereits das \u00fcbliche Gedr\u00e4nge.\u00a0<em>Mist!,\u00a0<\/em>stie\u00df der Gschwendner Thomas hervor, als ihm der Bus gerade vor der Nase davonfuhr.\u00a0<em>Von denen wartet keiner,\u00a0<\/em>sagte ein Fahrgast aus dem Warteh\u00e4uschen heraus und man konnte\u00a0erkennen, wie egal ihm das\u00a0eigentlich war.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Verzweifelt hielt Thomas Gschwendner nach einem Taxi Ausschau. Nat\u00fcrlich war weit und breit keines zu sehen. Doch, halt, da vorne! Aber schon war ein anderer schneller gewesen, schlug die Wagent\u00fcre zu und das Taxi brauste ab.\u00a0<em>Wann kommt denn der n\u00e4chste?, <\/em>rief Thomas ins Warteh\u00e4uschen.\u00a0<em>12 Minuten, in der Fr\u00fch bis um sieben Uhr alle 12 Minuten, danach sind es dann sieben!, <\/em>kam eine Stimme zur\u00fcck. Es n\u00fctzte nichts, er mu\u00dfte warten. Noch exakt 8 Minuten, wie ihm die Uhr am gegen\u00fcberliegenden Eingang zu einem Getr\u00e4nkemarkt best\u00e4tigte.\u00a0<em>Noch acht Minuten!,\u00a0<\/em>schoss es Thomas durch den Kopf. Es w\u00fcrde knapp werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Na, geht doch!,<\/em> dachte der Mann, als er wieder einigerma\u00dfen bei Atem war. Zielstrebig schritt er auf den Ausgang der U-Bahnstation zu, nahm die Rolltreppe und war mit ein paar schnellen Schritten oben. Wie beil\u00e4ufig tastete er die Taschen seiner Jacke ab.\u00a0<em>Alles am Platz,\u00a0<\/em>brummte er, m\u00fcndete in die Ludwigstra\u00dfe ein und ging z\u00fcgig in Richtung Odeonsplatz.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Gschwendner Thomas blieb gleich vorne stehen. Im hinteren Teil des Busses h\u00e4tte es noch Sitzpl\u00e4tze gegeben, aber er hasste es, sich durch die am Morgen meist \u00fcbel gelaunten Busbenutzer zu dr\u00e4ngen, wenn er seine Haltestelle erreicht hatte. Es w\u00fcrde gerade so reichen. Vielleicht hatte er Gl\u00fcck und eine Stra\u00dfenbahn w\u00fcrde zur Stelle sein, um ihn in die Maffeistra\u00dfe mitzunehmen. Von dort aus war es dann nur noch ein Katzensprung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Juweliergesch\u00e4ft\u00a0<em>Stanislav von Moosst\u00e4tter<\/em>\u00a0war der Inhaber bereits seit \u00fcber einer halben Stunde damit besch\u00e4ftigt, verschiedenste Uhren und Schmuckst\u00fccke aus dem Tresor zu nehmen und in den Schaufenstern zu drapieren.<em>\u00a0<\/em>Fenster und Ladent\u00fcre waren noch mit dem Scherengitter gesichert, das er erst zur\u00a0Laden\u00f6ffnung, exakt um 10:00 Uhr, mit einem Knopfdruck nach oben fahren w\u00fcrde. Vor zwei Jahren war es gewesen, als ihm auf den Tag genau gleich der erste Kunde eine Pistole vor die Brust gehalten hatte. Stanislav von Moosst\u00e4tter war versichert, anders ging das heutzutage nicht mehr. Viel zu viel kam vor: Einbr\u00fcche, Diebst\u00e4hle und \u00dcberf\u00e4lle. \u00a0Dreimal war er die letzten 20 Jahre \u00fcberfallen und ausgeraubt worden. Die Versicherungspr\u00e4mien waren entsprechend gestiegen. F\u00fcr den heutigen, letzten Verkaufstag vor den Feiertagen hatte er sich etwas \u00fcberlegt. Nerv\u00f6s blickte er zur Uhr \u00fcber einer der Vitrinen: 08:30 Uhr. Noch eineinhalb Stunden!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Irgendwann w\u00fcrde er sich eine Wohnung in der Stadt suchen. Der Gschwendner Thomas war es Leid, st\u00e4ndig von soweit au\u00dferhalb hereinfahren zu m\u00fcssen. Auto hatte er keines, und selbst wenn, er h\u00e4tte es nicht genommen.<em> Da drin in der Stadt kannst kommen wann du willst, einen Parkplatz kriegst du nie! <\/em>Mit quietschendem Get\u00f6se nahm die Trambahn die Kurve in die Maffeistra\u00dfe.\u00a0Dr\u00fcben\u00a0beim Loden Frey wollten sie sich treffen. <em>Eine Arbeit wie jede andere<\/em>, dachte der Gschwendner und suchte nach dem bekannten Gesicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jetzt noch die Vitrinen. Stanislav von Moosst\u00e4tter nahm \u00fcber Nacht alles von Wert in den Tresor. Zugegeben, das Prozedere kostete ihn jeden Tag eine geh\u00f6rige Menge an Zeit, aber es n\u00fctzte nichts, die Versicherung verlangte es, wenn er weiter versichert bleiben wollte. Und eine Alarmanlage hatte er noch installieren lassen, mit direktem Anschluss an eine Meldezentrale, die im Bedarfsfall die Polizei verst\u00e4ndigte und dar\u00fcber hinaus auch noch ein eigenes sogenanntes Interventionsteam in Marsch setzte.\u00a0<em>Na ja,\u00a0<\/em>murmelte er,\u00a0<em>wird schon nix passieren, heute, am Heiligen Abend.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sein Kollege war sp\u00e4t dran, schon mehr als 10 Minuten \u00fcber die Zeit. \u00a0<em>Zwei Minuten noch, l\u00e4nger kann ich nicht mehr warten, dann muss ich es eben alleine machen!,\u00a0<\/em>brummte der Gschwendner und hielt noch einmal angestrengt Ausschau in alle Richtungen. Jetzt, na endlich! Gem\u00e4chlich, als h\u00e4tte er jede Zeit der Welt, so kam es Geschwender jedenfalls vor, schlenderte sein Kollege aus der Kardinal-Faulhaber-Stra\u00dfe kommend auf den <em>Loden Frey<\/em> zu.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Stanislav von Moosst\u00e4tter war so vertieft in seine Arbeit, dass er von den beiden Gestalten gegen\u00fcber keine Notiz nahm. Dabei h\u00e4tte nur ein Blick aus dem Fenster gen\u00fcgt und sie w\u00e4ren ihm ohne Zweifel sofort aufgefallen. Immer wieder musterten die beiden Gestalten den Juwelierladen und benahmen sich auch sonst recht merkw\u00fcrdig.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Da bist ja endlich!,\u00a0<\/em>rief der Gschwendner anstelle einer Begr\u00fc\u00dfung.\u00a0<em>Ja, wei\u00df schon, bin sp\u00e4t dran, aber lauf du mal vom Siegestor zu Fu\u00df da runter, die ganze Ludwigsstra\u00dfe, Odeonsplatz und so weiter. Irgend eine Betriebsst\u00f6rung bei der U-Bahn, vielleicht hat sich wieder mal einer vor einen Zug g&#8217;schmissen! Ja, dann lass uns mal r\u00fcber gehen zum Mosst\u00e4tter,\u00a0<\/em>sagte der zu sp\u00e4t Gekommene und hantierte noch mit einer Pistole, die er aus seiner Jackentasche genommen hatte und in ein Schulterholster steckte.\u00a0<em>Ich tu&#8217;s immer raus, wenn ich privat unterwegs bin,\u00a0<\/em>erkl\u00e4rte er auf Gschwendners fragenden Blick.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">10:00 Uhr! P\u00fcnktlich dr\u00fcckte Stanislav von Moosst\u00e4tter den Knopf und leise surrten die Scherengitter nach oben. Den Schl\u00fcssel zwei Mal nach links gedreht und die Ladent\u00fcre war ge\u00f6ffnet. Allerdings so direkt ge\u00f6ffnet auch wieder nicht, denn, wenn jemand das Gesch\u00e4ft betreten wollte, mu\u00dfte\u00a0er einen Klingelknopf dr\u00fccken, worauf er eingelassen wurde oder eben auch nicht. Eine Vorsichtsma\u00dfnahme, wie man sie ihm empfohlen hatte und wie sie mittlerweile bei vielen Juwelieren \u00fcblich war.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Ging Gong Ging &#8211; <\/em>die Kamera zeigte zwei gut gekleidete M\u00e4nner, was der Moosst\u00e4tter aber auch durch die Scheiben sehen konnte. 10:02 Uhr! <em>Etwas stimmt nicht<\/em>, fuhr es Moosst\u00e4tter durch den Kopf.\u00a0<em>Es war doch anders geplant!\u00a0<\/em>Ja, er hatte es anders geplant, f\u00fcr heute, am letzten Tag vor Weihnachten. Auch die Verk\u00e4uferin, seine Angestellte, war noch nicht hier.\u00a0<em>Merkw\u00fcrdig, sie ist doch sonst immer p\u00fcnktlich!\u00a0<\/em>Schnell vergewisserte sich Moosst\u00e4tter, dass er den Alarmknopf gut erreichen konnte, dann dr\u00fcckte er den T\u00fcr\u00f6ffner.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Kaum ert\u00f6nte das Summen des \u00d6ffners, dr\u00e4ngten die beiden Gestalten in den Laden. Noch bevor die T\u00fcre wieder ins Schloss fallen konnte, beeilte sich die jetzt auch eingetroffene Verk\u00e4uferin, ebenfalls das Gesch\u00e4ft zu betreten.\u00a0<em>T&#8217;schuldigung,\u00a0<\/em>rief sie,\u00a0<em>die U-Bahn!\u00a0<\/em>Aber im anhebenden Tohuwabohu ging Ihre Entschuldigung v\u00f6llig unter, denn weitere zwei M\u00e4nner st\u00fcrmten mit gezogenen Pistolen den Laden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Nein, nicht schon wieder!,\u00a0<\/em>stammelte Stanislav von Moosst\u00e4tter und lie\u00df sich aschfahl auf einen Stuhl fallen.\u00a0<em>Nicht schon wieder!,\u00a0<\/em>wiederholte er verzweifelt und sah wie durch eine unwirkliche Wand aus Nebel, wie die beiden zuletzt hereingest\u00fcrmten M\u00e4nner den beiden zuerst Gekommenen die Arme auf den R\u00fccken drehten und diese blitzschnell mit einem\u00a0<em>Klack, Klack\u00a0<\/em>von Handschellen fixiert waren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jetzt erst, ganz allm\u00e4hlich, sah Moosst\u00e4tter wieder klar.\u00a0<em>Ach Sie sind das, Herr Gschwendner!, <\/em>br\u00fcllte er beinahe,\u00a0<em>und ich hatte mich schon gewundert, wo Sie bleiben, weil wir es doch f\u00fcr heute so geplant hatten.\u00a0<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Ja,\u00a0<\/em>erkl\u00e4rte Thomas Gschwendner,\u00a0<em>wir haben uns wegen des U-Bahnausfalles ein wenig versp\u00e4tet und dann gerade noch rechtzeitig diese beiden Herren beobachtet. Und, als wir bemerkten, dass sie\u00a0Waffen unter ihren Sakkos tragen, sind wir sofort her\u00fcbergespurtet.\u00a0<\/em><em>Und Gott sei Dank gerade noch rechtzeitig,\u00a0<\/em>bemerkte Moosst\u00e4tter.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Polizei war schnell vor Ort, die gut gekleideten Beinahediebe abtransportiert und das Gesch\u00e4ft jetzt unter den kritischen Augen von Thomas Gschwendner und seinem Kollegen f\u00fcr den Rest des Tages gut gesch\u00fctzt.\u00a0<em>Eine gute Scurity ist schon etwas wert,\u00a0<\/em>sagte Stanislav von Moosst\u00e4tter zu seiner Verk\u00e4uferin.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #808080;\">Foto: Creative Commons-Lizenz, flickr,\u00a0<a id=\"yui_3_11_0_3_1481135695147_369\" style=\"color: #808080;\" href=\"https:\/\/www.flickr.com\/photos\/nitram75\/\">Nitram75<\/a><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":3268,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1012,305],"tags":[852,849,811,850,813,853,851,814,795],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3255"}],"collection":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3255"}],"version-history":[{"count":25,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3255\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3837,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3255\/revisions\/3837"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/media\/3268"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3255"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3255"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3255"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}