{"id":3454,"date":"2017-03-31T14:16:59","date_gmt":"2017-03-31T13:16:59","guid":{"rendered":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/?p=3454"},"modified":"2017-04-24T23:19:13","modified_gmt":"2017-04-24T22:19:13","slug":"gefuehlsstrudel","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/gefuehlsstrudel\/","title":{"rendered":"Gef\u00fchlsstrudel"},"content":{"rendered":"<p>Sie<em> glauben also, dass jeder Mensch seinen Punkt hat?<br \/>\nJa, hat er.<br \/>\nGeht&#8217;s ein bisschen genauer?<br \/>\nGeht es, aber wozu?<br \/>\nDamit ich es verstehe!<br \/>\nSie werden es nicht verstehen! Aber, wenn Sie wollen, kommen Sie morgen wieder.<\/em><\/p>\n<p>Sie hatten sie geschickt, sie, neu im Job, sie, frisch von der Uni.\u00a0<em>Rede mit ihm, vielleicht spricht er ja mit dir, mit den anderen hat er&#8217;s nicht getan. Zwecklos!<\/em><!--more--><\/p>\n<p>Paulsen, ein Eigenbr\u00f6tler? Paulsen, ein Querulant? Paulsen, ein&#8230;, ja was oder wer ist Paulsen? Verdammt! Logisch, der Chefredakteur, die ganze Zeitung &#8211; sie, die Neue, soll gleich von Anfang an wissen, wo hier der Hase lang l\u00e4uft!<\/p>\n<p><em>Sie haben es gesp\u00fcrt?<br \/>\nWas gesp\u00fcrt?<br \/>\nAls Sie gestern gegangen sind. Sie haben gesp\u00fcrt, nein, Sie haben gewusst, dass man Sie hereingelegt hat. Es hat Sie getroffen, stimmt&#8217;s?<br \/>\n<\/em><\/p>\n<p>Sie, Helga Feddersen, jetzt mit Abschluss, Literaturwissenschaften und Journalismus, fr\u00fcher Volont\u00e4rin bei verschiedenen Zeitungen, jetzt auf Probe bei der\u00a0<em>\u00dcberregionalen.<\/em>\u00a0Sie musste da durch, es ihnen zeigen!<\/p>\n<p><em>Ja, Sie haben recht, ich habe mich dar\u00fcber ge\u00e4rgert.<br \/>\nSehen Sie, wie ich sagte, es hat Sie getroffen. Nicht die Tatsache als solche, dass man Sie zu mir geschickt hat, sondern der Umstand, dass Sie das Warum nicht gleich durchschaut haben.<br \/>\n<\/em><\/p>\n<p>Worauf wollte Paulsen hinaus? Sie sollte einen Artikel\u00a0\u00fcber ihn schreiben &#8211; momentan jedoch f\u00fchrte nicht sie das Gespr\u00e4ch, sondern er.<\/p>\n<p><em>Gehen Sie nach Hause, denken Sie nach, was Sie wirklich wollen, von mir, von sich selbst. Wenn Sie es herausgefunden haben, kommen Sie wieder oder auch nicht!<\/em><\/p>\n<p>Ein merkw\u00fcrdiger Mensch. Was wusste sie \u00fcber Paulsen?\u00a0<em>Jeder Mensch hat seinen Punkt!\u00a0<\/em>Wo war sein Punkt? Klar, das war es, was er ihr sagen wollte. Ein Blatt Papier, irgendwo in ihrer Handtasche vergraben, sagte alles dar\u00fcber aus. Eifrig kramte sie danach:\u00a0<em>Interview mit Oskar Paulsen, ehemaliger H\u00e4ftling. Wer ist er und was tut er hier?\u00a0<\/em>Das, und nicht mehr, war ihr Auftrag.<\/p>\n<p><em>Sie haben es sich \u00fcberlegt?<\/em><br \/>\n<em>Ja, ich will alles \u00fcber Sie wissen&#8230;<\/em><br \/>\n<em>Alles?<\/em><br \/>\n<em>Ja, alles. Ich will wissen, warum Sie gesessen sind. Ich will wissen, warum Sie zu dem geworden sind, was Sie heute sind.<br \/>\nSIE wollen das wissen oder Ihre Zeitung?<br \/>\nMeine Zeitung will einen Artikel \u00fcber Sie bringen, den ich schreiben soll, also bin ich es doch, die es wissen will.<br \/>\nWissen Sie, ich glaube, so kommen wir nicht weiter!<br \/>\nWir kommen nicht weiter, weshalb?<br \/>\nWeil Sie nicht ehrlich sind. Gehen Sie und denken Sie weiter nach. Vielleicht wird es ja noch etwas mit uns beiden. Ich gebe die Hoffnung nicht auf und wenn Sie es auch nicht tun, wer wei\u00df&#8230;?<\/em><\/p>\n<p>Klar, sie f\u00fchrte den Auftrag der Zeitung aus, aber war es nicht unerheblich, wer etwas \u00fcber ihn, Paulsen, wissen wollte? Sie oder die Zeitung?<\/p>\n<p><em>Kaffee oder Tee?<br \/>\nEin Wasser w\u00e4re nicht schlecht.<br \/>\nNun, ich h\u00f6re.<br \/>\nSie haben recht. Urspr\u00fcnglich, also, bevor ich Ihre Bekanntschaft gemacht habe, wollte ich ehrlich gesagt, gar nichts \u00fcber Sie wissen. Sp\u00e4ter hat sich das gewandelt. Erst war ich neugierig, zu erfahren, wer der Mann ist, an dem die Kollegen sich die Z\u00e4hne ausbei\u00dfen, und jetzt interessieren Sie mich als Mensch. Ich frage mich: Wo ist IHR Punkt? Ich will es herausfinden.<br \/>\nSie wissen l\u00e4ngst, wo MEIN Punkt ist, aber Sie dringen nicht durch, weil Sie befangen sind.<br \/>\nBefangen?<br \/>\nJa, befangen. Man kann es nicht anders bezeichnen, wenn einem eine andere Sache hinderlich im Weg steht.<br \/>\nSie meinen die Zeitung, meinen Auftrag?<br \/>\nSelbstverst\u00e4ndlich, denn je mehr Sie \u00fcber mich erfahren werden, desto problematischer wird es f\u00fcr Sie.<br \/>\nDas m\u00fcssen Sie mir erkl\u00e4ren.<br \/>\nSehen Sie, je mehr Sie aus meinem Innersten zutage f\u00f6rdern, desto mehr Loyalit\u00e4t werden Sie mir gegen\u00fcber empfinden. Und das wird Ihnen Sorgen bereiten. Aus Sorgen werden Probleme. Aus Problemen Konflikte.<br \/>\nKonflikte?<br \/>\nJa, nat\u00fcrlich, Sie werden nicht mehr wissen, wie Sie ihren Artikel abfassen sollen.<br \/>\nWie ich meinen Artikel schreiben soll, das meinen Sie?<br \/>\nJa. Ich meine es nicht nur, ich wei\u00df es. Indem Sie immer tiefer in meine Beweggr\u00fcnde f\u00fcr dies und das eindringen, desto bewu\u00dfter wird ihnen, dass dies nur etwas zwischen uns beiden ist. Verstehen Sie, nur zwischen uns beiden, nicht f\u00fcr andere, nicht f\u00fcr die \u00d6ffentlichkeit, nicht f\u00fcr die Zeitung.<br \/>\nIhre Logik ist bestechend, aber stimmt sie auch?<br \/>\n<\/em><em>Vertrauen Sie mir, sie stimmt. <\/em><\/p>\n<p>Es nagte an ihr, am Abend, in der Nacht. Sollte Paulsen recht haben?<\/p>\n<p><em>Ich m\u00f6chte Ihnen einen Vorschlag machen.<br \/>\nEinen Vorschlag? Machen Sie ihn!<br \/>\nGut, wir f\u00fchren unsere Gespr\u00e4che fort. Ich frage, Sie antworten. Am Ende entscheiden wir gemeinsam, ob daraus ein Artikel f\u00fcr die Zeitung werden soll.<br \/>\nEinverstanden! Denken Sie aber nicht, dass Sie damit den gestern erl\u00e4uterten Konflikten entkommen k\u00f6nnen.<br \/>\nIch wei\u00df, ich kann und werde ihnen nicht entkommen, aber Sie werden ebenfalls in eine schwierige Situation geraten.<br \/>\nIch bin gespannt, erkl\u00e4ren Sie es mir!<br \/>\nNun, SIE werden entscheiden, ob IHR Punkt weiterhin verborgen bleiben soll. Die Zeitung wird ihn \u00f6ffentlich machen. Die Menschen werden dann wissen, warum Sie so und nicht anders sind, was es mit ihrer Gef\u00e4ngnisstrafe auf sich hat, ob Sie zur Gemeinschaft geh\u00f6ren wollen oder weiterhin ein Leben in Abgeschiedenheit f\u00fchren werden.<br \/>\nSie haben recherchiert? Sie kennen ein paar Details aus meinem Leben?<br \/>\nJa, habe ich und deshalb bin ich dessen sicher, was ich soeben gesagt habe.<br \/>\nSie sind schlau und ich gebe Ihnen recht, diese Entscheidung kann nur ich treffen, so wie Sie die ihre treffen werden.<br \/>\n<\/em><\/p>\n<p><em>Helga Feddersen, Sie gr\u00fcbeln?,\u00a0<\/em>fragte der Chefredakteur.<br \/>\n<em>Nein, ich gr\u00fcble nicht, ich denke dar\u00fcber nach, ob und gegebenenfalls welchen Anspruch die \u00d6ffentlichkeit hat, Intimes aus dem Leben eines Menschen zu erfahren.<br \/>\nUnd, zu welchem Entschluss sind Sie gekommen?<br \/>\n<\/em><\/p>\n<p>Eine Wochenendausgabe sp\u00e4ter war Oskar Paulsen Stadtgespr\u00e4ch.<\/p>\n<p>Oskar Paulsen hatte entschieden, der \u00d6ffentlichkeit SEINEN Punkt preiszugeben. Es war nicht Gerechtigkeit im \u00fcblichen Sinn, die Paulsen dazu veranlasste. Es war weit mehr. Es war das Leid eines Menschen, dem Jahre seines Lebens entrissen worden waren, der im Gef\u00e4ngnis sass\u00a0f\u00fcr etwas, das er nicht begangen hatte, dem die Tat eines anderen das eigene Leben zerst\u00f6rte.<\/p>\n<p><em>Wissen Sie, jetzt f\u00fchle ich mich frei, erst jetzt, nach so vielen Jahren! Sie haben es gewu\u00dft, MEINEN Punkt gekannt, schon sehr lange, nicht war?\u00a0<\/em><br \/>\n<em>Ich bin nicht so sicher, ob ich ihn tats\u00e4chlich gekannt oder nur erahnt habe.<\/em><br \/>\n<em>Und Sie? Sind Sie mit sich im Reinen?<\/em><br \/>\n<em>Ja, ich glaube schon. Sie haben mir gezeigt, dass das Innerste eines Menschen keine Handelsware ist, dass wir sehr sorgf\u00e4ltig damit umgehen m\u00fcssen, wenn wir nicht den Anspruch auf unsere Freiheit verlieren wollen.<\/em><\/p>\n<p><span style=\"color: #999999;\">Foto: Creative Commons Lizenz, flickr,\u00a0<a id=\"yui_3_11_0_3_1490964646167_368\" style=\"color: #999999;\" href=\"https:\/\/www.flickr.com\/photos\/tomswift\/\">tomswift46 ( Hi Res Images for Sale)<\/a><\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":3465,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[305],"tags":[901,904,908,902,907,906,905,903,900],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3454"}],"collection":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3454"}],"version-history":[{"count":13,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3454\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3479,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3454\/revisions\/3479"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/media\/3465"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3454"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3454"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3454"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}