{"id":3315,"date":"2016-12-27T21:54:53","date_gmt":"2016-12-27T20:54:53","guid":{"rendered":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/?p=3315"},"modified":"2017-03-09T16:18:31","modified_gmt":"2017-03-09T15:18:31","slug":"einsam-in-den-bergen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/einsam-in-den-bergen\/","title":{"rendered":"Einsam"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: left;\">Vor Jahren, zehn oder zw\u00f6lf mochten es sein, hatten sie ihm das Kabel hochgezogen. \u00a0Strom gab es seitdem immer. Er brauchte ihn zum \u00dcberleben. Nicht wegen der kalten Zeit im Winter, nein, heizen und Warmwasser lieferten ihm eine f\u00fcr diese abgeschiedene Gegend doch recht moderne, zentrale Heizanlage. Er hatte sie nur ein paar Jahre sp\u00e4ter installieren lassen und\u00a0musste lediglich\u00a0einen ausreichenden Vorrat an Brennholz anlegen, was kein Problem war, denn Wald gab es gen\u00fcgend um ihn herum. Den Strom brauchte er f\u00fcr seine Maschinen, die Melken, Buttern und K\u00e4sen w\u00e4hrend der Saison erleichterten, wenn das Vieh heroben auf der Alm war.<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Fr\u00fcher, als er noch um vieles j\u00fcnger gewesen war, ging er mit dem Vieh zum Ablauf des Sommers mit hinunter ins Tal und kam erst im sp\u00e4ten Fr\u00fchjahr wieder herauf. Jetzt aber z\u00e4hlte er schon \u00fcber siebzig und mit dem Strom blieb auch er das ganze Jahr auf der Alm. Bisher war es gut gegangen. Es war schon ein ziemliches St\u00fcck zu laufen, bis man zu ihm heraufkam. Vom Dorf aus doch mehr als zwei Stunden und, wenn es\u00a0viel\u00a0Schnee gab oder\u00a0sonst das Wetter nicht mitspielte, war es beinahe unm\u00f6glich, den Weg auf die Alm zu bew\u00e4ltigen. Freilich, mit seinem alten Unimog ging&#8217;s dann meistens doch noch. Sogar bei heftigstem Regen und Sturm hatte er damit die Strecke schon zur\u00fcckgelegt &#8211; runter ins Dorf und wieder hoch. Die heutigen Allradfahrzeuge waren mehr f\u00fcr die Stra\u00dfe gebaut, zum Angeben und so, wie er meinte, aber nicht f\u00fcr echtes Fahren \u00fcber Felsen und Schlamm.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Unten hatte es das ganze Jahr \u00fcber viel geregnet, mehr als sonst und auch jetzt war dort kaum Schnee in Sicht. Ganz anders hier bei ihm auf der Alm. Das erste Wei\u00df fiel Anfang November und immer, wenn es unten sch\u00fcttete, bekam er hier oben eine neue Ladung Schnee dazu. An Fahren oder Laufen war l\u00e4ngst nicht mehr zu denken. Meterhoch t\u00fcrmte sich der Schnee um H\u00fctte und Stall. Selbstverst\u00e4ndlich hatte er sich beizeiten eine Motorschneefr\u00e4se angeschafft, sonst w\u00e4re es nicht zu schaffen gewesen. Im Laufe der Jahre hatte er ein sehr gutes Gesp\u00fcr f\u00fcr die Vorratshaltung entwickelt. Lieber etwas mehr von den wichtigen Dingen war seine Devise und so mangelte es an nichts. Sogar Bier und Wein war ausreichend gelagert.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Seit langem haben sie ihm eine feste Telefonleitung versprochen, aber bisher ist es damit nichts geworden. Zu teuer, sagten sie. Er solle das Handy nehmen, was er auch tat. Nur, wenn das Wetter es nicht wollte, dann gab es auch keinen Empfang. Eingeschneite Funkstationen waren noch das geringste \u00dcbel, aber Minusgrade und dicke Eisschichten\u00a0waren f\u00fcr die Technik eine oft nicht zu \u00fcberwindende Herausforderung. So hatte er auch jetzt wieder mal keine Verbindung nach unten in die Zivilisation, wie er gerne scherzte.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Gerade als er einen hei\u00dfen Tee in die klobige Keramiktasse goss und ein wenig Honig hinzugeben wollte irritierte ihn ein Ger\u00e4usch. Den Honigl\u00f6ffel in der Rechten, den Kopf leicht zur Seite geneigt, erstarrte er in seiner Bewegung und versuchte mit h\u00f6chster Konzentration dem vermeintlichen Ger\u00e4usch nachzusp\u00fcren. Was war es gewesen und von woher war es gekommen? Wegen des Schnees hatte er die L\u00e4den vor die Fenster geschlagen, die Sicht nach draussen war ihm deshalb verwehrt. Da, wieder! Jemand rief etwas! Ja, er vernahm es jetzt ganz deutlich, eine helle Stimme!<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Den L\u00f6ffel zur\u00fcck in den Honigtopf, den derben Holzstuhl hastig zur\u00fcckgeschoben, dass er beinahe umgefallen w\u00e4re, hoch, nach vorne durch die Stube, T\u00fcre auf, zum Eingang, automatisch in die schweren Stiefel mit Schaft, der fast bis zu den Knien reichte, Umhang vom Haken, Hut auf den Kopf und Kapuze \u00fcber den Hut gezogen, Kragen hochgeschlagen und schlie\u00dflich der Griff zum Schal und die dicken F\u00e4ustlinge \u00fcber die H\u00e4nde gezogen.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Draussen war es trotz des Schneegest\u00f6bers noch einigerma\u00dfen hell und so konnte er etwa gute zehn Meter weit sehen, dann verlor sich alles in einer wei\u00dfen Wand aus schneegeschw\u00e4ngerten Windb\u00f6en.\u00a0<em>Mist,\u00a0<\/em>entfuhr es ihm, lauschte angespannt, konnte aber nichts Aussergew\u00f6hnliches wahrnehmen. Sollte er sich geirrt haben?<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Den Schritt schon wieder zur\u00fcck auf die H\u00fctte zu lenkend war da jedoch pl\u00f6tzlich wieder diese grelle Stimme. Mit letzter Kraft, wie es ihm schien, schrie\u00a0da jemand seine ganze Verzweiflung in den\u00a0Wind, der jetzt schon zum Sturm angewachsen war und nur noch Wortfetzen an seine Ohren dringen lie\u00df. Dann Stille, nur das tosende Gebrause des Sturms. Eisiger Schnee klatschte in sein Gesicht, aber er sp\u00fcrte es nicht. Jemand war in Not, in Gefahr, kein Zweifel, aber wie sollte er ihn oder sie finden k\u00f6nnen?\u00a0<em>Es muss eine Frau sein, die Stimme, hoch, beinahe schrill,\u00a0<\/em>h\u00e4mmerte sein Gehirn.\u00a0<em>Rechts, du mu\u00dft nach rechts,\u00a0<\/em>sagte sein Verstand,\u00a0<em>beeile dich, du hast keine Zeit!\u00a0<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">M\u00fchsam bahnte er sich sich einen Weg durch den schnell anwachsenden Untergrund aus Schnee. Etwa\u00a0f\u00fcnfzig Meter weiter gab es einen Bauchlauf, dar\u00fcber einen Steg, vielleicht waren die Schreie von dort gekommen? Zielsicher stapfte er durch den immer tiefer werdenden Schnee. Er kannte doch jeden Zentimeter hier, bei jedem Wetter und zu jeder Jahreszeit. Bis zu den Knien sank er ein. Kr\u00e4ftezehrend, f\u00fcr einen Mann in seinem Alter eine schier unmenschliche Anstrengung, aber er war doch einer von hier oben, eins mit der Natur, allen Widerst\u00e4nden\u00a0trotzend, er musste es schaffen!<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Noch ein paar Schritte! Zielsicher, trotz Sturm und Schnee, zielsicher auf den Punkt genau sah er jetzt den Steg vor sich, aber keine Spur eines Menschen, nirgendwo, soweit er das undurchsichtige Schneefiasko \u00fcberhaupt mit Blicken durchdringen konnte.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><em>Du hast dich nicht get\u00e4uscht, such weiter! Du mu\u00dft, bist die einzige Rettung!,\u00a0<\/em>dann war er auf dem Steg, der kaum noch richtig auszumachen gewesen war. Alles war eins geworden, nur noch Schnee ohne Konturen. Wie verr\u00fcckt drehte er den Kopf nach links, dann wieder nach rechts, lie\u00df seine Augen kreisen, sog die Luft ein, als w\u00fcrde er etwas riechen oder schmecken k\u00f6nnen. Nichts!<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Da! Dort, neben dem Steg, ein St\u00fcck Anorak! Zwei Schritte nur, dann&#8230;! Bis zum Bauch eingesunken wurde es immer schwerer, den eigenen K\u00f6rper nach vorne zu bewegen. Er w\u00fcrde es nicht schaffen!\u00a0<em>Verdammt! Rei\u00df dich zusammen! Du und nur du mu\u00dft es schaffen, wer denn sonst?<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Das St\u00fcck Anorak bewegte sich.\u00a0<em>Stop,\u00a0<\/em>wollte er rufen, aber nur ein Kr\u00e4chzen kam \u00fcber seine vom Wind und Schnee spr\u00f6den Lippen. Jetzt&#8230;, wo war der Anorak geblieben? Er konnte ihn nicht mehr sehen. Nichts war mehr da!\u00a0<em>Du bist zu sp\u00e4t! Keine Chance mehr, du bist zu sp\u00e4t!<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><em>Verdammt!,\u00a0<\/em>schrie er hinaus und mit schier unmenschlicher Kraft zog er seinen K\u00f6rper aus den immer tiefer werdenden Schneemassen. Keuchend vor Anstrengung sp\u00fcrte er\u00a0pl\u00f6tzlich etwas Weiches unter seinen F\u00fcssen. Mit H\u00e4nden und Armen versuchte er, die Schneeberge beiseite zu schieben, aber er wurde langsamer und langsamer; seine Kr\u00e4fte waren aufgebraucht.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Eine allerletzte Anstrengung! Mit beiden H\u00e4nden packte er das st\u00fcck Stoff, wie er meinte, glitt ab, riss sich die F\u00e4ustlinge von den H\u00e4nden und packte wieder zu. Er lie\u00df nicht mehr los, zerrte und zog, stemmte sich mit aller Kraft dagegen und langsam, Zentimeter um Zentimeter kam erst ein Arm, dann ein halber und schlie\u00dflich ein ganzer Mensch zum Vorschein.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Ersch\u00f6pft hielt er inne, pumpte Luft in seine Lungen, t\u00e4tschelte und schlug das Gesicht des Wesens mit der flachen Hand, immer wieder, immer wieder. Dann, ein St\u00f6hnen. Geschafft! <em>Kommen Sie hoch!,\u00a0<\/em>schrie er,\u00a0<em>kommen Sie hoch!\u00a0<\/em>und zog und zerrte weiter.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Sp\u00e4ter, als sie es beide zur\u00fcck zur H\u00fctte geschafft hatten, am warmen Ofen sa\u00dfen und hei\u00dfen Tee schl\u00fcrften, war beider Freude gro\u00df. \u00dcberschw\u00e4nglich dankte ihm die Frau immer wieder, dass er sie so selbstlos gerettet habe. Bescheiden winkte er ab und meinte nur, dass das doch wohl selbstverst\u00e4ndlich gewesen w\u00e4re.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Die Frau, ein junge Urlauberin hatte im einsetzenden Schneetreiben ihre Gruppe verloren, war vom Weg abgekommen und irrend durch das unwegsame Gel\u00e4nde gestapft, hatte dann Gott sei Dank\u00a0die H\u00fctte ausgemacht und geschrien, so laut sie nur konnte. Ersch\u00f6pft war sie zusammengebrochen, hatte sich ihrem Schicksal ergeben und nichts mehr wahrgenommen.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><em>Ist ja noch einmal gut gegangen,\u00a0<\/em>sagte er verlegen und mit br\u00fcchiger Stimme. <em>Jetzt machen wir&#8217;s uns aber gem\u00fctlich und morgen schauen wir, ob&#8217;s der Unimog hinunter schafft ins Tal.\u00a0<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #999999;\">Foto: Creative Commons-Lizenz, flickr,\u00a0<a id=\"yui_3_11_0_3_1482870027889_386\" style=\"color: #999999;\" href=\"https:\/\/www.flickr.com\/photos\/itsmyplanet\/\">bookhouse boy<\/a><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":3329,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[305],"tags":[862,863,866,729,867,865,864,868,812,869],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3315"}],"collection":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3315"}],"version-history":[{"count":24,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3315\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3389,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3315\/revisions\/3389"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/media\/3329"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3315"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3315"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3315"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}