{"id":3378,"date":"2017-03-09T20:17:06","date_gmt":"2017-03-09T19:17:06","guid":{"rendered":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/?p=3378"},"modified":"2017-03-31T14:18:38","modified_gmt":"2017-03-31T13:18:38","slug":"gehaelter-bezuege-und-andere-schweinereien","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/gehaelter-bezuege-und-andere-schweinereien\/","title":{"rendered":"Geh\u00e4lter, Bez\u00fcge und andere Schweinereien!"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: left;\">Das Wirtshaus war bis auf den letzten Platz gef\u00fcllt. Einige standen noch hinter der letzten Stuhlreihe an die Wand gelehnt oder halb auf dem Fenstersims hockend. Kein Mensch h\u00e4tte geglaubt, dass diese Partei f\u00fcr ihre Veranstaltung so viele B\u00fcrger aus dem Dorf und dem n\u00e4heren Umland zusammenbringen w\u00fcrde.<!--more--><\/p>\n<p><em>&#8222;Es ist bedeutungslos, um wieviel mehr ein Vorstand im Vergleich zu&#8230;, ja wem?,&#8230;verdient. Mehr oder weniger ist immer relativ und ben\u00f6tigt einen Bezug.&#8220;<\/em>, schwadronierte ein etwas dicklicher Mann, so um die Vierzig, angetan mit einem feinen Zwirn, Hemd, Weste und nat\u00fcrlich einer Fliege.\u00a0<em>Nat\u00fcrlich\u00a0<\/em>deshalb, weil diese Fliege sein geckenhaftes Gestelze noch unterstrich. <em>&#8222;Weil es aber an einer objektiven Bezugsgr\u00f6\u00dfe mangelt, ist jeder Vergleich willk\u00fcrlich und je nach Motivation der Vergleichenden auch tendenzi\u00f6s.&#8220;<\/em>, referierte der Mann mit ausladender Gestik und alle hingen wie gebannt an seinen Lippen, grad so, als k\u00e4me von dort die heilbringende Botschaft, auf die schon alle so sehns\u00fcchtig gewartet hatten. <em>&#8222;Selbst ein Vergleich von Vorstandsbez\u00fcgen untereinander bringt aus dieser Sicht nichts.&#8220;<\/em>, sagte der Mann. <em>&#8222;Unterschiedliche Branchen, Unternehmensgr\u00f6\u00dfen, Gewinne, Verluste und, und, und! Was will oder soll man da vergleichen?&#8220;<\/em> Die Augen seiner Zuh\u00f6rer strahlten, ihre Wangen gl\u00e4nzten und es h\u00e4tte nicht viel gefehlt und sie h\u00e4tten sich auf ihn gest\u00fcrzt, in die H\u00f6he gezerrt, ihn mit Weihrauch eingeh\u00fcllt und mit Weihwasser besprengt. <em>&#8222;Nur die H\u00f6he der Bez\u00fcge alleine?&#8220;<\/em>, fuhr er fort und unschwer war zu erkennen, dass die meisten l\u00e4ngst den roten Faden der Rede verloren, aber dem Charisma des Redners verfallen waren. <em>&#8222;Bl\u00f6dsinn, muss die Antwort lauten, denn niemand wird ernsthaft behaupten, dass beispielsweise die H\u00f6he des Einkommens eines ungelernten Hilfsarbeiters vergleichbar sein muss mit dem eines Zahnarztes.&#8220; Ja, ja, wie recht Sie haben,\u00a0<\/em>st\u00f6hnte eine Frau dazwischen.\u00a0<em>&#8222;Wir vergleichen gerne und viel. Es beruhigt so sch\u00f6n und \u00f6ffnet immer auch ein T\u00fcrchen, sich mit andern zu vergleichen, die selbstverst\u00e4ndlich v\u00f6llig unberechtigt mehr bekommen als ich. Vielleicht ein wenig \u00fcberspitzt, mag sein. Was wir brauchen sind Tarifvertr\u00e4ge f\u00fcr Vorst\u00e4nde, Direktoren, Hauptabteilungsleiter, Abteilungsleiter und so weiter, nur nicht f\u00fcr das einfache Volk, denn die haben schon welche!&#8220;<\/em> Jetzt waren sie nicht mehr zu halten. M\u00e4nner wie Frauen br\u00fcllte es hinaus, wie recht er doch habe und man es den alten \u00c4rschen, wie sie sich ausdr\u00fcckten, endlich einmal zeigen m\u00fcsse.<\/p>\n<p>Albert Wanninger beobachtete den Zirkus mit Argwohn, schrieb eifrig mit und lie\u00df sein Handy laufen, um alles wortgetreu aufzunehmen. Albert war von der Lokalredaktion einer Zeitung geschickt worden. Eines war ihm klar, die anwesenden Zuh\u00f6rer konnten keine Arbeiter oder Angestellte sein, denn jene h\u00e4tten ob dem Gesabber sicher nicht gejohlt und geklatscht. Seine zweite Erkenntnis: In dieser Gegend musste die Zunft der Selbst\u00e4ndigen, Unternehmer oder Freischaffenden recht zahlreich angesiedelt sein.<\/p>\n<p>W\u00e4hrenddessen lief der Redner zu ungeahnter H\u00f6chstform auf. <em>&#8222;Und wem verdanken wir den ganzen Schlamassel, die Neidgesellschaft, den Unfrieden in den unteren Schichten?&#8220;<\/em> Albert Wanninger glaubte nicht, was er da h\u00f6rte. Dieser Mensch plapperte aneinandergereihten Unsinn. Das musste doch jetzt das Aus sein! <em>&#8222;Die Leute werden doch nicht von den Reichen in unserm Land abgeh\u00e4ngt, sondern von den Ereignissen. Von den Ereignissen, die dadurch ausgel\u00f6st wurden, dass immer weniger Menschen eine Arbeit finden, die gut genug bezahlt ist, weil es immer mehr ANDERE gibt, die es f\u00fcr noch weniger machen. Und das liegt ja nicht in der Hand der wenigen Leute mit Geld, das haben doch jene zu verantworten, die immer mehr der ANDEREN\u00a0hereinlassen!&#8220;\u00a0<\/em>Jetzt war es raus! Die Alternative bestand aus dem bekannten Gew\u00e4sch, zusammenhanglos vorgetragen und darauf bedacht, es irgendwie jedem recht zu machen oder jedes Meinung kundzutun. Und? Die Zuh\u00f6rer quittierten es mit schier nicht mehr endendem Geklatsche, Gejohle, Gepfeife und Getrampel.<\/p>\n<p>Draussen holte Albert erst einmal tief Luft. Es war nicht zu glauben. Da standen Nobelkarossen neben Rostlauben. Also doch ein Querschnitt der Bev\u00f6lkerung, der sich diesen Schwachsinn angeh\u00f6rt hatte? Albert schnappte ein paar Wortfetzen vorbeieilender Besucher auf.\u00a0<em>&#8222;Hast ja recht, teilweise der komplette Schwachsinn, aber das macht nix, weil, wichtig ist nur, dass du morgen in der Zeitung einige der wichtigen Passagen lie\u00dft. Das bleibt bei den Leuten h\u00e4ngen, die denken nicht \u00fcber Sinn oder Unsinn nach, dass ist denen egal.&#8220;<\/em><\/p>\n<p>Das war es also, den Rednern dieser aus dem Boden geschossenen Partei kam es weniger auf\u00a0die Inhalte an, sondern vielmehr darauf, m\u00f6glichst viele Schlagworte abzufeuern. Schlagworte, die von manchen abgelehnt, daf\u00fcr aber von anderen angenommen w\u00fcrden. \u00dcber den Verlauf einer Kampagne oder Periode heizten solche Reden die Gem\u00fcter an und verschafften die n\u00f6tige Zustimmung, bis hin zum Wahltag!\u00a0<em>Das nenne ich Strategie!,\u00a0<\/em>dachte Albert. Und damit kommen die durch, weil jeder nur das h\u00f6ren will, was ihm gerade so passt!<\/p>\n<p>Da hilft nur eins, sagte sich Albert, und klopfte seinen Text ins Laptop. Morgen sollten die Leser sich eine Meinung bilden k\u00f6nnen. Vielleicht war es ja noch nicht zu sp\u00e4t!?<\/p>\n<p><em>Eine Partei f\u00fcr Alle?\u00a0<\/em>Titelte der Tagesanzeiger.\u00a0<em>Die Besucher der gestrigen Veranstaltung im Alten Wirt haben entweder nicht verstanden, was der Redner sagte oder es trotzdem in Kauf genommen. Fazit: Eine Rede voller Widerspr\u00fcche, plump inszeniert, politisch wertlos, aber mit Zuspruch! Schlimm ist nicht, dass ANDERE hereinkommen, wie der Redner sagte, sondern, dass schon so viele hier sind, die nichts kapieren!<\/em><\/p>\n<p>Ein Richter sagt: <em>&#8222;Das mu\u00df unsere Demokratie aushalten!&#8220;\u00a0<\/em><\/p>\n<p>Ein Parteifunktion\u00e4r sagt:\u00a0<em>&#8222;Wir m\u00fcssen die Partei der W\u00e4hler werden, nicht die des Volkes!&#8220;,\u00a0<\/em>und er f\u00fchrt aus, was er damit meint,\u00a0<em>&#8222;niemand zahlt gerne Steuern, jeder will ein gutes Einkommen und niemand mag Leute, die ihm den Arbeitsplatz wegnehmen! Was schreiben wir also in unser Programm? Ja, meine Freunde, genau das: Wir senken die Steuern, wir erh\u00f6hen das Einkommen und wir lassen keine Fremden rein!&#8220; \u00a0<\/em>Unser Programm spiegelt folglich den W\u00e4hlerwillen wider und der W\u00e4hlerwille ist die Summe aller W\u00fcnsche der einzelnen W\u00e4hler, gleich welcher Schicht er angeh\u00f6rt. DAS wird uns stark machen, denn richtig formuliert, wird sich niemand dieser Strategie entziehen k\u00f6nnen! Diese Schlusspassage f\u00fcgte der Parteifunktion\u00e4r einem pers\u00f6nlichen Schreiben an seine\u00a0<em>gesch\u00e4tzten Vorstandskollegen und Kolleginnen <\/em>bei.<\/p>\n<p>Wird diese Strategie aufgehen? Bald schon sind Wahlen, dann werden wir sehen!<\/p>\n<p><span style=\"color: #999999;\">Foto: <a style=\"color: #999999;\" href=\"https:\/\/www.facebook.com\/juergenreiter?ref=ts&amp;fref=ts\">J\u00fcrgen Reiter<\/a><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":698,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[305],"tags":[886,885,888,889,884,887,890],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3378"}],"collection":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3378"}],"version-history":[{"count":27,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3378\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3418,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3378\/revisions\/3418"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/media\/698"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3378"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3378"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3378"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}