{"id":346,"date":"2013-06-20T08:00:34","date_gmt":"2013-06-20T07:00:34","guid":{"rendered":"http:\/\/hkreiter.com\/?p=346"},"modified":"2015-09-06T16:21:57","modified_gmt":"2015-09-06T15:21:57","slug":"5-der-orangenhain","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/5-der-orangenhain\/","title":{"rendered":"(5) Orangenhain"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Oft, wenn uns die Decke auf den Kopf fiel, sind wir raus und haben einen Spaziergang gemacht. Es ist nicht so, dass du in Tripolis nur eint\u00f6nige Wohnh\u00e4user vorfindest. Die Innenstadt ist ohnehin ganz anders, als die Au\u00dfenbezirke. Der Gr\u00fcne Platz, der Hafen, der Suk und so weiter. <!--more-->Bei vielen Geb\u00e4uden siehst du noch den Glanz vergangener Tage, aber das war lange her. Jetzt schrien sie nach Maurer und M\u00f6rtel, nach Farbe, nach Renovierung und Instandsetzung. Fassaden waren nur noch sch\u00f6n anzusehen aus f\u00fcnfzig Meter Entfernung, denn wenn du n\u00e4her gekommen bist, hast du all die Risse gesehen, den Putz, der herab br\u00f6ckelte, die Farbe, die es aufzog, die Fensterl\u00e4den, die schief in den Angeln hingen, die verschlissenen Fensterrahmen und die Steintreppen, denen da und dort ein St\u00fcck fehlte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und die Stra\u00dfen, mit L\u00f6chern \u00fcbers\u00e4te Sandpisten, teilweise noch mit Asphaltfragmenten versehen, andere dagegen neu angelegt, makellos. Die Autobahn nach Leptis Magna war wohl ziemlich neu. Wir waren \u00f6fter bei den Ruinen dieser ehemaligen R\u00f6mischen Handelskolonie, die so um 200 nach Christus \u00fcber 100 000 Menschen beherbergt haben soll. Autobahnfahren ist v\u00f6llig anders, als wir das gewohnt sind. Es sind nicht die Fahrspuren, zwei auf jeder Seite, es ist die Art, wie sie benutzt werden. Da f\u00e4hrt alles, was mit einem Motor ausgestattet ist, und will einer irgendwo links oder rechts abfahren, dann tut er das auch, egal, ob es hierf\u00fcr eine Ausfahrt gibt oder nicht. Damit musst du jederzeit rechnen. Da f\u00e4hrt einer gerade noch rechts neben dir, und urpl\u00f6tzlich reisst er sein Lenkrad herum, f\u00e4hrt dir vor die Schnauze und schwups, \u00fcber den Mittelstreifen, die beiden entgegenkommenden Fahrbahnen, und weg ist er, links abfahren wollte er, und genau das hat er getan, und du bist konsterniert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gleich, wenn du aus Tripolis herauskommst, glaubst du, deinen Augen nicht zu trauen. Da steht ein A-Mast aus Holz, mitten auf dem Mittelstreifen und zur H\u00e4lfte auf der linken Spur. Stromleitungen und Telefonkabel \u00fcberqueren mit seiner Hilfe die Fahrbahnen und verschwinden in den angrenzenden H\u00e4usern. Musst halt aufpassen beim Fahren. Ein anderes Ph\u00e4nomen sind die Kanaldeckel, das hei\u00dft pr\u00e4zise, es handelt sich um Deckel, die du gar nicht siehst. Sie sind weg, einfach verschwunden. Irgend jemand hat sie entfernt. Jetzt L\u00f6cher, wo einst Deckel waren. Nachts ist das besonders interessant. Du kannst nur hoffen, sie immer rechtzeitig auszumachen, die L\u00f6cher.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Unser Spaziergang f\u00fchrt uns hinaus, vorbei an einem Schlachthof, hin zu einem traumhaften Orangenhain oder sagt man Plantage? So weit das Auge reichte Orangen, und was f\u00fcr welche! Saftig ist gar kein Ausdruck daf\u00fcr. Und erst der Geschmack! Ich habe niemals wieder solche Orangen gegessen. Und pl\u00f6tzlich, versteckt zur Linken, eine Pal\u00e4stinenser Flagge. Ein Camp. Uniformierte, bewaffnet, und Wacht\u00fcrme, besetzt, Gewehre, ein Tor, ge\u00f6ffnet. Zelte sind zu sehen, olivgr\u00fcn, Milit\u00e4rzelte, Fahrzeuge, Jeeps. Wir schrecken zur\u00fcck, wissen nicht, wie wir uns verhalten sollen, gehen schlie\u00dflich weiter. Freundliche Stimmen rufen uns zu, Soldaten winken, gr\u00fc\u00dfen, wir gr\u00fc\u00dfen zur\u00fcck und verlieren unsere Scheu. Sp\u00e4ter sind wir noch \u00f6fter dort vorbeigekommen, war immer aufregend und am\u00fcsant zugleich. Mein Kollege hat irgendwann damit begonnen, Orangen in gro\u00dfen Mengen nach Deutschland mitzunehmen. Zu diesem Zweck geh\u00f6rte zu seinem Reisegep\u00e4ck ein extrem gro\u00dfer Koffer, leer auf dem Weg nach Tripolis, gef\u00fcllt mit den wunderbar duftenden Fr\u00fcchten auf dem R\u00fcckweg. Am Zoll hatte er nie ein Problem damit. Und er bekam sie mehr oder weniger stets gratis, die Orangen, wenn man von ein paar Gastgeschenken absieht, die wir aus Deutschland mitbrachten, Dinge, die es dort nicht gab, die aber jeder Mensch gern hat, auch in Libyen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich glaube es war ein Donnerstag, wieder eine jener Einladungen, wo sich alle gerne treffen, ein Glas des Selbstgebrauten trinken und essen, was der Gastgeber zubereitet oder aufgetrieben hat. Einen Partyservice gab&#8217;s in Tripolis damals nicht. Mein Kollege ohne Pass war ebenfalls zugegen. &#8222;Morgen ist es soweit&#8220;, raunte er mir zu. Ich wusste sofort Bescheid, was er damit meinte. Die Fahrt nach Tunesien, er als Passagier, ich als Fahrer, der Grenzposten, alles geplant, hoffentlich gut, dachte ich, dann nahm mich ein Mann beiseite, den ich bis dahin nicht kannte. Er stellte sich vor, war Bauleiter einer deutschen Stra\u00dfenbaufirma. &#8222;Wir haben den Freitag, also morgen, gew\u00e4hlt. Ist Feiertag, wie sie wissen, da passt keiner besonders auf, da wollen sie ihre Ruhe. Wir bringen Ihnen am Morgen ein Fahrzeug, einen Mitsubishi, die R\u00fcckbank haben wir etwas umgebaut, ihr Passagier kann sich darunter verstecken, ist eng, aber f\u00fcr eine kurze Zeit geht es schon. Brauchen sie ja nur, wenn n\u00f6tig, sagen wir, wenn sich jemand neugierig n\u00e4hert, weil sie mal stehen bleiben m\u00fcssen. Sie verstehen schon.&#8220; Ich verstand, war aber nat\u00fcrlich kein Routinier in solchen Dingen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Fahren Sie so, dass die den Posten&#8220;, er dr\u00fcckte mir eine Karte in die Hand, die sehr pr\u00e4zise zeigte, wie ich zu fahren h\u00e4tte, &#8222;zwischen 21 Uhr und nicht sp\u00e4ter als 22 Uhr passieren. Sollte es aus welchen Gr\u00fcnden auch immer nicht klappen und Sie sind sp\u00e4ter dran, auch wenn es nur eine Minute sein sollte, kehren Sie sofort um und fahren zur\u00fcck. Wenn das der Fall ist, k\u00f6nnen Sie hier und hier tanken&#8220;, tippte er auf zwei markierte Stellen auf der Karte. &#8222;Wenn alles glatt geht, und das wird es, glauben Sie mir, steigen Sie an der tunesischen Grenzwache aus und gehen ins Geb\u00e4ude. Jemand wird Sie dort schon erwarten und alles weitere mit Ihnen durchgehen. Ach ja, sollten Sie unterwegs in eine Stra\u00dfenkontrolle geraten, keine Panik, zeigen Sie Ihren Pass und sagen wahrheitsgem\u00e4\u00df, Sie wollten das Land per Auto \u00fcber Tunesien verlassen, das ist nicht verboten. Ihr Passagier muss solange unter die R\u00fcckbank. Wird&#8217;s brenzlig, geben Sie Gas und hauen ab, so schnell es geht. Versuchen Sie einen dieser Punkte zu erreichen&#8220;, und wieder tappte er mit dem Finger auf zwei Stellen der Karte, &#8222;dort wird man sich um Sie k\u00fcmmern. Aber keine Panik, wird nicht soweit kommen, vertrauen Sie mir.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich vertraute ihm, was blieb mir anderes \u00fcbrig. Zum Abschied dr\u00fcckte er mir noch ein B\u00fcndel Scheine in die Hand. &#8222;Damit Sie in Tunesien fl\u00fcssig sind. Dinare f\u00fcr hier haben Sie, nehme ich an?&#8220; Hatte ich. Dann war er weg, ohne sich von irgend jemanden verabschiedet zu haben. Mein Kollege wusste nichts von meinem bevorstehenden Abenteuer und so sollte es auch bleiben. Jemand w\u00fcrde ihn morgen in aller fr\u00fch aus dem Haus locken, in den St\u00fctzpunkt bringen, weil man dort mit ihm eine Vertriebssache besprechen wolle, die keinen Aufschub dulde, und wozu man mich nicht brauche. Trotz der einigerma\u00dfen gut funktionierenden Klimaanlage sp\u00fcrte ich, wie mir der Schwei\u00df aus allen Poren trat. Meine Stirn, der Nacken, alles klatschnass, das Hemd klebte am K\u00f6rper. Ich war nerv\u00f6s, nein, ich war mehr als das, ich versp\u00fcrte Panik. <em>Hoffentlich machst du keinen<\/em> <em>Fehler<\/em>, sagte ich zu mir, <em>das kann in Libyen t\u00f6dlich enden<\/em>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em><span style=\"color: #808080;\">Foto von <a title=\"P Valdivieso\" href=\"http:\/\/www.flickr.com\/photos\/p_valdivieso\/\" target=\"_blank\"><span style=\"color: #808080;\">P Valdivieso<\/span><\/a> unter einer <a title=\"creative commons 2.0\" href=\"http:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-nc-nd\/2.0\/\" target=\"_blank\"><span style=\"color: #808080;\">Creative Commons Lizenz<\/span><\/a>.<\/span><\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":366,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[710],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/346"}],"collection":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=346"}],"version-history":[{"count":35,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/346\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2079,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/346\/revisions\/2079"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/media\/366"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=346"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=346"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=346"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}