{"id":3539,"date":"2017-05-04T13:42:55","date_gmt":"2017-05-04T12:42:55","guid":{"rendered":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/?p=3539"},"modified":"2017-05-29T18:02:54","modified_gmt":"2017-05-29T17:02:54","slug":"muttertag-bericht-einer-frau","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/muttertag-bericht-einer-frau\/","title":{"rendered":"Muttertag &#8211; Bericht einer Frau"},"content":{"rendered":"<p>06:50 &#8211; unsanft rei\u00dft mich Alfons&#8216; Wecker aus dem Schlaf.\u00a0<em>Bleib liegen\u00a0<\/em><em>und schlaf weiter, <\/em>sagt er.\u00a0<em>Muttertag, du wei\u00dft, ich mach&#8216; heut alles.\u00a0<\/em>Rumms, die T\u00fcr, wie \u00fcblich, einfach ins Schloss gezogen, obwohl ich ihm schon hunderttausendmal gesagt hab&#8216;, er soll die Klinke in die Hand nehmen, w\u00e4hrend des Schlie\u00dfvorganges sanft nach unten dr\u00fccken und ebenso sanft wieder nach oben freigeben, wenn die T\u00fcr, in diesem Fall ger\u00e4uschlos, zu ist. Kein Mensch kann bei diesem L\u00e4rm liegen bleiben und ruhig weiterschlafen.<!--more--><\/p>\n<p>Also liege ich jetzt hellwach im Bett, verfluche meinen Alten, der es wieder einmal geschafft hat, mir schon den Start in den Tag madig zu machen. \u00dcberhaupt, was hei\u00dft denn hier Muttertag? Unsere Kinder, l\u00e4ngst aus dem Haus, irgendwo in der Welt unterwegs oder auch zuhause, wir wissen es nicht so genau, haben selber Familie und zumindest in einem Fall existiert zum Sohn auch eine Frau mit Kindern, der es heute wahrscheinlich \u00e4hnlich wie mir ergeht. Wessen Mutter bin ich eigentlich? Alfons&#8216;? Man k\u00f6nnte es glauben, denn, wie schon gesagt, die eigenen Abk\u00f6mmlinge sind weit und breit nicht sichtbar.<\/p>\n<p>07:45 &#8211;\u00a0<em>Fr\u00fchst\u00fcck,\u00a0<\/em>pl\u00e4rrt Alfons durchs Haus. Ich, die noch liegenbleiben und weiterschlafen sollte, spurte ins Bad, denn, was Alfons gar nicht mag, ist, seinen unmi\u00dfverst\u00e4ndlichen Anweisungen an diesem Tag, der ja eigentlich mein Tag ist, nicht unverz\u00fcglich Folge zu leisten.<\/p>\n<p>08:05 &#8211; ich haste zum Fr\u00fchst\u00fcckstisch, gehetzt von der Vision eines sauer dreinblickenden Alfons, weil es doch noch zwanzig Minuten bis zu meinem Erscheinen gedauert hat.\u00a0<em>Setz dich schon mal,\u00a0<\/em>sagt er mit einem hinterh\u00e4ltigen Grinsen.\u00a0<em>Hast noch einmal eingepennt?,\u00a0<\/em>fragt er, obwohl er mir nach dem Gerassel seines Weckers doch ausdr\u00fccklich sagte, ich solle noch liegenbleiben. Gen\u00fc\u00dflich stochert er noch in einer Pfanne herum, um schlie\u00dflich das, was er R\u00fchrei nennt, durch kratzen und schaben daraus zu entfernen. <em>Im Hotel sehen die immer anders aus<\/em>, denke ich, und blicke auf den zu lange gebratenen, trockenen Haufen brauner Eierreste.<\/p>\n<p>08:20 &#8211; endlich steht alles auf dem Tisch.<em> Wie auf der Baustelle,\u00a0<\/em>f\u00e4hrt es mir durch den Kopf, sage aber nichts und qu\u00e4le mir stattdessen ein mir bestm\u00f6gliches freundliches L\u00e4cheln ab, weil er sich doch so nett um mich bem\u00fcht.<\/p>\n<p>09:20 &#8211; Alfons sagt:\u00a0<em>Bleib sitzen, ich mach das schon,\u00a0<\/em>und meint damit, dass er abr\u00e4umen wolle, Sp\u00fclmaschine einr\u00e4umen, und so weiter. Das geht recht flott, muss ich zugeben.<\/p>\n<p>09:25 &#8211;\u00a0<em>Komm, mach dich fertig! Abfahrt nicht sp\u00e4ter als zehn.\u00a0<\/em>Ich wollte noch fragen, wohin es denn ginge, lie\u00df es aber bleiben, weil Alfons schon aus der K\u00fcche war und ich eh wu\u00dfte, dass wir, wie beinahe jedes Jahr, nach Garmisch fahren w\u00fcrden. Nach Garmisch! An einem Tag wie diesem nach Garmisch! Tausende, was sage ich, abertausende werden sich nach Garmisch auf den Weg machen. Grauenhafter Verkehr mit noch grauenhafteren Staus. Und sp\u00e4ter wieder zur\u00fcck. Muttertag! Die Kinder fahren ihre M\u00fctter, Schwiegerm\u00fctter nebst zugeh\u00f6riger V\u00e4ter und Schwiegerv\u00e4ter oder, wenn die Kinder noch nicht selber fahren, weil zu klein, deren Eltern und so weiter, hinaus aufs Land. Es gibt nichts Sch\u00f6neres, als ein Ausflug an einem solchen Tag. \u00dcberf\u00fcllte Wirtsh\u00e4user, Landgasth\u00f6fe und Restaurants ebenso wie die Parkpl\u00e4tze, \u00fcbel gelauntes Personal, quengelnde Kinder, schreiende V\u00e4ter und milde l\u00e4chelnde Frauen.<\/p>\n<p>12:30 &#8211; Die Suppe dampft schon auf dem Tisch. P\u00fcnktlich um 10:00 Uhr waren wir losgefahren, dann der unvermeidliche Stau ab Eschenlohe und schlie\u00dflich Garmisch. Wundersch\u00f6ner Sonnentag, hunderte suchen einen Parkplatz, Gehupe, Geschimpfe, aber irgendwie gelingt es Alfons schlie\u00dflich gerade noch, einem anderen einen Platz vor der Nase weg zu schnappen. Der br\u00fcllt, und da fallen trotz Eheweib und Kinder im Auto, durchaus einige sehr unfl\u00e4tige Worte, aber Alfons bleibt cool und sagt nur: <em>Leck mi doch&#8230;\u00a0<\/em>Als der andere Anstalten macht, sein Auto daraufhin zu verlassen, wei\u00df Gott, was mit Alfons geschehen w\u00e4re, hupen ihn die dahinter stehenden Fahrer nieder und er mu\u00df sein Vorhaben notgedrungen aufgeben und weiterfahren, nicht aber, ohne vorher dem Alfons wenigstens noch den Mittelfinger seiner rechten Pranke zu zeigen. Wir laufen dann noch eine gute viertel Stunde, dr\u00e4ngen uns in den Gasthof, schieben uns durch die hin und her laufenden, nach Platz suchenden G\u00e4ste und erreichen schlie\u00dflich UNSEREN, von Alfons in weiser Voraussicht rechtzeitig reservierten Tisch. Ich sollte dazu erw\u00e4hnen, gerade noch, bevor sich, trotz des Reservierungsschildes mit unserem Namen darauf, ein schmalbr\u00fcstiger Anzug nebst Gefolge, bestehend aus zwei Kindern, Frau, Oma und Opa niederlassen wollten. Daraus wurde nichts, daf\u00fcr hat der Alfons zun\u00e4chst relativ leise, dann unmissverst\u00e4ndlich lauter werdend, gesorgt. Ich meine, mich zu erinnern, es seien Worte gefallen wie <em>A<\/em><em>rschloch\u00a0<\/em>und Deftigeres. Der Schmalbr\u00fcstige tat mir leid, aber an einem solchen Tag, da hei\u00dft es Z\u00e4hne zusammenbei\u00dfen und durch.<\/p>\n<p>13:45 &#8211; Alfons trinkt schon seinen zweiten Espresso. Das Essen war gar nicht mal so schlecht gewesen. Bayerisch deftig eben. Ich \u00fcberlege, ob wir das ganze nicht auch in M\u00fcnchen f\u00fcr viel weniger Aufwand h\u00e4tten bekommen k\u00f6nnen, gleich um die Ecke, wo wir wohnen, gibt es n\u00e4mlich einen Italiener und etwas weiter einen Gasthof \u00e4hnlich dem hier in Garmisch. Jetzt zieht sich die Zeit, denn bis zum Kaffee mit Kuchen wird es noch etwas dauern. Aber, wie Alfons meint, w\u00e4re es der reine Wahnsinn, das Gasthaus etwa jetzt zu verlassen, um anderenorts den Kaffee einzunehmen.\u00a0<em>Hier haben wir einen Platz,\u00a0<\/em>und wir w\u00fcrden einen solchen um diese Zeit nirgendwo anders bekommen k\u00f6nnen. Ein schneller Blick aus dem Fenster best\u00e4tigt Alfons Vermutung: Dutzende dr\u00e4ngen sich vorbei, manche einen gierigen, nach freien St\u00fchlen heischenden Blick durch die Scheiben ins Innere der Gaststube werfend.<\/p>\n<p>15:00 &#8211;\u00a0<em>wenn wir es jetzt packen,\u00a0<\/em>sagt der Alfons und wischt sich einen Kuchenkr\u00fcmel vom Mundwinkel,\u00a0<em>dann sind wir so um f\u00fcnfe daheim.\u00a0<\/em>Nachher, so meinte er, w\u00fcrde es um ein mehrfaches l\u00e4nger dauern, weil dann ja alle diese Gest\u00f6rten, so sagte er, auch nach Hause wollten. Ich stimme zu, denn heute ist ja mein Tag, wie der Alfons immer wieder betont, und da k\u00f6nne ich bestimmen und sagen, was ich wolle und gerne h\u00e4tte.<\/p>\n<p>Gerade als wir das Gasthaus verlassen, sehe ich schr\u00e4g gegen\u00fcber einen Wagen parken, der mir irgendwie bekannt vorkommt. Vielleicht drei Meter sp\u00e4ter gebe ich dem Alfons einen Rempler, dass es ihn dreht und er beinahe mangels Gleichgewicht gest\u00fcrzt w\u00e4re. Bevor er mich anraunzt &#8211; ich kenne Alfons &#8211; sage ich, er solle die Klappe halten und schauen, dass wir schnell um die Ecke kommen. Verdutz folgt er meiner Anweisung, die von der Stimmlage her auch als Befehl h\u00e4tte durchgehen k\u00f6nnen. Ich bin auch verdutzt, weil er verdutzt ist.\u00a0<em>Das war die Pranke,\u00a0<\/em>sage ich zu ihm und sehe sofort, dass er wieder einmal nichts kapiert.\u00a0<em>Der von vorhin, dem du den Parkplatz weggenommen hast! Auweh!,\u00a0<\/em>war alles, was er dazu sagt, und pl\u00f6tzlich hat auch er&#8217;s eilig.<\/p>\n<p>Wir sind dann unterwegs zur\u00fcck aus Garmisch. Nicht so allein, wie der Alfons gemeint hat.\u00a0<em>Ja spinn i, fahren die jetzt alle?,\u00a0<\/em>war sein Kommentar zum unvermeidlichen Stau schon Kilometer vor der Autobahn.\u00a0<em>War doch ein sch\u00f6ner Tag,\u00a0<\/em>sagt der Alfons,\u00a0<em>wieder mal in den Bergen, in Garmisch &#8211; ist schon idyllisch da, was meinst?\u00a0<\/em>Und ich beeile mich, ein\u00a0<em>Ja\u00a0<\/em>zu hauchen, denn es war ja alles nur f\u00fcr mich, was der Anton da auf die Beine gestellt hatte.<\/p>\n<p>Mein Handy: Der Sohn mit Frau und Kinder ruft aus, ich hab&#8217;s nicht verstanden, von woher, fragt, ob wir einen sch\u00f6nen Tag gehabt h\u00e4tten und meint, sie, also er, seine Frau und die Kinder, w\u00fcrden den ganzen Rummel nicht mehr mitmachen und jetzt immer entweder zuhause bleiben oder irgendwo einen Kurzurlaub machen. Da f\u00e4llt es mir wieder ein, sie waren im \u00d6sterreichischen, in Voralberg.\u00a0<em>Du glaubst es nicht,\u00a0<\/em>sagte er,\u00a0<em>die spinnen hier genauso wie bei uns. Leut&#8216; gibts da, da fragst dich, ob die Begleitung tats\u00e4chlich die Mutter des Mannes an ihrer Seite ist, von wegen Muttertag, oder die eigene Frau oder die Tochter. Obwohl, mit der Tochter gehst ja nicht Muttertag feiern, nicht wahr? Wird&#8217;s halt vielleicht d&#8217;Freundin gewesen sein. Verstehst?,\u00a0<\/em>h\u00e4ngt er noch an.<\/p>\n<p><em>Ich verstehe,\u00a0<\/em>wollte ich noch sagen, hab es aber dann doch gelassen.<\/p>\n<p><span style=\"color: #999999;\">Foto: Creative Commons Lizenz, flickr,<a id=\"yui_3_11_0_3_1493900203251_407\" style=\"color: #999999;\" href=\"https:\/\/www.flickr.com\/photos\/blogchef\/\">Urban Explorer Hamburg<\/a><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":3544,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[935],"tags":[721,947,944,948,946,945],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3539"}],"collection":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3539"}],"version-history":[{"count":10,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3539\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3551,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3539\/revisions\/3551"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/media\/3544"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3539"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3539"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/hkreiter.com\/tilt\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3539"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}