{"id":3517,"date":"2017-04-24T23:13:27","date_gmt":"2017-04-24T22:13:27","guid":{"rendered":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/?p=3517"},"modified":"2017-10-15T19:50:22","modified_gmt":"2017-10-15T18:50:22","slug":"der-pfau-aufstieg-und-fall-13-kapitel-ueber-eine-verworrene-zeit","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/der-pfau-aufstieg-und-fall-13-kapitel-ueber-eine-verworrene-zeit\/","title":{"rendered":"Der Pfau &#8211; Aufstieg und Fall &#8211; 13 Kapitel \u00fcber eine verworrene Zeit."},"content":{"rendered":"<p><strong>April 2017<\/strong><\/p>\n<p><strong>Entwurf einer Geschichte, auf der Grundlage zweier Kurzgeschichten von Egbert Schmitt<\/strong><\/p>\n<ol>\n<li>Alles h\u00e4ngt mit allem zusammen&#8230; (www.e-stories.de)<\/li>\n<li>\u00dcber die Minderheit der Schamlosen&#8230;(www.e-stories.de)<\/li>\n<\/ol>\n<p><strong>Mitwirkende:<\/strong><\/p>\n<ol>\n<li><strong>Julius Pongratz<\/strong> \u2013 ein vertr\u00e4umter Realist<\/li>\n<li><strong>Bettina Lichtenzweig<\/strong> \u2013 eine junge Frau, die gerne glaubt, was man ihr sagt<\/li>\n<li><strong>Herbert Ehrenberg<\/strong> \u2013 ein Manager, der wei\u00df, wie man nach oben kommt<\/li>\n<li><strong>Sofia Liebreiz<\/strong> \u2013 eine Frau um die Vierzig, die sich immer schon gerne gegen alles aufgelehnt hat<\/li>\n<\/ol>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>(1)<\/strong><\/p>\n<p>Julius Pongratz war ein durchaus vertr\u00e4glicher Mensch. Im beschaulichen Oberammergau das Licht der Welt erblickt, bekam er schon mit der Muttermilch die sprichw\u00f6rtliche Gelassenheit der Menschen dieser Region eingefl\u00f6\u00dft. Der Vater, ein Beamter im bayerischen Staatsdienst, wurde immer wieder versetzt und so verschlug es die Familie quer durch alle Regionen Bayerns, gerade so, wie es eben die Karriere des Familienoberhauptes verlangte.<!--more--><\/p>\n<p>Julius, wohl erzogen, erwies sich als lebensnaher Mensch mit einem gesunden Verstand f\u00fcrs Reale. Abitur, nichts Anderes w\u00e4re f\u00fcr den strebsamen Sohn eines h\u00f6heren Regierungsbeamten denkbar gewesen, Studium in M\u00fcnchen, auch das war quasi vorgegeben, und nunmehr Doktor jur., also der Rechtswissenschaften, und mit dem gleichen Selbstverst\u00e4ndnis wie der Vater der Beamtenlaufbahn einverleibt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>An diesem Tag stand der gute Julius an einer der vielen verkehrsdurchstr\u00f6mten Adern der Landeshauptstadt und versuchte ziemlich zwecklos, das andere Ufer zu erreichen. Von gegen\u00fcber lachte ihn der imposante Sitz der Regierung von Oberbayern an. Das im neugotischen Stil Maximilians 1864 fertiggestellte Dienstrefugium sollte er in sp\u00e4testens sieben Minuten erreicht haben, andernfalls&#8230;, aber soweit mochte Julius gar nicht erst denken, denn er kam niemals zu sp\u00e4t. Weiter vorne h\u00e4tte es eine Ampel gegeben, aber daf\u00fcr war jetzt keine Zeit mehr. Was selten vorkam: Julius fasste sich ein Herz, warf jedwede Erziehung \u00fcber Board und hechtete todesmutig zwischen den endlosen Autoschlangen hindurch zur anderen Stra\u00dfenseite.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>(2)<\/strong><\/p>\n<p>Bettina Lichtenzweig gr\u00fc\u00dfte fl\u00fcchtig, als Julius auf die Minute p\u00fcnktlich das Sitzungszimmer betrat. Kaum hatte er Platz genommen und ein paar Schreibutensilien vor sich auf dem Tisch drapiert, er\u00f6ffnete ein hagerer Mann im dunklen Anzug um die f\u00fcnfzig die Sitzung. Kein Zweifel, dieser Herr geh\u00f6rte nicht dem Regierungslager an. \u201eSch\u00f6n, dass es unser verehrter Kollege aus dem Ministerium auch noch geschafft hat\u201c, sagte er und erkl\u00e4rte dann in d\u00fcnnen Worten, weswegen sie heute zusammengekommen waren.<\/p>\n<p>\u201eKann es sein, dass er Sie nicht mag?\u201c, fragte Bettina Julius in einer Pause.<br \/>\n\u201eKeine Sorge, das beruht auf Gegenseitigkeit.\u201c<\/p>\n<p>Bettina geh\u00f6rte den Gr\u00fcnen im Landtag an und Julius fand sie immer wohltuend sachlich. Heute ging es um ein Thema, das der Landtag zur Kl\u00e4rung von Sachfragen an einen Arbeitskreis verwiesen hatte, bei dem er, Julius, die Rechtsauffassung seines Ministeriums vertrat.<\/p>\n<p>\u201eWissen Sie, wir Gr\u00fcne wollen das Vorhaben einerseits durchaus unterst\u00fctzen, aber&#8230;\u201c \u201e&#8230;andererseits\u201c, fiel ihr Julius ins Wort, \u201ewollen Sie nicht zustimmen, solange der Ehrenberg in dieser Sache st\u00e4ndig die Belange seiner Firma in den Vordergrund peitscht, stimmt\u2019s?\u201c<br \/>\n\u201eJa, warum soll ich es nicht zugeben? Dieser Herr hat uns doch alle miteinander schon so oft hinters Licht gef\u00fchrt, dass wir einfach kein Vertrauen mehr in ihn haben.\u201c<br \/>\n\u201eUnd vergessen Sie nicht Ihre Freunde von den Sozis. Die wollen das Vorhaben sowieso kippen, aber nicht, weil es sachlich unbegr\u00fcndet w\u00e4re, sondern, weil es von der Regierung kommt. Habe ich nicht auch hier recht?\u201c<br \/>\n\u201eNa ja, vielleicht ein wenig\u201c<br \/>\n\u201eSehen Sie, mein Vorteil ist: Ich bin nur der ministerielle Vertreter f\u00fcr die rechtliche Seite, die politischen Entscheidungen m\u00fcssen Sie dann im Landtag treffen.\u201c<\/p>\n<p>Am Ende der Sitzung gr\u00fc\u00dfte Julius noch kurz hin\u00fcber zu Bettina, was diese mit einem L\u00e4cheln und kurzem Nicken quittierte, dann machte er sich eilig auf den Weg in die nahegelegene Staatskanzlei.<\/p>\n<p>\u201eKommen Sie, nehmen Sie Platz\u201c, sagte der Staatssekret\u00e4r, schlank, dunkler Zweireiher, Sakko geschlossen, und wies auf ein paar St\u00fchle, die um einen Tisch gruppiert waren. \u201eWie ist es gelaufen?\u201c, kam er ohne Umschweife gleich auf den Punkt.<\/p>\n<p>Julius erl\u00e4uterte, dass die rechtlichen Bedenken ausger\u00e4umt seien, es jedoch zu gewissen Verwerfungen, ja, er sagte Verwerfungen, wegen Herrn Ehrenberg gekommen sei.<br \/>\n\u201eAlso, nichts Sachliches?\u201c, fragte der Staatssekret\u00e4r dazwischen, derweil der Begriff Verwerfungen der strengen Mine seines Konterfeis einen wohlwollenden Blick entlockte.<br \/>\n\u201eNein, die Gr\u00fcnen m\u00f6gen den Ehrenberg nicht und die Roten, na ja, deren Begr\u00fcndung f\u00fcr die Ablehnung kennen Sie ja. Die Freien stimmen zu.\u201c<br \/>\n\u201eDanke, ich werde es dem Minister berichten.\u201c<\/p>\n<p>Was f\u00fcr ein Zirkus, dachte Julius. Wie so oft waren nicht die Inhalte, sondern ganz banale Befindlichkeiten ausschlaggebend: Von wem kam die Vorlage? Waren Zugest\u00e4ndnisse f\u00fcr eigene Vorhaben zu ergattern? Wer mischte an einflussreicher Stelle sonst noch mit?<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>(3)<\/strong><\/p>\n<p>\u201eBei uns stehen doch immer die Sachthemen im Vordergrund, nicht wahr?\u201c, sagte Sofia Liebreiz in die Kamera &#8211; ZDF am Donnerstagabend. Polittalk, da kannte sie sich aus. Sie wurde gerne eingeladen und nahm es auch sehr gerne an. Wo kann ich meine Meinung wirkungsvoller kundtun als im Fernsehen?, war eine ihrer beliebten rhetorischen Fragen. Sofia wusste sehr genau, wie sie sich in Szene setzen musste, bei welchen Gelegenheiten Nachdenken angesagt war und wann eine schnelle Antwort den Vorteil brachte.<\/p>\n<p>\u201eFrau Liebreiz\u201c, sagte die Moderatorin der Sendung, \u201eSie treten seit Jahren f\u00fcr mehr Demokratie ein. Was konkret meinen Sie damit?\u201c<br \/>\n\u201eNun, wie Sie wissen, geh\u00f6re ich keiner Partei an. Wohl aber sprechen wir freien Journalisten miteinander und er\u00f6rtern unsere Vorhaben und Zielsetzungen. Deshalb kann ich mit Recht behaupten, UNS sind die Sachthemen immer wichtiger, als das Geschacher um Posten.\u201c<br \/>\n\u201eWeil Sie keine Posten anstreben?\u201c, fragte die Moderatorin dazwischen.<br \/>\n\u201eJa, zum Beispiel deshalb, aber es gibt noch viele andere Gr\u00fcnde, sich an dem Postenpoker nicht zu beteiligen. Zu Ihrer Frage: Demokratie beginnt doch damit, dass die W\u00e4hler, das Volk also, jene Frauen und M\u00e4nner mit Mandaten ausstatten, von denen sie \u00fcberzeugt sind, dass sie ihre Geschicke am besten regeln k\u00f6nnen. Durch direkte Beteiligung sollen die B\u00fcrger aber auch darauf Einfluss nehmen k\u00f6nnen, ob sie bestimmte Vorhaben unterst\u00fctzen wollen oder eben nicht. Solche Volksbefragungen m\u00fcssen m\u00f6glich werden und f\u00fcr die Politik bindend sein. Das Volk braucht mehr Kontrolle \u00fcber die Politik \u2013 das ist der Punkt.\u201c<\/p>\n<p>Nerv\u00f6s oder auch betont ruhig, ja beinahe gelangweilt wirkend, reagierten manche der Teilnehmer auf Sofia Liebreizes Statements.<\/p>\n<p>\u201eDas kennen wir nun schon von Ihnen, Frau Liebreiz\u201c, bemerkte der Vertreter der neuen Partei, die landl\u00e4ufig als rechtspopulistisch bezeichnet wird. \u201eSie sto\u00dfen immer ins gleiche Horn, aber konkrete Vorschl\u00e4ge kommen nicht, da haben Sie nichts im Petto. Wir dagegen schon, weshalb die Menschen uns auch w\u00e4hlen, w\u00e4hrend andere Parteien massiv an Stimmen verlieren.\u201c<\/p>\n<p>W\u00e4hrend die Moderatorin erfolglos versuchte, das Heft wieder in die Hand zu bekommen, war Sofia Liebreiz schon in ihrem Element.<br \/>\n\u201eSie und Ihre dubiose Partei verf\u00fcgen \u00fcber konkrete Vorschl\u00e4ge? Da muss ich ja lachen. Welche denn? Abgekupfertes verwenden Sie, mal von den Christlichen, mal von den Gr\u00fcnen, mal sogar von den Freidemokraten und sogar von den Linken, wenn\u2019s passt. Sie haben nichts, ich betone: rein gar nichts Eigenes mit Substanz! Erkl\u00e4ren Sie den Zuschauern doch mal, wie es kommt, dass man in Ihrer Partei gerne Personen antrifft, die davor schon als Mitglieder in anderen Parteien so gut wie nicht aufgefallen sind, keine Funktionen ausge\u00fcbt und h\u00f6chstens Mittelma\u00df entwickelten haben! Sie sind im engeren Sinn noch nicht einmal rechtspopulistisch, auch, wenn dies gerne behauptet wird, denn dazu m\u00fcssten Sie einen Standpunkt einnehmen, aber selbst hierzu sind Sie nicht f\u00e4hig. Sie fischen im braunen T\u00fcmpel ohne eigene Meinung und nehmen alles mit, egal woher es kommt, nicht wahr. Heute so und morgen so, das ist ihr Motto. Sie spielen mit den Menschen, nutzen deren innere Zerrissenheit, um daraus Kapital zu schlagen, aber nicht, um etwas f\u00fcr diese Menschen zu ver\u00e4ndern. Nein, Sie tun es, um Stimmen zu fangen, die Ihnen aufgrund der staatlichen Zusch\u00fcsse ein angenehmes Leben bescheren. Sie tun es, weil lukrative Posten winken und Sie tun es, weil Sie \u00f6ffentlichkeitsgeil sind, um mal ein Wort aus der modernen Sprache zu verwenden.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>(4)<\/strong><\/p>\n<p>Herbert Ehrenberg war ganz oben. H\u00f6her ging es kaum noch. Als Vorstandsvorsitzender eines der gr\u00f6\u00dften Elektrokonzerne war er \u00fcberall ein gefragter Mann. Die Kanzlerin bestellte ihn als st\u00e4ndigen Berater, andere sch\u00e4tzten die Ehre, Ehrenberg als Vorsitzenden des Aufsichtsrates bezahlen zu d\u00fcrfen, wieder andere f\u00fchlten sich geschmeichelt, Mitglied im selben Club wie Ehrenberg zu sein, und vieles mehr.<\/p>\n<p>Ehrenberg war ein ehrgeiziger Mensch, dem Flei\u00df, Disziplin und Zielstrebigkeit als oberste Maximen galten. Und noch ein wichtiges Merkmal pr\u00e4gte seinen Charakter: Ehrenberg lie\u00df niemanden und nichts neben sich gelten. Ein stets freundliches L\u00e4cheln begleitete dabei seinen Lebensalltag. Es gibt niemanden, der f\u00fcr dich ist, pflegte er gerne als Motto auszugeben, wenn danach gefragt und sie, die TVs der Welt, fragten ihn bei jeder passenden Gelegenheit danach: in Interviews, bei Talkshows, wo immer sie ihn erwischten.<\/p>\n<p>\u201eEin Kritiker aus Ihrem Heimatland hat k\u00fcrzlich, auf F\u00fchrungskader angesprochen, gesagt, Zitat: Soziopathen umgeben uns seit Anbeginn der Zeitrechnung und ziehen eine zweibeinige Schneise moralischer Verw\u00fcstung durch Wohn und Lebensraum der Weltgeschichte. Was sagen Sie dazu? Hat es Sie betroffen gemacht? Insbesondere, wenn er die Frage anf\u00fcgt, ob nur Soziopathen an wichtige F\u00fchrungspositionen kommen, weil es mehr oder weniger nur solche gibt, die es schaffen, sich durchzusetzen, zum Wohle eines Wirtschaftsunternehmens, Staatsgebildes oder g\u00e4ngiger Religionsgemeinschaften.\u201c<br \/>\n\u201eIch kenne den Kritiker nicht und habe auch nie von ihm geh\u00f6rt, aber was denkt sich dieser Mensch eigentlich, wie die Welt funktioniert? Glaubt er, die Menschheit w\u00e4re dort, wo wir heute sind, wenn die entscheidenden F\u00fchrungspositionen von Luschen und Gef\u00fchlsenthusiasten besetzt w\u00e4ren? Wer ist jetzt Soziopath? Sind Soziopathen nicht Personen, die nicht oder nur eingeschr\u00e4nkt Mitgef\u00fchl empfinden k\u00f6nnen? Wir haben doch jedes Mitgef\u00fchl f\u00fcr die gro\u00dfen Entwicklungen in der Welt! Denkt nicht kleinkariert, wer dieses nicht sieht?\u201c<\/p>\n<p>\u201eAber, best\u00e4tigen Sie damit nicht gerade die Kritik an den Ursachen der desastr\u00f6sen Zust\u00e4nde in der Welt?\u201c<\/p>\n<p>\u201eWo soll das sein? Etwa hier im Westen, in Deutschland oder im Osten, in China, in Japan? Ich sehe das nicht. Nehmen Sie als Beispiel die Entwicklung Chinas der letzten 20 Jahre. Was f\u00e4hrt dort auf den Stra\u00dfen, was wird dort produziert, gibt es eine Nation, die st\u00e4rker expandiert hat? Ist doch Humbug! Nur, weil es Leute gibt, die Entscheidungen jenseits moralgeschw\u00e4ngerter Gef\u00fchle treffen, merken Sie sich diesen Ausdruck, geht es in der Welt voran, nicht umgekehrt!\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>(5)<\/strong><\/p>\n<p>\u201eHerr Pongratz, Sie sollen zum Chef\u201c, sagte der blonde Schopf, der am T\u00fcrrahmen gelehnten Abteilungssekret\u00e4rin. Pongratz schloss nur selten die T\u00fcre zum Vorzimmer.<\/p>\n<p>\u201eNehmen Sie Platz\u201c, sagte der Mann im dunkelblauen Bossanzug mit einem gewinnenden L\u00e4cheln, das, so schien es, weil weit verbreitet, eine der Voraussetzungen war, um in den h\u00f6heren ministerialen Dienst aufzusteigen. \u201eSie haben einen guten Eindruck hinterlassen. Die Staatskanzlei, kein geringerer als der Herr Staatssekret\u00e4r mit dem Doppelnamen, war vorhin am Telefon. Das Projekt Ehrenberg, wie sie es dort intern bezeichnen, war Gegenstand der Lagebesprechung beim Ministerpr\u00e4sidenten und dabei ist Ihr Name gefallen. Kurzum, Sie sollen heute Nachmittag gegen 16:00 Uhr r\u00fcberkommen, der Ministerpr\u00e4sident m\u00f6chte mit Ihnen sprechen.\u201c<br \/>\nAlso stand er nun hier im Vorzimmer des Ministerpr\u00e4sidenten, nachdem er die entsprechende Sicherheitsschleuse passiert hatte. \u201ePongratz, Julius Pongratz\u201c, stellte er sich vor und erinnerte sich dabei irgendwie in die Schulzeit zur\u00fcckversetzt.<\/p>\n<p>\u201eEinen Augenblick, Herr Doktor Pongratz\u201c, sagte eine der Damen hinter dem Tresen, \u201eder Herr Ministerpr\u00e4sident ist gleich f\u00fcr Sie da. Nehmen Sie doch bitte noch so lange Platz.\u201c<\/p>\n<p>Das war keine Bitte, sondern ein Befehl und artig setzte sich Julius in einen der Sessel.<\/p>\n<p>\u201eHerr Ministerpr\u00e4sident, Herr Doktor Pongratz\u201c, sagte die Sekret\u00e4rin, bat Julius einzutreten und schloss augenblicklich die jedes Ger\u00e4usch absorbierende T\u00fcre zum B\u00fcro des Allerheiligsten.<\/p>\n<p>\u201eGr\u00fc\u00df Sie Herr Pongratz\u201c, das war der Unterschied, der Landesvater lie\u00df den Doktor einfach weg. Einen Augenblick sp\u00e4ter sa\u00df Julius dem gro\u00dfen und gewichtigen Mann des Bayerischen Freistaates gegen\u00fcber, getrennt nur von einem gro\u00dfz\u00fcgigen, beinahe \u00fcppig zu nennenden, aber modernen Schreibtisch, auf dem so gut wie nichts lag, keine Akten, keine Stifte, keine B\u00fcroutensilien, bis auf zwei Telefone schlicht nichts.<\/p>\n<p>\u201eSie haben gute Arbeit geleistet, ich meine das Vorhaben Ehrenberg, so nennen wir es hier.\u201c Julius wollte eine abwehrende Geste machen und irgendetwas sagen wie, das sei doch seine Aufgabe und nicht der Rede wert, aber der Ministerpr\u00e4sident winkte ab und fuhr stattdessen fort: \u201eLeute wie Sie brauchen wir! Sie sind nicht in der Partei? Vielleicht wollen Sie es sich \u00fcberlegen. Sprechen Sie die n\u00e4chsten Tage mit Herrn Sch\u00e4umer, unserem Sekret\u00e4r, ich habe ihn bereits informiert.\u201c Da staunte der Julius. Es war schon alles einget\u00fctet, ohne ihn zu fragen. Hatte er eine Wahl?<br \/>\n\u201eIch wusste, dass Sie f\u00fcr diese Aufgabe der richtige sind, habe es gar nicht anders erwartet. Sie behalten nat\u00fcrlich Ihren Job im Ministerium, eine Stufe h\u00f6her vielleicht, aber das besprechen Sie alles mit dem Sch\u00e4umer. Hat mich gefreut, wir sehen uns sicher noch \u00f6fter, jetzt, nachdem Sie zu uns geh\u00f6ren!\u201c<br \/>\nDamit stand Julius wieder im Vorzimmer. Hatte er \u00fcberhaupt etwas gesagt, da drinnen im B\u00fcro des Allm\u00e4chtigen? Wenn ja, dann h\u00f6chstens Belangloses, aber wahrscheinlich hatte er tats\u00e4chlich nichts gesagt. Eine neue Erfahrung in seinem Leben!<\/p>\n<p>\u201eHerr Sch\u00e4umer erwartet Sie morgen fr\u00fch um achtuhrdrei\u00dfig in der Nyphenburger Stra\u00dfe. Wir haben das f\u00fcr Sie schon organisiert.\u201c<\/p>\n<p>Damit war er endg\u00fcltig entlassen.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>(6)<\/strong><\/p>\n<p>Wie benommen verlie\u00df Julius die Staatskanzlei, schritt einfach ziellos geradeaus, als er vielleicht drei\u00dfig Meter entfernt jemanden winken sah. Es war Bettina Lichtenzweig, die Gr\u00fcne. \u201eSie kommen von da?\u201c, fragte Bettina unumwunden.<br \/>\n\u201eJa\u201c, war alles, was ihm als Antwort einfiel.<br \/>\n\u201eHaben Sie Lust auf einen Cappuccino?\u201c, fragte Bettina, die Julius nicht nur attraktiv fand, sondern auch seiner Einsilbigkeit auf die Spur kommen wollte. Ein paar Minuten sp\u00e4ter sa\u00dfen sie im Eisbach und hatten das Bestellte vor sich auf dem Tisch.<\/p>\n<p>\u201eWissen Sie, dass ich manchmal dar\u00fcber nachdenke, wie mein Leben verlaufen w\u00fcrde oder besser gesagt, verlaufen w\u00e4re, wenn die eine oder andere Begebenheit nicht eingetreten w\u00e4re. Nehmen wir zum Beispiel unser Zusammentreffen von soeben. W\u00fcrden wir beide jetzt hier sitzen oder vielleicht doch nicht? H\u00e4tte es eventuell einen anderen Umstand gegeben, der uns trotzdem hier zusammengef\u00fchrt h\u00e4tte oder was w\u00fcrde Ihnen und mir wiederfahren, wenn wir uns nicht getroffen h\u00e4tten?\u201c<\/p>\n<p>Julius schaut leicht verbl\u00fcfft auf Bettina, und sagte lapidar: \u201eSolch weltbewegende Fragen besch\u00e4ftigen Sie?\u201c Im gleichen Moment wusste er, dass seine Antwort nicht so ganz angebracht gewesen war und er unternahm den Versuch einer Korrektur: \u201eIch meine, Ihre philosophische Ader hat mich, zugegeben, etwas \u00fcberrascht.\u201c<\/p>\n<p>\u201eIst doch ein interessantes Gedankenspiel, bestimmte Situationen immer wieder neu wiederholen und durchleben zu k\u00f6nnen, und zwar beliebig oft, bis sich ein Umstand so eingestellt h\u00e4tte, wie ich es mir erw\u00fcnscht habe.\u201c<br \/>\n\u201eSie wollen die Uhr anhalten, das Weltgeschehen anhalten, vielleicht sogar den gesamten Kosmos, nur um eine ganz bestimmte Situation f\u00fcr sich anders zu gestalten?\u201c<br \/>\n\u201eJa, gedanklich, nicht wirklich\u201c, erwiderte Bettina.<br \/>\n\u201eNat\u00fcrlich gedanklich. Wissen Sie, ich glaube nicht, dass Sie jemals an ein Ende gelangen w\u00fcrden. Zu viele Einfl\u00fcsse bedingten massenhafte Wiederholungen, die sie gar nicht in der Lage w\u00e4ren, aufeinander abzustimmen. Ich bef\u00fcrchte, unser menschliches Gehirn w\u00e4re damit um einiges \u00fcberfordert, die sich st\u00e4ndig verschiebende Zeit- und Bewusstseinsebenen immer wieder neu zu ordnen.\u201c<br \/>\n\u201eAber w\u00e4re es nicht faszinierend, wenn Sie, zum Beispiel, Ihren Gespr\u00e4chsverlauf von vorhin in der Staatskanzlei, r\u00fcckg\u00e4ngig machen k\u00f6nnten oder ihm eine andere Richtung geben?\u201c<br \/>\n\u201eIch wei\u00df es ehrlich gesagt nicht. Nicht heute, vielleicht morgen oder n\u00e4chste Woche, wer wei\u00df? Eben erst dann, wenn Folgen auf mich zuk\u00e4men, die ich in dieser Form lieber nicht haben m\u00f6chte. Aber, w\u00fcsste ich, ob nicht gravierend Schlimmeres mein weiteres Leben bestimmen w\u00fcrde, sollte ich den Ablauf r\u00fcckwirken beeinflussen wollen?\u201c<br \/>\n\u201eSie meinen, einerseits Schlimmes zu verhindern, um andererseits noch Schlimmeres heraufzubeschw\u00f6ren?\u201c<br \/>\n\u201eJa, aber auch viel einfachere Dinge w\u00fcrden nicht mehr so geschehen, wie sie geschehen sind. Beispiel: W\u00fcrde jemand noch den oder diejenige heiraten, den er oder sie tats\u00e4chlich geheiratet hat? W\u00fcrden unsere Nachkommen noch jene sein, die sie seit Anbeginn der Zeit sind? W\u00fcrden wir noch lernen, studieren et cetera, f\u00fcr was wir uns entschieden haben?\u201c \u201eDagegen halten k\u00f6nnte man, dass Despoten wie Hitler oder Stalin die Welt nicht in Abgr\u00fcnde h\u00e4tten st\u00fcrzen k\u00f6nnen, dass wir heute friedlicher zusammenleben w\u00fcrden und Vieles mehr.\u201c<br \/>\nJulius \u00fcberlegte kurz und meinte dann: \u201eHoffen wir, dass dann nicht noch schlimmere Gesellen das Sagen gehabt h\u00e4tten und die Welt schon l\u00e4ngst nicht mehr existieren w\u00fcrde. Vielleicht w\u00e4ren wir des st\u00e4ndigen Korrigierens \u00fcberdr\u00fcssig geworden oder die F\u00e4higkeit, selbiges zu tun, w\u00e4re pl\u00f6tzlich verebbt. Was dann?\u201c<br \/>\n\u201eEs bleibt ein Gedankenspiel, das uns allerdings bei entsprechender Konditionierung auch in den Wahnsinn treiben k\u00f6nnte. Ein Punkt, vielleicht der wichtigste \u00fcberhaupt, ist doch die \u00dcberlegung, ob sich die M\u00fchen lohnen, ein bereits gelebtes Leben noch einmal durchzustehen, alles schon zu wissen und dabei trotzdem das Ziel zu kennen?\u201c<br \/>\n\u201eEin guter Schlusspunkt, wie ich finde\u201c, sagte Julius.<\/p>\n<p>\u201eLassen Sie mich es trotzdem eines Tages wissen, ob Sie Ihre Entscheidung aufgrund des heutigen Gespr\u00e4ches in der Staatskanzlei revidieren w\u00fcrden, wenn Sie die M\u00f6glichkeit dazu h\u00e4tten?\u201c<br \/>\n\u201eIch werde es Ihnen sagen, liebe Frau Lichtenzweig. Und, ein freundschaftlicher Rat, verwirren Sie sich nicht selbst mit solcherart Spielchen, denn weit genug getrieben st\u00fcnde am Ende die Frage, ob das Leben dann noch lebenswert w\u00e4re?\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>(7)<\/strong><\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich war er p\u00fcnktlich, anderes kannte Julius Pongratz nicht.<\/p>\n<p>\u201eEinen Augenblick noch, Herr Sch\u00e4umer ist gerade am Telefon\u201c, sagte eine der Sekret\u00e4rinnen, \u201ewenn Sie wollen, dort dr\u00fcben&#8230;\u201c, sie nickte ihm zu und zeigte auf paar Sessel.<\/p>\n<p>Alles Leder \u2013 na ja, der Sch\u00e4umer, wie ihn der Ministerpr\u00e4sident etwas despektierlich genannt hatte, war immerhin der Generalsekret\u00e4r dieser Partei. Es ist eine Manie der M\u00e4chtigen, dachte Julius, sie lassen dich immer warten, ein paar Minuten wenigsten, um dir gleich von vorne herein zu zeigen, wer hier den Ton angibt und wie besch\u00e4ftigt sie doch eigentlich sind und du sie in der Aus\u00fcbung ihrer so wichtigen, nicht delegierbaren Aufgaben nur st\u00f6rst.<\/p>\n<p>\u201eSo, jetzt bitte! Herr Doktor Sch\u00e4umer, Herr Doktor Pongratz,\u201c mit einem sanften Schmatzen fiel die T\u00fcr ins Schloss.<\/p>\n<p>Der Mann, den er vom Fernsehen hinl\u00e4nglich kannte, sprang hinter seinem Schreibtisch hervor, drei, vier schnelle, dynamische Schritte, dann stand der Generalsekret\u00e4r vor ihm, streckte ihm die Rechte entgegen und dr\u00f6hnte ein Guten Morgen, lieber Herr Pongratz! \u201eSetzen wir uns doch!\u201c, sagte diese sonore Stimme und schob Julius auf einen Sessel. Auf dem Tisch eine Kanne mit Kaffee und ein Teller mit Butterbrezen. \u201eOder wollen Sie lieber einen Tee?\u201c, dr\u00f6hnte der Bass erneut.<\/p>\n<p>\u201eNein, nein, alles bestens\u201c, beeilte sich Julius zu versichern.<\/p>\n<p>Die n\u00e4chsten 20 Minuten h\u00e4mmerte der Sch\u00e4umersche Bass unabl\u00e4ssig Botschaften des Ministerpr\u00e4sidenten, wie er mehrfach beteuerte, in seine Ohren.<\/p>\n<p>\u201eErstens, Sie brauchen nur noch hier zu unterschreiben, werden Sie mit dem heutigen Tag Mitglied unserer Partei. Zweitens \u00fcbernehmen Sie mit sofortiger Wirkung im Ministerium ein Sonderreferat, das sich mit der juristischen Bewertung spezieller Projekte und Sondervorhaben befasst. Alles Themen, die dem Ministerpr\u00e4sidenten pers\u00f6nlich am Herzen liegen, sie verstehen?\u201c<br \/>\nJulius nickte nur, erahnte, um welcher Art Aufgaben es sich tats\u00e4chlich handeln k\u00f6nnte, verstand aber nicht die Bohne, was da auf ihn zukommen sollte.<br \/>\n\u201eNun zu Ihrer ersten Aufgabe im neuen Resort.\u201c<\/p>\n<p>Ein staunender Julius Pongratz erfuhr nunmehr unter dem Siegel der absoluten Verschwiegenheit, dass es seine Aufgabe w\u00e4re, diesen selbstherrlichen Klotz Ehrenberg derart zu bearbeiten, dass der Aufsichtsrat des Unternehmens gen\u00fcgend Munition in die Hand bek\u00e4me, diesen unliebsamen und untragbaren Zeitgenossen aus seiner derzeitigen Funktion zu entfernen. \u201eIch verstehe recht, ich soll daf\u00fcr sorgen, dass der Mann seinen Job als Vorstandsvorsitzender verliert?\u201c<\/p>\n<p>\u201eIch sehe, wir verstehen uns\u201c, schw\u00e4rmte Doktor Sch\u00e4umer regelrecht.<\/p>\n<p>Ja, besser konnte man es nicht ausdr\u00fccken, sie verstanden sich. Dr. jur. Ulrich Pongratz war jetzt frischgebackenes Mitglied der Partei, war in der Rangleiter des Ministeriums nicht unbedeutend nach oben gerutscht und hatte seinen ersten Job, n\u00e4mlich, daf\u00fcr zu sorgen, dass dieser Kotzbrocken Ehrenberg nicht mehr in ihren ministeriellen Angelegenheiten herumr\u00fchren konnte. Passt, sagte Julius nicht unzufrieden mit sich selbst.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>(8)<\/strong><\/p>\n<p>\u201eSagen Sie, haben Sie zuf\u00e4llig im Fernsehen das Interview mit dem Ehrenberg gesehen?\u201c \u201eNein, habe ich nicht. Etwas Besonderes?\u201c<br \/>\n\u201eEs war darin die Rede von einem Ehrenberg-Kritiker. Finden Sie bitte heraus wer das ist, Name, Adresse und so weiter\u201c, sagte Sofia Liebreiz, beendete das Gespr\u00e4ch und warf das Handy achtlos in ihre Tasche. Auf ihre Assistentin war Verlass und sie w\u00fcrde sicher schon sehr bald sehr viel mehr \u00fcber diesen Kritiker wissen.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>(9)<\/strong><\/p>\n<p>Wie sie ihn ankotzte, diese Scheinheiligkeit und Heuchelei. Jeder wusste doch Bescheid, wie man sich heute auf dem Weltmarkt bewegte. Allen voran die Roten, keine Ahnung von nix. Sollten sie sich doch mal zum Beispiel in Th\u00fcringen erkundigen. Der Ramelow wusste doch Bescheid und sollte es seinen Genossen doch bitte endlich auch erkl\u00e4ren. Diese abgefuckten linken Parolen \u2013 er konnte sie einfach nicht mehr h\u00f6ren. Wie Roboter spulten sie ihre Reden ab. Egal, was du f\u00fcr Fragen stellst, sie reden einfach weiter.<br \/>\nDann diese Journalisten, fragen dir ein Loch in den Bauch, verstehen nur die H\u00e4lfte, drehen dir das Wort im Munde herum und schreiben nachher, was ihnen gerade so gef\u00e4llt oder wof\u00fcr sie bezahlt werden oder wozu sie angewiesen wurden. Jetzt durfte er sich auch noch f\u00fcr die Gespr\u00e4chsfetzen rechtfertigen, die ihm k\u00fcrzlich so ein Schreiberling abverlangt hatte, weil er ihm mit dieser bl\u00f6dsinnigen Soziopathenfrage auf den Leim gegangen war. Was glaubten denn diese gr\u00fcn angehauchten, Freudschen Versprecher-Politiker wie Wirtschaft funktionierte? Wie auf den Weltm\u00e4rkten Gesch\u00e4fte gemacht werden? Wer nicht mit harten Bandagen k\u00e4mpfte, der ging unter, verschwand einfach sang und klanglos, wurde \u00fcbernommen, aufgekauft, ausgebotet oder was sonst f\u00fcr Begriffe gefielen. Ja, es stimmte, mit ihm hatten sie es nicht leicht, deshalb stand er zurecht dort, wo er heute war.<\/p>\n<p>Und, ja, sie hatten sogar damit recht, dass ihn Einzelschicksale der Arbeitnehmerschaft nicht wirklich interessierten, nicht interessieren durften. Die Notwendigkeit von Werkschlie\u00dfungen, Verkauf von Unternehmensteilen, Absto\u00dfen von Beteiligungen oder \u00e4hnlichem ergab sich aus Zusammenh\u00e4ngen ganz anderer Natur, waren die Folge von Expansion und Investitionen, von strategischer Ausrichtung, aber das verstanden diese Kleingeister eben nicht und w\u00fcrden es auch niemals verstehen. Fressen oder gefressen werden, das war die Devise und er w\u00fcrde nicht zu den Verlierern geh\u00f6ren. Nein, er nicht! Er und seinesgleichen w\u00fcrden eine Schneise moralischer Vernichtung hinterlassen, hatte dieser Kritiker von sich gegeben. Wandelte die Moral sich nicht st\u00e4ndig, passte sich der Str\u00f6mung der von der Mehrheit getragenen oder herbeigew\u00fcnschten Normalit\u00e4t an? Von welcher Moral sprachen diese Besserwisser denn? Von ihrer eigenen, verqueren und sauert\u00f6pfischen Empfindungswelt, die dadurch gepr\u00e4gt war, dass ihnen jegliche M\u00f6glichkeit nach wirklich Gro\u00dfem verwehrt war und immer verwehrt bleiben wird? Soll ihr Denken und F\u00fchlen der Ma\u00dfstab f\u00fcr die Zukunft sein? Nein, ganz sicher nicht. Sie w\u00fcrden die Welt zugrunde richten, im Brei von Gef\u00fchlsduselei versinken lassen! Um das zu verhindern und den Fortschritt zu bewahren, daf\u00fcr brauchte es Eliten, daf\u00fcr brauchte es M\u00e4nner wie ihn!<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>(10)<\/strong><\/p>\n<p>Julius Pongratz wusste im Augenblick nichts von Ehrenbergs weitreichenden Gedankenfl\u00fcgen, war jedoch auch ohne deren Kenntnis entschlossen, seinem neuen Zust\u00e4ndigkeitsbereich sehr schnell zu einer wirkungsvollen Pr\u00e4senz zu verhelfen. War das nicht Staatsdienst im wahrsten Sinne? Julius legte augenblicklich ein Dossier Ehrenberg an. Eine Sammlung von Sitzungsprotokollen, Kontakten Ehrenbergs, soweit er sie kannte, Telefonnotizen und Aktennotizen entstand. Einer Idee folgend packte Julius noch eine Rubrik sonstige Informationen hinzu. Es war nicht besonders schwer, diese Rubrik mit zahlreichen Informationen \u00fcber Ehrenberg aus den unterschiedlichsten Quellen zu f\u00fcllen.<\/p>\n<p>Jetzt brauchte es noch den Stein des Ansto\u00dfes. Schritt f\u00fcr Schritt, dachte Julius, und lancierte als Erstes eine Information beim Aufsichtsratsvorsitzenden des Konzerns dessen Vorstandsvorsitzender Ehrenberg war, wonach es Ger\u00fcchte um ein Dossier Ehrenberg im Umfeld des Ministerpr\u00e4sidenten g\u00e4be. Der Mann k\u00e4me nicht gut an, lie\u00df Julius verlauten. Solches war nicht schwer, denn Julius wusste um die besonderen Informationswege, derer man sich bediente, um <em>Vertrauliches<\/em> aus dem Ministerium publik werden zu lassen. Als n\u00e4chstes f\u00fchrte er ein kurzes Gespr\u00e4ch mit der st\u00e4ndigen Vertretung der Partei in Berlin. In der Folge w\u00fcrde man leider aus unerkl\u00e4rlichen Gr\u00fcnden vergessen haben Herrn Ehrenberg zur n\u00e4chsten Informationsrunde im Bundeskanzleramt einzuladen. Und noch einen dritten Keil wollte Julius in die Beschaulichkeit Ehrenbergs treiben. Dazu f\u00fchrte er ein Telefonat mit dem Erzbisch\u00f6flichen Ordinariat. Ein ehemaliger Studienkollege w\u00fcrde sich dort seiner W\u00fcnsche annehmen, was im \u00dcbrigen gelegentlich auch umgekehrt der Fall war. Seit der Trennung von Kirche und Staat hielten sich die kirchlichen W\u00fcrdentr\u00e4ger zwar in aller Regel aus dem politischen Tagesgesch\u00e4ft heraus, eine geharnischte Predigt konnte ihnen aber niemand verwehren und besonders in Bayern wurde dies vom gl\u00e4ubigen Volk auch erwartet. Julius durfte also getrost darauf vertrauen, dass es im Liebfrauen Dom zu M\u00fcnchen an einem der n\u00e4chsten Sonntage zu einer Generalabrechnung von der Kanzel an das gl\u00e4ubige Volk kommen w\u00fcrde, die dem Herrn Ehrenberg und seinen Aufsichtsr\u00e4ten so gar nicht gefallen w\u00fcrde. Julius l\u00e4chelte vor sich hin und sinnierte: Wer sich in Bayern mit der Kirche anlegte, der hatte schon verloren, bevor es \u00fcberhaupt losging.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>(11)<\/strong><\/p>\n<p>\u201eIch danke dir\u201c, sagte Sofia Liebreiz, \u201ebist ein Schatz.\u201c Schnell, wie erwartet, hatte ihre Assistentin nicht nur die Kontaktdaten des Ehrenberg-Kritikers ausgegraben, sondern ihr den entsprechenden Artikel und den Link des Interviews in YouTube bereits per Mail zugesandt. &#8230;\u00fcber die Minderheit der Schamlosen, ein sehr treffend verfasster Artikel, dem nicht viel hinzuzuf\u00fcgen war, wie sie fand. Logisch, dass sich der Ehrenberg da angepisst f\u00fchlte. Mein lieber Ehrenberg, da setzen wir noch eines drauf!, beschloss Sofia und griff zum Handy.<br \/>\n\u201eGr\u00fc\u00df dich, mein Lieber! Pass auf, du musst etwas f\u00fcr mich tun. &#8230;du bist unm\u00f6glich, aber warum nicht, sp\u00e4ter vielleicht. Also h\u00f6r zu!\u201c<br \/>\nIhr Freund aus alten Tagen, Chefredakteur bei einem der gro\u00dfen Boulevardbl\u00e4tter, schlug ihr niemals einen Wunsch ab, das wusste sie, und so war es auch dieses Mal. Ehrenberg, das wird dir sicher ganz und gar nicht gefallen!, murmelte Sie, winkte einem Taxi und fuhr ins Hotel.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>(12)<\/strong><\/p>\n<p>Wenn der Ministerpr\u00e4sident die kleine Runde einberief, kamen alle p\u00fcnktlich, sogar der Finanz- und Heimatminister. \u201eIch habe Herrn Pongratz gebeten, uns einen kurzen \u00dcberblick \u00fcber die Sache Ehrenberg zu geben. Sie wissen, Herr Pongratz leitet seit Kurzem das neu geschaffene Ressort Sondervorhaben. Bitte, fangen Sie an Herr Pongratz!\u201c<\/p>\n<p>Parteisekret\u00e4r Sch\u00e4umer grinste \u00fcber alle Backen, denn au\u00dfer ihm hatte von den Anwesenden keiner etwas \u00fcber das neue Ressort gewusst. Ein kluger Schachzug des Chefs, sagte sich Sch\u00e4umer, wer wollte ihm jetzt noch widersprechen?<\/p>\n<p>\u201eNun, meine Herren&#8230;\u201c, Damen waren tats\u00e4chlich nicht anwesend, entweder nicht eingeladen oder dienstlich verhindert, vielleicht auch beides. Julius Pongratz erl\u00e4uterte, wo und wie Herr Ehrenberg es die letzten Wochen geschafft hatte, sich mit seinen Ansichten nahezu \u00fcberall in die Nesseln zu setzen. \u201eHerr Ehrenberg hat es verstanden, Kritik an seiner Person, an seinem Stil und nicht zuletzt auch an seiner Philosophie, wie Weltwirtschaft funktionierte, in massiver Weise auf sich zu ziehen. Selbst der Kardinal f\u00fchlte sich veranlasst, einige Dinge in seiner letzten Predigt wieder ins rechte Licht zu r\u00fccken. Was die Presse \u00fcber ihn schreibt, haben Sie alle gelesen.\u201c<\/p>\n<p>Und wieder konnte sich der Parteisekret\u00e4r das Lachen nur mit gro\u00dfer M\u00fche verkneifen. Er war sicher, keiner wusste, von welchen Berichten der Pongratz sprach, aber zugeben w\u00fcrden sie dies nat\u00fcrlich beim Leben nicht.<\/p>\n<p>\u201eDie letzte Meldung aus Berlin sagt, man habe Ehrenberg sogar zur letzten Informationsrunde nicht mehr eingeladen. Aus Versehen, wie man dort offiziell betont, aber wir kennen den wahren Hintergrund. Danke meine Herren, soweit mein Bericht.\u201c<\/p>\n<p>\u201eIch danke Ihnen Herr Pongratz\u201c, sagte der Ministerpr\u00e4sident. Damit war Julius Pongratz aus der Runde entlassen und Herbert Ehrenberg nur noch Geschichte. Es war nicht anzunehmen, dass man ihn im Aufsichtsrat noch sehr lange st\u00fctzen w\u00fcrde. Ob dieser massiven Gegenwehr aus allen Schichten der Gesellschaft w\u00fcrde Herbert Ehrenberg ganz pl\u00f6tzlich nur noch wenige Freunde um sich haben. Vermutlich nur noch solche, die den Zug verpasst hatten. Ja, es sollte sich f\u00fcr Herbert Ehrenberg erf\u00fcllen, was er dereinst aus voller \u00dcberzeugung kundtat: <em>Wenn es um das Gro\u00dfe geht, kann man auf Einzelschicksale keine R\u00fccksicht nehmen.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>(13)<\/strong><\/p>\n<p>Julius Pongratz machte sich, sa\u00df immer \u00f6fter zu sp\u00e4ter Stunde noch beim Ministerpr\u00e4sidenten, manchmal mit dem Sch\u00e4umer, aber immer \u00f6fter ohne ihn. Der Ministerpr\u00e4sident hatte Vertrauen gefasst. Julius Pongratz war sein Mann.<\/p>\n<p>Eines Tages, als Julius wieder sp\u00e4t aus der Staatskanzlei taumelte, stolperte er regelrecht in eine junge Frau hinein. \u201eEntschuldigung\u201c, stammelte er.<br \/>\n\u201eSie, Herr Pongratz!\u201c, rief die junge Frau verwundert, \u201enoch so sp\u00e4t unterwegs aus dem B\u00fcro?\u201c<br \/>\nJulius sah auf und erkannte, mit wem er da beinahe zu Fall gekommen w\u00e4re: \u201eFrau Lichtenzweig!\u201c, sagte er erstaunt, \u201eBettina Lichtenzweig, Sie hier?\u201c<\/p>\n<p>\u201eWollen wir noch ins Eisbach?\u201c, fragte sie. \u201eSie sind ja jetzt ein ganz Gro\u00dfer, im Ministerium und \u00fcberhaupt, alle reden von Ihnen. Erinnern Sie sich, Sie sind mir noch eine Antwort schuldig?\u201c<br \/>\n\u201eEine Antwort&#8230;?\u201c, entgegnete Julius unsicher.<br \/>\n\u201eDamals an gleicher Stelle im Eisbach\u201c, sagte Bettina Lichtenzweig, \u201eich fragte Sie, ob Sie eine soeben getroffene Entscheidung r\u00fcckg\u00e4ngig machen w\u00fcrden, wenn Sie es k\u00f6nnten?\u201c<\/p>\n<p>Im Geiste rekapitulierte er ihre damalige Unterhaltung und sagte schlie\u00dflich: \u201eIch habe unser Gespr\u00e4ch noch sehr genau im Kopf. Dinge entwickeln sich, schreiten voran und beginnen nicht immer wieder neu am gleichen Punkt. Verstehen Sie, beantwortet dies nicht Ihre Frage?\u201c<br \/>\n\u201eSie meinen, Entwicklung und Umkehr schlie\u00dfen einander aus?\u201c<br \/>\n\u201eJa\u201c, sagte Julius, \u201edas meine ich in der Tat. Was gewesen ist, ist unwiederbringlich vorbei!<\/p>\n<p>Komm, gehen wir rein und lassen wir endlich dieses hemmende Sie weg. Wenn du magst, kannst du diese Entscheidung allerdings jederzeit revidieren, aber es w\u00fcrde nichts an der\u00a0Tatsache\u00a0\u00e4ndern, dass ein Du pers\u00f6nlich ist, irgendwie intim, und eine Beziehung bereits weit \u00fcber das Formale hinausgehoben hat.\u201c<\/p>\n<p><span style=\"color: #999999;\">Foto: Creative Commons Lizenz, flickr,<a id=\"yui_3_11_0_3_1493071609480_370\" style=\"color: #999999;\" href=\"https:\/\/www.flickr.com\/photos\/dielinkebw\/\">dielinkebw<\/a><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":3524,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[935],"tags":[926,932,719,933,925,927,928,929,934,930,931],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3517"}],"collection":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3517"}],"version-history":[{"count":8,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3517\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3532,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3517\/revisions\/3532"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/media\/3524"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3517"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3517"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3517"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}