{"id":3495,"date":"2017-04-13T13:59:50","date_gmt":"2017-04-13T12:59:50","guid":{"rendered":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/?p=3495"},"modified":"2017-04-24T23:18:43","modified_gmt":"2017-04-24T22:18:43","slug":"blickfang-ein-bayerischer-tatort","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/blickfang-ein-bayerischer-tatort\/","title":{"rendered":"Blickfang &#8211; ein bayerischer Tatort"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: left;\"><em>Wir wissen nicht, warum er es getan hat<\/em>, sagen die Leute. <em>Keiner wei\u00df es<\/em>, sagt der Herr Kaplan.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Der l\u00fcsterne Blick des Mannes vorne am Altar galt zweifellos dem M\u00e4dchen rechts in der ersten Reihe. Die Ministranten schleppten die sakralen Utensilien umher: die Heilige Schrift, ein schweres Buch mit Goldschnitt, Weihrauchgef\u00e4\u00dfe und K\u00e4nnchen mit Wein und Wasser.<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Mit aufreizender, von Routine gepr\u00e4gter Gelassenheit verrichtete der Herr Pfarrer die gebotenen liturgischen Rituale. Zu bestimmten Anl\u00e4ssen knieten die Ministranten nieder und bet\u00e4tigten die rechts daneben stehenden\u00a0Glocken, vier Schellen an einem Griff, deren heller Klang von den Gl\u00e4ubigen forderte, sich \u00a0zu bekreuzigen, was diese auch sehr eifrig taten.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Und immer wieder dieser Blick. Alle in der Kirche mussten es sehen. Aber sie sahen es nicht. Nicht das M\u00e4dchen in der ersten Reihe mit dem niedlichen Gesicht, umrahmt von blondem Haar sah es. Nicht die Eltern sahen es, nicht die Nachbarn, nicht die Freunde, niemand.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Doch gab es einen Menschen in dem Gotteshaus, dem das ungew\u00f6hnliche Spiel des Mannes am Altar nicht verborgen blieb. Von der letzten Reihe aus konnte der Beobachter zwar das Verbotene in den Blicken nicht erkennen, wohl aber deren Ziel\u00a0ausmachen.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Hurtig streifte der Herr Pfarrer oder auch Hochw\u00fcrden, wie er oft benannt wurde, die Messgew\u00e4nder \u00fcber Schultern und Kopf, legte sie auf einen Stuhl und bedeutete dem Kirchendiener, diese wegzur\u00e4umen &#8211; wie nach jeder Messe.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Das M\u00e4dchen aus der ersten Reihe gesellte sich zu den Eltern und Nachbarn, ein paar Freunde eilten noch herbei, dann gingen sie gemeinsam nach Hause.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Sp\u00e4ter wu\u00dfte niemand zu sagen, was geschehen war, auch der Beobachter aus der Kirche nicht. Selbst den Eltern war nichts aufgefallen. Als sie jedoch zuhause ankamen, bemerkten sie,\u00a0dass ihr blonder Engel fehlte. All die anderen waren da, die Nachbarn, auch die Freunde, nur die kleine Blonde nicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">F\u00fcnf waren es oder gar sechs? Kleine schwarze Kn\u00e4uel.\u00a0<em>Willst reinkommen? Wenn du magst?,\u00a0<\/em>fragte die freundliche Frau. Sie war ein paar Schritte hinter den anderen zur\u00fcckgeblieben, die einfach so dahin liefen, wie jeden Sonntag.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Panik machte sich breit, im Haus, am Ort, \u00fcberall. Nachbarn versammelten sich und brachen in Gruppen auf, um nach dem M\u00e4dchen zu suchen.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Mit beiden H\u00e4nden im Kn\u00e4uel w\u00fchlend sp\u00fcrte sie manchmal die kleinen scharfen Z\u00e4hne der Hundebabys und vergass alles um sich herum, hatte kein Gesp\u00fcr mehr f\u00fcr die Zeit. Nur noch diese kleinen, niedlichen Wesen!<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Was denn los sei,<em>\u00a0<\/em>wollte der Herr Pfarrer wissen und der Herr Kaplan pflichtete eifrig bei, \u00a0<em>ja, was in Gottes Namen ist denn los?<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Ein Passant erkl\u00e4rte es den beiden, reihte sich wieder ein und folgte seiner Gruppe, um die Felder hin zum Wald abzusuchen.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Beinahe \u00fcbergangslos brach die Nacht herein. <em>Wir suchen weiter<\/em>, sagten die Nachbarn.\u00a0Die Mutter, in der K\u00fcche auf einem Stuhl sitzend , verzweifelt und von trockenem Schluchzen geplagt, nickte nur. Der Vater rastlos im Garten auf und ab\u00a0laufend, blickte verst\u00e4ndnislos auf, so, als habe er nicht verstanden, was man ihm soeben mitgeteilt hatte.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><em>Ich glaube, ich muss jetzt wieder gehen, war sch\u00f6n, so mit den Kleinen zu spielen,\u00a0<\/em>sagte das M\u00e4dchen und erhob sich.\u00a0<em>Wenn du meinst,\u00a0<\/em>sagte die Frau.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Schon sehr fr\u00fch am Morgen kamen die Nachbarn wieder zusammen, jedenfalls jene, die nicht zur Arbeit mussten, und setzten die Suche fort.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Einzig der Herr Pfarrer h\u00e4tte etwas berichten k\u00f6nnen, aber er sagte nichts. Eine viertel Stunde oder vielleicht auch zwanzig Minuten war er letzte Nacht durch die Gegend gelaufen &#8211; den Kopf frei bekommen. Er wusste um sein Problem, das ihm immer mehr zu schaffen machte\u00a0&#8211; die M\u00e4dchen in ihren kurzen R\u00f6cken und den engen Hosen, wie sie da so dasassen, vorne, in der ersten Reihe. Und, mit einem Mal sah er jemanden aus dem Haus vorne an der Ecke kommen.\u00a0<em>Das ist doch&#8230;!,\u00a0<\/em>zischte er leise vor sich hin.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Am Montag Nachmittag schaltete sich schlie\u00dflich auch die Polizei ein. Schweren Herzens waren die Eltern auf dem Revier erschienen und hatten ihr Leid geklagt.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Suchtrupps durchst\u00f6berten, was von den Nachbarn schon durchst\u00f6bert war und Hundef\u00fchrer mit imposanten Sch\u00e4ferhunden durchkreuzten das Gel\u00e4nde.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><em>Pass gut auf,<\/em>\u00a0sagte die Frau,\u00a0<em>ist schon dunkel! Oder soll ich dich ein St\u00fcck begleiten? Nein, nein,\u00a0<\/em>sagte das M\u00e4dchen, <em>ich <\/em><em>kenne den Weg.\u00a0<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Der Mann, der w\u00e4hrend der Messe am Sonntag seine Beobachtungen gemacht hatte und ein junger Kollege trafen wenig sp\u00e4ter am Haus der Eltern ein. Landeskriminalamt, stellten sie sich vor. Die Eltern berichteten, was sie wu\u00dften und das war nicht sehr viel.\u00a0<em>Dann gehen wir mal die Nachbarn befragen,\u00a0<\/em>sagte der \u00c4ltere und sie verlie\u00dfen das Haus.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><em>Tut mir leid, \u00a0<\/em>sagte die Frau und sch\u00fcttelte den Kopf,\u00a0<em>ich habe das M\u00e4dchen nicht gesehen. Sehen Sie, ich bin viel mit den Hunden besch\u00e4ftigt, sechs umtriebigen Welpen, da bleibt keine Zeit f\u00fcr anderes. Tut mir leid,\u00a0<\/em>wiederholte sie. Die beiden Kriminalbeamten\u00a0bedankten sich und suchten das n\u00e4chste Haus auf.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><em>Sehen Sie an der Kirche,\u00a0<\/em>sagte der J\u00fcngere,\u00a0<em>die Leute. Was hat das zu bedeuten?\u00a0Gehen wir hin\u00fcber, <\/em>meinte der \u00c4ltere<em>, dann werden wir es erfahren<\/em>.\u00a0<em>Was ist denn los?,\u00a0<\/em>fragten sie in die Menge hinein.\u00a0<em>Der Herr Pfarrer&#8230;\u00a0<\/em><em>Nun, was ist mit ihm?,\u00a0<\/em>fragte der J\u00fcngere.\u00a0<em>Zu Tode gest\u00fcrzt, vom Kirchturm.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Die Untersuchungen ergaben nichts. Es konnte Absicht gewesen sein oder auch ein Unfall. Vieles sprach f\u00fcr Letzteres. Der morsche Teil eines Gel\u00e4nders hatte nachgegeben. Was der Pfarrer da oben in den Morgenstunden allerdings gewollt hatte, blieb unaufgekl\u00e4rt. Es wurde gesagt, er sei \u00f6fter mal hochgestiegen, um die Zeiger der Turmuhr nachzustellen.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Das M\u00e4dchen blieb verschollen. Noch heute, Jahre danach, soll es immer noch eine Sonderkommission bei der Polizei geben, um das mysteri\u00f6se Verschwinden der Kleinen aufzukl\u00e4ren.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Die kleinen Welpen wuchsen heran und entwickelten sich zu pr\u00e4chtigen Tieren. Gelegentlich sah man den Herrn Kaplan von damals, der nunmehr die Stelle des Pfarrers inne hatte, im Haus seiner Tante mit eben diesen Hunden herumtollen.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Manchmal, wenn irgendwo auf unerkl\u00e4rliche Weise wieder einmal ein M\u00e4dchen verschwand, seufzte die Tante aus tiefstem Herzen, bekreuzigte sich und bat den Herrn inbr\u00fcnstig um Vergebung.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Niemals hatte sie mit ihm dar\u00fcber gesprochen, aber sie wu\u00dfte es von dem Moment an, als er damals, kurz nachdem die Kleine das Haus verlassen hatte, schwitzend und mit fahrigen Bewegungen vor der T\u00fcre gestanden war.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><em><span style=\"color: #999999;\">Foto: Creative Commons Lizenz, flickr, <a id=\"yui_3_11_0_3_1492086956837_368\" style=\"color: #999999;\" href=\"https:\/\/www.flickr.com\/photos\/h-k-d\/\">h.koppdelaney<\/a> \u00a0<\/span> \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0<\/em><em>\u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0\u00a0<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":3513,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[703],"tags":[921,919,922,924,920,797,720,923],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3495"}],"collection":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3495"}],"version-history":[{"count":17,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3495\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3515,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3495\/revisions\/3515"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/media\/3513"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3495"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3495"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3495"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}